Dortmund 2018: Und dann kam Nepomniachtchi

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Vor dem Ruhetag war noch alles offen, vor der letzten Runde ebenfalls – fünf von acht Spielern konnten noch (nach Wertung) Turniersieger werden! Auf jeden Fall würde sich ein neuer Name in die Dortmund-Siegerliste eintragen – neben Titelverteidiger Wojtaszek war auch der zehnfache Dortmund-Sieger (zuletzt 2011) Kramnik nicht mehr im Rennen, Nisipeanu sowieso nicht. Während der letzten Runde schien zeitweise (ausgerechnet) Giri die besten Karten zu haben, und dann kam es doch anders.

Das ist der Endstand: Nepomniachtchi 5/7, Giri, Kovalev, Duda 4, Meier 3.5, Kramnik und Wojtaszek 3, Nisipeanu 1.5. Vom Ergebnis her dominierte also der Russe der nicht Kramnik heisst. Giri hat wieder ein Superturnier nicht gewonnen. Kovalev und Duda hatten ordentliche Premieren auf diesem Niveau, wobei für den Polen mehr drin schien – er hat bei seinem Ergebnis vielleicht gemischte Gefühle.

Aus deutscher Sicht: Georg Meier erzielte die generell angestrebten 50%, einen Ausrutscher in der vorletzten Runde konnte er in der Schlussrunde reparieren. Nisipeanu spielte in Dortmund 2016 siebenmal remis, 2017 sechsmal – Niederlage nur gegen Turniersieger Wojtaszek – und 2018 dreimal. 2015 hatte er auch zwei Partien gewonnen und eine verloren (gegen Turniersieger Caruana). Dieses Jahr ging die Gleichung “Sieg gegen Nisipeanu = Turniersieg” nicht zwangsläufig auf.

Fotos wieder von der Turnierseite, Fotograf Georgios Souleidis. Als Titelfoto ein aktuelles von Nepomniachtchi, vor der letzten Runde hat er sich rasiert.

Den ersten Schritt zum Turniersieg machte er in Runde 5:

Nepomniachtchi-Kramnik 1-0: Jenny Deppe vom Sponsor Dokom21 entschied sich für 1.e4, Kramnik hatte darauf eine Überraschung parat: 1.-e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 (soweit bekannt) 3.-a6 (auch bekannt, aber eher nicht vom Wahl-Berliner Vlad Kramnik) 4.La4 Sf6 5.0-0 Lc5 (durchaus noch bekannt, aber relativ selten, und Kramnik versuchte es zuvor nur einmal im Schachleben). So musste selbst Schnellspieler Nepomniachtchi früh nachdenken. Sehr selten war dann Kramniks 8.-b4, er gab dann einen Bauern und bekam dafür das Läuferpaar.

Soweit war alles OK für ihn, aber im 17. Zug wollte er seinen Bauern zurückgewinnen – bzw. das schaffte er, aber Nepo konnte mit 20.c5! den inzwischen auf a7 stehenden schwarzen Läufer dauerhaft aussperren. Das war dann partieentscheidend. Was hatte Kramnik übersehen? Wohl nicht, dass 20.-Lxc5? wegen 21.Se4 mit Doppelangriff auf Dame und Läufer gar nicht geht – denn 20.-Dg6 spielte er flott. Eher, dass Weiß das eventuell geplante Angriffsspiel 21.-Lh3 22.Sh4 Dg4 mit 23.Tc4! (da stand vor kurzem noch ein Bauer) neutralisieren kann – 21.-Df7 erst nach 26 Minuten.

Da die drei anderen Partien Remis endeten, übernahm Nepomniachtchi die alleinige Führung im Turnier. Nur zu einer Remispartie: Meier neutralisierte Dudas forsches 9.g4 mit 10.-g5 und rochierte dann einfach so lang, so bekam er sein nächstes Remis. Und ich zeige nochmals die Bühne in Dortmund:

In Runde 6 gab es diverse Ausrutscher, nur Nepomniachtchi blieb verschont:

Duda-Nepomniachtchi 1-0 1/2: Der Pole hatte den Russen “eigentlich” total überspielt – zwei Mehrbauern am Damenflügel, und dass der weisse König luftig stand sollte weniger relevant sein als dass der schwarze etwas unter Atemnot litt. Problem jedoch aus menschlicher Sicht (nicht aus Engine-Sicht), dass die weissen Figuren etwas verstreut standen – darauf hoffte Nepo und sollte recht behalten: 51.Kf3? (51.g5!) Dc6 52.Sa4 Lxc4! – dieses Figurenopfer war nur vorübergehend: neben der Figur bekam Schwarz auch beide Bauern zurück, und das verbleibende Damenendspiel war total ausgeglichen, Remis dann nach dem 58. Zug. So behielt Nepomniachtchi die Führung im Turnier, statt sie an Duda abzugeben.

