Eine außergewöhnliche Freundschaft!

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Von GM Hertneck, München

Schon in meiner Jugend war ich von einem Problembuch fasziniert, das ich mit etwa 16 Jahren im Schachladen an der Maxburgstraße (in der Nähe vom Stachus) erwarb: der Titel lautete: „Im Banne des Schachproblems“, und die Autoren waren Ado Kraemer und Erich Zepler, die begnadeten Schachkomponisten der sog. neudeutschen Schule (einer Stilrichtung im Problemschach). Alle nachfolgenden Beispiele sind diesem Werk entnommen. Im Vorwort schreiben die Autoren: „In völliger Übereinstimmung in unseren Grundsätzen, in gemeinsamer Freude am Schachproblem, und in enger persönlicher Verbundenheit legen wir eine in Verhältnis zu unserem Schaffen geringe Auswahl unserer Probleme vor. Wir haben uns bemüht, dabei strenge Selbstkritik anzulegen… Aber das ist noch nicht die erste und uns wichtigste Triebfeder. In weit höherem Maße leitet uns der Wunsch, durch dieses Buch der Schönheit im Kunstschach und dem Verständnis der Problemkunst zu dienen, und damit der kommenden Generation unser Vermächtnis zu übermitteln.“

Ich blende also zurück in das Jahr 1980 (übrigens dem Todesjahr von Zepler), damals gab es noch kein Internet, und man hatte wenig Möglichkeiten, sich über die Protagonisten zu informieren. Und doch fragte ich mich schon als junger Mann, wie es möglich war, dass zwei befreundete Männer, der eine ein Deutscher, der andere ein Engländer, über Jahrzehnte kooperierten und ihren sich nie erschöpfenden Schaffensdrang unter Beweis stellen konnten. Schrieben Sie sich Briefe oder telefonierten miteinander? War der Austausch in den Jahren des zweiten Weltkriegs gestört? Sahen Sie sich auch persönlich, oder blieb es eine „Fernbeziehung“?

Man sollte noch ergänzen, dass es Ende der 70er Jahre auch keine starken Schachprogramme gab, sodass man damals die Lösung schwieriger Stellungen nicht auf Knopfdruck fand, sondern tatsächlich selbst nachdenken musste, und es konnte auch passieren, dass man Stunden und Tage über eine Lösung nachdachte (wenn man so viel Geduld hatte). Und genau das ist der Reiz an diesem Buch. Die Aufgaben sind oft so schwierig, dass sie manchmal sogar unlösbar erscheinen.

Leiten wir die Untersuchung des Kompositionswerks mit einer besonders übersichtlichen Aufgabe ein:

E. Zepler, Palitzsch-Gedenkturnier 1932. 3. Preis
Matt in 4 Zügen.

Weiß hat „zu viel“ Material, er muss vermeiden, dass Schwarz patt wird. Doch was soll er gegen das drohende Sb4+ unternehmen? Nach kurzer Betrachtung wird klar, dass die Dame wenigstens einen Schritt zurücktreten muss. Versuchen wir 1.De4 Kd2 2.Td7+ Kc1, doch jetzt wird klar, dass sowohl 3.Df4+ als auch 3.Dh1+ nur zu Matt in 5 Zügen führen, weil der Springer noch dazwischen ziehen kann.

Ein ebenfalls naheliegender Gedanke ist 1.Dc3 Kd1 2.Te7, und nun würde Weiß nach 2…Sb4+ 3.Kb1 tatsächlich recht behalten, doch nach der feinen Ressource 2…Se3! Gelingt ihm wieder kein Matt in den geforderten 4 Zügen, da der König genau ein Fluchtfeld zu viel hat.

Des Rätsels Lösung lautet: 1.Dd8! Se3 2.Td7! Das bekannte Motiv der Hinterstellung, d.h. die stärkere Figur (Dame) tritt hinter die schwächere (Turm). 2…Sc4 3.Td1+ Kc2 4.Dd3# Es gibt natürlich noch weitere Nebenvarianten, aber darauf können wir hier der Einfachheit halber verzichten.

Doch was machte den Menschen Erich Zepler aus? Im Berufsleben gelang ihm eine glänzende Karriere. Geboren 1998 studierte er Physik in Berlin und Bonn und promovierte in Würzburg. Im Jahr 1925 ging er zur Firma Telefunken in Berlin und wurde dort Leiter des Instituts für Radioempfänger.

