Zwei aus drei in Apeldoorn

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Das bezieht sich auf Titelnormen im Vergleich zu dem, was vor der letzten Runde der Schachwoche Apeldoorn noch möglich war. Zehn haben mitgespielt, demnach neun Runden. Sieben davon hofften vielleicht auf eine GM-Norm (6/9), einer brauchte auch noch eine IM-Norm (4/9). Und das kam dabei heraus: IM Ten Hertog und GM Hillarp Persson 6/9, IM Beerdsen, GM Fier, IM Kuipers 5, GM Ernst 4.5, FM Warmerdam 4, IM Pijpers 3.5, IM Praggnanandhaa und IM Gascon Del Nogal 3. Für Hugo ten Hertog ist es die zweite GM-Norm, wobei Elo 2500 bisher noch nicht der Fall war. Max Warmerdam hat dagegen nun alle Voraussetzungen für den IM-Titel erfüllt: drei Normen und auch schon einmal (live) Elo über 2400.

Alle Fotos stammen aus Blogbeiträgen auf der Turnierseite, als Titelfoto der Turniersaal. Eher schlicht aber alles was man braucht ist vorhanden: Tische, Stühle, Bretter, Uhren und auch Getränke. Schiedsrichter achten darauf, dass alles mit rechten Dingen zugeht – dass es rein schachlich mitunter “nicht mit rechten Dingen zuging” konnten und wollten sie dabei nicht beeinflussen. Bevor ich dazu komme noch etwas Vorrede:

Nach eigener Aussage liessen sie sich inspirieren durch Tata Steel Chess, London Chess Classic und Batavia Amsterdam Chess Tournament. Batavia ist naheliegend: ähnliches Format und auch da ist Merijn van Delft Turnierdirektor. Bei Tata Steel Chess ist es am ehesten vergleichbar mit dem Toptienkamp der Amateure – einige Apeldoorn-Teilnehmer haben da auch mal mitgespielt. Stefan Kuipers verzichtet nächstes Jahr und hat eine gute Ausrede: er qualifizierte sich 2018 für die Challenger-Gruppe auf der Bühne 2019. Auch im Toptienkamp ist das Teilnehmerfeld durchaus international – neben Belgiern auch mal ein Russe, Inder oder gar Australier. Allerdings spielt dort generell höchstens ein GM mit. London Chess Classic – nun ja, auch als Schachspieler lässt sich Merijn van Delft vielleicht von der Weltklasse inspirieren, ohne dasselbe Niveau zu haben oder anzustreben.

Wie kam das Teilnehmerfeld in Apeldoorn zustande? Drei Großmeister, und zwar auch Ausländer, braucht man. Sipke Ernst aus NL, Tiger Hillarp Persson aus Schweden (vor allem als moderner Buchautor bekannt) und der Brasilianer Alexandr Fier waren dazu bereit. Fier wohnt in Georgien, hat auch bei Batavia bereits mitgespielt und spielt auch für Schaakstad Apeldoorn – bzw. die erste Mannschaft heisst, da man Sponsoren hierzulande namentlich erwähnen darf, MuConsult Apeldoorn. Niederländer will man natürlich, im Normsinne maximal sechs. Kuipers, Beerdsen und Warmerdam spielen für Apeldoorn (Merijn van Delft übrigens auch). Pijpers spielt für LSG Leiden, offenbar ein befreundeter Verein denn Samstag gibt es noch einen Massenkampf an 50 Brettern zwischen Apeldoorn und Leiden. Wie behält man da eigentlich die Übersicht, wie es im Match insgesamt steht? Wohl nicht, sondern man konzentriert sich auf die eigene Partie.

