Norway Chess bisher: Remisspieler, Verlierer und ein Nutzniesser

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Den ersten Zwischenbericht zum (da Carlsen beim Sinquefield Cup nicht mitspielt) wohl stärksten Zehnerturnier dieses Jahres kann man einerseits kurz fassen – allzu viel ist noch nicht passiert. Andererseits kann man natürlich endlose Jubelarien zu einem gewissen Magnus Carlsen schreiben, das findet man teilweise anderswo im Internet. Momentan liegt er klar in Führung, da Gegner zwar im Blitzturnier nur sporadisch patzten, mit klassischer Bedenkzeit dagegen durchaus. Selbst bezeichnete er Caruanas entscheidenden Fehler als “wahnsinnig” (insane), und Aronians zumindest vorentscheidenden Fehler als “schrecklich” (terrible) – in beiden Fällen widerspreche ich nicht, warum auch? Carlsen-Fans sagen im Internet, dass derlei Fehler gegen ihren Liebling eben unvermeidlich sind und faseln bereits wieder über Elo 2900 – nach längerer relativer Krise hat er gerade wieder 2850 geknackt, ob es so für ihn weitergehen wird, das wird die Zukunft zeigen.

Da andere (bis auf die zwei erwähnten) nur Remis spielten, steht es momentan so: Carlsen 2.5/3, Karjakin, Ding Liren, Nakamura, Mamedyarov, Vachier-Lagrave, So, Anand 1.5, Caruana und Aronian 1. Damit bekommt Carlsen das Titelbild – alle Fotos von Lennart Ootes auf der Turnierseite. Hier sorgte er dafür, dass auch der Sponsor Altibox erwähnt wird. Den gab es bereits, zu einer Neuerung bei Norway Chess komme ich später.

Zur Vorgeschichte gehört auch ein Spielerkarrussell, das sich dann doch nicht drehte.

Carlsen verspätete sich offenbar bei der Pressekonferenz, und ein Stuhl ist leer – Mamedyarov ist vielleicht beim Zahnarzt. Wegen starker Zahnschmerzen wollte er vom Turnier zurücktreten – Ausrichter fragten offenbar bereits Giri, ob er Interesse hätte. Hatte er nicht, sonst hätte es unter umgekehrten Vorzeichen etwas gegeben, das es letztes Jahr nicht gab. Sie wollten die top10 und nur die top10, dann hat sich – nachdem das Teilnehmerfeld definitiv war – Giri aus dieser verabschiedet und Mamedyarov wurde top10 Spieler. Prompt gab es Vorschläge, Giri aus- und Mamedyarov einzuladen.

Gab es derlei (eine bereits ausgesprochene und akzeptierte Einladung zurücknehmen) bereits? Ja, einmal in Biel – Carlsen hatte ab- und dann doch zugesagt, Dominguez war unter unklaren Umständen nicht mehr Biel-Teilnehmer. Das macht man aber nur zugunsten des Norwegers…. . Nebenbei: dieses Jahr hat niemand auch nur vorgeschlagen, dass Anand und Aronian (da nicht mehr top10) in Norwegen nicht mitspielen sollten – die haben einen anderen Status als Giri. Interessant wäre gewesen, wenn Norway Chess nun Dominguez eingeladen hätte – ging aber ohnehin nicht, da er aus Gründen (die viele kennen und niemand explizit erwähnt) die USA derzeit nicht verlassen kann oder will. Und inzwischen sind Mamedyarovs Zahnschmerzen überstanden.

Noch einer wollte offenbar im Vorfeld dann doch nicht mitspielen: Fabiano Caruana, den die Organisatoren aber nach “positivem Dialog” doch überzeugen konnten. Wie dieser Dialog ablief ist unklar, vielleicht so: “Ich will nicht.” “Du musst!” “Ich will nicht.” “Du musst!” “Ich will nicht.” “Du musst!”. Und das zwei Wochen lang. Caruana war nach zuletzt vollem Terminkalender vielleicht müde, vielleicht wollte er vor dem WM-Match auch nicht auf voreingenommenem Grund gegen Carlsen spielen. Zum Beispiel hatte ja Simen Agdestein einen schönen Anand-Sieg gegen Topalov so kommentiert: “Gegen alte Spieler kannst Du also gewinnen, aber nicht gegen die junge Generation.” Das kann man als unangebracht bezeichnen, oder – so sehen es wohl Mitglieder der ACH (Ave Carlsen Halleluja) Kirche – als völlig legitim.

