Xtracon Open: Norweger, Deutsche und auch noch Andreikin

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Quantitativ dominierten Dänen im Turnier – 157 von 397 (so viele hatten sich jedenfalls angemeldet, ein paar sind dann nicht erschienen). Sie konnten allerdings eher nicht in den Kampf um den Turniersieg eingreifen, im Gegensatz zu einigen der 74 Norweger und zwei von 46 deutschen Teilnehmern. Von den 42 Schweden spielte Grandelius zwar nicht schlecht, aber doch kaum an den vordersten Brettern. Russland war zu siebt vertreten, darunter die beiden ersten der Setzliste Vitiugov und Andreikin, der Rest hatte Elo 2000 oder weniger. Vitiugov war in Lauerstellung und ist es quasi immer noch, aber nun ist das Turnier vorbei. Andreikin landete nach “Schweizer Remisgambit” am Ende dagegen noch fast ganz vorne.

Welche deutsche Spieler waren weit vorne dabei? Mit dem an 14 gesetzten Rasmus Svane konnte man eventuell rechnen, mit dem an 31 gesetzten Vincent Keymer nicht unbedingt – aber er bestätigte seinen Aufwärtstrend der letzten Monate, auch wenn er den Schlussrundenstreich vom Grenke Open nicht wiederholen konnte. Dass der an 44 gesetzte Jonathan Carlstedt nicht oben mitmischen konnte war erwartungsgemäss, das gilt natürlich auch für den Rest der deutschen Delegation mit Elo unter 2400.

Welche Norweger? Erwartungsgemäss Hammer und Agdestein, mit Aryan Tari war auch zu rechnen aber er kam von weit hinten nach vorne und verlor dann in der letzten Runde – “Schweizer Remisgambit” kann nur für einen von zwei in der letzten Runde funktionieren. Überraschend auch der an 29 gesetzte IM Notkevich – mit Caissas Hilfe in Runde 8.

Das kam dabei heraus: Hammer und Andreikin 8.5/10, Svane, Grandelius, Bosiocic, Rasmussen, Sune Berg Hansen, Jobava 8, Agdestein, Keymer, Saric, Vitiugov, Andersen, Salomon, Shirov, Notkevich, Tari 7.5, usw. . Durchaus prominente Tabellennachbarn für Vincent Keymer, dabei war eventuell noch mehr drin. Alle Fotos von der Turnierseite, Titelfoto für die ersten drei – Wertungssieger (nachvollziehbar) Hammer eingerahmt von links Andreikin und rechts Svane.

“Runde für Runde” im Detail führt zu weit, zu den ersten Runden nur ein paar Bemerkungen und Fotos, später ausführlicher:

Runde 1: Großmeister gegen Elo unter 2000, demnach kaum Überraschungen

Askerov-Grandelius 0-1 an Brett 4 war keine, wobei die Entscheidung erst im Endspiel fiel – so gewinnen Großmeister gegen Amateure, es sei denn sie gewinnen im Mittelspiel. Der junge Deutsche (*2002, Post SV Uelzen, Elo 1970) sollte in Runde 4 mit 2/4 noch einen großmeisterlichen Gegner bekommen, vom Namen her ein prominenterer als Grandelius.

Tari-Munshi 1/2 an Brett 9 war eine, weitere dann erst ab Brett 40. Für den jungen Engländer (*2004) war eventuell gar mehr drin: Aryan Tari hatte einen wichtigen Bauern einfach so eingestellt und zog dann die Notbremse Remisangebot – was der Gegner mit 37 Sekunden gegen 23 Minuten auf der Uhr akzeptierte.

Zu Runde 2 nur ein Diagramm:

Lars Hinrichs (Hamburger SK) hatte Weiß gegen Jan Timman, Eröffnung war nicht etwa Französisch sondern 1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.g3 usw. . Nun entkorkte der Altmeister nach reiflicher Überlegung (fast 16 Minuten) 13.-f6?? und hatte nach 14.Lxe4 (7 Minuten) 14.-dxe4 15.d5 Da5 16.dxc6 eine Figur weniger, das war relevanter als 370 Elopunkte zugunsten von Schwarz – 0-1 nach 28 Zügen. Hinrichs konnte im weiteren Turnierverlauf noch dem einen oder anderen nominell überlegenen Gegner mindestens einen halben Punkt abknöpfen.

