Zeitmaschine bei den NL-Meisterschaften

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Die niederländischen Meister 2006 hiessen Sergey Tiviakov und Zhaoqin Peng. Die niederländischen Meister 2007 hiessen Sergey Tiviakov und Zhaoqin Peng. Die niederländischen Meister 2018 heissen Sergey Tiviakov und Zhaoqin Peng.

Bei Tiviakov dauerte es elf Jahre bis zum dritten Titel – kein Rekord, bei van Foreest lagen 114 Jahre zwischen dem sechsten und dem siebten Titel (das sind dabei insgesamt drei Personen). Bei Peng sind es sieben Jahre seit dem dreizehnten Titel (2000-2011 gewann sie immer, davor bereits 1997) – der vierzehnte ist dabei wohl der letzte, das hat sie selbst (schon vor dem Turnier) beschlossen. Zwei Vorgänger und zwei Nachfolger von Tiviakov (einer in Doppelrolle) haben auch dieses Jahr mitgespielt, konnten allerdings nicht in den Kampf um den Titel eingreifen, ein anderer Vorgänger und zwei andere Nachfolger waren nur mal in anderer Rolle vor Ort. Zwei Nachfolgerinnen von Peng hatten dagegen vor der letzten Runde noch Titelchancen, die Entscheidung bei den Herren bzw. im “offenen Turnier” (einmal hat Zhaoqin Peng da mitgespielt) war dagegen bereits gefallen.

Als Titelbild ein gemeinsames Foto der Sieger, wie fast alle im Bericht von Harry Gielen – ab Turnierseite auf Flickr. Nur am letzten Tag war ich vor Ort und habe auch ein bisschen selbst fotografiert. Für Archivfotos später im Artikel danke ich dann noch zwei anderen Fotografen.

Frauen

Nun aber der Endstand in beiden Turnieren: Offenes Turnier Tiviakov 5.5/7, l’Ami, van Foreest, van den Doel, Sokolov 4, Ernst 3, van Wely 2, Leenhouts 1.5. Alle bis auf IM Koen Leenhouts sind Großmeister – es war also Jorden van Foreest, IM Lucas konnte sich (noch?) nicht für die NL-Meisterschaft qualifizieren. Sowie – da nur Niederländer mitspielen dürfen – Erwin und nicht etwa Alina l’Ami und Ivan und nicht etwa Andrei Sokolov. Im Damenturnier etwas anders sortiert, 5.5/7 war da gut aber nicht gut genug: GM Peng 6/7, IM Lanchava 5.5, WIM Ratsma 5, WGM Haast 4.5, WGM Paulet 3.5, Keetman 1.5, Hortensius und WFM de Mie 1.

Ich beginne nun mit der Eröffnung – da ich recht viele Fotos von Harry Gielen auswähle als Galerie:

Umgebung des Turnierorts hatte ich bereits letztes Jahr fotografisch dokumentiert – Austragungsort wieder Amsterdam, das ist seit 2012 der Fall (davor zuletzt 1996) und zum zweiten Mal nach 2017 der Tolhuistuin, ab Hauptbahnhof per Fähre erreichbar. Das Wetter war diesmal durchgehend sommerlich – siehe erste Fotoreihe, auch Kleidung der Damen. Blumen für Anne Haast – sie schaffte vor dem Turnier etwas, das jede(r) alle 365 Tage schafft: ein Jahr älter werden. Auf diesem Foto im Hintergrund, auf dem nächsten weiter vorne Machteld van Foreest – einen Buchpreis bekam sie für ihren Beitrag zur Eröffnungsfeier, noch darf sie bei den Erwachsenen nicht mitspielen (bei weiteren Elofortschritten könnte es 2019 bereits der Fall sein). Auf beiden Fotos ein für mich neues Gesicht: Turnierdirektor Bart Stam, Nachfolger von Paul Rump.

Ein gemeinsames Gruppenfoto in abweichendem Format und damit nicht Galerie-kompatibel.