Kramnik-Giri 0-1! Giri wird frech, nach zuvor sieben Niederlagen hat er dieses Jahr (nach Tata Steel) schon zum zweiten Mal gegen Kramnik gewonnen. Beide Male lag es allerdings an Kramnik selbst. Anfangs wiederholte er die Eröffnung (“Colle-Zukertort-System”), die er schon bei Norway Chess 2017 gegen Giri spielte – nur hatte er damals b3 vergessen, stand nach schwarzem c5-c4 an sich früh schlecht und gewann irgendwie in 20 Zügen. Nun war die Eröffnung kein Fiasko aber auch eher kein Erfolg. Kramnik opferte einen Bauern, Giri gab diesen vorsichtshalber direkt zurück, und Remis durch Zugwiederholung schien sich anzubahnen. Aber Kramnik wich ab!

Das war noch nicht falsch, kurz darauf hatte Giri wieder einen Mehrbauern und Kramnik Kompensation – zunächst, aber nicht auf Dauer. Später war das Endspiel dann für Schwarz so gewonnen, dass auch Giri keinen Remisweg mehr fand. Kramnik spielte lange weiter aber hoffte vergeblich auf ein Wunder.

Meier-Nisipeanu 1-0, na so was! Georg Meier spielt doch immer remis!? Diesmal bekam er in einem seltenen katalanischen Abspiel nach taktischen Verwicklungen zwei Figuren für einen Turm und konnte diesen Vorteil dann verwerten. Nisipeanu fand nicht die beste Verteidigung (23.-Td1+ mit Turmtausch war offenbar falsch), Meier zeigte danach saubere Technik.

Im Zwischenbericht hatte ich Meier nicht als Kandidat für den Turniersieg – gegen wen kann er denn eventuell gewinnen? Da hatte ich vergessen, dass Nisipeanu mitspielt und kein gutes Turnier hat.

Der Vollständigkeit halber Wojtaszek-Kovalev 1/2, und nun die/alle Sponsoren:

Stand vor der letzten Runde damit Nepomniachtchi 4/6, Giri, Duda, Kovalev, Meier 3.5, usw. . Tiebreaks hatte ich im Zwischenbericht bereits, alle fünf Spieler mussten in der letzten Runde gewinnen um Turniersieger zu werden – auch Nepomniachtchi, da er bei den Tiebreaks schlechte Karten hatte. Das sei bereits verraten: sie legten ihre Partien unterschiedlich an.

Runde 7 – nach etwa einer Stunde schien Giri auf dem Weg zum Turniersieg: er machte scheinbar mit Dudas Pirc kurzen Prozess, während Nepomniachtchi gegen Meiers 1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 “lass uns remis spielen” (3.-dxe4) wenig erreicht hatte. Dann kam es anders:

Nepomniachtchi-Meier 1-0 – Rasur gewann gegen “dasselbe Hemd wie tags zuvor” (und offenbar auch an anderen Turniertagen). Die frühe Eröffnung hatten wir bereits, dann wählte Nepo das seltene 7.Se5!? – laut eigener Aussage hinterher ein Tip seines Sekundanten Potkin. So entstand eine dynamische und dabei ausgeglichene Stellung, 14.Lxf6 gxf6 konnte Schwarz verkraften, der kritische Moment im 19. Zug: 19.Dh4 greift den Bauern auf h6 an, nur der König kann ihn decken aber wie? Richtig war 19.-Kh7 mit Selbstfesslung des inzwischen auf f5 stehenden Bauern, sehen musste man dabei 20.g4 b5! 21.g5 Lf4! (da ist der Läufer angegriffen und ungedeckt, aber der weisse Sc4 ist auch angegriffen) 22.Dxf4 bxc4 23.Dh4 Dd2! 24.Dxh6+ Kg8 und Schwarz hat alles unter Kontrolle. Wie “unmenschlich” das ist sei dahingestellt, die Turnierseite nennt es gar nicht – auch nicht, ob Nepo es in der Analyse im Presseraum erwähnte (und da war ich nicht vor Ort).

