Safety-So knapper Schnellschach-Sieger in Paris

Ich beginne mal mit dem Endstand: So 12/18, Nakamura und Karjakin 11, Vachier-Lagrave, Anand, Aronian 9, Caruana 8, Kramnik, Mamedyarov, Grischuk 7 – jeweils aus neun Partien, die doppelt gewertet werden. Auch in Paris nun noch ein doppelrundiges Blitzturnier – ob Sos Vorsprung am Ende reichen wird, erscheint fraglich. Aber er spielt nun einmal eigentlich am liebsten Remis und schaffte selbiges in den letzten vier Runden des Schnellturniers problemlos.

Das Feld ist dichter beieinander als zuvor in Leuven, dafür gibt es zwei Gründe: zum einen hatte So diesmal statt fünf Siegen vier Siege und eine Niederlage, zum anderen gab es am dritten Tag einen Aufstand der Kellerkinder – wer zuvor diesen Status hatte kommt im Laufe des Berichts. Eine meiner Prognosen ist eingetreten: Kramnik spielte kaum Remis.

Fotos wieder von Lennart Ootes, ab Turnierseite auf Flickr. Ein Gruppenfoto mit Eiffelturm im Hintergrund gibt es dieses Mal offenbar nicht, die Turnierseite hat nach wie vor das aus 2017 – sieben Spieler identisch, damals mit Carlsen, Topalov und Bacrot und ohne Anand, Aronian und Kramnik. Das Titelfoto dieses Artikels ist etwas farblos, so spielte So auch in den vier letzten Runden. Ich beginne nun mit einer Galerie, bei der es kleidungsmässig teilweise bunter zugeht. Beziehungsweise zwei Galerien, von den drei Russen gibt es so viele interessante Fotos, dass ich mich nicht entscheiden konnte. Aber erst der Rest der Welt, auch die USA dabei ja zu dritt:

Hoppla, Caruana habe ich auch doppelt.

Auf diesen Fotos auch erkennbar: grell erleuchteter Hintergrund!

Diese “Bühne” war vielleicht gewöhnungsbedürftig – jedenfalls für diejenigen, die das noch nicht kannten. Immerhin gab es keine eventuell störenden Zuschauer, die mussten im Fernsehstudio von Canal+ draussen bleiben.

Und nun hinein ins schachliche Geschehen, wobei ich nicht auf alle Partien eingehen kann. In Runde 1 verdarb Anand mit Schwarz eine Gewinnstellung gegen Mamedyarov zum Remis, Vishy sollte oft Remis spielen. Kramnik war noch nicht warm und spielte gegen Nakamura ein ruhiges Remis. Entscheidungen gab es auch:

Aronian-Grischuk 1-0 nachdem Grischuk patzte. Und die amerikanischen Livekommentatoren hatten auch Grund zur Freude bzw. konnten immerhin einen Spieler ausgiebig loben: So-Caruana 1-0. Zuerst lobten sie So dafür, dass er schnell eine Stellung erreichte in der eher wenig los war. Aber dann schwächte Caruana sich am Königsflügel – das ging noch, aber das planlose 23.-Kg7, 24.-Kg8 und 25.-Kh8 ging nicht mehr, So bekam nun Oberwasser. Da So seinen Angriff nicht ganz energisch vortrug (sah wohl zu riskant aus, “Risiko nein danke” ist Sos Motto) entwischte Caruana in ein Endspiel mit Minusbauer. Das war später wieder in der Remisbreite, aber Caruana konnte das nicht beweisen. Insgesamt eher ein Hinweis auf Caruanas schlechte Form bzw. fehlende Schnellschach-Fähigkeiten als eine Glanzleistung von So.