Zu Runde 3 Bilder von Großmeistern, die gegen IMs nicht gewannen:

GM Vitiugov – IM Aabling-Thomsen 1/2 war ein Dämpfer für den Elofavoriten (in dieser Partie und im gesamten Turnier)

IM Lammers – GM Svane 1/2 dito, wobei Rasmus Svane später ganz vorne mitspielte

Runde 4 immer noch unter dem Motto “welche Großmeister verpassten ‘Pflichtsiege’?”:

Andreikin-Salomon nur Remis (Brett 1, Vitiugov hatte ja bereits weniger als 100%)

Ebenso Shirov – IM Antonsen (Brett 4)

Dazwischen an Brett 3 gar IM Holm – GM Jobava 1-0! Wie kam das zustande? Diagramme müsssen her:

Jobavas erster Lapsus bereits im 11. Zug blieb ohne Folgen: nach 11.-Sc5? ging 12.Le3 und auf das wohl geplante 12.-Sf5 13.Dxc5! Lxc5 14.Txd8+ Kxd8 15.Lxc5 – zwei Figuren für einen Turm. Die zweite Chance nutzte der norwegische IM dann:

30.-Se4? 31.Lb5! und der schwarze Turm kann nicht seinen Gaul und die achte Reihe überdecken: 31.-Te5 32.Td8+ Kg7 33.Sf5+ Txf5 (muss sein, war aber hoffnungslos – 1-0 nach 39 Zügen).

War da noch was? Ja, an Brett 34 Petersen (2128) – GM Timman (2555) 1-0!

Diesmal spielte Timman tatsächlich Französisch, was genau er falsch gemacht hatte untersuche ich mal nicht – jedenfalls liess sich sein dänischer Gegner nicht lumpen: 24.Txe4! dxe4 25.Dxe4 war goldrichtig. Timman gab später die Qualität zurück, Petersen opferte nochmals eine und das kam dabei heraus:

1-0 – ob die abschliessende Kombination auch Vincent Keymer inspirierte (siehe Runde 8), dazu habe ich nicht recherchiert.

Nach Runde 4 hatten noch 10 Spieler 100% – zu viele um alle zu nennen, aus Deutschland IM Keymer und FM Sawatzki. Ab hier auch zu “normalen” Ergebnissen an den vorderen Brettern:

In Runde 5 gewann vorne Saric gegen Altmeister Hjartarson, der im Gegensatz zu seinen Kollegen Timman und Shirov keine Probleme gegen nominell unterlegene Spieler hatte – sieben Siege, Niederlagen nur gegen Saric, Vitiugov und Jobava (dazu siehe Runde 10).

Jon Ludvig Hammer am Ende mit einem Hammer gegen den Franzosen Axel Delorme:

Das ist die Schlusstellung – Springer am Rand bringt Kummer und Schand … für den gegnerischen König. Nun doch wieder die Rubrik “GM gewinnt nicht gegen Nicht-GM”:

IM Keymer – GM Andersen 1/2

FM Sawatzki – GM Urkedal 1/2. Frank Sawatzki (SF Hamburg) fehlte am Ende ein halber Punkt für eine IM-Norm. Frode Olav Olsen Urkedal hatte in den nächsten drei Runden dreimal komplett das Nachsehen – gegen IM Keymer und FM Bach ebenfalls aus Deutschland, sowie gegen den später nochmals erwähnten Inder IM Roy.

Auch für den Kroaten GM Bosiocic nur Remis gegen den jungen Dänen IM Bjerre.

