Jakovenko gewinnt in Poikovsky

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Ich falle mal mit der Tür ins Haus und beginne mit dem Endstand: Jakovenko 6.5/9, Nepomniachtchi und Gelfand 6, Vidit 5.5, Fedoseev 5, Kovalev 4.5, Korobov 4, Artemiev 3.5, Sutovsky 2.5, Bologan 1.5.

Was machte Jakovenko richtig, und besser als andere? Er blieb ungeschlagen und gewann vier Partien, drei andere schafften das eine aber nicht das andere. Nepomniachtchi und Gelfand gewannen jeweils vier Partien aber mussten einmal aufgeben – Gelfand bereits zu Beginn gegen Nepomniachtchi, Nepo (ebenfalls noch vor dem Ruhetag) gegen Fedoseev. Vidit blieb ungeschlagen, aber konnte nur zwei Partien gewinnen. Ungeschlagen blieb sonst niemand, sieglos blieb niemand – auch nicht Bologan, der sein Punktekonto in der letzten Runde verdreifachte.

Bologan hatte schon deutlich bessere Turniere in Poikovsky, auch wenn er diesmal sein Ergebnis vom Vorjahr wiederholte – damals auf andere Art erzielt (=3-6). Vorjahressieger Sutovsky konnte sein Ergebnis anno 2017 nicht annähernd wiederholen – damals erzielte er mit Weiß 100% (alles gewonnen) und mit Schwarz “100%” (immer remis), nun mit Weiß Sieg, Niederlage und drei Remisen, mit Schwarz 0/4. Ein Grund vielleicht, dass das Turnier dieses Jahr deutlich stärker besetzt war, aber wohl nicht der einzige Grund.

Zurück zur Tabellenspitze. Titelfoto für Jakovenko, alle Fotos vom russischen Schachverband ,Fotograf Evgeny Vashenyak. Und nun vorab ein paar zusammenfassende Worte zu den letzten Runden: Jakovenko gewann noch zweimal im Endspiel, jeweils war es aus gegnerischer Sicht vermeidbar. Nepomniachtchi gewann nur noch, wie fast alle, gegen Bologan, und stand dann ausgerechnet gegen Artemiev (auch kein gutes Turnier) auf Verlust aber entwischte. Gelfand gewann in der etwas kürzeren zweiten Turnierhälfte zweimal, nun ohne zu verlieren. Diese drei Spieler konnten vor der letzten Runde das Turnier gewinnen – alleine oder auch zu zweit. Die Schlussrunde konnte spannend werden, und wurde es dann eher nicht.

Runde 6: Vier Entscheidungen, drei davon “turnierrelevant”:

Jakovenko-Fedoseev 1-0 – beide führten vor der Runde zusammen mit Nepomniachtchi, Jakovenko gewann diese Partie im Endspiel. Lange konnte Schwarz hoffen, dass er mit Minusbauer eine Festung hat – am Ende hatte er (vorübergehend) keinen Minusbauern und keine Festung, das war die Schlusstellung:

Der Randbauer ist der grösste Feind des Springers, wenn Fedoseev nicht nach 70.-Kg5 (doch) aufgegeben hätte käme 71.Kc4 nebst 72.Lxa6 nebst demnächst a8D – da dieser Bauer außer Reichweite des schwarzen Springers bleibt.

Nepomniachtchi-Bologan 1-0: In einem Sizilianer Anti-Berliner mit 4.d3 und später weisser langer Rochade spielten beide auf Königsangriff – Schwarz zu forsch, Weiß konnte das neutralisieren und dann entschied sein eigener Königsangriff. Zwischendurch die andere Partie, die auch vor der Zeitkontrolle beendet war: Sutovsky-Vidit 1/2 war ein durchaus gehaltvolles Remis in 30 Zügen, am Ende schwarzes Dauerschach im Doppelturmendspiel (einzige, aber ausreichende Verteidigung gegen das drohende e8D).

Gelfand-Korobov 1-0 dauerte 98 Züge, dabei hatte Weiß bereits kurz vor der Zeitkontrolle die schwarze Dame für Turm und Leichtfigur gewonnen. Dann wählte er vielleicht die “Gelfand-Methode”: nicht unbedingt den schnellsten, aber einen sicheren Gewinnweg wählen. Bleibt noch das turnier-irrelevante Artemiev-Kovalev 0-1 in 83 Zügen, also auch im Endspiel. Zuvor stand Schwarz bereits im Mittelspiel klar besser – Weiß hatte zwar einen Mehrbauern aber einen recht nackten König, Schwarz hatte einen starken Sf4.

Runde 7 war dann etwas geruhsamer, gleich drei (3) Partien endeten Remis – Kovalev-Nepomniachtchi und Fedoseev-Gelfand ohne große Aufregungen, Vidit-Artemiev da Schwarz eine Mehrqualität nicht verwerten konnte.

