Danzhou GM: China ist ein schlechter Gastgeber

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Da haben sie fünf Ausländer eingeladen, aber in Führung liegen vor dem Ruhetag zwei der drei Chinesen im Feld von 8 Teilnehmern – allerdings nicht der, um den es den meisten internationalen Rummel gab (in letzter Zeit tendenziell nicht mehr). So steht es nach vier von sieben Runden: Bu Xiangzhi 3/4, Yu Yangyi 2.5, Shankland, Duda, Fedoseev 2, Vidit, Wei Yi, Le Quang Liem 1.5.

Alles relativ bekannte Namen, die allerdings – jedenfalls bisher – nur sporadisch gegen die absolute Weltelite spielen durften. Fedoseev und zuvor zweimal Le Quang Liem hatten sich als Aeroflot-Sieger für Dortmund qualifiziert, dieses Jahr spielte da auch Duda. Wei Yi gewann die B-Gruppe in Wijk aan Zee und spielte dann in der A-Gruppe. Inzwischen scheint etwas unklar, ob er wirklich das Zeug zum absoluten Weltklassespieler hat – elobester Junior ist mittlerweile JK Duda. Vidit verdiente sich dieses Jahr das Recht, nächstes Jahr in Wijk aan Zee “hinten” mitzuspielen (d.h. aus dem Zuschauerbereich betrachtet in der A-Gruppe hinter Spielern der B-Gruppe).

Das ist sozusagen die Turnierseite – Fotos finden etwas zeitraubend, aber ich habe es geschafft, Titelbild für die beiden Chinesen die momentan vorne liegen – bei einem “logischen” Ergebnis des direkten Duells in Runde 2 läge Yu übrigens vor Bu. Google-übersetztes Chinesisch ist oft ausgesprochen kurios, aber ich habe mir die Partien selbst angeschaut und schreibe meinen eigenen Artikel, los geht’s:

Runde 1 hatte zwei korrekte (d.h. nicht allzu ereignisreiche) Remisen, ein womöglich etwas inkorrektes Remis und eine Partie mit Sieger und Verlierer – zunächst zeige ich alle Spieler:

Zu Yu Yangyi – Le Quang Liem 1/2 und Wei Yi – Fedoseev 1/2 reicht “hiermit erwähnt”. Der viel bejubelte Sam Shankland hing dagegen gegen Bu Xiangzhi mächtig in den Seilen und überlebte letztendlich. Mit zwei Türmen für die gegnerische Dame gab er eine Qualität, um Unheil am Königsflügel zu verhindern. Hatte er danach mit Turm und Springer gegen Dame eine Festung? Vermutlich eher nicht, aber am Ende konnte er das remis halten.

Vidit-Duda 0-1 ebenfalls mit ungewöhnlichen Materialverhältnissen. In französisch-verrammelter Stellung gab der Pole eine Figur für zwei Bauern – ganz korrekt war es vielleicht nicht, aber er wurde für Kreativität und Mut belohnt. Schwarze Freibauern am Damenflügel beschäftigten Weiß, auch dadurch klärte sich die Lage am Königsflügel zugunsten von Schwarz. Duda wickelte dann ab in ein Endspiel, in dem er für die Figur drei Bauern hatte. Da wurde dann zunächst manövriert, mit 64.-f4! 65.gxf4 h4 verschaffte sich Schwarz einen weiteren Freibauern. Weiß hatte auch einen, das Bauernrennen endete materialistisch betrachtet unentschieden – beide bekamen wieder eine Dame. Aber dann war Schwarz wieder dran und hatte Mattangriff – die Schlusstellung bekommt ein Diagramm:

Die schwarzen Bauern am Damenflügel werden zwar keine Dame(n), aber helfen der Dame beim Matt setzen.

Runde 2: Drei Partien wurden eher geräuschlos remis, auch in der vierten zeichnete sich ein Remis ab:

Yu Yangyi – Bu Xiangzhi 1/2 0-1: Schwarz knetete ein etwas besseres Endspiel – aus einem Mehrbauern wurde eine Mehrqualität, aber nun war das Material so ausgedünnt dass Remis eigentlich unvermeidlich war, bis zu diesem Moment:

Nach 66.Sxe5! wäre der fast einzugsbereite weisse g-Bauer genauso viel wert wie der gegnerische Turm – wenn nicht sofort, dann hätten sie sich wohl einige Züge später auf Remis geeinigt. Aber es kam 66.Sh6+??! Ke6 (nur so) 67.Sf7 e4 68.Sg5+ Ke7 69.Kh7 Th1+ 70.Kg8 e3 0-1. Nach derzeitigem Stand die Schlüsselpartie des Turniers – erholen konnte sich Yu Yangyi von diesem Lapsus durchaus, aber ohne seinen Landsmann in der Tabelle einzuholen.