Timman gewann übrigens in dieser Runde gegen Imamali Askerov und empfahl sich damit für die erste (und einzige) Mannschaft meines Vereins: bis dahin Siege gegen Elo 1930, 1966 und 1970 – Niederlagen gegen 2185 und 2128 irrelevant, derlei Gegner bekäme er in unserer Liga nicht. Danach hat er allerdings auch Elo 2119, 2247 und 2326 weggeputzt, und in Runde 9 wird er dann nochmals erwähnt und auch fotografiert.

Nächste Zwischenbilanz: Hammer, Agdestein, Saric 5/5, sieben Spieler 4.5/5 – noch konnte ein Kroate mit Norwegern und Deutschen mithalten.

Runde 6: Da zeige ich – sonst werden es zu viele Fotos – zweimal zwei Partien der vorderen Bretter:

Vorne Hammer-Saric (1-0), dahinter Svane-Sawatzki (1-0). Hammer spielte einen unkonventionellen geschlossenen Sizilianer (Saric hat auch dazu beigetragen), nebst Damentausch nach acht Zügen und Weiß gewann das Endspiel wohl aufgrund seines aktiveren Königs. Svane machte kurzen Prozess mit Sawatzki – Sieg in 21 Zügen. Nun die Schwarzsiege an Brett 2 und 5:

Vorne Andersen-Agdestein (0-1), dahinter Urkedal-Keymer (0-1). Simen Agdestein konnte mit seinen Schwerfiguren den gegnerischen König entscheidend belästigen, Keymer stand mit Schwarz früh besser und gewann letztlich im Endspiel.

Brett 3 individuell fotografiert. Elshan Moradiababi musste vor Vitiugov nicht den Hut ziehen, schon nach 14 Zügen dachte der Russe offenbar “ich stehe schlecht, also biete ich Remis” – und der Gegner war einverstanden. Ein halber Punkt ist schliesslich besser als eine Niederlage, die kassierte Jonathan Carlstedt

gegen den 200 Elopunkte “schlechteren” Dänen Lars Laustsen. Am Ende hoffte Carlstedt vielleicht, dass Laustsen nicht mit Läufer und Springer mattsetzen kann, aber das konnte er.

Nun führte Norwegen vor Deutschland: Hammer und Agdestein 6/6, Svane und Keymer 5.5/6, dann 17 Spieler (u.a. aber nicht nur Shirov, Saric und Vitiugov) mit 5/6.

Also gab es in Runde 7 nationale Duelle:

Agdestein-Hammer 1/2 – damit war der Schwarzspieler, der Magnus Carlsen erst zu einem späteren Zeitpunkt beider Karrieren unterstützte, gut bedient:

16.-d4?!? war wieder mal ein Kandidat für das unklarste Bauernopfer aller Zeiten – unklar, was er damit erreichen will. Das kam später dabei heraus:

Weiß steht total gewonnen – sagen Engines die hier 47.Tf7 empfehlen. Aber unter Menschen wurde es irgendwie remis.

Gesprächsbedarf hinterher, der dritte Herr auf dem Foto hat sich bei mir nicht vorgestellt

Keymer-Svane 1/2 war ausgekämpft, dabei weniger dramatisch.

Vitiugov-Hjartarson 1-0, wobei der Isländer erst ab dem 60. Zug den Faden verlor.

Saric-Delorme 1/2 war wieder ein “inkorrektes Remis”:

Nach 17 Minuten entkorkte Saric 27.Dh5?!?!, Delorme brauchte nun 26 Minuten für 27.-bxa3. Es folgte 28.Lxh6+ Kg8 29.bxa3 (muss sein, sonst hat Schwarz ja auch noch einen gefährlichen Freibauern) – und nun? Hier gewann für Schwarz nur 29.-Da5 (Idee auf weisse Turmaktivierung -De1+) oder 29.-c4 (Idee -Db6+), Engines wissen natürlich Bescheid. Es kam 29.-Te8 30.h4 (der hat Nerven, 30.Tf3 wird remis) 30.-Tb2 (so nicht) 31.Tf5 Lxf5 32.exf5 nebst kurios-erzwungener Zugwiederholung: 32.-Kh8 33.Lf8+ Kg8 34.Lh6 Kh8 35.Lf8+ 1/2. Vom Partieverlauf her ein gewonnener halber Punkt für Saric, aber er wollte sicher den vollen Punkt.

