Mamedyarov dominiert in Biel

Moment mal, es war doch ein Rennen zwischen ihm und dem anderen 2800+ Spieler Magnus Carlsen? Ja, das war der Stand bei Halbzeit. Aber in der zweiten Turnierhälfte hat der Azeri weiterhin Partien gewonnen, und der Norweger nicht mehr. Auf seinen Lorbeeren der ersten beiden Runden ausgeruht hat Carlsen sich nicht unbedingt, aber gegnerische Geschenke bekam er nicht mehr. Und in Runde 9 passierte gar etwas unglaubliches: Carlsen machte im Endspiel Fehler, Mamedyarov profitierte davon und stand so vor der letzten Runde bereits als Turniersieger fest.

So stand es am Ende: Mamedyarov 7.5/10, Carlsen 6, Vachier-Lagrave und Svidler 5.5, Navara 4, Georgiadis 1.5. Vachier-Lagrave hat sich damit in der zweiten Turnierhälfte rehabilitiert, Georgiadis hatte am Ende dreimal so viele Punkte wie bei Halbzeit (und noch mehr war möglich).

Fotos wieder ab Turnierseite auf Flickr, Fotografen Lennart Ootes und Simon Bohnenblust, Titelfoto (von Ootes) natürlich für Shakhriyar Mamedyarov.

Und nun Runde für Runde des zweiten Durchgangs:

Runde 6 mit einem Remis und zwei Schwarzsiegen – nicht von Carlsen, der wollte mit Schwarz gegen Navara nicht unbedingt mehr als Remis, jedenfalls ist Semi-Tarrasch im Gewinnsinne keine allzu ehrgeizige Variante. Navara kommentierte das hinterher mit “Remis gegen den Weltmeister ist ein gutes Ergebnis”. Carlsen meinte, dass er nach langen Partien in den Runden zuvor müde sei – den einzigen Ruhetag gab es nicht bei Halbzeit, sondern nach der sechsten Runde. Niemand zwang den Norweger zuvor, ausgeglichene Stellungen in der Hoffnung auf gegnerische Fehler endlos weiter zu spielen, und seine tolle Fitness galt immer als Pluspunkt. Andere waren allerdings auch müde, was Partien vielleicht beeinflusste.

Georgiadis-Mamedyarov nicht unbedingt, Mamedyarov ist eben der klar bessere Spieler (das galt für alle Gegner von Nico Georgiadis). Aber womöglich

Svidler – Vachier-Lagrave 0-1 [Foto Simon Bohnenblust]. Sie wiederholten eine bekannte und dabei etwas kuriose englische Variante, die sie schon beim Weltcup gegeneinander geübt hatten. Neben -c5 und -c5 spielt Schwarz da Sg8-f6xd5-b4-d3+-f4+-e6, der weisse König zog auch bereits zweimal und stand nun auf f1. Wie gesagt, bekannt auch auf hohem Niveau in Gegenwart und auch Vergangenheit (Kandidatenmatches Polugaevsky-Kortschnoi und Hübner-Portisch anno 1980).

Auch derlei Varianten verflachen manchmal zum Remis, so schien es auch in dieser Partie. Aber dann entkorkte Svidler, der wohl mehr wollte, 20.e5?! und bastelte später erfolgreich an einem Selbstmatt – das sagte Svidler selbst, dann kann ich es auch schreiben.

Lennart Ootes hat MVL zu Beginn seines Comebacks (bzw. es begann tags zuvor mit einem Sieg gegen Georgiadis) auch fotografiert. Und Peter Bohnenblust hat, offenbar letztmals, anderswo in Biel fotografiert:

Runde 7 – da erzielte Weiß und Schwarz jeweils 50%, aber nicht mit drei Remisen und für Schwarz war mehr drin.

Mit einem Schwarzsieg konnte man rechnen, da Georgiadis gegen Svidler Weiß hatte (Foto Lennart Ootes). Svidler spielte schon wieder Najdorf-Sizilianisch, wie auch in der Hinrunde gegen Carlsen. Wieder überlegte er direkt danach, gegen Carlsen auf 6.Lg5 und gegen Georgiadis auf 6.Le3 jeweils 8 Minuten. Das verstehe wer will, aber Svidler versteht sich selbst auch nicht immer. Ausgefahrene Gleise wurden schnell verlassen, nun überlegte auch Georgiadis, opferte dann wild und erlitt damit Schiffbruch. Nach 28 Zügen zählte er seine Figuren, stellte fest dass ein Turm fehlt und gab auf.

Mamedyarov erreichte gegen Navara ein vorteilhaftes Turmendspiel und gewann dieses. Foto Bohnenblust, ein weiteres von Ootes:

Dann war da noch Carlsen-MVL 0-1 1/2 – von beiden fotografiert:

Peter Bohnenblust dokumentierte 1.e4 c5 – soweit keine Überraschung, eher dass Carlsen schon wieder Najdorf erlaubte – Heimspiel für den Franzosen.

