Blitzdrama in Leuven, aber So remisiert sich zum Gesamtsieg

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Am liebsten hätte er vielleicht alle achtzehn Blitzpartien remisiert, aber da er fünfmal verlor musste er auch dreimal gewinnen – und zwar gegen die beiden Spieler (Caruana und Giri), die insgesamt und auch separat im Blitz am Tabellenende landeten. Wesley Sos Vorsprung aus dem Schnellturnier schmolz dahin und war vorübergehend komplett dahin, aber am Ende reichte es – gerade so.

Das ist der kombinierte Endstand: So 22, Karjakin und Vachier-Lagrave 21.5, Nakamura 21, Aronian 20.5, Grischuk 17.5, Mamedyarov 17, Anand 14.5, Caruana 13.5, Giri 11. Bei der Chess Tour werden aus derart kleinen Unterschieden auf Platz 1-5 grosse Unterschiede bei Preisgeld, Tourpunkten und dadurch Chancen auf noch mehr Preisgeld im Finale der besten Vier in London. Diesbezüglich ist die Chess Tour fast vergleichbar mit Blitzturnieren vor Superturnieren: wichtig ist vor allem, in der oberen Tabellenhälfte (beste vier von neun) zu landen – Gelegenheitsspieler Giri hat dieses Rennen dann nicht beeinflusst (bzw. auf seine Weise doch, aber das kommt später).

Das Blitzturnier separat betrachtet, wobei ich da die Ergebnisse nach Tag eins und zwei aufbrösele: Karjakin 11.5(6.5+5), Nakamura 11(5+6), MVL 10.5(4.5+6), Grischuk 9.5(5+4.5), Anand 9.5(5+4.5), Aronian 9.5(5.5+4), Mamedyarov 8(3+5), So 8 (4+4), Caruana 6.5(2.5+4), Giri 6(4+2). Blitztechnisch war Wesley So der konstanteste Spieler – konstant mittelmässig. Wenn dieses Turnier eigenständig wäre oder vor dem Schnellschach ausgetragen würde, stünde er nicht im Mittelpunkt und würde auch nicht das Titelbild bekommen – alle Fotos wieder von Lennart Ootes, ab Turnierseite auf Flickr. Caruana und So hatten jeweils einen gaaanz schlechten Tag, Mamedyarov war am ersten Tag auch nicht gut drauf. Anand hat sich im Vergleich zum Schnellturnier etwas rehabilitiert, konnte allerdings nur Caruana in der Gesamtwertung überholen.

Zu Tag eins nur ein paar Bemerkungen, Tag zwei dann ausführlicher “Runde für Runde”. Wesley Sos Remismaschine stockte erstmals in Runde 5 – Giri misshandelte ein Doppelturmendspiel, das musste So dann gewinnen. Groberer Sand ins Getriebe kam in Runde 8 – Niederlage gegen Mamedyarov. Und Runde 9 gegen Nakamura war verkehrte Welt: Schwarzspieler Nakamura wollte (Lasker-Variante im Damengambit) Remis, aber So dachte nun plötzlich “(fast) immer Remis spielen ist langweilig, ich will auch mal verlieren”. Nakamura bekam in Mittel- und Endspiel diverse Chancen, die er entweder sofort oder einige Züge später nicht nutzte. Gegen den letzten gegnerischen Verlustversuch war er dann machtlos: So hat im Endspiel Turm gegen Turm und Springer seinen Turm eingestellt.

Für Nakamura war das der dritte Sieg nacheinander zum Tagesende, zuvor lief es allerdings nicht für den Spieler, der quasi vollmundig angekündigt hatte “ich kann Sauron So noch gefährden”. Ausgerechnet Giri hatte zu Beginn etwas dagegen und besiegte Nakamura – trotz 5.Te1 gegen die Berliner Mauer wurde es später eine kräftige Tracht schachliche Prügel für den Amerikaner der schon immer Amerikaner war. Weitere Niederlagen folgten gegen MVL und Anand, für die Partie gegen den Franzosen bekommt er immerhin einen Preis:

17.-e4 war vielleicht das unklarste Bauernopfer aller Zeiten – im Sinne von “unklar, was er damit eigentlich erreichen will”. Später überschritt Nakamura (in Verluststellung) gar die Bedenkzeit. Eine gute Nachricht gab es allerdings in Runde 4:

Nakamura-Aronian 1-0 war später ein wildes Gehacke im Springerendspiel mit beiderseits noch Sekunden – daher nicht perfekt behandelt (selbst mit zwei Mehrbauern für Nakamura war es vorübergehend wieder objektiv Remis), aber Punkt für Weiß. In Runde 8 verwandelte Nakamura dann gegen Grischuk eine Verlust- in eine Gewinnstellung, bzw. das machte Grischuk selbst.