Und auch das separat – Marleen van Amerongen, Vorsitzende des niederländischen Schachbunds, ist “immer” (jedenfalls auf allen mir bekannten Fotos) einfarbig-bunt angezogen. Welche Farben noch in ihrer Garderobe vertreten sind, da muss der Leser sich noch etwas gedulden – oder nochmals beim Limburg Open vorbeischauen.

Und ich zeige noch alle sechzehn individuell – alphabetisch sortiert, damit Damen und Herren durcheinander, alle Fotos aus Runde 1:

Einige lächeln, andere nicht. Sipke Ernst guckt oft passend zu seinem Nachnamen, und ein Groninger Fotograf (Name bei der Redaktion bekannt) sagte auch, dass Tiviakov selten bis nie lächelt. In einer vorab entstandenen Fotoserie (“NK portretten 2018”, Archivfotos aus dem Jahr 2017) hatte Harry Gielen übrigens statt Sergey Tiviakov Benjamin Bok, wieso das denn? Bok musste kurzfristig wegen einer Augenoperation (von der er sich offenbar nun gut erholt hat) absagen, Tiviakov durfte nur deswegen mitspielen – man erreichte ihn eine Woche vor Turnierbeginn bei einem Familienbesuch in Russland, er fand einen passenden Flug und war rechtzeitig zu Turnierbeginn in Amsterdam.

Runde 1:

Der Turniersaal – fast alle am Brett, Jorden van Foreest spaziert, Ivan Sokolov fehlt noch.

 

Livekommentar an diesem Tag von NL-Urgestein Hans Böhm

Sokolov erschien dann doch, pünktlich um 14:41 (Rundenbeginn war 14:30) – es wurde remis da Sokolov eben immer remis spielt. Nein das war letztes Jahr und auch damals war es nicht absichtlich, diesmal gewann er zweimal und verlor einmal.

Tiviakov-Leenhouts 1-0 war keine Überraschung, entstand dabei etwas “aus dem Nichts heraus” – Leenhouts unterschätzte das weisse Angriffspotential trotz reduzierten Materials (beiderseits nur noch Dame, Läufer und Springer).

van den Doel – van Wely 0-1 1-0 war eine Überraschung, sowohl betrifft Papierform der Spieler als auch (bereits angedeutet) Partieverlauf. Nach 34 Zügen stand Schwarz total gewonnen, nach 36 Zügen war es ausgeglichen – und da Loek das offenbar nicht akzeptieren wollte stand Weiß nach 38 Zügen auf Gewinn, dabei blieb es bis zum 50. und letzten Zug.

Die Damen behandele ich etwas stiefmütterlich, zu dieser Runde nur soviel: die Favoritinnen Haast, Peng und Lanchava gewannen – für Rosa Ratsma blieb diese Null gegen Lanchava dann die einzige im Turnier.

Runde 2 – rein schachlich bei den Herren drei Remisen und l’Ami-van den Doel 1-0, ich zeige ein paar Fotos:

Und das wurde dann – ohne grosse Abenteuer – Remis. Abenteuerlicher war van Foreest-Tiviakov 1/2 – da balancierte der spätere Sieger gegen den NL-Meister 2016 am Rande einer Niederlage. Es begann ‘harmlos’ mit einem Rubinstein-Franzosen (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4), dann aber verschärften beide Spieler die Situation – van Foreest mit langer Rochade, Tiviakov später mit einem Qualitätsopfer für einen Bauern. Er dachte vermutlich, dass er (auch dank seines Läuferpaars) wenig riskierte. van Foreest konnte mit beiden Türmen auf der siebten Reihe eindringen, kritische Momente dann kurz vor der Zeitkontrolle: 35.Tg7+ (alternativ 35.Lxe6+ mit ebenfalls guten Gewinnchancen) 35.-Kf8 36.Tdf7+ (36.Txh7) 36.-Ke8 37.Tf2?! (immer noch 37.Txh7!) 37.-Lg3! 38.Tg2 Tc3 (erzwungen aber gut genug) 39.Txh7 Lf5 und Schwarz hatte die Lage wieder unter Kontrolle.

