Bischwiller gewinnt französische TOP12 souverän

  • 2
    Shares

Einerseits stimmt das total – sie gewannen alle elf Matches und hatten satte fünf Punkte Vorsprung auf Platz zwei, bei diesem Endstand: Bischwiller 22, Clichy 17, Bois Colombes 16, Grasse 15, Nice 13, Mulhouse 12, Metz 11, Tremblay 8(41.5), Saint Quentin 8(33.5), Evry Grand Roque 7, Monaco 2, Vandeouvre 1. Von Platz 2-10 alles recht dicht beieinander, dahinter zwei Teams die “souverän” abgestiegen sind – Evry Grand Roque erwischte es allerdings auch, Vandoeuvre war diesmal nicht “unabsteigbar”.

Andererseits gewann Bischwiller seine Matches gegen die Teams auf Platz drei bis sechs nur knapp 4,5-3,5, nach französischer Zählweise (Remispartien werden ignoriert) dreimal 1-0 und einmal 3-2. Etwas klarer war das Match gegen Clichy, wonach Bischwiller zwei Runden vor Schluss bereits als Meister feststand. Ein sattes Brettpunktkonto hatten sie, da sie – was so sonst niemand schaffte – drei Teams vom Tabellenende mit 7,5-0,5 nach Hause schickten, obwohl diese dann vor Ort in Brest blieben und gegen andere Teams weniger hoch verloren oder gar mal nicht verloren.

Titelbild für Team “Baden-Bischwiller” – auf den T-Shirts steht ja in Großbuchstaben GRENKE. Alle Fotos vom französischen Schachverband.

Vor dem Turnier war bereits klar, dass Bischwiller ohne Mamedyarov spielen würde (auch wenn sie ihn aufstellten) und Clichy ohne Vachier-Lagrave, beide sind in Norwegen beschäftigt. Während dem Turnier wurde klar, dass bei Clichy auch Wojtaszek fehlte. Bis zum Schluss mussten die Gegner damit rechnen, dass er vielleicht doch noch erscheint – aber er war ebenso Papiertiger wie Li Chao für Nizza. Damit fehlten die allerbesten Spieler, dabei unter anderem noch Navara und Duda (der alleine entscheiden konnte, ob er polnische Nummer eins bleibt). Und durchaus jede Menge bekannte Namen, die in mehreren Ländern Mannschaftskämpfe spielen. Später auch etwas zum Turnier “aus deutscher Sicht”.

In Runde 1 gab es bereits eine Überraschung, die allerdings – da Clichy nicht in Bestbesetzung spielte – Elo-objektiv nicht unbedingt eine war: Clichy-Grasse 3.5-4.5, nur an einem Brett hatte der vorab zusammen mit Bischwiller als klarer Favorit betrachtete Titelverteidiger recht klaren Elovorteil, und an Brett 8 waren sie gar 200 Elopunkte schlechter. Das ungleiche GM-Duell GM Libiszewski(2504) – WGM Guichard(2303) wurde allerdings Remis, wie sechs andere Partien. Dass Remispartien ignoriert werden, heisst nicht dass es sie nicht gibt (siehe auch Bischwiller). Oft passierte es eben, manchmal spielte vielleicht auch Vorsicht, gegenseitiger Respekt und/oder der Wunsch nach einem Ruhetag (in elf Runden gab es keinen für alle, wobei Teams allerdings an acht Brettern mehr als acht Spieler einsetzten) eine Rolle.

Entscheidend war, dass Alexandra Kosteniuk, zweite Dame in Diensten von Clichy, gegen Manuel Apicella das Nachsehen hatte. Der Franzose spielte Französisch, daraus entstand schnell ein Endspiel, das Apicella letztendlich (anfangs stand er schlechter) besser behandelte.

Nun eher im Schnelldurchlauf durch Runde zwei bis acht aus Sicht der Spitzenteams, Grasse gehörte nun auch dazu. Bischwiller gewann, wie bereits erwähnt, mitunter nur knapp, mit unterschiedlichen Matchwinnern: Gegen Nizza verwandelte Naiditsch den zweiten Matchball gegen GM Demuth. Gegen Grasse war es ausgerechnet Nino Maisuradze gegen ausgerechnet Manuel Apicella. Die Dame hatte fast 350 Elopunkte weniger und auch einen Bauern weniger – Apicella musste genau spielen um den schwarzen Königsangriff zu neutralisieren und scheiterte an dieser Aufgabe. Da Naiditsch nach wie vor jedenfalls Baden-Badener ist, wird auch seine Partie gegen Marie Sebag erwähnt. Die war quasi ausgeglichen – auf dem Brett stand Weißspieler Naiditsch über weite Strecken schlechter, auf der Uhr dagegen klar besser – und wurde dann remis.