Korobov-Sutovsky 1-0: 39 Züge, Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern, materiell ausgeglichen, dennoch gewann Weiß da nur er starke Freibauern hatte, und zwar zwei auf der c- und h-Linie.

Bologan-Jakovenko 0-1 – Entscheidung hier (ab dem Diagramm):

Weiß erlaubte hier, vermutlich unbewusst, eine Abwicklung zum für ihn verlorenen Bauernendspiel: 44.La6?? – warum bekommt das zwei Fragezeichen? Weil Weiß nun Generalabtausch nicht vermeiden konnte: 44.-Sxd4 45.Kxd4 Ta2 46.Ld3 (nach 46.Lb7 Ta7 gewinnt Schwarz auch, wenn auch nicht im Bauernendspiel) 46.-Td2 47. Tf3 (47.Kc/e3 Txd3+! 48.Kxd3 Lb5+ und 49.-Lxf1) 47.-Lb5 48.Kc3 Txd3+ 49.Txd3 Lxd3 50.Kxd3 und dieses Bauernendspiel gewinnt Schwarz, da sein gedeckter d-Freibauer relevanter ist als der weisse entfernte b-Freibauer.

Hier kam 55.-d4! 56.Kd3 Kxb3 57.Kxd4 Kc2 und der weisse König wurde (bzw. wird weiterhin) entscheidend abgedrängt – nur 58.Kc4 Kd2 59.Kd4 Ke2 60.Ke4 Kf2 61.Kxf4!??! (den eigenen Bauern schlagen) wäre wohl noch ein regelwidriger Remisweg für Weiß. So war es dumm gelaufen für Bologan: wenn es regnet dann schüttet es ….. .

Runde 8 mit eher geruhsamen Remisen bei Jakovenko-Kovalev und Sutovsky-Fedoseev, das galt nicht für die dritte Remispartie:

Artemiev-Nepomniachtchi 1/2, aber Schwarz war zwischendurch (jedenfalls für Engines) mausetot. Ursache war 44.-Dxa4, vielleicht ein unberechtigter Gewinnversuch in schlechterer aber wohl haltbarer Stellung. Weiß gewann danach eine Qualität aber konnte diesen Vorteil nicht verwerten, Schwarz entwischte später mit Dauerschach.

Vidit-Korobov 1-0 “fotografiere” ich auch wegen dem optischen Kontrast der beiden Spieler – im Schach gewann der schmächtige Inder gegen das Schwergewicht aus der Ukraine.

Gelfand-Bologan 1-0, was sonst? Schwarz griff gleich zweimal bei Abtäuschen daneben: 40.-f6? erlaubte ein für ihn schlechtes Läuferendspiel (Schwarz musste die Damen auf dem Brett behalten), das Gelfand wohl nicht perfekt behandelte. So entstand dann ein Damenendspiel – trotz weissem Mehrbauer wohl in der Remisbreite, aber nach 52.-Dd3? konnte Weiß Damentausch erzwingen nebst glatt gewonnenem Bauernendspiel.

Stand vor der letzten Runde damit Jakovenko 6/8, Nepomniachtchi und Gelfand 5.5/8, usw. – es konnte noch spannend werden, zumal die(se) beiden Russen im direkten Duell aufeinander trafen und Verfolger Nepo Weiß hatte. Es kam allerdings anders:

Runde 9:

Kovalev-Gelfand 1/2  war – siehe Foto – ein sizilianischer Drache via 1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 (anti-Sveshnikov) 3.-g6, was Gelfand gerade spielt. Später dasselbe schwarze Bauernopfer wie zuvor bei Jakovenko-Gelfand in Runde 2. Was hatte der Weißrusse gegen den gebürtigen Minsker vorbereitet? Nichts, er wiederholte diese Partie, machte noch drei Züge und bot dann Remis. Beide spielten flott, Gelfand überlegte erstmals als Kovalev 16.Sxb3 – im Gegensatz zu Jakovenko – nicht mit einem Remisangebot verknüpfte.

Für Kovalev war 50% in diesem Turnier ein gutes Ergebnis, das wäre im Sommer in Dortmund erst recht der Fall.

Und auch Gelfand war wohl mit +3 nach Fehlstart in Runde eins gegen Nepomniachtchi zufrieden. Damit hat er auch wieder, was er viele Jahre hatte: Elo über 2700 (live 2703.2).

Nepomniachtchi wollte gegen Jakovenko vielleicht gewinnen, aber erreichte aus der Eröffnung nichts und bot nach 27 Zügen remis. Laut Engine-Urteil stand er hier gar leicht schlechter, aber die Stellung war vereinfacht und Jakovenko natürlich mit Remis einverstanden. Schliesslich war er damit (Kovalev-Gelfand war schon lange vorbei und wurde daher zuerst erwähnt) alleiniger Turniersieger.