Im anschliessenden Interview vergass So glatt, sich beim Lord für die vielen gegnerischen Fehler zu bedanken, und das hatte Folgen:

Runde 2 Mamedyarov-So 1-0 – der Azeri schnappte sich einen Bauern und konnte diesen Vorteil im Endspiel verwerten, trotz ungleichfarbiger Läufer (anfangs auch noch Türme). Die andere entschiedene Partie konnte durchaus Remis enden:

Und sei es nur, weil Anand das kurz vor Partieende angeboten hatte, aber Kramnik wollte nicht und dann Anand-Kramnik 1-0. Anfangs stand Kramnik dabei mit Schwarz besser, aber er wollte mehr als ein vorteilhaftes Endspiel und bekam weniger. Das war die Schlusstellung:

Kramnik hat einen Turm eingestellt, stand dabei allerdings ohnehin bereits bedenklich.

In Runde 3 dann Kramnik mit Endspielsieg gegen Mamedyarov. Grischuk zeigte Caruana, dass er eine Qualität nicht nur einstellen (wie in Runde 1 gegen Mamedyarov) sondern auch vorteilhaft opfern kann. Karjakin war zwischendurch mal nahe am Sieg gegen Nakamura, aber am Ende in dieser Runde doch nur 2,5 (bzw. 5) Punkte für Russland – und immerhin 50% für die USA, der Lord hatte Wesley So verziehen!

So-MVL 1-0 stand anfangs unter dem Motto “das kann ich auch!”: 1.Sf3 c5 2.b3 b6 3.Lb2 Lb7 4.c4 Sf6 5.g3 g6 6.Lxf6 exf6 7.Sc3 Lxf3 8.exf3 usw. – eine kurios-symmetrische Stellung mit ungleichfarbigen Läufern. Dann erlaubte MVL unnötigerweise das Eindringen der weissen Dame und hatte sich dabei wohl auf einen Trick verlassen, der nicht funktionierte:

Pech für MVL, dass das gegnerische Damenopfer nun erzwungen und gut und dabei risikofrei ist, dann macht selbst So derlei Dinge: 25.Txe7 Dxb6 26.Txf7+ Kh8 27.Tf8+ Kg7 28.Tf7+ (will er etwa Remis spielen?) 28.-Kh8 29.Txf6 – nein, hier sind Turm, Läufer und Bauer klar besser als die schwarze Dame. Das kam dabei heraus:

Zugzwang und Sieg für So. Selbst die amerikanischen Livekommentatoren lobten ihn diesmal nicht ausgiebig, sondern beschränkten sich auf “MVL hat gepatzt”.

Zu Tag zwei zunächst eine Bilderserie von Spectrum Studios – Ankunft einiger Spieler, alleine oder zu zweit:

Auch hier erkennbar, dass man sich in einem Fernsehstudio befindet. Der Herr, der Aronian begleitet, ist mir unbekannt. Der Herr mit abweichendem Outfit (und anderer Bartfarbe) neben Karjakin ist Denis Khismatullin, der offenbar direkt nach dem Turnier zum Halbfinale der russischen Meisterschaft reist – dann spielt er, nach Aufgaben als Sekundant in Stavanger, Leuven und Paris, auch mal wieder selbst Schach.

Am zweiten und dritten Tag hörte ich mir den Livekommentar auf Französisch an, stellvertretend für das Team Almira Skripchenko:

Natürlich drückten sie Vachier-Lagrave die Daumen und verwendeten relativ viel Zeit für dessen Partien – Zielgruppe ist wohl auch eher national als international. Dabei blieben sie aber objektiv, jedenfalls vorläufig gab es auch keinen Grund für Jubelarien.

In Runde 4 lernte ich auch französischen Schachjargon: Gurke heisst auf französisch “boulette” – jedenfalls im schachlichen Sinn, das Gemüse heisst concombre. Das machte MVL nämlich schon wieder, nun gegen Grischuk. Ein Minusbauer war Absicht, dafür hatte er in unklar-komplizierter Stellung auch jedenfalls gewisse Kompensation. Aber dann kostete ihn ein taktisches Übersehen zwei Läufer für einen Turm. Grischuk meinte hinterher, dass derlei taktische Motive sich von selbst ergeben – relativ nackter schwarzer König und Fesslung des schwarzen Le6. Aber wenn MVL statt 28.-d4?? 28.-Dd7 gespielt hätte, was die Fesslung aufhebt, war (nicht nur da die Bedenkzeit beiderseits, und vor allem bei Grischuk knapp wurde) noch alles möglich.

