Leiden Open 2018: Und dann kam Roeland Pruijssers

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Ein analoger Titel wie beim Dortmund-Abschlussbericht, wobei in einem Turnier nach Schweizer System andere Umstände zutreffen: Roeland Pruijssers hatte niemand mehr auf der Rechnung, er selbst auch nicht mehr unbedingt – und dann hat er sein “Schweizer Gambit” erfolgreich abgeschlossen.

Das war der Endstand nach neun Runden: GM Pruijssers 7/9, IM Nihal Sarin, GMs Sandipan, Ikonnikov, Zhukova, IM Viani Antonio Dcunha, IM Shyaamnikhil 6.5, IM Lobanov und IM Vrolijk 6, usw. . Damit habe ich auch alle von den Veranstaltern vorab erwähnte Jungtalente – bis auf IM Beerdsen, der hatte ein “Elo-normales” Turnier und landete mit 5.5/9 nach Wertung auf Platz 13. Titelverteidiger IM Kuipers wurde auch erwähnt, er war mit 5/9 im Elosoll und belegte den 21. Platz. Einige andere Spieler(innen) hatten für ihre Verhältnisse gute Turniere, teils werden sie in der abschliessenden Bildergalerie auftauchen oder auch schon zuvor.

Fotos ab Turnierseite weitgehend von “Maaijveld” (wer oder was auch immer sich dahinter verbirgt), Spielerfotos individuell dagegen vor allem von Rene Olthof – auch das Titelfoto mit Roeland Pruijssers.

Vorher hatten die Veranstalter ihm den Turniersieg eher nicht zugetraut, anfangs spielte er auch dementsprechend – nur 3/5, vier Remisen und ein Sieg und das gegen nominell klar unterlegene Gegner(innen), Elo 2110-2355. Nur in Runde 1 war er, an acht gesetzt, gerade so in der Liveübertragung der ersten acht Bretter – damit ist dokumentiert, dass er gegen einen gewissen Kedem Gutkind (Elo 2110) mit Remis sehr gut bedient war: der Außenseiter konnte ein total gewonnenes Turmendspiel nicht gewinnen. Daraus wurde ein “Schweizer Gambit”, da er die letzten vier Partien alle gewann. Manchmal profitiert ein Gambitspieler da von dreimal Weiß in den entscheidenden Runden, Pruijssers hatte dagegen dreimal Schwarz.

Drei Momente aus seinem Turnier:

Auch nur Remis in Runde 2 gegen Anna-Maja Kazarian, die mit ihren bescheidenen Elo 2150 anfangs gegen drei Großmeister (Sandipan, Pruijssers und Maiorov) Remis halten konnte und erst ab Runde 4 tendenziell “Fahrstuhlschach” spielte: Siege gegen nominell unterlegene und Niederlagen gegen überlegene Gegner, zum Schluss dann noch ein Remis gegen IM Slingerland.

Ab Runde 6 lief es besser, vier Runden wurden ja noch gespielt: nicht dokumentierter Sieg gegen IM Saravanan aus Indien, glatter Sieg gegen seinen Vereinskollegen IM Beerdsen –

und auch Sieg gegen GM Loginov, der in objektiv (d.h. laut Engine-Urteil) für ihn besserer Stellung völlig die Übersicht verlor und ausgekontert wurde. Am Ende hatte Schwarz zwar einen Bauern weniger, aber einer seiner Bauern stand auf b2 und würde unweigerlich den nächsten und letzten Schritt machen. Schon war Pruijssers am Spitzenbrett angekommen:

Und auch GM Ikonnikov besiegte er mit Schwarz! Wie und warum siehe gleich unter Ikonnikov, der – auch wenn zwei Inder die bessere Wertung hatten – als nächstes dran ist:

Er stand nämlich “bereits als Turniersieger fest” und erlitt dann in der letzten Runde Schiffbruch. Zuvor spielte er (bis auf einen Schwarzsieg in Runde 2) nach dem Motto “mit Weiß gewinnen, mit Schwarz remis” – neben der Farbverteilung lag es vielleicht auch daran, dass er gegen die stärksten Gegner Schwarz hatte, u.a.

Sandipan in Runde 6 und

Nihal Sarin in Runde 8. Mit Weiß machte er mit seinen Gegnern oft kurzen Prozess bzw. konnte anfangs kleine Vorteile effizient verdichten – Opfer u.a. IM Pijpers, IM Beerdsen und GM Loginov. Vor der letzten Runde hatte er einen halben Punkt Vorsprung auf drei Verfolger. In der letzten Runde hatte er Weiß gegen Pruijssers, das kam dabei heraus:

“Was machen die schwarzen Springer denn mitten in meiner Stellung?”. Irgendwie erwischte er mit Weiß einen rabenschwarzen Tag – Pruijssers nutzte die Chance, mit der er selbst nicht gerechnet hatte.

Die beiden Inder, jung und nicht mehr so jung, bespreche ich zusammen:

IM Nihal Sarin (*2004) – bei diesem Schachtitel bleibt es auch nach dem Turnier, schuld war wenn man so will

GM Sandipan (*1983)

Wie gesagt, auch Sandipan nur Remis gegen die (in Runde 1 und auch bei anderen Gelegenheiten) von Kopf bis Fuss auf Schach eingestellte Anna-Maja Kazarian. Insgesamt punkteten beide Inder ordentlich, aber es fehlte ein halber Punkt zum Turniersieg und bei Nihal Sarin auch zur GM-Norm. Nun erst ein Foto mit vier Personen:

Natalia Zhukova (zu ihr komme ich noch), Nihal Sarin, Anna und Liese – auch nach Mitternacht wollten sie herausfinden, was in ihrer Partie (remis) wirklich Sache war. In der letzten Runde trafen die Inder aufeinander:

Es wurde Remis in 20 Zügen, damit keine GM-Norm für Nihal Sarin. Zuvor hatten beide 6/8, nun demnach 6.5/9 – Spieler(innen) mit zuvor 5.5/8 wollten dagegen gewinnen, drei von sechs schafften es, zwei mit Schwarz.