Zu allem Überfluss hatte er dann auch noch Probleme mit seiner isklar-Wasserflasche. Restliche Fotos zu dieser Partie von Lennart Ootes:

Hier erahnt man vielleicht, dass auf dem Brett gewisses Chaos entstand.

Hier zeigt MVL seinem Gegner, dass auch er flegelhaftes Verhalten am Brett beherrscht.

Es wurde Remis, beide hatten hinterher gute Laune – Anna Rudolf sowieso, das ist ihr Job.

Und MVL nochmal individuell abgelichtet. Etwas kurios war in der Partie, dass das Schachbrett für beide nur 63 Felder hatte – dazu ungewöhnliche Diagramme:

Das sollte ich wohl erklären. 18.-a5 war neu und auch laut MVL selbst nicht besonders gut, aber es entstand eine dynamische Stellung, und damit kam er tendenziell besser zurecht als sein Gegner. Nun Diagramme mit Figuren:

Hier dachte Carlsen, dass er sich auf a5 bedienen kann und hatte nach 22.Txa5 Tb3 23.Tb5 glatt 23.-Td3! übersehen – Carlsen: “Ich hatte irgendwie nicht auf der Rechnung, dass es das Feld d3 gibt – ziemlich unverzeihlich”. Es folgte 24.Te1 f3 25.h4

und hier hatte MVL 25.-Td2!! erwogen, fand aber nach 26.hxg5 fxg2 27.Le3 nicht 27.-Tc2 – der Turm bleibt einfach auf der zweiten Reihe, aber wie geht es weiter? Nachdem man MVL hinterher sagte, dass 27.-Tc2 gewinnt, fand er es sofort: 28.Ld7 (28.Ta5 Tf3!) 28.-Le5 29.Lh3 (kontrolliert f1 nochmals, aber) 29.-Tf1+! 30.Txf1 Lh2+! 31.Kxh2 f1D mit Abzugsschach!

MVL machte sich keine Vorwürfe, dass er diese Computervariante nicht gesehen hatte, aber er war zumindest auf dem Weg dahin. In der Partie überlebte Carlsen nach 25.-Sf7, es wurde remis.

Noch ein paar Fotos:

Dieses stammt offensichtlich von Simon Bohnenblust, da Lennart Ootes (grüne Haare) etwas anderes fotografiert.

Bühne im Hintergrund, Open im Vordergrund (ebenfalls Bohnenblust).

Anna Rudolf hatte ich bereits gezeigt, Lennart Ootes fotografierte an diesem Tag noch andere, die ebenfalls vor Ort waren:

Livekommentar machte Anna Rudolf zusammen mit Daniel King, Jussupow im Gespräch mit Svidler (oder hat ersterer einen Doppelgänger?), Ian und Cathy Rogers

Ootes dokumentierte auch, dass Carlsen Autogramme gab – manchmal aber nicht immer ist er dazu bereit.

Runde 8 mit drei Remisen, das musste nicht unbedingt sein – aber zuerst zu den korrekten Remisen:

MVL-Mamedyarov 1/2 [Foto Bohnenblust]: Mamedyarov wählte den offenen Spanier – soweit keine Überraschung, allerdings die Dilworth-Variante in der Schwarz auf f2 zwei Leichtfiguren für Turm und Bauer opfert bzw. abtauscht. Auf hohem Niveau selten bis neu, jedenfalls in diesem Jahrtausend – vor 2000 gibt es Schwarzpartien von Jussupow gegen Leko, Ljubojevic, Ivanchuk und Short. MVLs 13.Sf1 (13.exf6) war noch seltener. Später wurden taktisch einige Figuren abgetauscht, dabei verschwand auch das materielle Ungleichgewicht und das entstandene Endspiel war remis.

Svidler-Carlsen 1/2 [Foto Bohnenblust] war auch durchgehend etwa ausgeglichen.

Navara-Georgiadis 0-1 1/2 [Foto Ootes] dagegen unter dem Motto “wenn Georgiadis auch Gewinnstellungen nicht gewinnt, dann gewinnt er eben keine Partie”. Ein weisser Läufer hatte sich auf a7 verlaufen und ging verloren, aber in Georgiadis’ Zeitnot hatte das letztendlich keine Konsequenzen – Navara konnte genug Verwirrung stiften und überlebte.

Ich zeige nochmal zwei Spieler (Fotos von Lennart Ootes):

Navara wie immer schick gekleidet

MVL heute nicht so schick gekleidet

Schon sind wir bei Runde 9 mit der Entscheidung im Turnier – die vier anderen Spieler wollten davon wohl nicht ablenken und spielten eher geräuschlos remis. Fotos von Lennart Ootes:

Die beiden Protagonisten vor der Partie

Mamedyarov hat offenbar keine Probleme mit seiner Wasserflasche

und nutzt Carlsens Denkmomente für Spaziergänge auf der Bühne – macht Svidler auch gerne, aber er und Navara hatten sich hier bereits auf Remis geeinigt.