Falsch war das gespielte 19.-Kg7? (nach 11 1/2 Minuten) 20.g4 f4 (geht nun, aber …) 21.Tg1 usw. mit vernichtendem Angriff, 1-0 nach 27 Zügen. Damit waren die anderen Partien für den Turniersieg nicht mehr relevant. “Mensch Meier” dachte Giri vielleicht, falls er während seiner eigenen Partie auch mal bei der Konkurrenz kibitzte (und die Lage erfasst hatte). Und dann fand er in Gewinnstellung den Remisweg:

Giri-Duda 1-0 1/2: Pirc ist nicht unbedingt sooo schlecht, aber Dudas Interpretation führte nach ca. 15 Zügen zu einer praktisch verlorenen Stellung. Der erste Knackpunkt dann im 21. Zug: 21.Dh4?! – richtiges Feld, falscher Klotz: 21.h4 mit verschärfter Bauernwalze am Königsflügel! So wurden die Damen getauscht, Giri stand wohl immer noch besser aber nach weiteren suboptimalen Zügen nicht mehr. Im Endspiel konnte eventuell gar Schwarz Gewinnversuche unternehmen, aber es wurde Remis. 1/2 gegen Nepo und Giri war für Duda ein logisches Ergebnis – unlogisch über diese beiden Partien verteilt.

Da Giri zeitweise nahe dran schien am Turniersieg und da auch er (nicht zum ersten Mal) Bartversuche unternimmt, zeige ich ihn noch individuell.

Nisipeanu-Wojtaszek 1/2 ist hiermit erwähnt, für beide ging es ja um nichts mehr.

Kovalev-Kramnik 1/2 – noch wusste Kramnik nicht, was der Weißrusse ihm vorsetzen würde: 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.d4 exd4 4.Lc4 Lc5 5.Sg5 Sh6 6.Sxf7 Sxf7 7.Lxf7+ Kxf7 8.Dh5+ g6 9.Dxc5 – eine Eröffnung aus dem 19. Jahrhundert! Ob das ein ernsthafter Gewinnversuch war oder eher ein Scherz, das sei dahingestellt. Kramnik hatte alles unter Kontrolle, bis er im 30. Zug nicht aufpasste: 30.-Sb5? 31.Lf6! kostete eine Qualität (oder mehr), diverse taktische Motive passten aus weisser Sicht.

Ob das noch in der Remisbreite war? Objektiv wahrscheinlich nicht, garantiert nicht nachdem im 50. Zug eine Tablebase-Stellung entstand. Kovalev war auf dem richtigen Weg: 51.Ke3 (knapp neun Minuten) 51.-Sg2+ 52.Kf2 (2 1/2 Minuten, 52.Ke4! +-) 52.-Sf4 53.Ta8? (1 1/2 Minuten, und der “mathematische” Gewinn war dahin). Am besten wieder 53.Ke3 und dann vorwärts, wobei auch 53.Kg3 und alle anderen Turmzüge auf der a-Linie bis auf 53.Ta7 gewinnen. Im weiteren Verlauf musste Kramnik mitunter einzige oder fast einzige Züge spielen und löste diese Aufgabe.

So teilte Kramnik den vorletzten Platz mit Wojtaszek, Kovalev den zweiten Platz mit Giri und Duda, Nepomniachtchi hatte einen vollen Punkt Vorsprung. Und schon ist Dortmund 2018 vorbei. Diversen meinungsstarken Schachfans im Internet gefällt das Ergebnis womöglich. Sie können weiterhin bei jeder ansatzweise passenden Gelegenheit behaupten, dass Giri noch nie ein Superturnier gewonnen hat. JK Duda hatte seine Superturnier-Chance, die nächsten fünf bis zehn Einladungen wieder für Hou Yifan – schliesslich wird sie demnächst Elo 2700 knacken (kann noch Jahre dauern, wenn überhaupt). Und wer gerne über Kramnik lästert hat seine Stichworte.

Wie geht es weiter? Schon heute wurde in Biel gespielt, das konnte man also – selbst wenn man wollte – nicht mit Dortmund kombinieren. Duda spielt schon ab dem 27.7. wieder in Hainan/China – mit Chinesen (Yu Yangyi, Wei Yi, Bu Xiangzhi), Le Quang Liem, Shankland, Vidit und Fedoseev. Die anderen Dortmund-Protagonisten wohl (es sei denn zwischendrin irgendein Open) erst Ende September/Anfang Oktober bei der Olympiade. Da kann man nun Brettreihenfolgen diskutieren, z.B. für Russland Kramnik hinter Nepomniachtchi, oder für Deutschland Nisipeanu hinter Meier. Das, wie auch wer überhaupt mitspielen darf (Russland mit Kramnik, Karjakin, Nepomniachtchi, Jakovenko und Vitiugov, ohne u.a. Grischuk und Svidler) sollen aber die jeweils zuständigen Personen entscheiden.

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