Norway Chess: Am Ende gewinnt Caruana

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Was ist in den drei letzten Runden von Norway Chess alles passiert? Anand hat das Remisspielen völlig verlernt, Karjakin und Caruana schafften das fast – dadurch landeten sie unten und oben in der Abschlusstabelle. Anders als in den ersten sechs Runden gab es auch Schwarzsiege. Carlsen hat sich an seinem extra Ruhetag (er hätte gegen Ding Liren gespielt) aufgeregt, und das sorgte für Aufregung. Carlsen wollte am Ende sehr gerne einen Massen-Stichkampf, Caruana und So hatten etwas dagegen. Dadurch spielte So (siehe auch Bericht zu Runde vier bis sechs) eine Schlüsselrolle für das gesamte Turnier.

Das kam dabei heraus: Caruana 5/8, Carlsen, Nakamura, Anand 4.5, So und Aronian 4, Mamedyarov 3.5, Vachier-Lagrave und Karjakin 3. Damit hatte Norway Chess in der sechsten Auflage den fünften Sieger und den zweiten, dessen Nachname mit “Car” beginnt – Kar(jakin) ist auch doppelt vertreten, außerdem je einmal Ar(onian) und Top(alov), letzteres war damals allerdings ein Zufallsprodukt.

Dafür bekommt Fabiano Caruana von Norway Chess 75.000 Euro, und von mir das Titelfoto – alle Fotos von der Turnierseite, Fotograf Lennart Ootes.

In Runde 7 war eher wenig los, bis auf eine Partie:

MVL-Anand 0-1. Der offene Spanier war früher mal populär, z.B. 12 Partien in zwei WM-Matches Karpov-Kortschnoi. In letzter Zeit taucht er auf hohem Niveau sporadisch wieder auf, hatte Anand eigentlich bereits so gespielt? Ja, zuletzt 2005 gegen Grischuk, davor relativ regelmässig. In dieser Partie übernahm Schwarz “irgendwie” das Kommando – beide hatten es vielleicht gar nicht realisiert, für MVL hatte es Konsequenzen: sonst hätte er vielleicht rechtzeitig die Notbremse gezogen, so landete er in einem verlorenen Endspiel.

Die Remispartien ignoriere ich mal, war da noch was?

Ja, ein Herr (der links) im Freizeitlook zu Gast beim norwegischen Fernsehen. Carlsen war sich da, und auch auf Twitter, ziemlich sicher dass das Remis zwischen Mamedyarov und Karjakin zuvor im Turnier vor der Partie vereinbart war. Das norwegische Fernsehen “konfrontierte” Mamedyarov mit dieser Aussage – er gab zu, dass er bei anderen Gelegenheiten Remis vor der Partie vereinbart hatte (gegen wen sagte er offenbar nicht ausdrücklich, auch mit Landsleuten aus Aserbaidschan ist er ja gut befreundet). Beide, Mamedyarov und Karjakin, bestritten allerdings, dass ihre Partie bei Norway Chess 2018 geschoben war.

Für einige war Carlsen damit ein Held – vor allem für diejenigen, die ihn ohnehin als Held betrachten? – und Mamedyarov ein Schurke, wobei er auch für seine ehrliche Aussage gelobt wurde. Generell sehe ich es relativ locker: Vorab vereinbarte Remisen passieren, man kann das weder verhindern noch im Fall des Falles zweifelsfrei beweisen (und die Spieler dann dafür bestrafen). Für mich eher unwahrscheinlich, dass Spieler – wie Mamedyarov und Karjakin – dann “frische” Vorbereitung verraten, die man sonst bei einer anderen Gelegenheit brauchen könnte. Auch mit Sofia-Regeln gibt es ja genug andere Möglichkeiten: eine bereits bekannte “spektakuläre” Variante spielen oder auch einfach Figuren abtauschen und dann irgendwie in verflachter Stellung die Züge wiederholen. Im Prinzip ebenso verdächtig wie Mamedyarov-Karjakin aus Runde 3 war Mamedyarov-Nakamura aus Runde 5, jeweils wurde fast geblitzt und am Ende Dauerschach – allerdings gilt Nakamura als “unschuldig”, da er eine Lobby hat?! Außerdem: Wem schaden Spieler eigentlich mit einem vorab vereinbarten Remis? Am ehesten sich selbst!?