Lin Chen und Shirov waren sich dagegen bereits nach 9 Zügen remiseinig – Shirovs drittes Remis gegen nominell unterlegene Gegner, und soviel sei bereits verraten: in Runde 8 gewann er auch nicht.

Hammer und Agdestein hatten weiterhin einen halben Punkt Vorsprung auf den Rest, aber die Verfolgergruppe bestand nun aus sechs Spielern, darunter ein gewisser IM Notkevich. Sein Gegner GM Moradiababi spielte am Damenflügel und überliess ihm freie Hand am Königsflügel – keine gute Idee, wenn da sein (Moradiababis) König steht.

Runde 8:

Die Spitzenbretter, Tisch 1 in der Mitte vorne bereits verwaist

Aber Hammer und Vitiugov wurden zuvor abgelichtet, ihre dramatische Partie bringe ich mal komplett: 1.d4 d5 2.c4 c6 3.cxd5! (Linienöffnung zu so einem frühen Zeitpunkt!) 3.-cxd5 4.Sf3 Sf6 5.Sc3 Sc6 6.Lf4 Sh5! (Schwarz greift an!) 7.Ld2 Sf6 (Springer am Rand bringt allerdings Kummer und Schand) 8.Lf4! (unbeirrt stellt Weiß seinen Läufer wieder auf ein besseres Feld) 8.-Sh5! 9.Ld2 Sf6 10.Lf4 und schon waren alle Ressourcen erschöpft, dann eben Remis.

Spass beiseite, sie gönnten sich einen Ruhetag – Ruhetag für alle gab es bei diesem Turnier nicht. Hammer hegt und pflegt auch jeden Elopunkt – stolz verkündete er auf Twitter, dass er wieder in der top100 vertreten ist (nach dem Turnier auf Platz 81) und diese Partie brachte ihm deren einskommavier. Vitiugov dachte vielleicht “morgen wieder mit Weiß angreifen”. Im Nachhinein lag Hammer richtig, aber das ist im Nachhinein.

Svane-Agdestein 1-0 – das war der quasi entscheidende Moment:

Weiß hat katalanischen Raumvorteil, aber erst nach 32.-Kf7? wurde es konkret da nun 33.Lxa5! drohte und auf dem Brett ausgeführt wurde. Schwarz konnte mit 32.-Td7 oder auch 32.-Ta7 abwarten oder fast jeden anderen Zug spielen, da er dann auf Lxa5 Sb8 hat und Weiß dann auf c7 nicht mit Schach nehmen kann. Weiß bekam danach einen Freibauern auf der a-Linie und gewann dann mit einem taktischen Intermezzo eine Qualität und die Partie.

Notkevich-Chatalbashev 0-1 1-0 – eingangs hatte ich bereits angedeutet, dass da merkwürdige Dinge geschahen. So stand es nach 40.Kh1:

Weiß hatte die Zeitkontrolle geschafft, Schwarz noch nicht. Nach 40.-Sxg3+ kann Weiß natürlich aufgeben, aber es kam 40.-Lf2+?! – Schwarz steht immer noch auf Gewinn, aber das war auch der schlechteste von allen Läuferabzügen (in einigen Varianten kann Schwarz das Feld f2 für die Dame brauchen). 41.Lf1 (das geht!) 41.-Lxg3?! (1 Minute und 20 Sekunden – dieses Feld braucht Schwarz eventuell für seinen Springer. Am besten war 41.-Kg7 mit praktisch Zugzwang. Das sieht man auch mit reichlich Bedenkzeit nicht unbedingt – aber Schwarz war sich vielleicht nicht sicher, die Zeitkontrolle geschafft zu haben) 42.De2 erzwingt Damentausch, da “Springer schlägt eigenen Lg3 mit Schach” nicht geht.