MVL begann stark mit 2.5/3 und hatte am Ende des Tages 50%, neben Nakamura drehte noch einer zum Schluss auf – Karjakin mit ebenfalls 3/3, allerdings zuvor ungeschlagenen +1 und damit insgesamt 6.5/9. Damit lagen er und Aronian noch 1,5 Punkte hinter Wesley So.

Dann war da noch was:

Diskussionen zwischen Grischuk und Anand nach der Partie, was war passiert? Sie einigten sich in dieser Schlusstellung auf Remis:

Schwarz am Zug konnte nach 71.Df8??! statt “ich bin einverstanden” auch 71.-De1# spielen. Aber er hatte fest mit 71.Df7+ und Dauerschach gerechnet, seine Hand war bereits auf dem Weg zum König und er akzeptierte Vishys Remisangebot, erst danach bemerkte er den gegnerischen “mouse slip”. Zuvor stand Grischuk übrigens über weite Strecken der Partie besser bis klar gewonnen.

Tag 2 wurde sofort spannend:

Ich zeige Bühne, Zuschauer und im Vordergrund Karjakin-So aus Runde 10 (die erste am zweiten Tag). Karjakin begann mit 1.b3 und erreichte damit wenig bis nichts, aber später gewann er im Endspiel – nur noch ein halber Punkt Rückstand auf So für ihn! Aronian konnte nicht ganz mithalten – in vorteilhafter aber kompliziert-unklarer Angriffstellung begnügte er sich gegen Mamedyarov mit Dauerschach.

Den einen Verfolger konnte So in Runde 11 auf Distanz halten – lockeres Weißremis gegen Aronian, und seinen halben Punkt Vorsprung auf Karjakin behielt er, da dieser ein gewonnenes Turmendspiel gegen Nakamura nicht gewinnen konnte. In Runde 12 blieb es beim Status quo (Anand-So 1/2, Aronian-Karjakin 1/2), wobei MVL mit seinem Schwarzsieg gegen Nakamura sagte “mich gibt es auch noch” – Stand vorne nun So 19, Karjakin 18.5, Aronian und MVL 18. Wie MVL gewann, siehe später unter “Einzelkritik”.

In Runde 13 war es soweit: Gleichstand an der Spitze! So spielte Remis, nun gegen Grischuk, und Karjakin gewann ein Turmendspiel gegen Anand. Immerhin gab es eine gute Nachricht aus US-Sicht: Nakamura zockte erfolgreich gegen Aronian. Sein Figurenopfer in gegnerischer Zeitnot war eigentlich inkorrekt, aber Aronian fand nicht den einzigen (dabei recht naheliegenden) 30. Zug um dies zu beweisen und verlor die Partie noch. In Zeitnot war er, da Nakamura eben immer schnell spielt und da er selbst zuvor langsam spielte. Das lag vielleicht auch daran, dass er 1.e4 ausprobierte und sich in Strukturen des geschlossenen Sizilianers nicht so auskannte (in anderen Partien bekam er oft 1.-e5 vorgesetzt, das kennt er ja aus schwarzer Sicht).

Nach dieser Runde “musste” Maurice Ashley erwähnen, dass Karjakin im Schnellturnier mehrfach mit Glück Verluststellungen überlebt oder gar noch gewonnen hatte. So bekam ja auch halbe (bzw., da Schnellpartien doppelt zählen) ganze Punkte geschenkt durch grobe gegnerische Patzer in Remisstellungen, aber das war nicht erwähnenswert.

Nach Runde 14 jubelten die unvoreingenommenen Livekommentatoren wieder, das lag unter anderem an dieser Partie:

Grischuk-Karjakin 1-0 – keine Schützenhilfe unter Russen. Karjakin stand in einem Katalanen bereits mehr als verdächtig, dass er dann eine Qualität einstellte half auch nicht. Auch MVL verlor, im Endspiel gegen Mamedyarov, während So mit gegnerischer Hilfe sein Endspiel gegen Giri gewann. Na also, es geht doch – jedenfalls gegen Giri. Wieder ein Punkt Vorsprung für So.