Warum äusserte sich Carlsen eigentlich während Runde 7 zu Runde 3? Er war Fernsehgast, aber das heisst nicht, dass er zuvor keine Gelegenheit hatte. Die Carlsen-freundliche Version: Er will “die Schachwelt retten”. Die andere Version: Es waren psychologische Spielchen vor seiner Partie tags darauf gegen Mamedyarov. Sollte es funktionieren? Gegen So hatte es nicht funktioniert.

Immerhin war die Aussicht aus dem Gelegenheitsstudio in der Konzerthalle Stavanger hübsch.

Runde 8:

Carlsen-Mamedyarov 1/2 – die oben gestellte Frage wurde damit mit “nein” oder bestenfalls “jein” beantwortet. Carlsen spielte später doch 1.e4, und Mamedyarov darauf … den offenen Spanier. Von ihm nicht so überraschend wie von Vishy Anand, Shak ist 2017/2018 diesbezüglich Wiederholungstäter. Im 11. Zug wich Mamedyarov von MVL-Anand, und überhaupt der gängigen Theorie ab – 11.-Sxd2 statt 11.-Sc5, und das obwohl er dies selbst als schlecht betrachtete, aber er hatte Angst vor Carlsens Vorbereitung. Im 16. Zug opferte er einen Bauern und landete in einem Endspiel mit Minusbauer. Das war für Weiß wohl jedenfalls nicht trivial gewonnen, so wie Carlsen spielte hatte er danach null Gewinnchancen.

So-MVL 1/2 unter etwas ähnlichen Vorzeichen, nur dass Weiß gegen Najdorf-Sizilianisch nichts erreichte und dann kam ihm ein Bauer abhanden, aber das war im Turmendspiel und Turmendspiele sind nun einmal “immer remis”.

Nakamura-Karjakin 1-0 war auch so ein Fall, bei dem eine “alte” Eröffnung (aus einem WM-Match Kasparov-Karpov) in letzter Zeit auf hohem Niveau wieder gespielt wurde. In einem scharfen englischen Abspiel gab Schwarz das Zentrum auf, konnte das nicht rechtfertigen und wurde im weiteren Verlauf abgeschlachtet. Wie toll Nakamuras Neuerung 14.Sd2 tatsächlich ist, müssen eventuelle weitere Partien zeigen. Damit hatte Nakamura tatsächlich eine Partie gewonnen und war auch im Rennen um den Turniersieg.

Anand-Caruana 0-1 – auch hier akzeptierte der Weißspieler den Vorschlag 1.c4 nicht und entschied sich für 1.e4, dadurch konnte Caruana sein geliebtes Russisch spielen – jedenfalls zunächst, Vishy machte daraus (1.e4 e5 2.Sf3 Sf6 3.Sxe5 d6 4.Sf3 Sxe4 5.d3 Sf6 4.d4 d5) die französische Abtauschvariante. Caruana spielte darauf aktiv und, wie er selbst sagte, riskant bis dubios. Aber statt davon zu profitieren (vor allem 14.Db3) liess Anand sich in die Defensive drängen und widerstandslos abschlachten. “Caruana wurde für seinen Mut zum Risiko belohnt” ist die Caruana-freundliche Variante. “Caruana hatte Glück” kann man auch sagen, Caruana selbst hat dem nicht unbedingt widersprochen.

Gesprächsbedarf nach der Partie

Damit führten nun Carlsen und die drei Amerikaner mit 4/7, dahinter Anand und Aronian mit 3.5/7 – mit zu diesem Zeitpunkt 50% konnten auch sie noch Turniersieger werden, allerdings nur nach Stichkampf und bei passenden Ergebnissen in anderen Partien. Keine Chance auf den Turniersieg mehr hatten Mamedyarov – ebenfalls 3,5 Punkte aber aus acht Partien, und damit war das Turnier für ihn vorbei (in Runde 9 hätte er gegen Ding Liren gespielt) – sowie Karjakin (3/7) und MVL (2.5/7).

Runde neun:

Zu Rundenbeginn großes Interesse der Fotografen, noch konnten sie alle acht Spieler ablichten.

Das war der erste Händedruck zwischen MVL und Carlsen.

