Blitzer Nakamura vor Schachspieler Karjakin und Remisspieler So

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Diesen provokativen Titel mit “So sehe ich das” Komponente sollte ich natürlich erklären: Für mich war Nakamura im Pariser Blitzturnier vor allem Zocker – schnell spielen, möglichst keine Fehler machen und gegnerische Fehler ausnutzen. Karjakin hat dagegen seine Gegner mehrfach überspielt, wurde allerdings auch überspielt – derlei kann auch mit klassischer Bedenkzeit passieren. Blitztypisches Glück hatte er durchaus auch, aus meiner Sicht zumindest nicht mehr als Nakamura – andere Quellen bezeichnen Karjakin als Glückspilz, und Nakamura als großartigen Kämpfer. Am Ende lag der Blitzer vorne – neben Nakamuras eigenem Ergebnis lag es daran, dass Karjakin zwei recht unterschiedliche Blitztage erwischte.

Dass Sos knapper Vorsprung aus dem Schnellturnier nicht reichen würde war absehbar. Er hat es wohl auch gar nicht versucht – mit reihenweise Remisen hat er stattdessen Platz drei abgesichert. Das schaffte er, da sein Vorsprung auf Aronian und MVL nach dem Schnellturnier durchaus komfortabel war und da der Franzose auch ein wechselhaftes Blitzturnier erwischte. Das kam am Ende heraus:

Nakamura 23/36, Karjakin 21.5, So 21, Aronian 20, Vachier-Lagrave 19.5, Anand 17, Grischuk 16, Mamedyarov 15.5, Caruana 13.5, Kramnik 13. Am Ende “Dominanz” für Nakamura, das lag neben Karjakins Einbruch am zweiten Tag auch an Nakamuras recht “kuriosen” Siegen in den letzten beiden Runden. Am anderen Ende der Tabelle spielten Caruana und Kramnik nach dem Motto “wer patzt am meisten?” – wer da gewonnen hat ist unklar.

Fotos wieder von Lennart Ootes, ab Turnierseite auf Flickr – Titelbild für Nakamura, der nicht immer grimmig-entschlossen dreinblickt sondern auch mal lacht. Als nächstes zeige ich alle (und den Schiedsrichter) in bekannt-ungewöhnlicher Atmosphäre:

Der Verlauf des Blitzturniers kurz zusammengefasst: Am ersten Tag dominierte Karjakin, nach Runde 4 hatte er So durch Sieg im direkten Duell überholt. Das war der dritte von fünf Karjakin-Siegen nacheinander – in den letzten drei Runden dieses Tages dann allerdings Niederlage, Sieg und Niederlage. So hatte er am Ende des Tages nur einen Punkt Vorsprung auf Nakamura, und tags darauf erschien – warum auch immer – ein anderer Karjakin.

Nach Runde 15 hatte Nakamura Karjakin wieder eingeholt – das lag vor allem an nur 50% des Russen am zweiten Blitztag bis dahin (zuletzt Niederlage gegen Anand). Mit einem lahmen Remis gegen Wesley Solid übernahm Nakamura dann die Führung, da Karjakin nochmals verlor – nun gegen Lokalmatador MVL (2/2 im Blitz gegen Karjakin!). Wie er diese Führung noch ausbauen konnte hatte ich bereits – es lag neben zweimal Remis von Karjakin an zwei eher kuriosen Siegen des Amerikaners in Runde 17 und 18.