Prof. E. Zepler. Quelle Wikipedia.

Im Jahr 1935 musste er wegen seiner jüdischen Herkunft mit seiner Familie aus Deutschland fliehen, und wechselte nach England, wo er zuerst bei der Marconi-Telegrafengesellschaft arbeitete, und später eine wissenschaftliche Karriere in Southampton einschlug. Nach dem Krieg 1947 gründete er an der Universität von Southampton die Abteilung für Elektronik und unterrichtete dort als Professor. Dies war der erste Lehrstuhl für Elektronik in Großbritannien. Besonders interessierte er sich für die Entwicklung von Radioempfängern (militärische und zivile Nutzung), und trieb diese maßgeblich voran.

Interessant ist auch, dass er nach seiner Emeritierung im Jahr 1963 (übrigens meinem Geburtsjahr) eine völlig neue Karriere am Institut für Klang- und Vibrationsforschung begann. Er konzentrierte sich auf das menschliche Gehör und trug mit vielen fundamentalen Beiträgen zu unserem Verständnis bei, wie das Ohr auf Impulsschallwellen reagiert.

Ihm zu Ehren wurde ein Gebäude der Universität Southampton als „Zepler Building“ benannt:

Es gibt auch ein Zepler-Netzwerk im Internet, für das man sich als Student registrieren kann – hier habe ich jedoch keinen Zugang.

Zepler war nicht nur ein bedeutender Schachkomponist, der von der FIDE den Titel „Internationaler Meister der Schachkomposition“ erhielt, sondern auch ein Schachspieler, der an Mannschaftskämpfen teilnahm, und zwar für die Mannschaften aus Essex und Hampshire.

Doch zurück zu den Gemeinschaftsarbeiten von Zepler und Kraemer. Eine besonders schöne Komposition wird im Folgenden präsentiert:

A. Kraemer, E. Zepler, Neue Leipziger Zeitung 1931, 1. Preis
Matt in 4 Zügen.

Dies ist zugleich die Problemschachaufgabe der Woche auf den Seiten des Deutschen Schachbunds, die mich übrigens zum vorliegenden Artikel inspiriert hat. Hier fällt dem geübten Löser das Finden der Lösung leicht: 1.f4! Wieso das? Ganz einfach: die Bahn des Läufers auf h8 ist bereits frei, die seines Pendants auf a8 muss erst noch geöffnet werden.

Die Lösung gabelt sich nun, je nachdem ob der schwarze Monarch zum Damen- oder Königsflügel flüchtet:

Variante a) 1…Kc4 2.La1! Kb3 3.h8D Ka2/Kxa3 4.Db2# oder 3…Kc4 4.Dc3#

Variante b) 1…Ke3 2.Lh1 Kf2 3.a8D Kg1 4. Dg2# oder 3…Ke3 4.Df3#

Eine Aufgabe von höchster Eleganz! Für die Korrektheit der Aufgabe ist wichtig, dass nach 1.La1? Ke3 2.h8D Kf2 3.f4 Kg1 4.Ld4+ der König noch das Fluchtfeld f1 hat. Bei Kraemer und Zepler ist es übrigens ganz oft so, dass eine Vielzahl von Möglichkeiten gibt, einen Zug später als gefordert Matt zu setzen, aber eben nur einen Weg innerhalb der geforderten Zuganzahl.

Was ist nun das ästhetisch befriedigende an der Aufgabe? Zum einen die Spiegelung des Motivs. Es ist doch sehr ungewöhnlich, dass das selbe Thema doppelt gesetzt wird, und zwar einmal mit Matt auf b2, und das andere mal auf g2 (also immer noch spiegelbildlich). Das sind die beiden Hauptmatts, die anderen Matts (zum Beispiel, wenn der König in der Brettmitte bleibt), sind nur Nebenmatts. Aber das für mich Schönste an der Aufgabe ist das Motiv des Längstzügers. Auch ein bekanntes Problemmotiv. Der längste mögliche Zug auf dem Brett ist die Lösung, und das sind eben die beiden Läufer die über die ganze Diagonale von a8 nach h1 bzw. von h8 nach a1 ziehen. Und um das Motiv dann noch einmal zu toppen, ist der abschließende Mattzug ebenfalls ein Längstzug – nämlich Da8-g2 oder Dh8-b2. Die Schwierigkeit der Lösung tritt hier im Grunde hier hinter die Ästhetik der Darstellung zurück. Es geht allein darum, dass das Motiv in reiner Form dargestellt ist, und durch die Spiegelung noch eine Steigerung erfährt.