Das dazu passende Foto mal nach den Worten zur Partie.

Insgesamt gab es – einmalig im ganzen Schnellturnier – vier Entscheidungen, nur Anand und Karjakin trennten sich recht friedlich remis. Es lief wieder nach Wunsch für Wesley So:

Nach ruhiger Eröffnung hatte Kramnik einmal zu oft auf d4 getauscht, nun war 12.-La6 jedenfalls unangenehm – wohin nun mit dem weissen König? Computer betrachten 13.Dd2 nebst 0-0-0 als durchaus OK, der Mensch Kramnik hat sich nach 6 1/2 Minuten zu 13.Lf1 durchgerungen – nebst künstlicher kurzer Rochade, keine Perspektive mehr auf Vorteil. Verlieren musste er dabei nicht, aber der Tausch der beiden d-Bauern verlief dann zugunsten von Schwarz:

Weiß am Zug, was tun? 22.Se4 Sxa3 23.Sd6 Dd7 24.Sxc8 Dxc8 bot offenbar, egal ob die Damen dann getauscht werden oder nicht, dank aktiver weisser Figuren noch recht gute Remischancen. Aber nach nur zwei Sekunden spielte Kramnik 22.Sb5?! – verliert zwar zunächst kein Material, aber 22.-De2! war sehr unangenehm, und 23.Lc1? (23.Kg1) 23.-Lf8! machte es noch schlimmer. Das Ende war abrupt-kurios:

30.Sc6???! (zuvor kam 24.Sxa7) mit Doppelangriff auf Dame und Turm, also Rückgewinn der Qualität? Nein, Schwarz hat 30.-Dxa8 – darauf wartete Kramnik nicht sondern gab sofort auf. Trost für ihn: die Stellung war sicher ohnehin hinüber.

Mamedyarov-Aronian 0-1 hatte so viele diagrammwürdige Momente, dass ich eine Galerie einbaue:

Es war Nimzo-Indisch mit Dc2, im 10. Zug war bisher 10.e3 üblich – so spielte auch Mamedyarov selbst gegen Ding Liren, später wählte er im Kandidatenturnier gegen einen gewissen Levon Aronian 10.g3 (beides wurde schnell und geräuschlos remis). Ob Randale am Königsflügel nur in einer Schnellpartie angebracht ist, wer weiss das schon? Falsch war es nicht unbedingt, auch wenn Shak es später bereute.

Später hat Weiß dann doch noch kurz rochiert. 30.Td6 war dann kein Fehler, aber er musste nach 30.-T8a6 31.Dxa6 Txa6 32.Txe6! Txe6 33.Sg5+ Kh6 34.Tc8 finden, und dann muss Schwarz 34.-Te8! 35.Txe8 Dxf2+ Kxf2 finden – Patt! Beinahe schade, dass Schwarz im 33. oder 34. Zug auch -Dxg5+ mit ausgeglichenem Turmendspiel hat. 31.Dd7? Txd6 32.Dxd6 Dxf3 33.Dxe6 Tf5 verlor zwar kein Material, aber nun fühlte der weisse König sich unwohl und musste (nächstes Diagramm) nach d3 auswandern. Matt oder viel Material gewinnen war für Schwarz wohl drin, aber ein gewonnenes Turmendspiel (letztes Diagramm) reichte.

Nakamura-Caruana 1/2 1-0:

So stand es nach 50 Zügen (gerade verschwanden die Damen vom Brett) – Engines sagen “remis”, Menschen auch aber es kam anders:

Der erste Schritt zum Verlust war hier 81.-Se5?! (großzügige Zeichensetzung, da es wohl immer noch Remis ist) 82.Lxh5! – wenn Caruana keinen Doppelbauern wollte, konnte er besser 81.-Sf6 spielen (deckt h5) oder gar 81.-Sh6 (deckt f5). Im 101. Zug gewann Nakamura noch einen Bauern, im 123. Zug die Partie. Ohne Worte … .