Runde 15: So spielte gegen MVL mit Weiß konsequent auf Remis und bekam was er wollte – im Schongang zum Turniersieg? Karjakin zerlegte allerdings Giri mit 1.b3!! – zwei Ausrufezeichen gibt es für diesen Zug nur, wenn der Gegner (wie in diesem Fall) Gefahren auf der langen Diagonale sträflich unterschätzt. Aronian hatte nach glattem Sieg gegen Grischuk auch wieder gewisse Chancen auf den Turniersieg – Stand vorne: So 21, Karjakin 20.5, MVL und Aronian 19.5.

Runde 16 lief wieder nach Wunsch für So und seine Fans, erst zu seiner eigenen Partie: So wollte zwar Remis, aber Caruana wollte verlieren. Einfach war es nicht, da der Ex-Filipino mehrere Verlustversuche des Italo-Amerikaners abfederte. Dann ein Endspiel mit zwei Türmen für So und Dame für Caruana.

Hier setzte Caruana an zu 48.De4??? und traute sich dann doch nicht, stattdessen 48.Db7.

Aber nun war er konsequent: 71.Db6??? Txg3 0-1. Livekommentar dazu: “Wesley did it!!!”. “Fabi did it” stimmt eher … .

Auch im Verfolgerduell patzte einer im Endspiel übelst, aus amerikanischer Sicht der richtige Spieler: MVL-Karjakin 1-0. Alles lief allerdings nicht nach Wunsch – Schwarzsieg von Aronian gegen Giri. Dennoch: Stand zwei Runden vor Schluss So 22, Karjakin, MVL, Aronian 20.5 – “der Drops ist gelutscht”, zwei Remisen reichen So zum Turniersieg, nur Platz zwei noch spannend. Aber – das sei bereits verraten – So hatte das Remis spielen nun komplett verlernt!

“Best case scenarios” gab es bereits für So, Runde 17 wurde ein worst case scenario. Er selbst konnte ein schlechtes Turmendspiel gegen Mamedyarov nicht halten, zuvor stand er einen Moment lang klar besser –

wenn er hier 28.Sd5!! findet, aber derlei findet ein Remisspezialist eben nicht. Gleichzeitig erlitt Caruana gegen Karjakin Schiffbruch (Karjakin akzeptierte das williger als So in der Runde zuvor). Im Verfolgerduell Aronian-MVL wollte So wohl am liebsten ein Remis – aber das macht er selbst regelmässig, andere müssen es nicht auch machen. Es stand unter dem Motto “mach’s noch einmal Levon” – wieder 1.e4 nebst geschlossenem Sizilianer, wieder investierte Aronian viel Bedenkzeit. MVL bekam Oberwasser, nachdem Aronian mit seinem Angriffslatein am Ende war. Eher aus der Not geboren gab Aronian eine Qualität. Da der Franzose mit 29.-e4, 30.-e3 und 31.-e2 übereifrig wurde war Aronian “im Prinzip” zurück in der Partie – wohl ohne es zu bemerken, jedenfalls nutzte er seine Chancen nicht und verlor doch glatt.

Damit hatte So (22) vor der letzten Runde einen halben Punkt Vorsprung auf MVL und Karjakin (beide 21.5), während Aronian sich aus dem Rennen um den Turniersieg verabschiedet hatte. Diesen halben Punkt Vorsprung behielt er dann, aber nicht “so” wie er und andere es sich vorgestellt hatten:

Runde 18:

Nakamura-So 1-0: Nakamura konnte am selben Tag zum dritten Mal dieselbe Eröffnungsfalle anwenden – da es nur einen Bauern einbrachte (für den Schwarz gewisse Kompensation hatte) spielten sie weiter. Nakamura behielt vorläufig Oberwasser, konkret wurde es nicht. Dann wurde die Partie gar unterbrochen – Schiedsrichter ermahnten beide Spieler, nicht so wild auf die Uhr einzuprügeln! Blitz-Hooligan Nakamura macht das wohl gerne, und So ist lernfähig? Danach konnte So einen Moment lang gar mattsetzen, aber das wäre dann doch zuviel des absurden. Und dann gewann Nakamura.