Livekommentar heute (und dann auch in Runde 6) vom nächsten “Urgestein” Gert Ligterink, NL-Meister 1979.

Ich zeige nochmals die beiden Titelverteidiger – noch war nicht klar, dass sie (wie Loek am letzten Tag mir und anderen gegenüber sagte) später “entthront” wurden.

Runde 3:

Turniersaal, Tiviakov-Sokolov noch ohne Sokolov. Er kam spät und konnte früh wieder gehen, da er in einer spanischen Nebenvariante Schiffbruch erlitt. Idee bei 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 b5 5.Lb3 g6!? war wohl -Lg7, dazu kam er nie. Kleinstes (und vielleicht noch akzeptables) Übel war im 22. Zug ein Endspiel mit Minusbauer bei Türmen und ungleichfarbigen Läufern, 22.-f5?? war dagegen Selbstmord, nach 25.Lf6+ war bereits Schluss.

Das hat Harry Gielen offenbar nicht aus der Nähe fotografiert, im Gegensatz zu

van Wely – l’Ami 1-0 1/2 – in einem glatt gewonnenen Turmendspiel verrechnete sich van Wely und plötzlich war es nur noch remis. Noch am letzten Tag sagte er “2.5/3 aus den ersten Runden war logisch, es wurde 1/3”.

Livekommentar heute vom FM und Kabarettisten Tex de Wit

Runde 4:

Tiviakov-Ernst 1-0: Groningen (ehemals Russland) gewann gegen Groningen (ehemals Friesland), da Schwarz im Endspiel einen Bauern einstellte. Nicht fotografiert wurde offenbar Zeeland-Brabant 1-0 d.h. Leenhouts-van Wely 1-0! – die experimentelle schwarze Eröffnung (1.d4 e6 2.c4 b6 3.e4 Lb7 4.Ld3 Sc6 usw.) funktionierte zunächst durchaus. Leenhouts liess sich (8.h4!?) auch nicht lumpen, dann war 14.-0-0-0 vielleicht zu kreativ oder nicht kreativ genug (Engines empfehlen 14.-Kd8). Der Rest war chaotisch: schon im 21. Zug konnte Leenhouts forciert mattsetzen (21.Ta8+! usw.), nach dem “mouse slip” (war es wohl nicht) 21.Ta7 war van Wely mehr oder weniger zurück in der Partie. Vorübergehend war es wieder Engine-ausgeglichen, aber später bekam Leenhouts weitere Chancen – die er nutzte.

Dieses Foto zeige ich nicht wegen Sokolov, sondern wegen dem Spieler im Hintergrund, der bei der NL-Meisterschaft 2018 mit 0/0 seine Elozahl ungefährdet verteidigte. Warum war Giri (NL-Meister 2009, 2011, 2012 und 2015) vor Ort? Wegen einem Recruitment-Tag von Sponsor Deloitte, dazu noch drei Fotos:

Marleen van Amerongen heute, wie auch an Pfingsten in Maastricht, in grün. Teil des Ganzen war auch ein Einladungsturnier, bei dem sie mitspielte – Schach spielen kann sie wohl (inaktive FIDE-Elo 2151) wobei sie es seit vielen Jahren jedenfalls “offiziell” (international oder national ausgewertete Partien) nicht mehr tut.

Zurück zu Spielern, die Elopunkte riskierten – Runde 5 mit u.a. der vor dem Turnier erwarteten und der zu diesem Zeitpunkt tatsächlichen Spitzenpaarung:

van Wely – van Foreest 1/2 – da fiel keine Vorentscheidung im Kampf um den Meistertitel, Weiß hatte zuvor 1/4, Schwarz immerhin 1.5/4. Ein Prestigeduell war es dennoch, mit wechselnden ungewöhnlichen Materialverhältnissen. Nach einer Abwicklung hatte Weiß zwei Türme gegen drei gegnerische Leichtfiguren. Nach der nächsten Abwicklung normalisierte sich die Situation allerdings wieder, und übrig blieb ein remisliches Damenendspiel – insgesamt 22 Züge Spannung bis leichtes Chaos und dann noch 18 weitere Züge.