So wie gesagt solide, MVL am ersten Blitztag nach Ergebnissen leicht, nach Berichterstattung klar hinter Karjakin. Dito für Aronian vs. Nakamura am zweiten Blitztag. Das Blitzturnier nun separat betrachtet, in Klammern Ergebnisse der beiden Tage: Nakamura 12/18 (5.5+6.5), Aronian 11 (5+6), Karjakin 10.5 (6.5+4), MVL 10.5 (6+4.5), So und Grischuk 9 (beide 4+5), Mamedyarov 8.5 (4.5+4), Anand 8 (3.5+4.5), Kramnik 6 (3.5+2.5), Caruana 5.5 (2.5+3). Nun nicht Runde für Runde sondern Spieler für Spieler – einige eher kurz und knapp:

Hikaru Nakamura – so kennt man ihn eher. Bei nur einer Niederlage (erste Partie gegen Mamedyarov) gewann er sieben Blitzpartien – alle nach recht groben gegnerischen Fehlern. Aber wir wollen nicht kleinlich sein, der Schwarzsieg gegen Anand war durchaus Absicht: Nakamura wollte die c-Linie kontrollieren, Anand fand dagegen nicht die richtigen Mittel und wurde daher quasi überspielt. 1/7 ist keine überragende Quote, aber ein Sieger hat dennoch (fast) alles richtig gemacht. Einige Fotos zu seinen Partien:

Grischuk-Nakamura 0-1 in Runde 3: Grischuk hatte einigermassen korrekt geopfert (20.Lxg5!? fxg5 21.Sxg5 kann man im Blitz durchaus versuchen) und halluzinierte dann: er gab seine Dame, wohl mit der Idee, dass er sie sofort zurück bekommt – aber 26.Txh6+ Kg7 27.Th7+ “nebst 28.TxDd7” scheiterte an 27.-Lxh7!, diese Züge erschienen nicht mehr auf dem Brett. Zum zweiten Tag drei Fotos:

Nakamura-Karjakin zu Beginn wurde remis – beide blitzten (oder “bulletten”?) eine bekannte Variante herunter, am Ende hatte Schwarz im Endspiel volle Kompensation für einen Minusbauern. Dabei keine “Boulette” (französischer Schachjargon für ‘Gurke’) von Karjakin. Im späteren Springerendspiel konnte gar Nakamura Probleme bekommen, wenn Karjakin seinen Springer für einige Bauern geopfert hätte – aber diese Chance verpasste der Russe.

Die Nakamura-freundlichen Livekommentatoren erklärten Nakamuras Ansatz so: Hikaru sagte angeblich “gegen Karjakin spiele ich Remis, die acht anderen Partien gewinne ich dann” – daher eine bekannte Variante, die Weiß objektiv nichts verspricht. Aus den acht verbleibenden Runden erzielte Nakamura dann “nur 50%” – vier Siege und vier Remisen – und das reichte reichlich. Der Vollständigkeit halber: auch das Hinspiel Karjakin-Nakamura endete remis – noch war Karjakin nicht super drauf, und 5.Te1 gegen die Berliner Mauer deutete an, dass auch Karjakin gegen ein Remis gegen Nakamura nichts einzuwenden hatte. Ich springe zum Ende des Turniers:

Mamedyarov-Nakamura 0-1: Mamedyarov opferte forsch, verschmähte mit 21.Dh3 zu Recht das mögliche Dauerschach Sf7+/Sh6+ und griff direkt danach fehl. Nach 22.Lf5 hätte er weiterhin eine starke Initiative, 22.Sd7? war zwar gut gemeint (droht Sxf6+ nebst Dxh7+) aber Nakamura konnte das auf mehrere Arten parieren – er wählte das stopfende 22.-Se4 (deaktiviert den weissen Ld3) und gewann im Gegenangriff.

Im anschliessenden Interview war Nakamura sich sicher, dass Weiß nicht mehr als Dauerschach hatte und dass er nach 21.Dh3 bereits besser stand, dem war objektiv nicht so. Nun hatte Nakamura einen vollen Punkt Vorsprung auf Karjakin, Remis in der letzten Runde würde für den Turniersieg reichen.

Nakamura-Caruana 0-1 1-0 passt eigentlich eher ins Caruana-Kapitel: in der Schnellpartie hatte Caruana gegen Nakamura eine Remisstellung verloren, nun verlor er eine glatte Gewinnstellung! Nach 43 Zügen hatte er zwei Mehrbauern und drei Freibauern am Damenflügel (einer der beiden verdoppelten f-Bauern war der weisse Mehrbauer am Königsflügel). Nur ebendiese weissen Doppelbauern überlebten das anschliessende wilde Gehacke, 1-0 statt 0-1 – und “Dominanz” von Nakamura statt ein halber Punkt Vorsprung auf Karjakin.