Natalia Zhukova mit einem recht glatten Weißsieg gegen GM Maiorov und insgesamt für ihre aktuellen Elo-Verhältnisse (2380, lange lag sie im Bereich 2450-2500, abwärts ging es bereits zuvor und 3.5/11 bei der Damen-EM 2018 war für sie eine Elo-Katastrophe) sehr gutem Turnier. In Runde 7 und 8 spielte sie dabei gegen die IMs Lobanov und Viani Antonio Dcunha quasi im Stil von Gunina: aus total verlorenen Stellungen noch 1 1/2 Punkte (der zweite Gegner bekam immerhin noch einen halben Punkt). Zuvor war die bereits erwähnte Partie gegen Nihal Sarin durchgehend etwa ausgeglichen, ihr Sieg gegen IM Kuipers war “brutal”. Verloren hat sie nur in Runde 6 gegen GM Loginov – der das offenbar nicht verkraftet hat und seine drei letzten Partien verlor.

Kurz zu zwei eher unbekannten indischen IMs, die durch Schwarzsiege in der letzten Runde ebenfalls noch Platz zwei teilen konnten – wenn auch bei (nachvollziehbar) relativ schlechter Buchholz-Wertung und auch TPR:

IM Viani Anton Dcunha (Foto Maaijveld, Sombrero optische Täuschung) schaffte es, da Gegner GM Twan Burg ein Endspiel überzog und dann, in ohnehin schlechter bis verlorener Stellung, eine Springergabel nicht würdigte. Zuvor spielte er, bis auf ein Remis gegen Zhukova, total digital: fünf Siege und zwei Niederlagen.

Von IM Shyaamanikhil (noch so ein komplizierter Name) kein Foto. Sein Schwarzsieg gegen IM ten Hertog deutete sich ab dem 32.-34. Zug an: Weiß spielte das kryptische Damenmanöver Dg2-c6-f3-e2 (32.Dg2-e2 ging auch), Schwarz fand parallel konstruktive Züge. Letztlich bereute Weiß auch den vorangegangenen Bauernaufmarsch am Königsflügel – die drei Bauern auf f4, g5 und h4 wurden Fallobst. Shyaamanikhil begann mit zwei Remisen gegen nominell unterlegene Spieler, verlor später gegen Nihal Sarin und landete durch zwei Siege in den letzten Runden gegen niederländische IMs noch recht weit vorne – zuvor ebenfalls mit Schwarz gegen Kuipers, aus zunächst jedenfalls sehr verdächtiger Stellung heraus.

Nun noch ein paar Fotos und dann Spielerfotos:

Atmosphärisches drinnen und draussen

Die beiden dunkelhaarigen Damen im A-Turnier in Runde 8 nebeneinander: links FM Kazarian (Niederlande mit georgischen Wurzeln), rechts WGM Umudova aus Aserbaidschan.

GM Loginov-IM Lobanov – Trainer und Schüler zelebrierten im Blitztempo ein hübsches Remis in 19 Zügen, dabei verbesserten sie aus weisser Sicht eine Partie Showalter-Pillsbury von der US-Meisterschaft 1897.

Die Sieger mit Turniervertretern – neben Roeland Pruijssers Sander Hilarius, Sieger des B-Turniers (Elo unter 1950). Erst seit Mitte 2014 ist Hilarius da spielberechtigt – früher hatte er Elo 2000+, auch mal 2200+ aber muss vielleicht (*1948) dem Alter Tribut zollen. Ob sein Remis in der Schlussrunde gegen einen Vereinskollegen ausgekämpft war, dazu habe ich nicht recherchiert – kann es eventuell noch machen, da Gert Both auch Gastspieler in meinem Verein ist. In Runde 8 entwischte Hilarius aus Verluststellung mit Remis – indem er es anbot und der Gegner in Zeitnot akzeptierte.

Der junge Este Erwin Liebert bekam dafür den “Tagespreis” – die wurden “nach dem Zufallsprinzip” vergeben, mitunter auch an Spieler die irgendwie “Pech” hatten. Vielleicht spielte auch eine Rolle, dass er in der B-Gruppe der Exote war – sonst bis auf einen Belgier nur Niederländer. Liebert hat vielleicht Kontakte nach NL, er spielte auch mehrfach im Amateurbereich in Wijk aan Zee.

Und nun die Spielergalerie:

Teils spielt bei meiner Fotoauswahl auch hier weite Anreise eine Rolle, unabhängig vom Ergebnis – Maiorov und Popovic haben beide gut 20 Elopunkte weniger im Rückreisegepäck. Teils gingen diese Elopunkte an Jip Damen (Elo 2145), wie Hilarius und Both aus Voorschoten bei Leiden – u.a. Remis gegen Popovic und Sieg gegen Maiorov.

Wie geht es weiter? Nächstes Open in den Niederlanden ist ab morgen (24.7.) die offene NL-Meisterschaft in Dieren, diverse Teilnehmer des Leiden Opens spielen auch da mit – an eins gesetzt allerdings Erwin l’Ami, der wegen Verpflichtungen in Dortmund keine Zeit für das Leiden Open hatte.

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