Sicherheitshalber wurde die Zeitkontrolle (mit Inkrement erst ab dem 61. Zug) bei einer Art “Technical Meeting” ausdrücklich erwähnt [Foto eventuell vergrössern] – so hat es auch Carlsen mitbekommen, später profitierte er vielleicht davon. Diese Zeitkontrolle gab es bereits, etwas anderes ist neu: Wasser nicht mehr von Isklar sondern nun von Go2life Oxygen Water – mit extra Sauerstoff. Etwas habe ich offenbar im Chemieunterricht verpasst – ich ging davon aus, dass Wasser (H2O) immer Sauerstoff enthält und dass Wasserstoffperoxid (H2O2) mit mehr Sauerstoff ungesund ist. Wesley So lässt es sich allerdings schmecken.

Auch in anderem Rahmen redeten Spieler und Sekundanten miteinander – der Herr im rosa Hemd wurde auch mal von vorne fotografiert, es ist Caruanas Helfer Kasimdzhanov. Gut gelaunt sind hier Vachier-Lagrave (warum?) und Peter Heine Nielsen (warum?) – das Turnier hatte wohl noch nicht begonnen.

Zum Blitzturnier vorab nicht allzu viel: Es wurde viel gepatzt, mehrfach wurde aus einer Gewinn-  eine Verluststellung. Wie bereits erwähnt allerdings nicht genug gegen Carlsen – letztes Jahr gewann er sechs Blitzpartien (alle durch teils absurde gegnerische Fehler), diesmal waren an diesem Tag nur Caruana und So lieb zu ihm, und einmal patzte Carlsen gar selbst hochkurios. Das kam insgesamt dabei heraus: So 6/9, Nakamura und Anand 5.5, Carlsen 5, Mamedyarov, Vachier-Lagrave, Caruana 4.5, Karjakin 3.5, Aronian und Ding Liren 3. So war also Lotteriesieger, Nakamura gewann zwei seiner drei ersten Partien und remisierte dann durch, Anand erzielte auf andere Art 5.5/9. Carlsen und (als Wertungsbester von drei mit 50%) Mamedyarov bekamen auch noch einmal öfter Weiß im anschliessenden Turnier mit klassischer Bedenkzeit.

Selbst Bauernendspiele waren beim Blitzturnier Glückssache:

Caruana-Karjakin – Schwarz hat ein vielversprechendes Turmendspiel mit Mehrbauer, daraus wurde nach 35.-Tb4??? ein verlorenes Bauernendspiel!

Carlsen-Aronian, Weiß am Zug verliert! Und zwar so: 52.hxg4???? h4 0-1 – beinahe hätte Aronian dabei automatisch 52.-hxg4??? gespielt, dann zuckte seine Hand nochmals.

Am kuriosesten war Aronian-Ding Liren – Fehler, Fehler, Fehler, Remis auf Umwegen. Dabei schien es im Schwerfigurenendspiel nach 23 Zügen bereits unterschriftsreif, daraus wurde ein Bauernendspiel das beide überforderte. Dazu vielleicht bei Gelegenheit noch ein eigener Beitrag.

Warum taten Aronian und auch MVL sich schwer? Sie konnten sich nicht an die ungewöhnlichen Figuren gewöhnen.

Zu Runde 1 zunächst zu Mamedyarov – was konnte er trotz Zahnschmerzen?

Schlafen konnte er nicht oder schlecht, essen war offenbar kompliziert, rasieren konnte er sich auch nicht (PH Nielsen leidet offenbar unter chronischen bzw. langanhaltenden Zahnschmerzen).

Mit seinem Kumpel Karjakin plaudern konnte er allerdings – vielleicht haben sie hier bereits besprochen, wie sie in Runde 3 Remis spielen würden.

Schachbretter signieren konnte er auch. Schach spielen konnte er dann auch – dass er mit Weiß gegen MVL keine Grünfeld-Hauptvariante wählte lag eher nicht an Zahnschmerzen, dass er recht früh die Züge wiederholte vielleicht schon. Remis wurden auch drei andere Partien. Bei So und Karjakin war kaum was los, dafür spielten sie bis zu den nackten Königen – einfach so Remis anbieten geht bei Norway Chess nämlich nicht. Anand-Aronian wurde Zugwiederholung im Endspiel, Nakamura-Ding Liren Dauerschach im Mittelspiel (nach turbulenter Partie). War da noch was?