Bleiben noch die beiden Exoten, zu denen Merijn van Delft meine Anfrage beantwortet hat. Praggnanandhaa wird mitunter, da der Name nicht in die Tabelle passt, mit P.R. abgekürzt – stimmt durchaus, auch wenn der Rummel um ihn sich etwas gelegt hat seit klar ist, dass er doch nicht jüngster GM aller Zeiten wird. Alle wollen ihn – vergleichbare Turniere spielte er auch in Australien, den USA und Griechenland, das nächste anscheinend in Italien. Wie hat Apeldoorn ihn bekommen? van Delft: “Ich habe ihm einfach eine Mail geschickt – in Amsterdam konnte er nicht, aber Apeldoorn passte in seinen Kalender!”. Der Venezolaner Jose Rafael Gascón Del Nogal war mir dagegen kein Begriff – laut FIDE-Eloseiten spielt er ständig Turniere in Spanien und Frankreich und “nie” in Südamerika, vermutlich wohnt er in Europa. Aber der Kontakt entstand anderswo. van Delft: “Ich habe ihn in Paramaribo kennengelernt, als ich in Surinam Schachtrainer ausbildete – er gewann das dortige Turnier.” Also spielte der Herr mit dem langen Namen doch mal in Südamerika, und Merijn (der wohl regelmässig zwischen Hamburg und NL pendelt) war auch mal interkontinental unterwegs.

In Merijns mail stand auch “Stimmt, sicher gut wenn eine Norm (oder Normen) erzielt werden!”. Zum damaligen Zeitpunkt, etwa bei Halbzeit im Turnier, dachte ich an ten Hertog und Beerdsen. Beim Batavia-Turnier sagte van Delft mir allerdings mal “Normen sind nicht so wichtig – Hauptsache wir haben ein nettes Turnier. Ach, die werden doch irgendwann Großmeister.” Nun erst wieder Bilder:

Draussen war es auch schön, nicht nur weil ein Schachbrett vorhanden war. Bier trinken dürfen übrigens (Altersgrenze in den Niederlanden 18 Jahre) nicht alle – Praggnanandhaa noch nicht, Beerdsen (*1998) darf wenn er will, Warmerdam (*2000) vielleicht – sein Geburtsdatum konnte ich nicht herausfinden.

Jorden (van Foreest) und Robby (Kevlishvili) haben auch mal vorbeigeschaut – Apeldoorn liegt recht zentral in den Niederlanden zwischen Groningen und Rotterdam, nur für mich war es ab Texel zu weit weg für einen Tagesausflug.

Und nun zum schachlichen Geschehen:

Oft stand diese oder eine ähnliche Stellung auf dem Brett – das lag neben Tiger Hillarp Persson (der auch mal Sizilianisch spielte) auch an Hugo ten Hertog. Wer hat ihm das beigebracht? Da muss der Leser sich noch etwas gedulden.

Ich beginne mal am Ende des Turniers – ein spannender Najdorf-Sizilianer in der Partie ten Hertog-Warmerdam wurde plötzlich Remis, und zwar nach 6.Le3 Sg4 7.Lc1 Sf6 8.Le3 Sg4 9.Lc1 Sf6 10.Le3 und nun hatten sie oft genug wiederholt und beide hatten die gewünschte Titelnorm. Unter anderen Voraussetzungen hätten sich Beerdsen und Kuipers wohl auch auf Remis geeinigt – wenn nicht so schnell dann irgendwann im ausgeglichenen Endspiel. Aber Beerdsen brauchte im Normsinne den vollen Punkt, Kuipers bekam ihn dann.

Das ist Hugo ten Hertog, einige Momente aus seinen Partien:

Weiß gegen Praggnanandhaa in Runde 2, diese Fast-Schlusstellung war für ten Hertog eher untypisch. Ich zeige sie auch um anzudeuten was u.a. Praggnanandhaas Problem war, nicht nur in dieser Partie – Endspiele. Aus weisser Sicht: im Gewinnsinne muss er unbedingt seinen g-Bauern behalten, der h-Bauer bzw. der Ld1 ist ja “falsch”. Schwarz am Zug, was tun? Richtig war 51.-g4! 52.h4 (52.hxg4 fxg4 und 53.-h4) 52.-f4! 53.gxf4 g3 54.Ke3 Kf5 55.Lxh5 Kf5 nebst -g2 Kf2 Kxf4. Falsch war das gespielte 51.-Kh6? 52.Ke5 usw. .