Nun ist es an der Zeit, auch Ado Kraemer näher vorzustellen. Geboren 1898 in Büdingen bei Hanau veröffentlichte er bereits als 15-jähriger Schüler erste Probleme, nachdem er das Schach von seinem Vater gelernt hatte. Ihm sollte eine glänzende Karriere bevorstehen. Am ersten Weltkrieg nahm er bereits als Offizier teil, nachdem er das Gymnasium 1915 mit der Kriegsreifeprüfung abgeschlossen hatte. Nach dem Krieg nahm er ein Studium der Rechtswissenschaft und der Landwirtschaft (die nicht so recht zum Schachstudium passt) auf. Im dritten Reich – nein an dieser Stelle überspringe ich seine Vita – und bitte den geneigten Leser um ein wenig Geduld.

Laut Wikipedia wurde er in den 1950er Jahren Vorstandsmitglied im Fränkischen Weinbauverband. So wurde das Frankenweinschild in Gold von Kraemer geschaffen. Und er setzte sich für die Wahl fränkischer Weinköniginnen ein. Für seine Verdienste in diesem Bereich wurde er mehrfach ausgezeichnet, so etwa mit der Frankenwein-Medaille in Gold, vergeben durch den bayerischen Staat.

Dr. A. Kraemer. Quelle Weenink / Binnewirtz.

Der Autor Binnewirtz hat sogar eine komplette Biografie zu Kraemer veröffentlicht, die jedoch leider nicht in meinem Besitz ist. Es wäre sicherlich interessant, noch mehr über ihn zu erfahren.

Im Jahr 1952 wurden Ado Kraemer und Erich Zepler gemeinsam Ehrenmitglieder der Problemschachvereinigung Schwalbe, da sie „gemeinhin als die beiden größten damals lebenden Komponisten der Neudeutschen Schule und leidenschaftliche Verfechter der Auffassung vom Kunstcharakter des Schachproblems“ galten.

Eines meiner absoluten Lieblingsprobleme von Kraemer ist das folgende, zumal es partienah ist:

A. Kraemer, Basler Nachrichten 1925.

Weiß gewinnt.

Dies ist offensichtlich mehr eine Studie als ein Problem, was bereits dadurch illustriert wird, dass die Aufgabe nicht lautet „Matt in … Zügen“. Weiß gewinnt, wenn er den Springer erobert, und zugleich verhindert, dass der Bauer auf a2 zur Dame umwandelt. Schwarz hofft darauf, dass er Patt gesetzt wird, oder eben den Bauern umwandeln kann.

Fängt Weiß an, mit dem König nach vorne zu marschieren, gelingt ihm der Sieg nicht: 1.Kg5 Ka1 2.Kf4 Sc4! 3.Ld4+ Sb2 4.Ke4 (Weiß muss das Patt aufheben) 4…Kb1 mit der Doppeldrohung a1D und Kc1.

Die Lösung hingegen ist höchst überraschend. Und wieder ist es eine Art Hinterstellung (wir erinnern uns: die stärkere Figur zieht bewusst hinter die Schwächere) – ein Motiv, das unsere beiden Kompositionshelden offensichtlich fasziniert hat. Die Lösung lautet 1. Kf7! Ka1 2.Lh6! (nur dieser Zug gewinnt!) S beliebig. 3.Lg7+ Sb2 4.Kf6!

Was für ein Unterschied zur Ausgangsstellung! Der schwarze Springer kann nur noch zwischen b2 und den umliegenden Feldern a4, c4, d3 und d1 pendeln, während Weiß sich mit Abzugsschachs Zug für Zug dem gegnerischen König annähert. Die Schlußstellung sieht dann so aus:

12. Lxb2# Eine Komposition, die mich als 16- oder 17-jährigen nachhaltig begeistert hat. Denn Weiß kommt nicht mit grobem Spiel zum Ziel, indem er so schnell wie möglich den Springer erobern möchte (so würde fast jeder Spieler gedanklich vorgehen), sondern durch eine viel feinere Strategie! Das Matt erfolgt übrigens ins spätestens 12 Zügen, sodass man auch hier von einem echten Problem sprechen kann, wenn man will.