In Runde 5 wieder nur zwei Entscheidungen, wie und warum gewann So diesmal? Den russischen Schachterm für Gurke kenne ich nicht, Grischuk machte es jedenfalls. Zuvor hatte er, was schwer genug ist, So eine kompliziert-unklare Stellung aufgezwungen: 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 d5 4.Lg5 Lg7 (bekanntes Bauernopfer) 5.Sf3 Se4 6.Lf4 0-0!? – was ist das denn, gab es das bereits auf hohem Niveau? Ja, in Partien von Grischuk, Grischuk und Grischuk gegen Wang Yue, Gelfand und Gelfand (Andreas Heimann ist eher kein Weltklassespieler, Kateryna Lagno nach männlichen Masstäben auch nicht). Eine Minute brauchte er, um sich daran zu erinnern (gängig ist 6.-Sxc3). Im 15. Zug hat Grischuk dann freundlicherweise eine Qualität eingestellt – nur vier Sekunden für 15.-Tf6? Ave Wesley Halleluja!

Karjakin-Mamedyarov 1-0 – befreundet sind sie, das mag ihre Ergebnisse gegeneinander mit klassischer Bedenkzeit beeinflussen, Schnell- oder Blitzschach ist eine andere Kiste. Auch zu dieser Partie eine Diagrammgalerie:

Wieder konnte Mamedyarov nicht die Finger vom g-Bauern lassen, wobei 6.-g6 hier gängig war – 6.-g5 dabei bekannt, zuletzt bei Bologan-Sutovsky in Poikovsky (so, nun habe ich einen etwas reimenden Satz in diesem Bericht). Wieder bereute er es später: im zweiten Diagramm eine relativ normale und recht vereinfachte Stellung, aber wo ist der schwarze g-Bauer? Der war nach 17-gxf4 und später 22.Dxf4 weg – Mamedyarov hätte nun wohl gerne a6-g6 gespielt, aber das ist regelwidrig. Karjakin hat den Angriff nicht ganz sauber vorgetragen, dadurch hatte Schwarz zwischenzeitlich Ausgleichschancen, aber die Schlusstellung war eindeutig.

In Runde 6 war, mal abgesehen davon dass Kramnik mit Weiß gegen Karjakin unter die Räder kam, eher wenig los.

So begrüsste Aronian mit den Worten “lass uns eine schöne langweilige Remispartie spielen” und bekam was er wollte, zumindest fast. Es begann mit 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 3. lass uns Remis spielen (3.-dxe4 war vielleicht eine Empfehlung von Georg Meier, der So jedenfalls in Stavanger sekundierte). 1.e4 war von Aronian übrigens keine Überraschung (mehr) – so spielte er mit Weiß immer, jedenfalls in diesem Turnier. Aronian versuchte, die Partie mit einem (vorübergehenden und theoretisch unbekannten) Bauernopfer zu würzen, aber am Ende bekam So was So wollte.

Und schon war der zweite Tag vorbei. Zwischenstand: So 9, Karjakin und Aronian 8, Anand und Nakamura 7, Grischuk 6, MVL, Mamedyarov, Kramnik 4, Caruana 3.

Tag drei stand dann unter dem Motto “Aufstand der Kellerkinder” – das alliteriert nicht, im Gegensatz zu “Aronians Absturz” und “So spielt solide”. Seine drei Remisen sind hiermit erwähnt – andere sorgten für Unterhaltung, Aufregung und diagrammwürdige Momente. Aber erst die Folgen des Aufstands der Kellerkinder fotografisch dokumentiert:

Caruana lacht gar doppelt, da er mit diesem Ergebnis am letzten Tag wohl am wenigsten rechnete. Er und MVL erzielten 2.5/3 bzw. 5/6, Kramnik und auch Mamedyarov immerhin 50%.