Runde 3 mit Schwarz gegen Kuipers:

Das war anfangs Pirc, ten Hertog hatte den Bogen eigentlich überspannt. Sein Figurenopfer war zwar korrekt, aber seine Fortsetzung danach nicht. Wenn Weiß nun mit 28.Ld2 seine Dame deckt steht er besser (28.-Dxa2+ 29.Kd3 nebst Ke2). Aber es kam 28.Le3? Db2+ 29.Kd3 Txc4! 30.Dxc4 Txc4 31.bxc4 Dxg2 32.Thh1 Dxf3 usw., die Dame war stärker als zwei Türme – das kam dabei heraus:

0-1 nach 52 Zügen

Die Schlusstellung von ten Hertog-Pijpers 1-0 aus Runde 4, zuvor verlief die Partie nicht unbedingt so einseitig wie diese Stellung suggeriert. Das waren drei Siege – da er danach auch gegen Fier gewann konnte er eine Niederlage gegen Sipkke Ernst verkraften. Zum Abschluss zwei Remisen, das gegen Warmerdam hatten wir bereits.

Gegen den Modernisten Hillarp Persson wählte ten Hertog mit Schwarz einen hypermodernen Aufbau – am Ende hatte er eine (vom Gegner geopferte) Qualität und Weiß hatte “Dauerschach” auf die weisse Dame, die diese Diagonale natürlich nicht verlassen darf und daher, je nachdem wo der weisse Turm stand, zwischen b2 und c3 pendelte. Laut Turnierseite sagte ten Hertog vor dem Turnier, “dass Tiger Hillarp Persson einer der Spieler ist, die ihn in seiner Entwicklung am meisten inspirierten”. Die Frage, warum er Pirc/Modern spielt, ist hiermit beantwortet.

Das ist Fussballfan Thomas Beerdsen (auf chess24 nennt er sich “Feyenoord”). Ich zeige, wie er mit Großmeistern umsprang und auch warum in der letzten Runde Remis nicht für eine GM-Norm reichte.

Die Schlusstellung zu Hillarp Persson – Beerdsen 0-1 aus Runde zwei. Der Schwede spielte auch mit Weiß Sf3, g3 und d3, das heisst nicht etwa Crip (Pirc umgedreht) und “crap” ist es auch nicht, es heisst Königsindischer Angriff. Beerdsen wählte die aggressive Methode mit 8.-0-0-0, 10.-g5 und weiter am Königsflügel spielen, es funktionierte wunderbar.

Zu Beerdsen-Fier 1-0 tags darauf eine Diagrammserie:

6.g4 gegen Taimanov-Sizilianisch ist selten, auch wenn selbst Carlsen mal so spielte (und in einer Schnellpartie gegen Theorieguru Kasimdzhanov damit Erfolg hatte). 9.h4 und 10.f4 folgte, und 16.f5 war bereits der Anfang vom schwarzen Ende. Sein Springer hatte sich auf h4 verlaufen, Lf4 droht auch. Fier spielte 16.-Lxe4 17.Lxe4 0-0-0(!?) und am Ende starb sein König doch auf dem Feld h8.

Aller guten Dinge wurden fast drei, tags darauf war er auch mit Schwarz gegen Sipke Ernst nahe am Sieg, aber es wurde dann Remis und dieser halbe Punkt fehlte vielleicht vor der letzten Runde. Dabei war für ihn auch weniger drin:

Nach 16.-Lxf2+?! 17.Kxf2 e3+ – Weiß am Zug, was tun? Nach einer Minute spielte Ernst 18.Kg1 – logisch und falsch (18.Kf1!), der Unterschied wird gleich klar: 18.-exd2 19.Sg6 (das geht) 19.-Dxe2 (das geht, mit weissem König auf f1 ginge es nicht und Schwarz hätte keine Kompensation für die abhanden kommende Qualität).

Danach hatte Ernst eine Remiskombination – ich zeige nur die Schlusstellung:

Schwarz droht latent Matt, aber Weiß hat Dauerschach. Stattdessen bekam Beerdsen Oberwasser.

In dieser Stellung nach 25.Kh1 und später nochmals im 32. Zug fand er allerdings nicht die allerbeste Fortsetzung und landete dann in diesem Endspiel:

“Der Rest ist Technik?” – mag sein, aber keine triviale.