Und noch ein weiteres Beispiel.

A. Kraemer, Deutsche Schachzeitung 1963

Matt in 3 Zügen

Wieder so eine Aufgabe, wo es unglaublich viele Mattsetzungen in 4 Zügen gibt, aber nur einen Weg, in den geforderten 3 Zügen zum Ziel zu kommen. Offensichtlich muss Weiß zunächst das Patt aufheben, und dazu muss der Turm die 7. Reihe verlassen – oder sich als Desperado auf g7 opfern. Dieser Versuch schlägt jedoch fehl, denn nach 1.Tg7 Kxg7 2.Db7+ Kf6 3.h8D+ hat der König das Fluchtfeld auf e6. Genauso auch nach 1.Tb8+ Kg7 2.h8D+ Kf7 3.Db7+/Tb7+. Was bleibt also? Versuchen wir 1.Tb2 Kg7 2.Db7+, und nun kommt Weiß tatsächlich nach 2..Kf8 3.h8D / 2…Kh6 3.h8D / 2…Kf6 3.Tb6 jeweils zum Matt. Jedoch gibt es ein Problem: nach dem rückzug 3…Kh8 ist kein Matt in Sicht! Und genau diese Erkenntnis führt uns zur Lösung: 1.Tb1! Kg7 2.Db7+ Kh8 3.Db2#

Wieder lautet der Lösungsweg, dass der Langschrittler auf b7 möglichst weit zurückzieht, um der stärkeren Figur Platz zu machen. Und doch ist es diesmal kein Hinterstellungsmotiv, sondern ein Räumungsmotiv. Die b-Linie wird so weit geräumt, dass die Dame das Feld b2 erreicht. Der Turm selbst spielt in der Mattsetzung nur dann noch eine Rolle, wenn der König nach f6 geht, wonach der Turm auf b6 Matt setzt.

Doch wenden wir uns noch einmal der Lebensgeschichte der beiden außergewöhnlichen Männer zu, deren Freundschaft alle stürmischen Zeiten überstand. Jetzt darf ich es verraten: es verhält sich nämlich so, dass Ado Kraemer im dritten Reich Karriere machte. Schlimmer noch, und zwar bei der Waffen-SS. Gemäß einer vermutlich zuverlässigen Internetquelle wurde er 1935 zum SS Untersturmbannführer im Reichs- und Sicherheitshauptamt ernannt. 1936 dann bereits zum Obersturmbannführer und 1938 zum Hauptsturmbannführer beim Rasse- und Siedlungshauptamt.
War er nicht in dieser Position auch für die Vernichtung der Juden, und damit auch indirekt seines Freundes Erich Zepler verantwortlich? Doch es sollte nach besser kommen. Wie dem Nachruf von Ernst Grasemann auf Ado Kraemer im Jahre 1972 zu entnehmen ist, wurde der SS-Mann Kraemer nach dem verlorenen Krieg vom amerikanischen Militär im Internierungslager Ludwigsburg festgesetzt, wo er in der Lagerzeitung (dem Lagerspiegel) eine bemerkenswerte Schachecke betreute, und mit einem gewissen Dr. Kiesinger in freundschaftlichen Austausch trat. Und wie kam er schließlich frei? Ganz einfach: durch Fürsprache seines Freundes Zepler, der sich bei den Amerikanern für ihn einsetzte! Als Jude, der Deutschland 1935 fluchtartig verlassen musste! Ganz klar: die Schachfreundschaft war tiefer als die Wirren der zeit es eigentlich erlaubt hätten!

Zum Schluss des Artikels noch eine letzte Aufgabe – diesmal zum Selbstlösen:

E. Zepler: Turnier in Kissingen 1928, 2. Preis.

Matt in 3 Zügen

Kleiner Hinweis: die Aufgabe erinnert ein wenig an das berühmte Orgelpfeifenproblem von Samuel Lloyd.

Über Rückschriften zu diesem Artikel würde sich der Autor freuen (gh@mucschach.de).

 

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