Turnierrelevant war diese Partie nämlich nicht mehr, da Karjakin und Mamedyarov nach 14 Zügen in bereits relativ vereinfachter Stellung Remis vereinbart hatten – was Nakamura während seiner Partie nicht wusste. Man ist geneigt zu sagen “Remis unter Freunden, natürlich”.  Aber zuvor hatten Karjakin und Mamedyarov in Leuven und Paris viermal nicht Remis gespielt, die allererste Partie endete Remis – nach 123 Zügen und Mamedyarov hatte den (relativ trivialen) Sieg verpasst. Das ist eigentlich bereits das Kapitel Karjakin, nun kommt es:

Sergey Karjakin hatte wie gesagt zwei unterschiedliche Blitztage, bzw. der Bruch in seinem Turnier kam nach sechs von neun Runden am ersten Tag. Ich beginne mit einem seiner Höhepunkte am ersten Tag:

Sieg gegen So, der in der Eröffnung ungewöhnlich mutig war: 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Lb4 – warum das denn, 3.-dxe4 geht doch auch? Lange war die Partie unklar, dann bekam Karjakin am vom Gegner vernachlässigten Königsflügel Oberwasser. Nicht alle von fünf Karjakins Siegen in Serie waren “sauber” – Grischuk und Caruana konnten beide einen Moment lang gewinnen statt zu verlieren, wobei jedenfalls in der zweiten Partie das Ergebnis durchaus zum gesamten Partieverlauf “passte”.

MVL war dann in Runde 7 nicht lieb zu Karjakin: ein taktisches Intermezzo führte zu einem weissen Mehrbauern im Endspiel, Karjakin war danach zwar mal wieder “Verteidigungsminister” aber konnte es letztendlich nicht Remis halten.

Karjakin-Aronian 1-0 in der nächsten Runde wieder unter umgekehrten Vorzeichen – Weiß verwertete einen Mehrbauern im Endspiel mit Türmen und ungleichfarbigen Läufern. Das musste aus Aronians Sicht nicht sein, aber er nutzte vorhandene Remischancen nicht.

Neben dem Schiedsrichter, der in der Zeitnotphase natürlich präsent war, kibitzten auch andere bei Mamedyarov-Karjakin – Grischuk dabei nicht mit seinem Lieblings T-Shirt “Strange illusions curious incidents”. Das passte allerdings zu dieser Partie in der es zeitweise drunter und drüber ging.

Hier fügt sich Karjakin in die Niederlage – übersichtliche Schlusstellung: Weiß hat eine Mehrfigur und noch einen Bauern. Karjakin dachte vielleicht “wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde”… . Das war das Ende des ersten Tages, und tags darauf war Karjakin nicht mehr gut drauf.

Das sichere Schwarzremis gegen Nakamura hatten wir bereits, dann ein unsicheres Schwarzremis gegen Grischuk, und dann der (im Nachhinein) Höhepunkt des zweiten Tages für Karjakin:

Eine Partie sollte er noch gewinnen, die gegen Kramnik – der in anderen Partien munter drauflos patzte, Karjakin hatte ihn allerdings überspielt. Auch wenn es dann in beiderseitiger Zeitnot noch drunter und drüber ging kann man Karjakins Sieg als verdient bezeichnen.

Zu Karjakin-Caruana 0-1 1/2 eine Bilderserie:

Auf dem ersten Foto hat Caruana noch eine Qualität mehr (Karjakin spielt gerade 109.Lf8+), auf den beiden nächsten Fotos hat Karjakin eine Mehrfigur, allerdings mangels Bauer(n) kein Gewinnpotential. Was wurde aus dem schwarzen Turm? Er stand später auf a2 und war vom Lg8 gedeckt, nach 114.Lg7+ Kc4?? (das einzige falsche Feld für den König) jedoch nicht mehr: 115.Kxa2!! und es war Remis. Die Qualität hatte Karjakin im Mittelspiel freiwillig und unternehmungslustig geopfert – Kompensation anfangs vorhanden, später nicht mehr, aber auch das Endspiel war dann womöglich zunächst noch innerhalb der Remisbreite.