Hier denkt Carlsen nicht etwa “der schon wieder in Runde eins” – zum fünften Mal in Serie trafen Carlsen und Caruana in Runde eins eines Rundenturniers aufeinander. Diesmal lag es nicht an einer Auslosung, sondern am Ergebnis des Blitzturniers zusammen mit der Startnummer, die So wählte. Nein Carlsen denkt wohl “endlich gibt er auf” – heute trennten sie sich nicht Remis. Was war zuvor passiert? Carlsen vermied mit 1.e4 e5 2.Lc4 Russisch und erreichte damit … nichts, muss ja auch nicht sein. Dann opferte Carlsen einen Bauern – Caruana konnte mit einem Qualitätsopfer kontern, dann wäre die Stellung (O-Ton Carlsen) “völlig unklar”. So war sie eigentlich nicht dynamisch, sondern eher statisch ausgeglichen: Caruana hatte einen Mehrbauern, Carlsen dafür eine schöne Stellung, keiner konnte Fortschritte machen – Carlsen wusste auch nicht, wie es weiter gehen sollte.

Den Bauern konnte Carlsen dabei zurück erhalten, aber dann bekäme Caruana Gegenspiel – entweder auf der b-Linie oder mit d5-d4 und eventuell d4-d3. Dann wurde Caruana (O-Ton Carlsen) “wahnsinnig” – mit 25.-Tc7? gab er den Bauern zurück und bekam dafür … ein Schachgebot (27.-Dc1+), immerhin. Das war aber auch alles, ansonsten behielt Carlsen ausgezeichnete Kompensation für einen Minusbauern den er nun nicht mehr hatte. Der Rest war Technik, das hätte vermutlich auch ein “durchschnittlicher” GM geschafft. Caruana spielte danach noch laaaange weiter – die Hoffnung stirbt zuletzt, und im Damenendspiel kann man Dauerschach nie völlig ausschliessen.

Danach war er zum Interview bereit.

Carlsen natürlich auch, bei bester Laune.

Runde 2 ignoriere ich mal, alles Remis.

Runde 3: Auch erst wieder die Remispartien

MVL hatte eine neue Idee gegen Caruanas geliebtes Russisch, aber Caruana hielt stand. Remis auch bei Mamedyarov-Karjakin, Anand-Ding Liren und So-Nakamura, die zuerst genannte Partie dabei Spektakel unter Freunden – aber fast im Blitztempo demonstriert, da häusliche Vorbereitung. Am Ende Dauerschach.

Carlsen wollte mit 5.Te1 gegen Aronians Berliner Mauer auch Remis, aber dieser Plan funktionierte nicht – Aronian spielte zu schlecht. Stimmt so nicht unbedingt, andere wollen mit 5.Te1 vielleicht nur Figuren abtauschen und Remis vereinbaren – Carlsens “revolutionäre” Interpretation besteht darin, dass der Gegner ja vielleicht einen Fehler macht. Elfmal versuchte er es bereits, immer wurde es remis – manchmal erreichte er viel später (unabhängig von der Eröffnung) Endspielvorteil und war an diesen Tagen dann kein “Endspielgott”. Wie schaffte es Aronian, schnell schlechter zu stehen? Jedenfalls vorentscheidend war bereits 14.-Lg5?!, was Carlsen als “schrecklich” bezeichnete. Zwar ist der Abtausch der schwarzfeldrigen Läufer im Prinzip wünschenswert, aber damit leistete Aronian – obwohl Norwegen kein Entwicklungsland ist – kräftige Entwicklungshilfe. Carlsen stand danach jedenfalls angenehmer. Einen Plan hatte er nicht unbedingt – musste auch nicht sein, weitere gegnerische Fehler kamen. Außerdem spielte Aronian laaaaangsaaam und landete so in extremer Zeitnot, zumal es vor dem 61. Zug kein Inkrement gibt.

Zehn Züge in sechs Sekunden (sechs, nicht etwa sechs plus neunmal dreissig) hätte Aronian ohnehin wohl nicht geschafft, aber auch auf dem Brett war seine Situation hoffnungslos.

Hier erteilt Carlsen seinem Gegner quasi Schachunterricht. Carlsen gab sich selbst für diese Partie neun von zehn Punkten. Ja, er spielte gut, aber ich bin auf Partien, in denen sich mein Gegner recht widerstandslos abschlachten lässt, nur bedingt stolz (dass ich derlei Partien dann manchmal noch vergeige liegt wohl daran, dass ich etwa 900 Elopunkte weniger habe als der Norweger).

Carlsen wie zu seinen besten Zeiten bedeutet, dass Gegner wieder lieb zu ihm sind!? Wenn es so weitergeht, ist nur die Frage wie Nakamura am Freitag gegen ihn verliert – glatt oder auf dem Umweg über eine Gewinnstellung. Und dann wäre “der Drops vielleicht schon gelutscht”.

Alternativ kann man die ersten drei Runden in Stavanger natürlich auch so beschreiben: Ave Carlsen Halleluja!!!

P.S.: In Poikovsky ist übrigens viel mehr los, aber dazu ein eigener Bericht.

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