Tags darauf gegen Bois Colombes war wieder Naiditsch dran, der sich gegen Samy Shoker taktisch austoben konnte. Auf dem Foto sieht man, dass der Ägypter Pirc spielte und dass dies Brett sechs war. In Frankreich kann man die Aufstellung ja durcheinander würfeln – Naiditsch spielte meistens Brett 4 aber einmal auch Brett 1. Einzige Regel: ein niedrigeres Brett darf maximal 100 Elopunkte besser sein als die höheren Bretter.

Komplizierter war es tags darauf gegen Mulhouse: Naiditsch bekam den dritten alten Bekannten aus der S-Klasse, nach Sebag und Shoker nun Sokolov und zwar Andrei. Gegen alle drei hatte er schon einmal verloren, gegen Sokolov passierte es wieder. (An derlei Ergebnisse erinnere ich mich nur, da Naiditsch verloren hatte – Siege wären quasi “normal”). Vielleicht eine gute Nachricht für Arkadij Naiditsch: Ivan Sokolov spielte diesmal nicht bei der französischen Top12. Am Spitzenbrett verlor Romain Edouard gegen David Navara – das war nun keine Überraschung, zumal der Tscheche insgesamt gut drauf war. Dann musste Bischwiller eben drei Partien gewinnen, neben den beiden letzten Brettern auch Bluebaum-Ragger 0-1. Bluebaum kam ein Bauer abhanden, Ragger zeigte danach “Technik”.

Außerdem gewann Bischwiller in diesem Zeitraum 7,5-0,5 gegen Saint Quentin und Monaco, im zweiten Kampf gönnte Romain Edouard Deimante Cornette ein Remis (1.e4 c5 2.Sf3 Sc6 3.d4 cxd4 4.Sxd4 g6 1/2). Tags darauf dann der Spitzenkampf Bischwiller-Clichy, aber erst zu anderen Teams: Clichy leistete sich keinen weiteren Ausrutscher und gewann meistens nicht so knapp, Ausnahme gegen Mulhouse.

Dass es für Clichy nur 4,5-3,5 wurde lag unter anderem an Bluebaum-van Wely 1-0 in einer mysteriösen Partie: 36.Ld5?? war wohl ein Übertragungsfehler – es stellte eine Figur ein aber van Wely spielte weder 36.-exd5 noch 36.-Lxd5 noch eventuell 36.-Txd5 sondern 36.-Kg7?. Es folgte noch 37.Lb3 und 1-0 in laut Engines völlig ausgeglichener Stellung – fehlen da Züge oder hat van Wely die Bedenkzeit überschritten? Meine email-Anfrage an “Pressekontakt” blieb unbeantwortet. Auch Kosteniuk verlor mal wieder, heute gegen Istratescu. Andererseits gewann – auch auf dem Foto aber kaum sichtbar – Hamdouchi gegen Navara (einzige Niederlage des Tschechen, der insgesamt 8/11 erzielte), und Clichy gewann – wie einige Tage später Bischwiller gegen denselben Gegner – auch an Brett 7 und 8.

Parfüm sollte man bevorzugt sparsam verwenden, daher war die Truppe aus der Parfümstadt Grasse (wohl nicht Wohnsitz ihrer Ausländer Kryvoruchko, Kuzubov und Imre Hera) auch des öfteren minimalistisch, manchmal zu sehr: neben dem bereits erwähnten 3,5-4,5 gegen Bischwiller nur 4-4 gegen den späteren Absteiger Vandeouvre sowie gegen Nizza. Das waren drei von sieben Matches, außerdem dreimal 4,5-3,5 und einmal 6-2.

Runde 9, es war soweit – Showdown Bischwiller-Clichy!

