Buntes Treiben in Poikovsky

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Da ist viel mehr los als in Stavanger, aber viele bekommen es vielleicht kaum mit – liegt wohl daran, dass dieses Turnier ohne gaanz große Namen in Sibirien ausgetragen wird. Die ersten fünf Runden (nun ist Ruhetag, dann nochmals vier Runden) kurz zusammengefasst: Ein Spieler schien auf dem Weg zu Turniersieg und damit eventuell auch wieder Platz an der top10 Sonne, dann hatte ein Landsmann etwas dagegen und nun ist wieder alles offen – bzw. nur Platz 10 ist möglicherweise bereits vergeben. So steht es momentan: Nepomniachtchi, Jakovenko, Fedoseev 3.5/5, Gelfand und Vidit 3, Korobov 2.5, Kovalev und Artemiev 2, Sutovsky 1.5, Bologan 0.5.

Das Titelbild für Ian Nepomniachtchi (alle Fotos aus Artikeln des russischen Schachverbands, der täglich berichtete) war nach Runde 4 bereits vorgesehen, zu diesem Zeitpunkt hatte er 3.5/4 und in der Live-Eloliste bereits Anand und Aronian überholt. Dann wurde Nepo von Fedoseev gebremst, während Vidit gegen Gelfand den Sieg verpasste. Aber das kommt später (Vidit-Gelfand ausführlich-diagrammatisch), nun der Reihe nach wobei ich unmöglich auf alle Partien eingehen kann.

Das ein Gruppenfoto vorab – die Personen im Vordergrund haben vielleicht auch Elozahlen, aber spielten nicht mit. Hier auch sichtbar, dass Poikovsky (19. Auflage) durchaus “Tradition” hat.

Im Interview von Vasily Papin mit Anatoly Karpov ging es um Schachpolitik (“Der Internationale Schachverband befindet sich in einer schrecklichen Krise”) – nicht so mein Ding, auch wenn ich Nigel Short, der FIDE-Präsident werden will, später noch erwähne. Aber jedenfalls erwähnenswert, dass der Turnier-Namensgeber vor Ort war.

Aber nun hinein ins schachliche Geschehen – in Runde 1 kein einziges Remis! So ging es dann doch nicht weiter.

Gelfand-Nepomniachtchi 0-1 war die Ausnahme zur Regel – Schwarz gewann. Weiß hatte wohl anfangs Kompensation für einen in der Eröffnung geopferten Bauern (8.-Dc5, wonach Weiß seinen Bauern auf c4 nicht mehr verteidigen kann, war frech und neu), später allerdings nicht mehr. Nepomniachtchi konnte weisse Angriffsversuche abfedern – am Ende hatte Gelfand zwar einen Mehrbauern, aber eine Figur weniger.

Bei Sutovsky-Kovalev 1-0 gewann ebenfalls der Poikovsky-Dauergast gegen den Turnierneuling.

Vidit-Bologan 1-0 unter umgekehrten Vorzeichen: Bologan spielte in Poikovsky fast immer, der Inder zuvor noch nie. Das war allerdings die Ausnahme, bei Jakovenko-Artemiev 1-0 und Korobov-Fedoseev 1-0 gewannen wieder die Spieler mit Poikovsky-Erfahrung.

Das ist die Schlusstellung bei Jakovenko-Artemiev – materiell derzeit ausgeglichen (über weite Strecken der Partie hatte Weiß einen Mehrbauern) und dennoch für Schwarz aufgabereif. Damit habe ich bereits einen der momentan im Turnier führenden Spieler diagrammatisiert.

Runde 2:

Jakovenko-Gelfand 1/2 – das gab es also (nun) auch, ein sizilianischer Drache verflachte schnell zu dieser Schlusstellung nach 16 Zügen:

Noch ist viel Material auf dem Brett (bei symmetrischer Bauernstellung), aber wenn Jakovenko nicht mit 16.Sxb3 Remis angeboten hätte, hätte Gelfand wohl mit 16.-Dxd1 17.Taxd1 Sxc2 etwas aufgeräumt. Zuvor war 8.-Te8 selten, und 9.-d5 fast neu – bekannt aus Navara-Dubov, Europameisterschaft 2018, auch da war das schwarze Bauernopfer nur vorübergehend und demnach remiskorrekt.

Nur einer gewann, und zwar Nepomniachtchi gegen Sutovsky. Sie spielten eine scharfe und bekannte Variante im Franzosen, in der die schwarze Dame mitunter unter Atemnot leidet, dennoch ist es für Schwarz spielbar. Diesmal ging die Dame allerdings nach 20.-Le7? ersatzlos, bzw. für zu wenig Material verloren. Sutovsky hatte sich wohl auf den Gegentrick -Lc5 (fesselt und gewinnt so die weiße Dame auf f2) verlassen, aber Nepo neutralisierte das mit 22.Kh1.

Runde 3:

Fedoseev-Bologan 1-0 mit dieser Schlusstellung:

Noch Fragen?

Gelfand-Artemiev 1-0 – Weiß hatte danach 50%, Schwarz 0.5/3, auch hier die Schlusstellung:

Schwarz hat zwar einen Mehrbauern (wohl der auf f6), aber demnächst einen Turm weniger.