van den Doel – Tiviakov 1/2 – da fiel demnach auch keine Vorentscheidung, Weiß hatte zuvor 3/4, Schwarz 3.5/4. Es schien ein korrektes Remis, bis auf einen taktischen Doppelfehler im 34. Zug: 34.Lxd6? Dxb3? und es war wieder ausgeglichen und dabei blieb es – mit 34.-Lh6! konnte Tiviakov vom gegnerischen Lapsus profitieren und wäre dann schon nach fünf von sieben Runden “fast” niederländischer Meister. In Bezug auf sein späteres Spielerzitat: Das wäre eher ein Zufallsprodukt, eine eventuelle Niederlage zuvor gegen van Foreest eher passend zum Partieverlauf insgesamt.

Einer konnte profitieren: l’Ami-Leenhouts 1-0 – in einem Taimanov-Sizilianer wählte Weiß das modische 6.Le3 a6 7.Df3 und später 13.Dg3 mit Damentausch und leichtem Endspielvorteil. Den konnte er später konkretisieren: zwei starke verbundene Freibauern waren mehr als ausreichende Kompensation für eine investierte Qualität, eventuell gar für einen Turm. Stand vorne nun Tiviakov 4, van den Doel und l’Ami 3.5 – l’Ami hatte in der letzten Runde Weiß gegen Tiviakov, sollte es noch spannend werden? Das hatte sich – wie der Leser bereits weiß – tags darauf erledigt, aber nun doch mal zum Damenturnier. Auch da eine Vorentscheidung, jedenfalls im Nachhinein:

Peng-Lanchava 1-0 – so konnte die vielfache NL-Meisterin die NL-Meisterin 2012 überholen. Lange war es ausgeglichen, dann wollte offenbar Schwarz im Leichtfigurenendspiel mehr als Remis und bekam weniger. Ein weisser Freibauer kostete den schwarzen Läufer, und der weisse Springer konnte den gegnerischen c-Freibauern gerade so aufhalten (wohl eher präzise Berechnung als “Stellungsglück”). Beide bekamen doch eine neue Dame, aber dann konnte Weiß nach bekannten Mustern mattsetzen. Einige Stellungen hätten Diagramme verdient, aber wenn ich die auch noch einbaue hat der Artikel noch mehr Überlänge… .

Stand bei den Damen nach dieser Runde: Peng und Haast 4/7, Lanchava und Ratsma 3.5/7, usw. .

Runde 6 lief bei den Herren nach Wunsch für Tiviakov, nicht nur seine eigene Partie aber damit beginne ich:

Tiviakov-van Wely 1-0 – auch das noch aus Sicht von King Loek! Zwei starke verbundene Freibauern waren mehr als ausreichende Kompensation für eine investierte Qualität, eventuell gar für einen Turm – ich wiederhole mich, da Tiviakov l’Amis Konzept aus der Runde zuvor wiederholte.

van Foreest-l’Ami 1-0 da l’Ami im 30. Zug schwer patzte und sich zweizügig von seiner Dame verabschieden musste. Jorden van Foreest war sich dabei sicher, dass er ohnehin klar besser stand – Spielerzitat von Erwin l’Ami dazu siehe unten.

Ernst-van den Doel 1-0 mit wechselnden Materialverhältnissen: erst drei weisse Leichtfiguren gegen zwei schwarze Türme – gab es das bereits? Ja, ebenfalls tags zuvor in der “vantastischen” Partie zwischen van Wely und van Foreest. Da löste es sich dann in Wohlgefallen auf, nun hatte Weiß später zwei Leichtfiguren gegen einen Turm und konnte das zum Gewinn verdichten. Ob das schwarze Qualitäts-Rückopfer nötig war oder nicht sprengt ebenso den Rahmen dieses Beitrags wie ob er danach noch Remis halten konnte.