Ein Ausflug nach Stavanger bzw. Hamburg (aus einem dortigen Studio kommentierten Peter Svidler und Jan Gustafsson für chess24) mit Bezug zu Poikovsky: Svidler sagte, dass vier Spieler für die russische Nationalmannschaft gesetzt sind – Kramnik, Karjakin, Grischuk und Nepomniachtchi, “nicht unbedingt in dieser Reihenfolge” – und dass Brett 5 offen ist, wobei er eher nicht die besten Karten habe. Genannt wurden außerdem Vitiugov, Fedoseev und Dubov – auf meinen Vorschlag Jakovenko im Chat “ja, er sicher auch”. Der deutsche Schachbund hat sich ja – bei Herren und Damen – bereits festgelegt, aber das ist nicht Thema dieses Beitrags.

Korobov-Artemiev – immer ausgeglichen, remis. Für Artemiev war es insgesamt kein gutes Turnier, dadurch hat er auch den Club 2700+ derzeit wieder verlassen (4 Elopunkte durfte er verlieren, es wurden 12). Fedoseev und Vidit beharkten sich lange – trotz gewisser optischer Vorteile für den Weißspieler Remis nach 78 Zügen. Beide damit weiterhin im Club 2700+, Vidit nach solidem Turnier (+2=7), Fedoseev nach wechselhaftem (+3=4-2). War da noch was?

Ja, das Duell der beiden Letzten – Bologan-Sutovsky 1-0!. Das Ausrufezeichen nicht wegen dem Elounterschied von vor dem Turnier 37 Punkten, sondern weil fraglich erschien, dass Bologan in Poikovsky auch gewinnen kann. Es begann mit 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 Sf6 4.d3 h6 (Muss das sein? Es wurde schon recht oft gespielt, nicht unbedingt mit der Pointe später in der Partie) 5.0-0 d6 6.c3 g5!? – was ist das denn? Zunächst sei erwähnt, dass 6.-g6 hier der Hauptzug ist und dass Aronian 2008/2009 seinen Läufer stattdessen dreimal nach e7 entwickelte.

Sutovsky kann offenbar auch Deutsch, und 6.-g5!? hat einen gewissen deutschsprachigen Bezug: Gelfand-Bareev 1-0 war 1993 bei einem Turnier in München (Gelfand wird nach wie vor erwähnt, zuletzt in diesem Artikel, der etwa zwei Jahre ältere Bareev ist inzwischen Schachkanadier, ziemlich inaktiv und wird daher auch kaum erwähnt). Drei andere Partien sind neueren Datums: in einem Bundesliga-Duell zweier Ra-ndalierer gewann 2016 der Außenseiter (Rabiega-Rapport 1-0), da wurde am Ende der schwarze Wanderkönig erlegt (zuletzt geschah 38-Ka2 39.Da1#). In der norwegischen Mannschaftsmeisterschaft 2018 einigten sich Markus Ragger und Jon Ludvig Hammer vorsichtshalber nach 15 Zügen auf Remis, bevor vielleicht einer mattgesetzt wird – denn das kann auch dem weissen König passieren, siehe Huschenbeth-Grandelius 0-1 bei der Europameisterschaft ebenfalls im März 2018. Da war der schwarze Aufmarsch am Königsflügel auch nach Damentausch vernichtend, am Ende geschah 31.Kxd4 Txd2#.

Matt wurde es bei den Herren Bologan und Sutovsky in Poikovsky (irgendwas sollte sich in meinen Artikeln reimen, wenn es sich anbietet) nicht. Bald verbrauchten beide Bedenkzeit, da sie die Theorie dieser Variante nicht kannten – könnte daran liegen, dass es diese kaum gibt. Letzter Vorgänger war Tischbierek-Schreiner 1-0 aus der Bundesliga-Saison die gerade vorbei ist, ebenfalls turbulent. Zwischendurch konnte man vermuten, dass die Liveübertragung hakt: 14.-Dh4?! nach 31 Minuten, nun brauchte Bologan 33 Minuten für 15.Sxe4. Noch computerbesser war wohl 15.f6, aber auch so gewann er danach die schwarze Dame für Turm und Leichtfigur und der Rest war Technik. Diese Partie war nicht “turnierrelevant”, aber spektakulär.

Und das war’s dann zu Poikovsky. “Wie geht es weiter?” entfällt heute, da ich überfragt bin, was diese Spieler demnächst vorhaben – neben Kovalev spielt auch Nepomniachtchi Mitte Juli in Dortmund, aber die anderen?

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