Und das der zweite nur etwa 20 Minuten später, war MVL etwa lieb zu Carlsen und hatte furchtbar gepatzt? Nein, sie einigten sich auf Remis – 17 Züge reichen auch mit Sofia-Regeln, wenn man wiederholt. MVL war Carlsen-Sekundant im WM-Match gegen Karjakin, diese Variante im d3-Spanier hatten sie gemeinsam analysiert. MVL wollte nicht noch einmal verlieren, Carlsen ging davon aus, dass dieses Ergebnis für einen Platz im Stichkampf wohl reichen würde. Arbeitsverweigerung in der letzten Partie mit klassischer Bedenkzeit und dann Sieg im Stichkampf, so hatte er schliesslich auch seinen WM-Titel verteidigt.

“Immer und überall Stichkampf um den Turniersieg” ist vielleicht auch Folge des Carlsen-Hypes – so kann man ihn auch dann als alleinigen Turniersieger bezeichnen, wenn er mit klassischer Bedenkzeit nicht besser war als andere und dann im Stichkampf dominiert. Dazu kam es dann nicht – etwas eventueller Hintergrund später im Bericht zu dieser Runde.

Aronian-Nakamura und Karjakin-Anand war jeweils Damengambit mit Lf4, auch das seit langem bekannt und immer noch oder wieder aktuell. Im neunten Zug trennten sich die Wege: der weisse Turm muss nach d1, das ist klar, aber muss der König nach c1 (und dann oft b1)? Anders ausgedrückt, Td1 oder 0-0-0. Aronian spielte 9.Td1, und nach 9.-Da5 10.a3 hat Nakamura mal wieder 10.-Te8 aufgewärmt. Das stammt ursprünglich auch aus einer WM-Partie Kortschnoi-Karpov anno 1978, 2016 hat Nakamura es mal wieder gespielt und seither machten es neben ihm auch andere. Die Theorie hat sich seither etwas weiter entwickelt, 16.Sxd5 stammt ursprünglich von einem gewissen Levon Aronian aber Nakamura kannte es – aus Aronian-Nakamura, London Classic 2017. Diese Partie kopierten sie nicht komplett, aber auch diesmal wurden weitere Figuren abgetauscht und das entstehende Turmendspiel mit vier gegen vier Bauern am Königsflügel war remis.

Karjakin wählte dagegen 9.a3 Da5 10.0-0-0 und nun hat Anand mit 10.-Se4 einen alten Zug aufgewärmt (bekannt aus Kasparov-Waganjan und Gelfand-Jussupow anno 1992). Einer war ihm allerdings zuvor gekommen, ein gewisser Sergey Karjakin 2017 im Schnellschach gegen Ivanchuk. Beide spielten zunächst flott weiter, dann nicht mehr: 18-Tae8 (17 Minuten) 19.Le4 (49 Minuten!) 19.-Db6 (27 Minuten). Es blieb Engine-ausgeglichen, bis Karjakin mit 26.h4? patzte – nach 26.-Se5! drohte vor allem 26.-Sg4 da die weisse Dame auf h6 keine Felder mehr hatte. Der weisse Bauer auf c4 hing nebenbei und ging verloren, später hat Karjakin noch einen Bauern eingestellt und direkt aufgegeben. Damit wurde Karjakin nach anfangs zwei Siegen bei Norway Chess nun zweimal Letzter (diesmal zusammen mit MVL), und Anand war in einem eventuellen Stichkampf mit fünf Spielern, der dann nicht zustande kam.

Caruana-So 1-0 in einer Partie, die Europe Echecs als “rocambolesque” bezeichnete. Wie übersetzt man das denn? Schwer zu sagen, dieses französische Wort kannte ich nicht und das Internet hat unglaublich, haarsträubend, fantastisch, abwegig, abenteurlich im Angebot. Alles stimmt irgendwie. Ich habe jedenfalls ein neues ausländisches Lieblingswort, bisher war es das russische “odnovorotnim” (einseitig).