Tiviakov stand damit bereits als NL-Meister fest, nur Platz zwei und drei (die sich ebenfalls direkt für die NL-Meisterschaft 2019 qualifizieren) war noch offen. Mein Besuch vor Ort am Sonntag war geplant und angekündigt, also machte ich es. Immerhin war es bei den Damen noch spannend, Stand nach dieser Runde: Peng 5, Haast und Lanchava 4.5, Ratsma 4, usw. .

Runde 7: Bei l’Ami-Tiviakov ging es nicht mehr um den Meistertitel, bei Peng-Haast durchaus. Aber das wird nun auch ein Reisebericht. Die letzte Runde begann bereits um 12:00, ich machte den Sokolov und verspätete mich, das lag am Stundenrhythmus der Fähre ab Texel – Ankunft ca. 11:05 erschien mir unnötig früh, dann eben 12:05. Das habe ich verpasst:

Turnierdirektor Bart Stam redet vor der Runde ….

und macht dann auch noch Lärm, aber danach blieb es im Turniersaal ruhig – daran hielten sich natürlich auch die Zuschauer:

Unter anderem der vierte von links, ein gewisser Thomas Richter (als Reporter mit Sommerjackett) – wer die beiden im Vordergrund sind erfuhr ich später. Nun zu einigen Partien:

Peng-Haast, 1.Sf3 a6 – was ist das denn? Ein Versuch, mit Schwarz (sie musste ja gewinnen!) sofort Verwirrung zu stiften. Da sich der Rundenbeginn offenbar etwas verzögerte war ich rechtzeitig vor Ort und sah, wie Peng 6 1/2 Minuten grübelte – dann 2.d4 b5 3.c3, Ball flach halten! Später wurde Haasts 6.-h6?! 7.Lxf6 Dxf6 von mehreren Kommentatoren kritisiert – jedenfalls von Stefan Kuipers (als Freund von Anne Haast nicht unvoreingenommen) im Presseraum und auch vom Livekommentator vor Ort, dessen Name ich noch nicht verrate. Da Peng nicht allzu prinzipiell spielte, verflüchtete sich ihr Vorteil vorübergehend und dann bekam sie doch wieder Oberwasser – Anne Haasts Agonie nach 32.Tc4 habe ich wieder im Turniersaal mitbekommen, nach einigen Minuten gab sie auf und Peng war NL-Meisterin.

Paulet-Lanchava 0-1 – Tea Lanchava tat, was sie konnte, Iozefina Paulet hat mit einem groben Bock im 40. Zug dabei geholfen. Aber 5.5/7 war nur Platz zwei im Turnier.

Hortensius-Keetman 1/2 war nicht so “turnierrelevant”, aber verzögerte später die Siegerehrung. Lisa Hortensius wollte in einem Damenendspiel sicher ihr Punktekonto verdreifachen und konnte es dann (gegnerisches Dauerschach) nur verdoppeln. Ratsma-de Mie 1-0 bedeutete Platz 3 für die Weißspielerin, so wurde Anne Haast (NL-Meisterin 2014-2017) diesmal nur Vierte.

Bei den Herren waren vor allem die “turnier-irrelevanten” Partien spannend:

Leenhouts-van Foreest 0-1 – Königsindisch! oder etwa (nach 5.f3 0-0 6.Lg5 c5 7.d5 e6 usw.) Benoni? Wie dem auch sei, Schwarz meisterte die Komplikationen besser und erreichte ein gewonnenes Turmendspiel.

van Wely-Ernst 1/2 – Benoni, keine Frage. Mehr dazu später. Nun erwähne ich erst den nächsten (und letzten) ehemaligen NL-Meister:

Jan Smeets (NL-Meister 2008 und 2010) macht inzwischen den Gustafsson – tendenziell nur noch deutsche Bundesliga spielen und sonst über Schach reden, dabei ist er im Gegensatz zu Gusti auch anderweitig-ausserschachlich berufstätig.