Hier – nach 48 Zügen – sagen Engines 0.00, zwei Springer sind nicht besser als ein Turm. Beerdsen versuchte es noch bis zum 80. Zug, dann war es offiziell Remis.

Beerdsens Normhoffnungen erlitten in der vorletzten Runde einen Dämpfer von ausgerechnet Praggnanandhaa, der sonst kein gutes Turnier hatte (einen Grund nannte ich bereits). 1.Sf3 f5!? musste vielleicht nicht unbedingt sein, wenn Remis an sich ein gutes Ergebnis ist. Nach 30 Zügen hatte Weiß Dame und Bauer gegen Turm und Springer, Beerdsen spielte weiter – die Hoffnung stirbt zuletzt, und der Gegner war offenbar in Zeitnot (auch daran muss der junge Inder eventuell noch arbeiten). Nach 43 Zügen beschloss er, dass man (aus Beerdsen-Sicht) Turm und zwei Bauern gegen Dame und fünf Bauern (drei verbundene Freibauern) nicht mehr weiterspielen sollte.

Zum Schluss verlor er trotz Mehrfigur gegen Kuipers. Mehrfigur war dabei relativ: Beerdsen hatte einen Springer und sonst nichts mehr, Kuipers hatte drei Bauern – materiell ausgeglichen, positionell glatte Gewinnstellung für Kuipers. Aus Beerdsens Sicht war das unnötig, aber Remis war eben auch zu wenig.

Und nun weiter unten in der Tabelle – für Max Warmerdam war 4/9 ein gutes Ergebnis, da es neben 23 Elopunkten (mit noch K-Faktor 20. Elo 2400 hatte er ja zwar mal live aber noch nie offiziell) auch eine IM-Norm bedeutete. Er konnte sich auch einige Unfälle leisten, einen gleich zu Beginn gegen Tiger Hillarp Persson:

Der Tiger hatte den modernen bzw. Pirc-Bogen eigentlich etwas überspannt – 16.Txe3 und Weiß steht besser. Aber Warmerdam wollte noch einen Bauern einsammeln: 16.cxd6?? Da7! – es folgte noch 17.dxe7 Sxd1 18.e5 Dg1 0-1.

Besser lief es auf kuriose Weise tags darauf gegen Gascon usw. :

Was, wenn Schwarz hier 12.-Kxh7 spielt? Weiß hat dann Dauerschach auf h5 und f7, nicht mehr und nicht weniger. Aber es kam 12.-Kf8?? (Gewinnversuch??!) 13.Dh5 (droht Matt auf f7) 13.-g6 14.Lxg6 (droht Matt auf h8 – auf schwarzes Dxh1+ jeweils Ke2 und die schwarze Dame hängt) 14.-Lf6 15.Le4 – droht wieder Dxf7# und einiges mehr, daher 1-0.

Wiederum tags darauf das mit Schwarz gegen Praggnanandhaa:

Gegnerischen Damenbesuch auf d6 musste Warmerdam nicht zulassen, aber noch war nichts passiert – wenn er nun den Tf8 verteidigt (16.-Sa6, 16.-Sd7) oder zieht (16.-Te8) kann er jedenfalls weiterspielen. Stattdessen nach knapp 12 Minuten 16.-b4?? 17.gxh6+ Kh7 18.Dxf8 usw. – Schwarz suchte noch ein Dauerschach, ohne es zu finden, 1-0 nach 26 Zügen.

Nach sieben Runden hatte Warmerdam 2.5/7, aber die Partie in Runde 8 gegen Sipke Ernst lief wunderbar, auch wenn er es wieder nicht schaffte eine Figur zu opfern:

Zuvor kam 20.Lh6!? Sd6? 21.Dg4! g6 22.Lxg6! – nach 22.-fxg6 oder 22.-hxg6 würde Weiß noch einen drauflegen: 23.Sxg6, und diese Figur ist natürlich tabu (aber wenn Schwarz sie nicht nimmt, verliert er auch). Stattdessen geschah 22.-Kh8 23.Lxh7 Tg8 24.Lxg8 Txg8 25.Dh5 Sf6 26.Dxf7!? – hübsch und danach hat Weiß letztendlich Qualität und drei Bauern mehr. Für Sipke Ernst Grund genug, um aufzugeben, auch wenn er vorläufig nicht mattgesetzt wird. Der Sipke-Sinn für Gefahren haperte zuvor – Damenbesuch auf g4 musste er unbedingt verhindern (20.-Lc8 oder 20.-Sf6).