Es begann eher unscheinbar mit 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 Sf6 4.d3 (Caruana feierte zwar seinen bisher grössten neueren Erfolg in Berlin, aber das Berliner Endspiel will er nicht) 4.-Lc5 5.0-0, was wegen dem gespielten 5.-Sd4 6.Sxd4 Lxd4 als eher harmlos gilt. Danach investierte So bereits Bedenkzeit, zum Remiszeitpunkt in seiner Partie ging Carlsen wohl davon aus, dass die (Neu- oder Wieder-)Amis wohl auch Remis spielen. So würzte erstmals mit 12.-g5!? und dann ergab sich eine für diese Variante ungewöhnliche Situation: Weiß hatte ja bereits kurz rochiert, Schwarz rochierte lang. Umgekehrt gibt es das im Anti-Berliner mitunter, und dann wird es quasi-Sizilianisch – natürlich mit Unterschieden, z.B. hat Schwarz ja keine offene c-Linie.

Wer stand besser? Livekommentator Svidler bevorzugte zunächst recht klar die schwarze Stellung, Engines waren allerdings nicht einverstanden. Sie betrachteten die Stellung als “unklar”, etwa bis So unter Materialopfer seinen eigenen Angriff forcierte, danach bekam Weiß Oberwasser. Dabei verzichtete er auf das bei langer Rochade übliche -Kb8 und spazierte dann mit seinem König in die andere Richtung. In der Zeitnotphase wurde es turbulent, die Entscheidung fiel dann im 41. Zug!? 39.-Kd8 (nach vier Minuten) war subtil, mysteriös und objektiv schlecht (39.-Td2!= jedenfalls für unsere Silikonfreunde), 40.h3 war naheliegend und …. falsch. 40.-Txh3+! war goldrichtig, 41.gxh3 erzwungen, und jetzt? Nach (wieder) 41.-Td2! bekommt Weiß einen Mehrturm, und Schwarz hat Dauerschach. Nach nur vier Sekunden wählte so das falsche Feld für seinen Turm – 41.-Td3? entschied Partie und Turnier zugunsten von Caruana. Er musste sich zwar von seiner Dame trennen, aber hatte dafür mit zwei Türmen, Läufer, Mehrbauer sowie drei verbundenen Freibauern mehr als ausreichende Kompensation, und hier hatte Schwarz kein Dauerschach. Sieben Züge wurden noch gespielt, und So gab auf.

Hatte So nicht realisiert, dass er die Zeitkontrolle bereits geschafft hatte? Eine andere mögliche Erklärung wäre “Remis nützt keinem, dann verliere ich eben” – aber das ist eher eventuell bei Partien der letzten Runde eines Opens der Fall, wenn nur der Sieger Preisgeld bekommt. Einen Vorteil hatte es für Carlsen: Am Freitag konnte er ausschlafen, bei so vielen Spielern (fünf) hätte der Stichkampf bereits um 12:00 mittags begonnen – Nakamura gefiel es, da er nach eigener Aussage der einzige Morgenmensch dieser fünf sei.

Wesley So zeige ich individuell – schliesslich hat er durch Sieg gegen Carlsen und Niederlage gegen Caruana massgeblich zu diesem Ergebnis von Norway Chess beigetragen.

Caruana dann im Mittelpunkt – zwischen Simen Agdestein und Anna Rudolf beim offiziellen Livekommentar.

Fans hat er auch, Autogramme gab er.

Elotechnisch gab es nur leichte Verschiebungen: MVL von sechs auf acht, Karjakin von acht auf zehn, Giri (Zuschauer), So (selbst fast Elo-neutrales Ergebnis) und Nakamura (gutes eigenes Ergebnis) profitierten. Anand nun wieder Nummer 11 vor Aronian.

Wie geht es weiter? Für acht von neun (alle außer Carlsen) bereits ab Dienstag mit Chess Tour Schnell- und Blitzschach in Leuven, danach auch in Paris. Zumindest die Nicht-Europäer (neben Caruana, Nakamura und So auch Anand) haben wohl kaum Zeit, zwischendurch zu Hause vorbeizuschauen. Klassisch wird es für Carlsen, Mamedyarov und Vachier-Lagrave wieder Ende Juli in Biel (zuvor Dortmund mit den beiden top10 Spielern, die in Stavanger fehlten – Kramnik und Giri). Wer bei der Olympiade mitspielt ist nicht völlig klar: Anand nach vielen Jahren mal wieder, für viele ist es selbstverständlich, ein Fragezeichen nur bei Carlsen.

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