Publikum hatte er auch, darunter auch ein Herr mit Jackett – der angesichts anderer Reporteraufgaben diesen Raum verliess, sobald l’Ami und Tiviakov sich auf Remis geeinigt hatten.

Tiviakov und l’Ami erkundigten sich erst bei Stefan Kuipers nach dem Computerurteil

und analysierten dann, aber offenbar nur kurz – das war bereits vorbei, als ich im Presseraum auftauchte. Zeit für Spielerzitate – erst Tiviakov: “Ich hatte Glück” – das bezog sich darauf, dass er sich eigentlich gar nicht qualifiziert hatte. Zu seinen Partien meinte er: “Gegen van Foreest konnte ich verlieren, dafür gegen van den Doel gewinnen – also stimmt das Gesamtergebnis.” Meinen leichten Einwand – gegen van den Doel war es nur eine zufällige Momentaufnahme – hatte ich vor Ort nicht erwähnt, wobei 5/7 auch gereicht hätte, aber siehe dazu das nächste Spielerzitat. Erst weiter mit Tiviakov: TR “Wenn ich mich richtig erinnere, hattest Du [hierzulande üblich] vor zwei Jahren zugunsten von Jorden van Foreest verzichtet, der dann NL-Meister wurde.” Tivi “Ja, damals war ich nicht in Form und hatte auf dem NK nichts zu suchen – diesmal stimmte die Form, auch in meinen letzten Turnieren.” TR “Und nun Olympiade!?” Tivi “Weiss ich noch nicht, hängt ab von den Konditionen die ich bekomme”. Später sagte er, dass er im entsprechenden Monat bereits andere Pläne hätte – der Globetrotter Sergei Tiviakov hat bereits zwei Turniere (eines überschneidet sich mit der Olympiade) und einen Trainerjob in Indien – die er absagen müsste. Das letzte Wort ist – so mein Eindruck Stand Sonntag – noch nicht gesprochen.

Erwin l’Ami ist immer auskunftsfreudig, sein Turnierfazit “Eigentlich alles gut, bis auf gestern [gegen Jorden van Foreest]. Ich dachte, dass ich das Gröbste überstanden hatte und habe dann nicht aufgepasst – derlei passiert!” Ich bestätigte, dass es auch auf meinem und noch niedrigerem Niveau passieren kann. Erwin teilte dabei Jordens Einschätzung, dass er immer noch etwas schlechter stand – aber eher nicht dessen Optimismus (aus weisser Sicht) bzw. er war nicht pessimistisch (aus schwarzer Sicht). “Wenn ich gestern nicht verloren hätte, dann hätte ich gegen Sergey alles gegeben – so gab es dafür keinen Grund.” Auf meinen Hinweis, dass es für Platz 2 oder 3 und damit direkte Quali für die nächste NL-Meisterschaft noch relevant war: “Daran habe ich rein gar nicht gedacht, sonst qualifiziere ich mich ja wohl über meine Elozahl.”

Zu seinen Siegen meinte ich “der gegen Leenhouts war sehr hübsch” – Erwin: “Ja, und gegen Erik (van den Doel) und Koen (Leenhouts) hatte ich zuvor noch nie gewonnen … .” Chessgames.com bestätigt das im Fall van den Doel – zuvor hatte er “50%” (drei Remisen und drei Niederlagen), und bestätigt meinen Einwand “gegen Koen hast Du aber wohl noch nicht oft gespielt” – laut dieser (nicht immer kompletten) Datenbank war es ihre erste Partie. “Koen ist meine Generation, durchaus talentiert, aber er wählte einen anderen Weg (kein Schachprofi).” Eine andere Datenbank hat tatsächlich einige Partien, u.a. Leenhouts-Siege anno 2000 und 1998 (auch bei NL-Meisterschaften, aber in den Altersklassen U16 und U14).

Zwischendurch noch Spielergalerien vom letzten Tag – wer hat sich im Laufe des Turniers verändert?