Auch bei Sutovsky-Jakovenko 0-1 hatte der Verlierer zunächst einen Mehrbauern, Königssicherheit war allerdings im Schwerfigurenendspiel (Damen und Türme) relevanter. Am Ende hatte Schwarz einen Mehrbauern und Weiß immer noch einen nackten König.

Runde 4:

Nepomniachtchi-Korobov 1-0 mit dieser Schlusstellung:

Es war ein Najdorf-Sizilianer mit heterogenen Rochaden aber eher ohne direkte Königsangriffe. Nach der Zeitkontrolle war die Frage, ob Weiß im Endspiel mit Damen und ungleichfarbigen Läufern einen Mehrbauern verwerten kann – er gewann noch einen Bauern und dann die Partie, am Ende doch durch Mattangriff.

Artemiev-Bologan 1-0 – erster und bisher einziger Sieg für den Jungstar gegen den unglücklich agierenden Veteran. Am Ende stand es so:

Auch hier sind bei reduziertem Material andere Dinge wichtiger als der schwarze Mehrbauer.

Weitere Entscheidungen waren Kovalev-Fedoseev 0-1 im Springerendspiel und Gelfand-Sutovsky 1-0 aus dieser Stellung heraus:

Weiß steht durchaus besser – Läuferpaar, f7 ist schwach und geht womöglich verloren, eventuell auch Grundreihenmotive. Schnell ging es nach der schwarzen Selbstfesslung 32.-Lc3? 33.Tc2 Tac8 34.Tdc1 usw. – Schwarz verlor eine Qualität und dann noch mehr Material:

Das ist die Schlusstellung – Weiß droht neben 39.Txd4 (was Schwarz natürlich parieren kann) auch 39.f4 (wogegen Schwarz keine gute Antwort hat, da er ja die andere Drohung bedienen muss).

Runde 5: Dass Bologan mit Weiß gegen Kovalev verlor – sei’s drum, nicht turnierrelevant. Im Gegensatz zu dieser Partie:

Fedoseev-Nepomniachtchi 1-0 – womit Weiß natürlich den Gegner ärgerte und sich selbst einen Gefallen tat. Ein e3-Benoni war lange etwa dynamisch-chaotisch ausgeglichen, auch nach schwarzem Qualitätsopfer im 44. Zug womit er den weissen Monarchen nach d3 trieb. Die Entscheidung dann ab dem 53. Zug mit dieser Schlusstellung nach 62 Zügen:

Der weisse König fühlt sich auf d3 wohl oder zumindest nicht allzu unwohl (62.-Da3+ 63.Sc3 ist natürlich nur ein Schach), dem schwarzen König geht es an den Kragen.

Zu Vidit-Gelfand 1-0 1/2 wie versprochen eine Reihe Diagramme:

Nach zuvor bereits Komplikationen (u.a. aber nicht nur 19.-Txf3 20.gxf3) spielte Schwarz gerade 21.-Dxb2, was ist hier denn los? Unklar… .

So stand es dann direkt nach der Zeitkontrolle. Vidit überlegte 18 Minuten und spielte dann 41.De6? – das gewann eigentlich nicht, im Gegensatz zu 41.Dd5! – was auch das Feld f3 im Auge behält. Generell kann Weiß seine Mehrqualität nicht direkt verwerten, sondern muss Drohungen gegen den schwarzen König inszenieren – die Schwarz dann eventuell parieren kann, aber auf Kosten eines verlorenen Endspiels.

Die nächste kritische Stellung nach 57.-Kh5, kannte Giri-Sekundant Vidit die Zugzwangpartie Giri-Caruana aus dem deutschen Bundesliga-Stichkampf? Womöglich nicht, sonst hätte er 58.Kg2! gefunden und Schwarz wäre hilflos.

Das drei Züge später sah allerdings auch (zunächst) gut aus für Weiß – Schwarz am Zug, was tun? Es folgte 60.-g3+ 61.hxg3 fxg3 62.Kxg3 Lf4+ 63.Dxf4 Dg2+ 64.Kxg2

Weiß am Zug würde natürlich gewinnen, aber Schwarz am Zug hat keinen und damit ist es Remis! Der ehemalige Weltklassespieler, Olivenbauer, Gitarrist und Anti-Diplomat Nigel Short will ja Patt als Remisweg abschaffen, aber noch ist er nicht FIDE-Präsident (ob er es wird, das wissen wir irgendwann).

Abschliessend nochmals Fotos:

Der Turniersaal (oder ein Teil davon)

Vidit beim Spaziergang während der Runde. Und nun noch alle zehn Spieler individuell fotografiert:

Noch werden ja vier Runden gespielt, alles ist offen – auch bezüglich Elo-Konsequenzen. Derzeitiger Stand eher kurz und knapp: Nepomniachtchi live-aktuell auf Platz 15, Fedoseev und Vidit weiterhin und nun etwas klarer im Club 2700+, Artemiev momentan nicht mehr. Gelfand wäre aufgrund dieses Turniers derzeit wieder im Club, aber er spielte zuvor nicht so erfolgreich bei der russischen Mannschaftsmeisterschaft und hat dadurch live-aktuelle 2694,5. Bologan, der auch mal über 2700 hatte, hat momentan offenbar gar den Club 2600+ verlassen.

 

 

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