Wieder entwischte Karjakin und hatte nun am zweiten Tag vier Remisen und einen Sieg, aber die kurze Rochade in den nächsten beiden Runden kostete den Turniersieg:

Gegen Anand verlor er glatt.

Und dann auch noch mit Weiß gegen MVL, hier die Endphase im Springerendspiel – ein Mehrbauer reichte dem Franzosen zum Sieg. Wieder kibitzt Grischuk.

Karjakins Kurzremis in der letzten Runde gegen Mamedyarov kann man kritisieren. Dabei rechnete er wohl nicht damit, dass Nakamura gegen Kellerkind Caruana eventuell verlieren sollte und wollte nach dem zuvor Geschehenen jedenfalls Platz zwei absichern. Was vielleicht auch eine Rolle spielen könnte: Karjakin wurde von 1.e4 c5 2.Sf3 Sf6!? überrascht – zwar nicht allzu sehr, so hatte Shak schliesslich bereits mehrfach gespielt (auch in Leuven und Paris), aber für den Fall dieses Falles hatte er sich statt einer prinzipiellen eine eher harmlose Antwort zurechtgelegt. Mamedyarov hatte Schwarz, und für ihn ging es um nichts mehr.

Wesley So spielte vor allem Remis. Am einfachsten konnte er seine Pläne mit Weiß gegen Nakamura und Aronian umsetzen – in der ersten Partie ein theoretisch bekanntes Dauerschach ab dem 14. Zug, in der zweiten Partie wurde bereits ab dem 7. Zug wiederholt (7.-Sh5 8.Ld2 Sf6 9.Lf4 Sh5 usw.). Auch das aus analogen Stellungen bekannt, hier können beide abweichen wobei eher Weiß eine Bringschuld hat.

Vier Ausnahmen gab es, die Niederlage gegen Karjakin hatten wir bereits.

Am ersten Tag besiegte er Mamedyarov, nachdem dieser angriff und ausgekontert wurde (Shak hatte ein zwischenzeitlich mögliches Dauerschach verschmäht oder nicht gesehen, schade eigentlich). Zu Beginn des zweiten Tages gewann er ausgerechnet gegen Vachier-Lagrave, irgendwie im Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern.

Perfekte 50% wurden es, da er einmal gegen Grischuk auch statt Remis Schach spielen wollte. Es begann mit 1.d4 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 – und nun von Grischuk nicht 3.-d5 nebst später die Qualität einstellen, sondern 3.-Lg7. So erlaubte eine Hauptvariante im Königsinder, in Paris hatte es prima funktioniert – 2017, damals gewann er in dieser Variante zweimal gegen Grischuk. Diesmal gewann Schwarz – im 36. Zug opferte So eine Qualität, wohl um etwas zu tun da Schwarz am Königsflügel Fortschritte gemacht hatte. Schwarz nahm die Qualle und machte danach weitere Fortschritte am Königsflügel.

Das waren die vier Ausnahmen in achtzehn Partien, wie ist So sonst aufgefallen?

So! Derlei Mätzchen sind bei Nakamura oder Jobava vielleicht “glaubwürdig”, bei So wirkt es aufgesetzt nach dem Motto “das kann ich auch!” – so sehe ich es jedenfalls.

Levon Aronian bleibt vielleicht etwas unterbelichtet – 6/9 am zweiten Blitztag war aller Ehren wert, 5/9 tags zuvor war jedenfalls nicht schlecht. Aber er konnte eben nicht in den Kampf um den Turniersieg eingreifen. Insgesamt hatte er fünf Siege und nur eine Niederlage – die bereits erwähnte gegen Karjakin.