Wer konnte von Sos Niederlage profitieren? Wie der Leser bereits weiss: niemand!

MVL-Anand 0-1: Anfangs war der Franzose nahe daran, diese Partie und damit – angesichts der Ergebnisse in anderen Partien – das Turnier zu gewinnen. Sein Bauernopfer in der Eröffnung war korrekt, aber er setzte nicht energisch genug nach. Später hatte der Franzose im Endspiel noch mehrfach Remischancen, die er jedoch nicht nutzte.

Mamedyarov-Karjakin 1-0: Gewinnchancen hatte Karjakin nie, aber im erträglichen Bereich war es für ihn, bis er die Öffnung der h-Linie gegen seinen König zuliess. Diese Gewinnstellung im Mittelspiel gewann Mamedyarov – im Gegensatz zur Gewinnstellung im Endspiel, die er in ihrer Schnellpartie hatte.

Damit hatte Carlsen-Verschnitt So das Turnier doch gewonnen, und zwar im Stile von Magnus Carlsen beim Londoner Kandidatenturnier. Der norwegische Medienliebling verlor damals in der letzten Runde gegen Svidler – was keine Folgen hatte, da Konkurrent Kramnik gegen Ivanchuk ebenfalls verlor. Damals und diesmal gewann der nach westlicher Medien-Mehrheitsmeinung “richtige” Spieler das Turnier (MVL hat eher keine Lobby, Karjakin sowieso nicht).

Noch ein aus amerikanischer Sicht richtiges Ergebnis gab es in der letzten Runde: Caruana-Aronian 1-0 – Caruana (der insgesamt seinen Ruf als schlechter Blitzer bestätigte bzw. anderslautende Gerüchte widerlegte) brachte es wenig, aber so landete Nakamura noch auf Platz 4 vor Aronian.

So posierte dann mit Sponsor Jan Callewaert, oder umgekehrt.

Ein Interview mit Maurice Ashley gab es auch. Noch einer zeigte sich in Leuven, aber das muss ich nicht fotografisch dokumentieren. Ein gewisser Garry Kasparov wurde mal wieder dafür gelobt, dass er die Chess Tour erfand um sich selbst zu profilieren. Selbst brachte Kasparov auch wieder mal ein “Ave Carlsen Halleluja”: “Letztes Jahr wurde So in Leuven nach Sieg im Schnellschach im Blitz noch von Carlsen überholt, aber wie wir wissen ist Karjakin nicht Carlsen”. Das war während dem Turnier – natürlich ist Karjakin nicht Carlsen, und das ist gut so. Fast hätte Karjakin dann doch So überholt, aber Leuven hatte am Ende den “richtigen” Sieger, nämlich einen (Wahl-)Amerikaner.

Noch ein So-Foto, schon am ersten Tag hatte er gute Laune – Remis spielen macht Spass! Nach dem Turniersieg dankte er “the Lord” – soweit bekannt, aber er ergänzte dass sein Turniersieg ein Wunder war. So kann man es sehen, oder so wie die Livekommentatoren: es war verdient. Womit oder warum er es im Blitzturnier verdient hatte ist vielleicht unklar – er ist bzw. wurde eben Amerikaner. Dass Karjakin Sos Turniersieg auch als verdient bezeichnete: Sergey ist eben ein netter und höflicher Kerl.

Danach dankte So Vishy Anand (“my man Vishy”) für seinen Schwarzsieg in der letzten Runde gegen MVL, und auch Mamedyarov dafür dass er seinen Sieg gegen So in der letzten Runde neutralisierte. Anand musste darüber lachen, noch einer im Publikum lachte herzlich: der neben Anand sitzende Giri – der sich mit Anand gut versteht und sein eigenes Desaster mit Fassung ertrug.

Giri (hier in einer Pose, die zu seinen Partien passt) hatte ja dazu beigetragen, dass der richtige bzw. ein richtiger Spieler in Leuven gewann: gegen So verlor er beide Blitzpartien, gegen Karjakin und MVL spielte er einmal Remis – Vorteil Wesley So, zwar nur ein halber Punkt aber den brauchte er.