Caruana-Kramnik 1-0 – insgesamt verdient, wobei das umgekehrte Ergebnis (und damit insgesamt vertauschte Rollen für diese zwei Spieler) zwischendurch auch möglich war. Das diagrammatisch erfasst:

Ein paar Bemerkungen schon vor dem ersten Diagramm: Auch im recht häufig gespielten Anti-Berliner gibt es noch relatives Neuland – 5.Sbd2 war nur fünfte Wahl, die Stellung nach 8.d4 war selten, Kramniks 8.-c6 bereits neu – ohne zu zögern gespielt, wobei einige einen Fingerfehler vermuten. Für 16.-Le5 ver(sch)wendete Kramnik dann seine halbe Bedenkzeit, satte 12 1/2 Minuten. Hier galt vielleicht bereits das Mantra “long think, wrong think”, 19.-a5 kostete nach 20.Sb6 letztendlich eine Qualität – wohl bewusst, Vladimir O. (Optimist) Kramnik glaubte an Kompensation dank Läuferpaar und Mehrbauer.

Auf die Demonstration/Provokation 25.-Dh4 war 26.De2 (zuvor hatte sie den Bauern auf b5 eingesammelt) zu zögerlich – am besten 26.f6 (Sargnagel!) aber Weiß hatte diverse andere gute Züge. Nun konnte, objektiv gesehen musste Kramnik seinen anderen Läufer akzeptieren: 26.-e4! 27.g3 Lxg3 nebst Dauerschach. Aber im weiteren Verlauf bekam er gar eine Siegchance, nächstes Diagramm: Nach 37.Dh4? (37.De3 Lb6 38.Df4 e3 war dabei aus schwarzer Sicht auch wieder OK) litt die Dame unter Atemnot, und der Td2 ist ungedeckt – Kramnik konnte beides mit 37.-Dh6 ausnutzen (droht neben 38.-Dxd2 auch 38.-g5) und die Partie wäre komplett gekippt.

So wurde der Sargnagel auf f6, den Caruana zwischenzeitlich installiert hatte, doch partieentscheidend (auch wenn Kramnik ihn kurz vor Schluss mit 42.-Txf6 entfernte), letztes Diagramm: noch eine aus Kramniks Sicht unschöne Schlusstellung.

MVL kam zu einem glatteren (Sturm-)Sieg gegen Mamedyarov. Der Azeri spielte diesmal bescheiden (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 b5 5.Lb3) 5.-g6, mit 7.h4!? begann MVL zu kitzeln, was die schwarze Stellung letztendlich nicht verkraftete.

Bei So und Nakamura kam der zweite Händedruck recht schnell nach dem ersten – Remis in 22 Zügen. Länger beharkten sich Sos Verfolger Karjakin und Aronian, aber auch das wurde Remis (und war – Spanisch Marshall – wohl immer ausgeglichen).

In Runde 8 zwei Schwarzsiege (und Mamedyarov-Grischuk 1-0), zu Aronian-Caruana 0-1 reicht ein Diagramm:

Mit 35.Sge2? ermöglichte Aronian erst 35.-Dxh2+! 36.Kxh2 Sg4+ usw. – ob Caruana das mit zuvor 32.-Dd6 und 33.-Sf6 überhaupt geplant hatte ist unklar. Schwarz konnte danach seinen Mehrbauern verwerten.

Anand-Nakamura 0-1 bekommt dagegen eine Diagrammserie, auch hier war das umgekehrte Ergebnis möglich.