Maxime Vachier-Lagrave mit Licht und Schatten, dabei mehr Licht als Schatten. Dass er Karjakin gleich zweimal ärgerte hatten wir bereits. Insgesamt sechs Siege aber auch drei Niederlagen – an Tag eins gegen Mamedyarov, am zweiten Tag zu Beginn ausgerechnet gegen So und zum Schluss ausgerechnet gegen [da muss sich der Leser noch etwas gedulden].

Am zweiten Tag war er dabei schlicht und ergreifend müde – ist ja auch eine Zumutung, dass die erste Runde bereits um 12:00 begann. Nakamura ist nach eigener Aussage ein Morgenmensch, Karjakin ist es – seit er Vater wurde – wohl auch.

Die drei nächsten erzielten im Blitz etwa 50% – wie auch So, allerdings auf andere Weise.

Vishy Anand zeige ich doppelt, da ich mich nicht entscheiden kann, welches Hemd mir besser gefällt. Er begann mässig mit 1.5/6 und konnte im weiteren Verlauf auch Partien gewinnen – insgesamt drei bei fünf Niederlagen. Turnierrelevant wurde er durch seinen Sieg gegen Karjakin in Runde 15.

Alexander Grischuk zeige ich schon deshalb, weil er eben auf seine Weise fotogen ist. Drei Siege und drei Niederlagen, ausserdem auch einige turbulente Remisen und verpasste Chancen. “Eigentlich” ist auch er ein starker Blitzer, in Paris (und zuvor in Leuven) wurde ihm vielleicht mitunter delay statt Inkrement zum Verhängnis.

Ein kleiner “Film” zum turbulenten ersten Remis gegen Kramnik:

Beiderseitige Zeitnot, zum Zeitpunkt des ersten Fotos natürlich noch nicht. Rein schachlich stand zunächst Grischuk klar besser, später dann Kramnik – ist Remis dann das korrekte Ergebnis?

Shak Mamedyarov hatte insgesamt fünf Siege und sechs Niederlagen – beide Tage insgesamt vergleichbar, aber (einmal tagesübergreifend) unterschiedlich über die Runden verteilt: drei Niederlagen in Runde 2-4, die fünf Siege (zwischendurch auch Remisen) in Runde 6-13, dann in Runde 15-17 wieder eine “lange Rochade”. Neben der Tatsache, dass er so im Niemandsland der Tabelle landete, könnte auch das beim abschliessenden Kurzremis gegen Karjakin eine Rolle spielen.

Turnierrelevant war sein Sieg gegen Karjakin in Runde 9, und die etwas unnötige Niederlage gegen Nakamura in Runde 17.

…………….

Fabiano Caruana putzt hier seine Brille – Kramnik tat dasselbe bereits im Schnellturnier, beiden hat es eher nicht geholfen. Auf niedrigerem Niveau (etwa Elo 1950 gegen Elo 1400) hatte ich vereinsintern mal diese Blitzpartie: 1.e4 c5 2.Lc4 Sc6 3.Dh5!? e6 4.Dxc5???? Lxc5 – und mein Gegner gab auf mit den Worten “ich muss wohl meine Brille putzen”. So früh in ihren Partien haben Caruana und Kramnik nicht gepatzt, aber teils war es fast vergleichbar.

Gleich zu Beginn zeigte sich, woran es bei Caruana auch haperte – Chancenverwertung: gegen Anand verwandelte er eine Gewinn- in eine Remisstellung. Das machte er dann auch z.B. gegen Karjakin, und manchmal hat er auch Gewinnstellungen verloren – nicht nur abschliessend gegen Nakamura, auch in der zweiten Partie gegen Anand. Er hatte einen Läufer auf c5, der gegnerische Springer auf d3 musste den schwarzen Freibauern auf c2 im Auge behalten. Nun wählte Caruana ohne gegnerisches Schachgebot das falscheste Feld für seinen König: 51.-Kd7??? 52.Sxc5 SCHACH! Caruana ersparte sich selbst die Qual der Wahl, wohin sein König nun ziehen sollte, und dem Gegner die schwierige Wahl zwischen 53.Sd3 und 53.Sb3 – er gab auf.