Nakamura, der zuvor gegen So und auch Caruana (“hat im WM-Match gegen Carlsen keine Chance”) gestichelt hatte, sass dagegen mit eher saurer Miene im Publikum. Caruanas Beifall für So wirkte eher höflich-zögerlich. Die USA haben bei der Olympiade zwar Starspieler, aber kein Team!? Solange bzw. sofern es nach Wunsch bzw. Plan läuft ist das egal.

Nun noch “Einzelkritik” zu den Spielern auf Platz zwei bis fünf – zu So ist bereits alles gesagt.

Karjakin wählte statt des Grand Chess Tour Jacketts auch mal sein eigenes russisches. Seine stärkste Phase hatte er am Ende des ersten und zu Beginn des zweiten Blitztages. Bis einschliesslich Runde 13 blieb er ungeschlagen, neben sauberen technischen Leistungen vor allem gegen So und Anand profitierte er bei Siegen auch von gegnerischen Fehlern. Am buntesten trieb es Anand in ihrer ersten Blitzpartie – er brachte ein Scheinopfer das nur scheinbar diesen Namen verdiente, objektiv war es ein Figureneinsteller:

Nach 18.Sxe4??! Sxe4 funktionierte … nichts, weder 19.Ld3 Dxf2+ (hatte Vishy dies anfangs übersehen?) noch das langsame 19.Te2 noch der Partiezug 19.Dc2 Sf6 – die schwarze Dame ist gedeckt, die weisse angegriffen, damit hat Weiß keine Zeit für 20.Txe7. 20.Ld3 Dd7 21.Lb5 Dd8 brachte auch nichts, zwei Züge später gab Anand auf.

Gegen Grischuk entwischte Karjakin in der Hinrunde in einer wilden Partie (kurz vor Schluss stand er allerdings auf Gewinn, aber dieses Remis als verlorenen halben Punkt zu bezeichnen wäre übertrieben), und derselbe Grischuk stoppte Karjakin in der Rückrunde. Bei Grischuk, generell auch ein starker Blitzer, haperte es diesmal mit der Chancenverwertung.

Ab Runde 14 (bzw., einschliesslich Sieg gegen Anand, ab Runde 13) gewann und verlor Karjakin abwechselnd, das reichte dann nicht für Turniersieg oder zumindest Stichkampf. Den fehlenden halben Punkt konnte er am ehesten in der zweiten Partie gegen Nakamura erzielen, aber auch Carlsen verwertet – trotz anderweitiger Gerüchte – nicht jede technische Gewinnstellung.

Vachier-Lagrave war nicht nur optisch ein Farbtupfer, bei ihm war der zweite Blitztag besser als der erste. Viele hatten Respekt vor seinem Najdorf-Sizilianer – Giri nicht, auch wenn 6.g3 nicht unbedingt prinzipiell war (Giri patzte später im Endspiel). Gegen anti-Najdorf Alibivarianten punktete er fleissig, am schönsten die opferreichen Schwarzsiege gegen Nakamura und Caruana – nur Anand besiegte MVL nach 1.e4 c5 2.Sc3. Den fehlenden halben (oder gar vollen) Punkt konnte er vielleicht am ehesten in der allerletzten Runde gegen Anand bekommen, es kam anders.

Nakamura – Foto vom zweiten Tag, in diesem Outfit fiel er in der Liveübertragung auch dann auf, wenn eine andere Partie Thema und er selbst Hintergrund war. Er ist ein Zocker und geniesst Situationen mit beiderseits noch Sekunden auf der Uhr – noch besser natürlich, wenn er im Gegensatz zum Gegner noch Minuten hat. Die Chancen für Bullet als Teil der Chess Tour sind dabei wohl klein, da er nicht der einzige Amerikaner ist (Caruana und So gefällt es wohl nicht so).

Geholfen hat ihm, dass Gegner dreimal in dieselbe Eröffnungsfalle tappten. Geholfen hat auch, dass Grischuk aus den zwei Partien gegen Nakamura statt möglichen 2/2 nur 0.5/2 erzielte – hatte ich Grischuks mangelnde Chancenverwertung bereits erwähnt? Kurios war der Beginn seines 3.5/4 Schlusspurts – Schwarzsieg gegen Vishy Anand:

Anands Angriff war zuvor etwas Engine-inkorrekt, in einer Blitzpartie dabei einen Versuch wert und hier steht Weiß gut – direkt davor verschmähte er zu Recht eine dreimalige Stellungswiederholung. Was nun? Natürlich muss die weisse Dame ziehen, und zwar auf die g-Linie um den Lg7 zu fesseln. Für Unterschiede zwischen 38.Dg4, Dg5 oder Dg6 kann man mit klassischer Bedenkzeit vielleicht einige Minuten investieren, im Blitz sollte man einfach einen dieser Züge spielen – dann ist die weisse Dame offenbar hier stärker als drei schwarze Leichtfiguren. Aber Anand wählte 38.De6? Lxc3 39.Tf1? (38.Dg6+ Lg7 – sonst hat Weiss Dauerschach – 39.Dxb6 wäre noch Schadensbegrenzung) 39.-Taf8 und hatte damit einfach so einen ganzen Turm eingestellt.

Dreimal hatte ich nun Anand-Diagramme – vielleicht sollte er Grischuk fragen, ob dieser ihm sein T-Shirt “Strange illusions curious incidents” ausborgt oder wo man dieses kaufen kann. Aber zurück zu Nakamura: “Wo konnte er mehr Punkte erzielen?” – diese Frage erübrigt sich: erstaunlich genug, dass er mit den Stellungen die er teilweise hatte 11/18 erzielte. Dabei ist es seine Interpretation von Blitzschach, und es funktioniert eben – jedenfalls für ihn, als Schachtrainer der ich auch ein bisschen bin würde ich sagen “nicht zur Nachahmung empfohlen”.

Aronian mit Lockerungsübungen während einer Partie. Er wählte oft den Vorwärtsgang, u.a. hübsche Angriffssiege mit Weiß gegen Anand und Giri – wenn auch nicht total Engine-korrekt, aber ohne dabei den Bogen zu überspannen. 0/2 am Ende bedeutete Platz 5 insgesamt, und auch im separaten Blitzturnier nur Platz 3-5 mit Grischuk und Anand (die im Schnellschach weniger gepunktet hatten). Diese beiden bespreche ich nicht auch noch – wobei ich bereits andeutete dass für sie mehr möglich war.

Bleibt noch “Wie geht es weiter?”. Neun der zehn Spieler sind bereits unterwegs nach Paris, denn es gilt “mach’s noch einmal, Chess Tour”. Ab Mittwoch fast dasselbe Turnier im selben Format mit vielleicht anderen Ergebnissen – Spieler haben mehr oder weniger Glück als in Leuven bzw. patzen selbt öfter oder seltener. Wenn man aus Leuven irgendwelche Schlussfolgerungen ziehen kann, dann höchstens dass es fünf Favoriten gibt, plus ein Unbekannter. Zwei ziemlich sichere Prognosen habe ich dabei: Giri wird den Ausgang des Turniers nicht beeinflussen, auch nicht indirekt. Und Nakamura kann dieselbe Eröffnungsfalle nicht ein viertes oder gar fünftes Mal erfolgreich verwenden.

Giri kann sich nämlich die nächsten Tage anderweitig beschäftigen: Wunden lecken, trainieren, Fussball gucken (machten Spieler in Leuven in Pausen zwischen den Runden), Familie, im Internet blitzen, …. . Belgien hat keinen eigenen Weltklassespieler, auch nicht im ziemlich erweiterten Sinn, daher haben sie einen Niederländer eingeladen. Frankreich bzw. Paris hat einen eigenen Weltklassespieler, aber MVL ist Stammgast bei der Chess Tour. Eingeladen haben sie Kramnik, der viele Jahre in Paris wohnte und auf die komplette Chess Tour verzichtet hatte. Bei Kramnik vermute ich, dass er eher selten Remis spielen wird – vermutlich hat er vor, im Gegensatz zu Giri anderen Spielern Tourpunkte zu klauen. Was daraus wird, wissen wir demnächst.

War da noch was? Im Sinne von “Schnellschach auch anderswo” ein kurzer Kurzbericht zum Match Navara-Harikrishna in Prag mit 12 Schnellpartien gleichmässig über vier Tage verteilt. Hari(krishna) hörte auf das alte Schachmotto “don’t hurry” und gewann am Ende 7-5, dank 3/3 am vierten und letzten Tag. Kein Kommentar zu den Partien, die habe ich bestenfalls überflogen – insgesamt schien es nicht so aufregend wie bei Yu Yangyi – Svidler.

 

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