In Runde 3 endete dann nur eine Partie Remis, und auch da war es vermeidbar. Der Reihe nach zum bunten Treiben:

Bu Xiangzhi – Le Quang Liem 1-0: Schwarz behandelte die Eröffnung zu provokativ (11.-0-0-0?!), das kostete einen Bauern und war im höheren Sinne bereits partieentscheidend. Daraus wurde ein Turmendspiel, aber Turmendspiele sind nicht immer remis.

Wei Yi – Yu Yangyi 0-1 – hatte ich bereits erwähnt, dass Turmendspiele nicht immer remis sind? Schwarz spielte Russisch, Weiß gewann einen Bauern aber hier war dies (nicht forciert aber im Nachhinein) der Anfang vom Ende für den Teenager. Schwarz hatte volle Kompensation und machte später aus einem Minus- einen Mehrbauern.

Vidit-Shankland 1-0 – dazu mal die Stellung nach der Zeitkontrolle im 40. Zug:

Bei verrammelter Bauernstruktur hat Weiß Raumvorteil, aktivere Figuren und Läufer- gegen Springerpaar, reicht das zum Sieg? Es reichte, nachdem Schwarz sich befreien wollte, dabei die Leichtfiguren abtauschte und zwei Bauern investierte, um seine Dame zu aktivieren (sonst hätte es vielleicht auf Dauer auch gereicht). Dauerschach hatte Shankland nicht, nach 56.g6 musste die schwarze Dame wieder zurück um gegnerische Mattdrohungen zu parieren – nachdem Shankland dann einen dritten Bauern und demnächst mehr verlieren würde gab er auf und war quasi “entzaubert”.

Das war alles eher gepflegt-positionelles Schach, in der vierten Partie spielte der Nicht-Sieger dagegen konsequent auf Königsangriff:

Duda-Fedoseev 1-0 1/2:

So stand es nach 33 Zügen – Weiß hat zwar einen Turm ins Geschäft gesteckt, aber Schwarz sollte das (laut Engines) nicht überleben.

So stand es nach 40 Zügen – der Rest ist vielleicht “Technik”, aber keine triviale.

Schwarz konnte seine Türme aktivieren, und so stand es dann nach 64.Db4+ Kxb4 – patt!

Runde 4 war wieder etwas geruhsamer. Le Quang Liem – Fedoseev wurde irgendwie und dabei “korrekt” remis, auch wenn beide es nicht unbedingt wollten. Bu Xiangzhi und Wei Yi fanden in einem Theorieduell ein “neues”, d.h. offenbar noch nicht auf einem Brett ausgeführtes Dauerschach – Remis nach 22 Zügen für die beide nicht viel Bedenkzeit brauchten.

Die beiden anderen Partien hatten allerdings Sieger und Verlierer, jeweils im Endspiel:

Shankland-Duda 1-0 in einem Doppelturmendspiel. Schwarz hatte sich bei 26.-b5 27.cxb5 Txe4 wohl verrechnet bzw. die Lage total falsch beurteilt. Der weisse Freibauer auf der b-Linie war relevanter als die schwarzen Mehrbauern (noch keine gefährlichen Freibauern) am Königsflügel. So konnte Shankland sich “rehabilitieren”, und Duda wurde wenn man so will entzaubert. Wie zuvor in Dortmund konnte er auch nun in Danzhou durchaus mehr Punkte auf seinem Konto haben.

Yu Yangyi – Vidit 1-0 im Damen-Läuferendspiel bzw. definitiv, nachdem Weiß Damentausch erzwingen konnte bzw. nachdem Schwarz dies erlaubte.

Drei Runden werden ab morgen noch gespielt. Die beiden führenden Spieler haben beide noch Schwarz, Weiß und Schwarz – von den Verfolgern mit derzeit 50% haben Duda und Fedoseev noch zweimal Weiß. Das muss nicht viel heissen, im bisherigen Turnier gab es vier Siege mit Weiß und drei mit Schwarz. Bei Weiß haperte es dabei an der Chancenverwertung – sowohl für Duda gegen Fedoseev als auch für Yu gegen Bu war ein halber Punkt mehr möglich. Gegner nenne ich nicht im einzelnen – es gibt in diesem Turnier weder extrem schwere (Elo 2780 oder mehr) noch “leichte” Gegner. Wenn Bu Xiangzhi eine Partie verlieren sollte, dann wäre alles wieder offen.

 

 

 

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