Vlad Kramnik verlor vor allem am zweiten Tag reihenweise Partien, aber nicht seine gute Laune. Bevor ich das fotografisch dokumentiere, zeige ich die erste Ausnahme am zweiten Tag:

Die Partie gegen Caruana verlor Kramnik nicht, weil er übelst patzte, sondern weil er zuviel von der Stellung verlangte – Optimist war er nach wie vor.

Gute Laune hatte er ohne gegnerische Hilfe, zusammen mit Nakamura und zusammen mit So. Nakamura freut sich auf den gegnerischen Fehler, der dann immerhin bereits im 18. Zug kam. So freut sich, da Remis spielen Spass macht – Kramnik diesmal, da er daher nicht schon wieder verlieren würde.

Die Kunst des falschen Feldes für den König beherrschte er übrigens auch: Gegen Aronian hatte er ein Bauernrennen im Turmendspiel eigentlich gewonnen (bzw. Aronian hatte dieses verloren), aber dann 59.-Kf4? was b8D mit Schach erlaubte. Nun war es Remis, aber Kramnik machte direkt danach den nächsten Fehler und verlor.

Zum Schluss gewann er aber tatsächlich noch eine Partie, die erste am zweiten Tag und die dritte insgesamt bei neun (9) Niederlagen – ausgerechnet gegen MVL, der soviel Vertrauen in Kramniks Qualitätsopfer hatte dass er sofort eine Figur zurückgab. Danach waren zwei russische Leichtfiguren besser als ein französischer Turm.

Das waren alle zehn Spieler. Für Kramnik ist die Chess Tour nun vorbei, die neun anderen treffen sich im August wieder in Saint Louis – erst nochmals Schnell- und Blitzschach, dann mal was (im Rahmen der Chess Tour) Neues: Sinquefield Cup mit klassischer Bedenkzeit. Davor steht es bei der Chess Tour insgesamt derzeit so: So 21, Nakamura 20, Karjakin 19, MVL 15, Aronian 13, Grischuk 9, Anand 8, Mamedyarov 7, Caruana 4. Vier Spieler erreichen das Finale in London – So, Nakamura und Karjakin haben dafür nun sehr gute Karten, Platz 4 ist zwischen MVL und Aronian umstritten. Wie zuvor in Leuven klafft in Paris eine Lücke zwischen diesen fünf und den vier anderen, und wurde die wildcard am Ende Letzter. Caruana kann zwar beim Sinquefield Cup eventuell Bonuspunkte verdienen, aber er ist eben kein guter Schnell- und Blitzschachspieler – und das ist Schwerpunkt der Chess Tour.

Was bleibt sind noch ein paar Bilder:

Das offizielle Siegerfoto von Nakamura

Dieser junge Mann – wer auch immer das ist – hat allerdings einen nicht nur relativ zur eigenen Länge grösseren Pokal gewonnen (dabei jedoch – wenn überhaupt – weniger Geld).

Das Turnier fand ja in einem Fernsehstudio statt unter Ausschluss der Öffentlichkeit, aber hinterher mischten sich die Spieler unters Volk – jedenfalls einige: hinten stehen Nakamura, So, MVL und Anand, vor ihnen Jungstars. Das ist das Stichwort für noch eine kleine Mitteilung: bei einem Turnier in Italien erzielte Praggnanandhaa endlich seine dritte GM-Norm und ist bzw. wird nun zweitjüngster Großmeister aller Zeiten. Einer der ersten Gratulanten war offenbar Vishy Anand, ob Karjakin (weiterhin Rekordhalter) auch gratuliert hat weiss ich nicht.

Wenn er solange durchhält (davon sollte man ausgehen) wird Praggnanandhaa in gut 37 Jahren das feiern, was Gelfand gerade feierte: seinen 50. Geburtstag. Ob er zwischenzeitlich Weltklassespieler oder gar WM-Kandidat wurde wird die Zukunft zeigen.

 

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