Der zu IM-Norm und IM-Titel noch fehlende halbe Punkt war tags darauf Formsache, das hatten wir bereits.

Tiger Hillarp Persson, immerhin am Ende geteilter Turniersieger, hatte ich zuvor übersprungen. Er hatte ein kurioses Turnier: nur mit Schwarz konnte er gewinnen, das allerdings immer. Da er fünfmal Schwarz hatte und zwei seiner vier Weisspartien remis halten konnte, waren es 6/9. Trotz scharfer Eröffnungen waren seine Schwarzsiege dann eher technisch in Endspielen, die Ausnahme gegen Warmerdam hatten wir bereits. Ein Moment aus Runde 7 mit Schwarz gegen Kuipers:

Das war – auch wenn Apeldoorn mich nicht eingeladen hatte – ein Richter-Rauzer Sizilianer. Weiß steht gut – Mehrqualität auch wenn der Ld7 sich etwas verlaufen hat. c2 hängt, was tun? Das kann man eventuell einfach ignorieren, man kann auch 26.Dxh6+ Kg8 27.b3 spielen, am besten ist laut allwissenden Engines 27.c3. Kuipers spielte 26.b3? Df4! – Vorteil futsch: die schwarze Dame steht hier gut, unter anderem deckt sie h6. Und Schwarz kann mit -Lg6 c2 wieder angreifen, worauf Tc1 wegen schwarzem -La3 nicht wirklich hilft. Und nun 27.Dd3? e4 28.Dh3 f5 – Ausgleich für Weiß futsch: schwarze Bauern laufen, auf der Diagonale a1-h8 droht eventuell einiges, und nach der Notbremse Damentausch musste Weiß sich von seinem Ld7 ersatzlos (bzw. für das Bäuerlein auf e6) verabschieden.

So schnell kann eine Partie kippen, wobei Kuipers zu diesem Zeitpunkt (Runde 7) wusste, dass Hillarp Persson eben immer mit Schwarz gewinnt.

Nun noch bunt Gemischtes von anderen Spielern. In Runde 2 gab es kein einziges Remis, und alle drei GMs verloren mit Weiß gegen IMs. Die Ehre der Weißspieler retteten ein international recht unbekannter IM gegen einen weltbekannten sowie ein FM gegen einen IM (ten Hertog-Praggnanandhaa 1-0, Warmerdam-Gascón 1-0). Bei einer GM-Niederlage ging es “nicht mit rechten Dingen zu”:

Fier-Pijpers nach zuletzt 50.b7+ Kb8 – wie diese Stellung zustande kam (anfangs theoretisch relevant in einem sizilianischen Drachen-Abspiel) sprengt den Rahmen dieses Beitrags. Weiß steht jedenfalls prima, so prima dass Engines (wenn man sie etwas rechnen lässt) bei sechs Zügen bis zum Matt rechnen können. Am einfachsten (und schnellsten) war 51.Sb5 nebst Turm auf die siebte Reihe und a7#. Konkret könnte folgen 51.-Sf6 52.Tc5 Se4 (52.-Se8 53.Tc8#) 53.Tc7 usw. – da Schwarz hier noch einige Racheschachs hat, bevorzugen Engines 52.c5 nebst c6 und a7#.

Das hatte Fier wohl so ähnlich vor, aber er wählte die falsche Version: 51.Td7?? (21. Wahl von Engines) 51.-Se5! (nur so!) 52.Te7 (nach 23 Minuten – Fier hatte noch reichlich Bedenkzeit und bemerkte wohl, was er angestellt hatte) 52.-f2 53.Txe5 (53.Sb5 Sc6 ist des Pudels Kern) 53.-f1D 54.Kb4 Df6 0-1 statt 1-0.