Dass Weiß seine Probleme mit zuvor 32.Sd5? Dxf2 selbst erzeugt hatte ist ein anderes Thema. Das Endspiel in der Partie war “unklar”, später bekam Schwarz für seinen d-Freibauern eine Figur. Komplett kippte die Partie dann durch wieder einen unglücklichen Läuferzug:

Nach 57.-Ld6? 58.Ta6 bekam Weiß den gegnerischen a-Bauern, ohne seinen eigenen auf a5 zu verlieren. Vier Züge wurden danach noch gespielt.

Keymer-Rasmussen 1-0 wurde anderswo komplett besprochen, ich zeige nur die Stellung direkt vor Schluss:

Es kam noch 39.Tg8+ und 1-0 wegen 39.-Kxg8 40.e7+ und 41. e8D (oder 41.e8T) – Matt. Sadistische Computer haben als zweite Wahl übrigens 39.Dxe5+ und egal ob Schwarz mit Bauer oder Springer nimmt danach 40.Tg8+ usw. . Kommt man am Brett auf so etwas? Wenn ja, ist das humorvoll oder eine unnötige Demütigung des Gegners?

Wie dem auch sei, mit diesem Sieg hatte Keymer seine zweite GM-Norm bereits in trockenen Tüchern – bzw. nachdem ihm die Auslosung für den nächsten Tag Simen Agdestein bescherte. Damit hatte er den nötigen Gegnerschnitt >2380 und konnte in Runde 9 selbst verlieren.

Andreikin-Hector 1-0 musste aus russischer Sicht sein, um noch in den Kampf um den Turniersieg eingreifen zu können. Er hegte und pflegte einen Mehrbauern im Leichtfigurenendspiel, bis der Gegner im 82. Zug den entscheidenden Fehler machte.

War da noch was?

Shirov – IM Roy 0-1! Beim Durchklicken der Partie konnte man beinahe den Eindruck bekommen, dass Shirov hier Schwarz hatte – dem war nicht so! Auch Shirovs indischer Gegner hatte damit bereits eine GM-Norm sicher, er verlor tags darauf gegen Andreikin.

Wieder eine Runde vorbei, und der Stand vorne wurde immer unübersichtlicher: Hammer, Keymer, Svane, Notkevich 7/8, dann 8 Spieler mit 6.5/8 (schlechteste Wertungen für Andreikin und Tari).

Runde 9 – Deutschland gegen Deutschland und Norwegen gegen Norwegen hatten wir bereits, nun an den ersten drei Brettern Deutschland gegen Norwegen, Norwegen gegen Norwegen und Norwegen gegen Deutschland. Der Reihe nach:

Svane-Hammer 1-0 1/2 – zum Fotozeitpunkt war noch nicht abzusehen, was alles in der Partie geschehen sollte:

23.-e5, was war das denn? Schon wieder ein Hammer-Bauernopfer “für nichts”? Wenn man genauer hinschaut, hat Schwarz allerdings eine Mehrqualität – damit ist schon eher plausibel, warum er sich befreien und einige Figuren abtauschen will. Die Qualle hatte Weiß geopfert (20.-Le7 mit Angriff auf den [anderen] Tc5 ignorierte er einfach), Kompensation hat er wohl vor allem durch schwarze Schwächen auf den schwarzen Feldern. Engines bevorzugen dabei das passive 23.-Sd8. Svane hatte im weiteren Verlauf klares (Engine-)Oberwasser, nahm aber zweimal (31.Dxb4 und 36.Dxd4) einen Bauern statt den Druck aufrecht zu erhalten. Vielleicht wurde ihm zum Verhängnis, dass seine Bedenkzeit knapp war, da er für den 13.-16. Zug insgesamt über eine Stunde verbraucht hatte. Ich zeige beide Spieler noch einmal individuell mit der Stellung kurz vor Schluss:

Falls es auf den Fotos nicht deutlich ist, nochmal als Diagramm:

Wohl ungern fügte Svane sich ins Dauerschach, aber mit dem aktiven schwarzen Te2 war nicht mehr mehr drin.