Ungewöhnliche Spitzenbretter für die Elsässer – Naiditsch (hinten) spielte sonst nie an Brett 1, Bacrot (vorne) mal am Spitzenbrett und mehrfach auch Brett 3-5. Naiditsch besiegte Hamdouchi, Fressinet-Bacrot wurde (eher gepflegt-freundschaftlich, 20 Züge) remis. Eine Niederlage kassierte Bischwiller:

Nino Maisuradze packte später gegen Pauline Guichard in ausgeglichener Stellung die Brechstange aus: 47.-e5? opferte oder verdaddelte einen Bauern, Guichard gewann. Eventuell war eine Strafarbeit für Maisuradze fällig: 100-mal in Schönschrift “mannschaftsdienlich” schreiben. Wie das auf Französisch oder gar Georgisch heisst, tut nichts zur Sache – Sponsor ist schliesslich Monsieur Grenke aus Allemagne! Aus mehreren Gründen kam es wohl nicht dazu: Immerhin war Maisuradze zuvor mal Matchwinner, 4-4 hätte wohl auch zur Meisterschaft gereicht und Bischwiller gewann insgesamt.

Das die Liveübertragung in der entscheidenden Phase: Kosteniuk verlor mal wieder ein Endspiel (das hier nur materiell ausgeglichen ist), Bischwiller gewann auch am (neben Fressinet-Bacrot und Guichard-Maisuradze) dritten französischen Brett Le Roux – Delorme. Insgesamt ein (verglichen mit einigen anderen Matches) hohes und ungefährdetes 5-3. Damit hatte Bischwiller vier Punkte Vorsprung auf Clichy und stand bereits als Meister fest – selbst wenn sie (damit war ohnehin nicht zu rechnen) noch zweimal verlieren würden. Bei Gleichheit nach Mannschaftspunkten zählt in Frankreich zunächst das direkte Resultat – demnach wäre diese Saison Solingen vor und ohne Stichkampf gegen Baden-Baden “französischer Meister der deutschen Bundesliga”.

Der Rest war Schaulaufen für Bischwiller – noch 7.5-0.5 und 6.5-1.5 gegen zwei Absteiger. Clichy verspielte dagegen beinahe noch Platz zwei: nur 4-4 gegen Nizza und damit waren sie eher gut bedient – Kosteniuk hatte mal wieder ein schlechteres, zeitweise wohl verlorenes Endspiel, aber gegen Dennis Wagner wurde es dann remis. So hat Bois Colombes Clichy vorübergehend überholt, aber in der letzten Runde zeigte Mulhouse dann (gegen Bois Colombes), dass sie nicht nur 3,4-4,5 verlieren sondern auch 4,5-3,5 gewinnen konnten (das taten sie zuvor bereits einmal, und zweimal spielten sie 4-4).

Nun noch in andere Regionen, Abstiegskampf gab es auch. Was ging für Vandeouvre schief? Unter anderem Runde 7 gegen Metz:

Außenseiter waren sie, verloren haben sie 3,5-4,5, sein musste es nicht. An Brett 2 verwandelte IM Cossin gegen GM Balogh eine Gewinn- in eine Remis- und dann gar eine Verluststellung. Es war kompliziert, und der 120 Elopunkte bessere Spieler behielt den Überblick und nutzte seine Chance.

An Brett 7 verwandelte Joachim Iglesias(2249) gegen GM Todorov(2477) eine Gewinn- in eine Remisstellung: statt zu gewinnen wiederholte er die Züge. Es gab auch gute Nachrichten für Vandeouvre, aber zu wenige. Ebenfalls auf diesem Foto: ihre international vielleicht bekannteste Spielerin Fiona Steil-Antoni verbesserte sich von 0/6 auf 1/7, daraus wurde dann für sie 1/11. Und ihr in Deutschland bekanntester Spieler Alexander Donchenko besiegte Eltaj Safarli.

Insgesamt spielten drei Deutsche regelmässig: Donchenko (5.5/10) und Bluebaum (6.5/11) machten ihre Sache eher gut, Wagner (4.5/10) enttäuschte etwas. In den letzten vier Runden spielte auch Heimann (2.5/4), wie Bluebaum für Mulhouse.

Zwei Absteiger standen nach Runde 9 bereits fest, Monaco dabei erwartungsgemäss – ihr Erfolgserlebnis hatten sie beim remislosen 5-3 gegen Vandeouvre. Der dritte Absteiger wurde im direkten Duell in Runde 10 ermittelt:

Diese Partie IM Leroy-Aflalo wurde remis, insgesamt gewann Tremblay 5,5-2,5 bzw. 3-0. Dass es für Tremblay knapp war, lag vielleicht auch daran, dass zwei ihrer drei GMs (Jobava und Piorun, Dritter im Bunde Malakhov) kein gutes Turnier erwischten.