Am ehesten Erik van den Doel, der hat offenbar seinen Rasierapparat vergessen. Tiviakov – das hatten wir bereits – zur Feier des Meistertitels nicht allzu festlich gekleidet und dabei (zeitweise) unbeeindruckt von sommerlichen Temperaturen.

Weiter mit l’Ami: “Tiviakovs Erfolg war natürlich absolut verdient. Er profitierte etwas von viermal Weiß in den ersten sechs Runden. Ich hatte da viermal Schwarz – nicht dass ich darüber klage, aber Weiß habe ich viel lieber”. Auf meine Frage zu spektakulären Partien “am ehesten Erik [er stand nebendran], hast Du eigentlich überhaupt Remis gespielt?” “Ja, heute (in 17 Zügen gegen Sokolov, die Luft war wohl raus).” Und auch in Runde 5 gegen Tiviakov, aber das hatte er gerade nicht parat – daneben drei Siege und zwei Niederlagen. Wieder Erwin zum Thema Olympiade: “Da spiele ich immer sehr gerne und bin wohl im Team” – wobei er dann ausführte “der NL-Meister, drei nach Elo (Giri, van Wely, van Foreest), einer wird vom Teamkapitän [Name noch nicht offiziell bekannt] ausgewählt – vielleicht muss ich mir doch Sorgen machen… .” Heute schreibt allerdings Gert Ligterink in der Tageszeitung de Volkskrant “im Team sind neben Tiviakov auch Giri, van Wely, van Foreest und l’Ami” – weiss er mehr als l’Ami (darf er?) und Tiviakov (will er?)? Erwin l’Ami über Loek van Wely: “nachdem der Titel ausser Reichweite war, konnte er sich vielleicht für 50% nicht mehr voll motivieren” – später gab er ehrlich zu, dass er im direkten Duell Glück hatte.

Analysefotos hatten wir bereits, noch eines von Harry Gielen:

Jorden van Foreest interessiert auch für die andere Benoni-Partie des Tages. Und nun ein paar eigene Fotos:

Das Kreuzfahrtschiff ist etwas zu gross für meine Handykamera (das musste letztes Jahr auch Harry Gielen erfahren) bzw. der Abstand von der Terrasse bis zum Wasser ist zu klein. Außerdem hält es vorübergehend den normalen Verkehr der Pendelfähren zum Hauptbahnhof auf.

Der Turniersaal leerte sich – wie gesagt, Hortensius und Keetman waren dann die letzten beiden. Das Foto von der Analyse zwischen van Wely und Ernst (Harry Gielen kibitzt) ist etwas dunkel, dafür ist das Chaos auf dem Brett recht gut sichtbar. Ich habe da nix verstanden, die beiden Spieler allerdings auch jedenfalls nicht alles – zu einem gewissen Zeitpunkt dachten beide, dass sie auf Gewinn stehen. Sipke Ernst hatte (laut Computerurteil) einen Moment lang recht, Koen Leenhouts darauf zu Loek van Wely: “dann hätten wir den letzten Platz geteilt!”. Er sagte zu seinem Turnier “war eine schwere Woche…”. Moralische Unterstützung hatte er – auf einem Foto wird deutlich wer die beiden zuvor von Harry Gielen abgelichteten sind: Frau/Freundin und Sohn von Koen Leenhouts.

van Wely trug sein Ergebnis mit Fassung und war trotz allem selbstbewusst – es gab auch keinen Grund anzunehmen, dass er nach Wijk aan Zee (A-Gruppe) auch bei NL-Meisterschaften nicht mehr mithalten kann. Auf meine Frage bzw. Bemerkung “nächstes Jahr wirst Du wohl wieder versuchen, niederländischer Meister zu werden!?”: “Was heisst hier ‘versuchen’?” Ich habe das nicht vertieft – aber wenn Anish wieder mitspielen sollte wäre Loek kein Favorit.

Bianca de Jong-Muhren hat auch vorbeigeschaut – auf meine Frage, ob ihre Tochter mal NL-Meisterin wird: “Dazu keine Prognose, sie ist ja erst zwei! Wenn sie später mal Schach spielt ist es OK, wenn nicht ist es auch OK”.