Tari-Notkevich 1-0 – ab dem Foto begannen die Merkwürdigkeiten: 1.e4 c5 2.Sc3 a6!? (eine relativ neue Idee, die Weiß offenbar nicht kannte) 3.d4!? (nach gut 3 Minuten doch eine Art offener Sizilianer) 3.-cxd4 4.Dxd4 Sc6 5.Dd2 e6 (vielleicht in zukünftigen Partien prophylaktisch 5.-h6) 6.Sf3 Dc7 (Taimanov-typisch) 7.Dg5 h6 8.Dg3 Dxg3 9.hxg3. Dieses Damenmanöver zwecks Damentausch gibt es eher in der Version Dd1-f3-g3, vielleicht auch mal Dd1-g4-g3, aber in Norwegen gehen die Uhren langsamer.

Das Endspiel war dann mal für Weiß klar besser, mal wieder ausgeglichen – so ging es einige Male hin und her und am Ende gewann Weiß. Tari wieder im Rennen um den Turniersieg.

Agdestein-Keymer 1/2 plätscherte eher dem Remis entgegen, das dann nach 34 Zügen offiziell war. Keymer spielte Semi-Tarrasch, das tat Carlsen in Biel gegen Navara auch und der Tscheche kommentierte das Endresultat mit “Remis gegen den Weltmeister ist ein gutes Ergebnis”. Agdestein sagte zu dieser Partie “Remis gegen den zukünftigen Weltmeister ist ein gutes Ergebnis” – quatsch, das habe ich erfunden. Erstens glaubt der lebenslange Carlsen-Fan, dass sein Liebling den Titel noch 50 Jahre behalten wird. Zweitens ist nicht gesagt, dass Keymer sich in etwa zehn Jahren im Kandidatenturnier gegen Praggnanandhaa, Abdusattorov, Nihal Sarin sowie wer auch immer aus der heutigen Weltklasse dann noch Weltklasse ist durchsetzen wird.

Vitiugov-Maze 1/2 – wieder zu wenig für die Nummer 1 der Setzliste

Roy-Andreikin 0-1 – Vitiugovs Landsmann machte es besser. Nun noch zu Brett 10 und 11:

Nakar-Eylon 0-1: Weiß hatte zwei Mehrbauern, allerdings bei unsicherer eigener Königsstellung – letzteres am Ende partieentscheidend.

GM Timman – IM Korley 0-1! Endlich wurde Timman fotografiert, oder wurde sein Gegner – die dänische Antwort auf Nils Grandelius, der früher auch Dreadlocks hatte – fotografiert? Wie dem auch sei, Elo 2443 gewann mit Schwarz gegen Elo 2555. Nicht ganz klar, ob Kassa Korley damit auch eine GM-Norm erzielte.

Stand vor der letzten Runde: Hammer, Svane, Keymer, Andreikin, Tari 7.5/9, fünfzehn Spieler mit 7/9.

Runde 10 – an den ersten zehn Brettern endeten nur drei Partien Remis. Ich beschränke mich auf die drei Spitzenbretter und ein weiteres:

Andreikin-Tari 1-0 etwas “aus dem Nichts heraus” – so stand es nach 22.Lb3:

Droht etwas? Nicht wenn Schwarz mit 22.-Sc7 oder 22.-Sdb6 vorsichtshalber seinen Te8 überdeckt, aber es kam 22.-Sab6? (gut gemeint und logisch, aber) 23.S3d4! exd4 24.Lxf7+ Kxf7 25.Dh5+ Kg8 (nach 25.-g6 wird es Matt, Weiß hat dann gar die Qual der Wahl) 26.Dxe8

1-0 – materiell ist es für Schwarz noch erträglich, aber dabei wird es nicht bleiben da neben Se7+ noch andere Dinge drohen. Damit war der “Schweizer Remisgambit” Spieler Andreikin (drei Remisen in Runde 4-6, damit auch danach noch relativ leichte Gegner) zu diesem Zeitpunkt Turniersieger. Aber da war noch

Hammer-Keymer 1-0 – also keine Wiederholung von Grenke Chess (damals gewann Keymer in der letzten Runde mit Schwarz gegen Rapport). Wieder spielte Keymer Semi-Tarrasch, Hammer hatte darauf das vergleichsweise seltene (allerdings auch auf Niveau 2700+ bereits gespielte) 6.g3 vorbereitet. Idee ist früher Damentausch, Schwarz zierte sich zwar etwas aber nach 15 Zügen hatten beide noch zwei Türme, eine Leichtfigur und sechs Bauern auf a, b und e-h-Linie.