Zurück zur Spitze: Bischwiller hatte eine homogene Mannschaft, aus der am ehesten Ragger 8/11 (TPR 2730) und für ihre bescheidenen Verhältnisse Maisuradze (8,5/11, TPR 2402 bei Elo 2172) herausragten. Bei den Damen galt oft: entweder räumten sie ab, oder sie kassierten reihenweise Niederlagen. Naiditsch erzielte ebenfalls 8,5/11, das war allerdings bei den Gegnern die er hatte ein Elo-normales Ergebnis.

Bei Clichy punktete Pauline Guichard fleissig, am fleissigsten von allen im Turnier (10/11). An Hamdouchi, der oft weiter oben spielte als zu seiner Elo 2580 passend (viermal am Spitzenbrett) lag es auch nicht. Kosteniuk hat, nicht dass ein falscher Eindruck entsteht, auch mal gewonnen und hatte insgesamt ein Elo-neutrales Ergebnis. Etwas enttäuschend 6.5/11 von Jorden van Foreest – zu viele Remisen auch gegen nominell unterlegene Gegner. “Turnierentscheidend” allerdings womöglich 0/0 von Vachier-Lagrave und Wojtaszek.

Sonst nur zu drei international bekannten Spielern: Navara (8/11) hatte ich bereits. Dudas 5 Punkte waren auch sehr ordentlich, da er nur sieben Partien spielte (Siege gegen Piorun, Eljanov und Kuzubov) – damit verbesserte er sich um 6 Elopunkte und ist nun klarer vor Wojtaszek polnische Nummer 1, beide werden übrigens in Dortmund mitspielen. Jobava erzielte ebenfalls 5 Punkte, allerdings aus 11 Partien und das war dann nicht so toll.

Und nun ein bisschen atmosphärisch mit Drumherum:

Der Turniersaal, die Sporthalle der UBO (Université de Bretagne Occidentale). Warum wurde dieses Turnier eigentlich dezentral in Brest ausgerichtet? Eine entsprechende email-Anfrage blieb unbeantwortet, möglich wurde es offenbar durch Zusammenarbeit zwischen dem örtlichen Verein USAM Brest, der Universität, der Stadt Brest, des Departements Finistere (Ende der Welt), der Region Bretagne, usw. . Persönlich neugierig war/bin ich, da ich in den 1990er Jahren ein Jahr an der UBO studierte und damals für USAM Brest spielte. Soweit ich mich erinnere, war es damals ein kleiner Verein mit nur einer Mannschaft auf recht niedrigem Niveau, inzwischen haben sie drei – eine in der dritten, zwei in der fünften französischen Liga. Auch aus der Rubrik “kleine Welt und wie die Zeit vergeht”: ein Stammspieler der ersten Mannschaft, Marc Andre Gutscher, ist für mich Arbeits- und Vereinskollege aus gemeinsamen Kieler Zeiten bis 1998.

Einer tauchte auf, wohl nicht unerwartet sondern als geladener Gast, der es im sibirischen Poikovsky nicht mehr ausgehalten hat:

Und wenn er schon da war, hat Karpov auch Schach gespielt – durchaus erfolgreich (+18=2) wobei ich das Niveau seiner (jungen und älteren) lokalen Gegner nicht kenne. Grund für Karpovs Besuch war auch das:

Ein Länderkampf U12 Frankreich-Russland. Im Blitzschach gewann Frankreich 17-15, im Schnellschach revanchierte sich Russland mit 19-13. Damen dieses Alters sind irgendwie “süss”(auf Englisch ‘cute’, auf Französisch vielleicht ‘mignon’ was man wörtlich mit “allerliebst” übersetzt, auf Russisch – keine Ahnung).

Und wenn schon Bilder, dann noch mehr Bilder, erst Teams:

Hier nicht nach Tabellenstand, sondern eher farblich sortiert. Eine Reihe Spieler(innen):

Nur zu den Damen: Deimante Cornette spielte im schwachen Team von Monaco mitunter gar am Spitzenbrett, Sebag auch an mittleren Brettern. Fiona Steil-Antoni bekam dagegen, wie einige andere Damen (muss in der französischen Liga sein, sonst würden wohl nur wenige mitspielen) meistens Brett 8. Ob sie ihre gute Laune behalten hat, dazu habe ich nicht recherchiert (das Foto entstand vor Runde 2). Ich habe bereits Fotos mit laufenden Partien und manchmal auch zwei Spieler nebeneinander, abschliessend noch Spieler gegenüber voneinander:

Jobava am letzten Tag mit Sonnenbrille … und dann ein Kurzremis in 15 Zügen.

Print Friendly, PDF & Email