Zhaoquin Pengs spontaner Kommentar zum Meistertitel “ich bin müde!”. Mir gegenüber bestätigte sie, was bereits auf der Homepage ihres NL-Vereins stand: nach der Olympiade wird sie ihre Karriere als Spielerin beenden und ist ab dann nur noch Schachtrainerin.

Wie gesagt, eine Partie im Damenturnier verzögerte die Siegerehrung, alle hatten Durst – Bier oder Wein, da gingen die Meinungen auseinander. Dann war Hortensius-Keetman plötzlich Remis, Gläser waren noch voll, was nun? In den schnell umgebauten Turniersaal mitnehmen, unterwegs sicherheitshalber noch auf die Toilette. Zur Siegerehrung Fotos von Thomas Richter (TR) und Harry Gielen, etwas thematisch sortiert:

Wer ist die Dame in gelb auf den Fotos? Das wird später deutlich – und ich war auch nicht die einzige Person, die mit Handy fotografierte.

Das Organisationsteam – neben Bas Stam von links nach rechts Fotograf Harry Gielen, Koos Stolk (“Facilitair”), Schiedsrichter Arnoe Eliëns und Pressechef Stefan Kuipers – wurde auf die Bühne gerufen. Warum hat Tiviakov plötzlich eine Kamera? Ähnlichkeit mit der von Harry Gielen kein Zufall! Dann redete ein Vertreter von Sponsor Deloitte, Name ist mir leider entfallen. Er spielt auch selbst Schach, vor längerer Zeit in der vierten NL-Liga, derzeit im Internet. Am Brett hat er vor kurzem eine Partie verloren – keine Schande, es war gegen Garry Kasparov (auch im Simultan nicht zu unterschätzen). Der Schachbund-Vertreter ist Direktor Dharma Tjiam.

Deloitte hat übrigens für die nächsten drei Jahre als Sponsor der NL-Meisterschaften zugesagt – Wijk aan Zee ist dagegen (offiziell) immer nur vom einen zum nächsten Jahr gesichert, Konsequenzen der (seit kurzem definitiven) Fusion von Tata Steel und Thyssen-Krupp “unklar”.

Dann wurden die Spieler(innen) einzeln nach vorne gerufen, alle hatten das Recht (und die Pflicht), etwas zu ihrem Turnier und eventuell auch zu anderen Themen zu sagen – ich zeige einige aber nicht alle, diesmal Fotos von Harry Gielen gekennzeichnet:

Wenn man es mit früheren Fotos vom selben Tag vergleicht: einige hatten sich zwischenzeitlich umgezogen. Ivan Sokolov wure zu seinen Plänen für die nächsten Monate befragt: u.a. niederländischer Coach bei der Junioren-WM (“hoffentlich wird Jorden Weltmeister”) und “etwas zu dem ich mich nicht äussern kann”. Ob das genug Geld einbringt für eine neue Jeans und/oder eine funktionstüchtige Armbanduhr, da bin ich überfragt.

Noch eine Reihe Fotos – nun wieder von Harry Gielen:

Peng bekommt den Pokal

Peng hat den Pokal

Tiviakov bekommt den Pokal

und auch den Wanderpokal

Die drei Siegerinnen

Die drei Sieger

Und zum Schluss noch die “Zeitmaschine” – Fotos von NL-Meisterschaften 2006 oder 2007 habe ich nicht gefunden, aber etwa gleichaltrige auf Wikipedia:

Sergei Tiviakov 2005 in Warschau (Foto Pawel Suwarski)

Zhaoqin Peng 2008 (Foto Stefan64, Ort nicht erwähnt)

Haben sie sich verändert? Jünger wurden sie natürlich nicht – Tiviakov hat vielleicht etwas weniger Haare, Peng hat nach wie vor dieselbe Haarfarbe und eventuell – soweit man das anhand von einem alten Foto beurteilen kann – einen anderen Geschmack was Kleidung betrifft.

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