Dieses später mögliche Bauernendspiel wollte Keymer nicht, nach 20 Minuten behielt er mit 24.-Td2 (statt 24.-Td7 25.Txd7 Kxd7 26.Kd5) die Türme auf dem Brett. Ich bin überfragt, wie dieses Bauernendspiel zu beurteilen ist, ebenso ob das Turmendspiel noch in der Remisbreite war – jedenfalls Spiel, Satz und Turniersieg (nach Wertung vor Andreikin) für Hammer und so nur Platz 10 für Keymer. Oder immerhin für die Nummer 31 der Setzliste.

Saric-Svane 1/2 – hier ist es nach 64 Zügen offiziell. Weiß wollte sicher mehr, aber Schwarz hielt stand.

Fünf der fünfzehn Spieler mit zuvor 7/9 konnten in der letzten Runde gewinnen, vier davon mit Schwarz. Jobava gewann dabei “aus dem Nichts heraus” gegen Hjartarson:

Was droht? Nichts, aber nach 47.Tf4?? war die weisse Dame ungedeckt – nun drohte etwas und Schwarz war am Zug: 47.-Th2+! (der einzige Zug um nicht zu verlieren, aber er gewinnt) 48.Kf1(48.Kxh2 Sg4+ oder auch Sxf3+, noch ziert Weiß sich) 48.-Tf2+! 49.Kxf2 (49.Ke/g1 Sxf3+) 49.-Sg4+ 0-1. Am Ende so noch ein einigermassen erfolgreiches Turnier für Vorjahressieger Jobava.

Bleiben noch die “traditionellen” Bildergalerien, ich beginne mit deutschen Teilnehmern:

Wie sie abgeschnitten haben, für welche Vereine sie spielen usw. will ich mal nicht aufbröseln. Einige sind mir vom Namen her ein Begriff, z.B. Frank Schwarz aus meinem ehemaligen Landesverband Schleswig-Holstein oder Michael Schwerteck als (wohl ehemaliger) Autor auf schach-welt.de, andere nicht. Cecilia Keymer konnte wohl nicht bei ihrem Bruder kibitzen oder umgekehrt, da sie viele Bretter voneinander trennten und Xtracon Open in diversen Sälen stattfindet.

Nun Skandinavier:

Titellose Spieler wurden auch fotografiert, aber dann würden es zu viele. Bei einem habe ich mich nicht etwa vertan: der Ex-Bulgare (bzw. FIDEaner) Chatalbashev ist seit kurzem Schach-Däne. Cheparinov ist nun Georgier, Kiril Georgiev Mazedonier (oder politisch korrekt FYROMeaner). In allen Fällen ist einigermassen klar, warum sie keine Bulgaren mehr sind – warum sie ausgerechnet das jeweilige andere Land wählten bzw. da willkommen sind, da bin ich überfragt.

Und noch ein paar andere:

Wie geht es weiter? Für Keymer offenbar in der zweiten Augusthälfte mit dem nächsten Open in Barcelona – Teilnehmerfeld etwa mit Xtracon vergleichbar, damit ist eine dritte GM-Norm möglich. Sonst vielleicht beim Isle of Man Open, oder eben noch nicht. Ob er bei der Junioren-WM im September mitspielt konnte ich nicht herausfinden, Meldeschluss ist am 31.7. – bisher weiss ich nur, dass Ivan Sokolov dort Coach der Niederländer ist und dass Jorden van Foreest Weltmeister werden will oder laut Sokolov (nach der NL-Meisterschaft) werden soll.

Für alle anderen Spieler: dazu habe ich nicht recherchiert.

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