Auch Fier hatte zumindest anfangs ein etwas kurioses Turnier – in Runde 2, 3 und 6 Niederlagen gegen IMs (nach Pijpers auch Beerdsen und ten Hertog) und dazwischen Siege gegen seine beiden GM-Kollegen (der mitdenkende Leser weiss, dass er gegen Hillarp Persson Schwarz hatte). Auch in Runde 1 schwebte er gegen einen IM am Rande des Abgrunds:

Kuipers-Fier – Taimanov-Sizilianer mit zuletzt 17.Sxe6! fxe6 18.exd5 Lxd5 19.Lg6+ Ke7. Erbsenzähler sagen, dass Schwarz eine Mehrfigur hat, Ästheten bevorzugen allerdings wohl die weisse Stellung (Engines auch). Nun kam 20.f5 (nach 17 Minuten aber stellungsmässig überhastet) 20.-Sxf5 (erzwungen) 21.Lxf5 g6!. Nun droht 22.-Lh6, und Weiß muss daher die Damen tauschen – in der Partie mit 22.Dc5+ Dxc5 23.Lxc5, es ging auch kreativer mit 22.Ld3 Lh6 23.Dxh6 Txh6 24.Lb6 mit Damen-Rückgewinn. Schwarz überlebte, das Endspiel war etwa ausgeglichen. Wieder mal bewahrheitete sich, dass die lange Rochade so heisst weil man danach auch noch Kb1 spielen sollte (den richtigen Moment dafür finden ist in der Praxis nicht so einfach).

Engines empfehlen diverse andere 20. weisse Züge, z.B. 20.Kb1 oder 20.Kb2. Am besten offenbar 20.Lf2 – Türme verbinden, eventuell mal Lh4, aber vor allem Schwarz in seinem eigenen Saft schmoren lassen. Engines empfehlen Schwarz auch nach 20.Lf2 20.-Sf5, da er auf 21.Lxf5 Kf7 immerhin seinen Figurenknoten am Königsflügel langsam auflösen kann – Weiß steht danach natürlich trotzdem besser.

Stefan Kuipers’ selbstgewählter Twitter-Name ist TricksOnlyNL – da hat er auch sein Turnier kommentiert. Getrickst hat er durchaus, manchmal wurde er auch ausgetrickst. In Kuipers’ turnierrelevantester Partie in der letzten Runde hat sich Beerdsen dann selbst ausgetrickst, aber dazu keine Diagramme.

Einen habe ich noch, die Schlusstellung von Gascón-Fier 1/2 (20 Züge)

Dauerschach mit -Sd4+ und -Sc2+ – konzeptuell bekannt, mit genau dieser Zugfolge im Nimzo-Inder Neuland. Beide spielten dabei flott, vielleicht war es (wie auch die Turnierseite vermutet) ein vorab vereinbartes Remis unter Südamerikanern. Da sich Magnus Carlsen zu dieser Partie nicht äusserte, muss ich das allerdings nicht vertiefen.

Wie geht es weiter?

Für Fier, Kuipers, Gascón, Beerdsen, Warmerdam (alle für Apeldoorn, wie auch Merijn van Delft) und Pijpers (für Leiden) mit dem bereits erwähnten Massenkampf. Ab Brett 31 von 50 haben da beide Spieler Elo unter 2000. Es ist angerichtet (Foto auf Twitter gefunden, Anstoss Samstag 13:00). Ob Titelträger auch Sonntag beim “Apeldoorns Kroeglopertoernooi” mitspielen wird sich herausstellen – jedenfalls sieben Runden Schnellschach für Duos in sieben Cafes in der Apeldoorner Innenstadt, derlei gibt es auch anderswo in den Niederlanden.

Praggnanandhaa reist weiter nach Italien – wo er da spielt, dazu habe ich nicht recherchiert. Wir werden es wohl mitbekommen, wenn er da seine dritte und letzte GM-Norm erzielen sollte, sonst nicht unbedingt. Jedenfalls einige Apeldoorn-Teilnehmer werden wohl im Sommer das eine oder andere Open spielen, in NL oder anderswo.

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