Die Stellung nach 6 Zügen zeige ich, da beide Könige nicht auf ihren Rochadefeldern ausharrten. Ansonsten gab es das (Nebenvariante gegen Nakamuras Pirc) bereits über 500-mal. Dann opferte Anand eine Qualität und bekam dafür u.a. einen gedeckten d-Freibauern. Er tauschte dann die Dame für zwei Türme, sein Sd3 attackiert e5 und die schwarze Dame ist hier noch nicht allzu effizient. Dann gingen beide Könige auf Wanderschaft, in dieser Phase der französische Livekommentar: “das ist keine Standardstellung, hier muss man rechnen rechnen rechnen”.

Die schwarze Dame konnte dann eindringen aber verlor dadurch den Kontakt zum weissen d-Bauern, 45.-Sb6? war ein im Nachhinein siegreicher Fehler. 46.d6 gewinnt wohl für Weiß, trivial ist es allerdings nicht. Anand wählte 46.Sxe5? De1+ 47.Kb3? – Doppelfehler und nun kam 47.-Db4+ 48.Ka2 Sxa4 usw. . Nachdem auch Anands d-Bauer verschwand hatte er genug gesehen.

Gesprächsbedarf nach der Partie

Runde 9 – zwei Entscheidungen, zuerst die turnierrelevante Partie:

MVL-Aronian 1-0 – auch diese beiden sind befreundet, aber ihre Freundschaft endet regelmässig kurz vor und beginnt dann wieder direkt nach einer Partie.

Die Eröffnung suggerierte eventuell doch ein Kurzremis unter Freunden, aber Weiß hat immerhin das Läuferpaar. Mit knapper Bedenkzeit wollte Aronian dann offensichtlich kein Endspiel Turm gegen Turm und Läufer – wenn er im zweiten Diagramm statt 48.-Sf6 den Springer auf e8 belässt hat Weiß wohl, sofort oder später, nicht mehr und nicht weniger als g7 Sxg7 T/Lxg7 usw. . Irgendwie bekam er quasi doch so ein Endspiel, in einer verlorenen Version – wobei MVL einmal zwischendurch stolperte, wovon Aronian nicht profitierte.

Nach der Partie redeten sie wieder miteinander. Zuletzt hatte Aronian MVL ja mehrfach geärgert, bei diesen Gelegenheiten stand mehr auf dem Spiel: Weltcup-Halbfinale, letztes Turnier der GP-Serie (warum musste der bereits über den Weltcup qualifizierte Aronian in Palma de Mallorca gewinnen?), Stichkampf in Gibraltar. Nun lief es umgekehrt, und am dritten Schnellschach-Tag erinnerte Aronian insgesamt an den Aronian, den man von Kandidatenturnieren kennt – wobei er auch eine Woche zuvor in Leuven ein schwaches Finish hatte.

Gesprächsbedarf auch nach Grischuk-Kramnik 0-1. Schwarz hatte korrekt eine Figur geopfert, aber inkorrekt fortgesetzt. Dann verdaddelte Grischuk allerdings seine Mehrfigur und landete in einem schlechten (Doppel-)Turmendspiel, Kramnik verwandelte. So war das Feld dicht beieinander, in den beiden entschiedenen Partien der neunten Runde gewann der Spieler, der zuvor zwei Punkte weniger hatte.

Im Blitzturnier, das bereits begonnen hat, ist nun alles möglich. Sieben Spieler waren bereits 2017 in Paris dabei, ich kombiniere mal die Resultate aus dem diesjährigen Schnellturnier mit den Blitzresultaten 2017. Dann hätten wir diesen Endstand: MVL und Nakamura 22 (Stichkampf! Aber um nichts außer Prestige), Karjakin 21, Caruana 19, So, Grischuk, Mamedyarov 18. Natürlich fehlen da drei Spieler, und es kann auch total anders ablaufen. Am unwahrscheinlichsten scheint, dass Caruana sein Blitzergebnis des letzten Jahres (11/18) wiederholt. Vor ihm hatten die – nun doch etwas patriotischeren – französischen Livekommentatoren keine Angst, vor So auch eher nicht, aber Nakamura und Karjakin sind starke Blitzer UND haben Vorsprung auf MVL. Der Schachticker bleibt natürlich dran am Geschehen.

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