Zur Partie: Mamedyarov-Carlsen 1-0! Mit 1.d4 Sf6 2.c4 g6 deutete Carlsen an, dass er gewinnen wollte bzw. in der Turniersituation (ein Punkt Rückstand auf Shak) musste. Mit 3.g3 und später 8.e3 wollte Mamedyarov dagegen den Ball flach halten. Vertauschte Rollen im Vergleich zum üblichen Naturell der beiden Spieler – nicht dass Carlsen nicht gewinnen will, aber etwas dafür riskieren macht er eher selten (siehe jedoch später Rückblick auf sein Turnier in Biel 2018). Es lag eben an der Turniersituation.

Gegen Mamedyarovs vorsichtiges Spiel erreichte Carlsen Ausgleich, vielleicht gar etwas mehr – aber verlor dann den Faden. Knackpunkt zunächst das Feld e3: bei 19.-Lf5?! hatte er (20.e4 Ld7) 21.De3 nicht auf der Rechnung, da stand ja zuvor noch ein weisser Bauer. Bei (26.Dc5) 26.-Df8?! hatte er 27.Se3 nicht gewürdigt. Nun musste er sich (mehr oder weniger) von einem Bauern trennen. Mamedyarov konnte danach mehr Figuren auf dem Brett behalten, aber entschied sich für ein Endspiel mit beiderseits zwei Türmen sowie ungleichfarbigen Läufern. Das war vermutlich in der Remisbreite, aber am Ende – ein Turmpaar war abgetauscht – patzte Carlsen gleich doppelt. Das erste Mal wurde es nicht bestraft (nach 53.-Ta5? konnte Mamedyarov ein gewonnenes reines Turmendspiel erreichen), das zweite Mal dann schon: nach 56.-Lc1?? (vernachlässigt nun das Feld e7) 57.e7 gab Carlsen auf.

Sooo überraschend ist es nun auch wieder nicht, dass Carlsen Endspielfehler macht. In ausgeglichenen bzw. für ihn besseren Endspielen überlässt er das zwar meistens seinem Gegner, aber schlechtere Endspiele verteidigen schaffte er schon mehrfach nicht. Mag bei Carlsen selten vorkommen, aber z.B. Karjakin oder Giri können das im Zweifelsfall besser.

Runde 10 eher kurz und knapp:

MVL-Navara 1-0 [Foto Bohnenblust]: Der Franzose kam abschliessend noch zu einem Sturmsieg, und das trotz “Giuco Piano”. Der Tscheche hat dabei allerdings kräftig mitgeholfen: mit 15.-Sg5?! 16.Sxg5 hxg5 schwächte er unnötig seine Struktur am Königsflügel, und der spätere “Figurengewinn” 19.-g6 war mehr als naiv.

Svidler-Mamedyarov 1/2 [Foto Bohnenblust] plätscherte dem Remis entgegen, bis es offiziell war. Schon für den dritten Zug brauchte Svidler 8 Minuten – (1.c4 Sf6 2.Sc3 e6) 3.e4, soll ich mich auf diese Variante einlassen? Seine Fortsetzung war wohl keine Verbesserung bekannter Theorie.

Dafür hat er (Foto Ootes) ein hübsches Hemd – “ENGLAND CRICKET”, auf anderen Fotos deutlicher zu lesen. War da noch was?

1.e4 c5 2.Sa3!?? von Carlsen gegen Georgiadis, was soll das denn? Sich über den Gegner lustig machen oder eventuell gar eine Niederlage inszenieren wie einmal nach schlechtem Norway Chess in der letzten Runde gegen seinen Kumpel Jon Ludvig Hammer? Absichtlich war es damals nicht oder nicht unbedingt, aber damals schien Carlsen von Anfang an nach dem Motto “mir ist alles egal” zu spielen.

Schnell stand Carlsen mit Weiß etwas schlechter, Vorteil nur auf der Uhr da Georgiadis ein Denker ist. Aber der Schweizer war offenbar mit Remis zufrieden, mit diesem Ergebnis rechnete ich bereits … und hatte dabei Carlsen unterschätzt: eine seiner Stärken ist, dass seine Gegner mitunter absurde Fehler machen! So auch Georgiadis, der mit 46.-b3?? 47.Sf3 (nebst Sd2 und Sxc4) plötzlich mindestens einen Bauern einstellte und sofort aufgab.

Damit hat Georgiadis Carlsens Turnier noch etwas repariert, letztes Jahr hatte er ja in der letzten Runde Hou Yifans “historischen” Sieg in Biel ermöglicht: damals stand er mit Schwarz gegen die Chinesin klar besser und fand dann einen überzeugenden und überzeugend umgesetzten Verlustplan.

Kurze “Einzelkritik”: Mamedyarov ist natürlich verdienter Turniersieger – kleiner Schönheitsfehler vielleicht, dass er mit Weiß nur 4.5/5 erzielte (Remis gegen Svidler), außerdem noch ein Schwarzsieg gegen Georgiadis. Carlsen – Weihnachten im Juli dauerte nur zwei Tage: in den ersten beiden Runden bekam er Geschenke, danach nicht mehr, bis auf das nächste Weihnachten am 1. August. Ansonsten versuchte er auch mal dynamisches Schach, aber in dieser Disziplin hat er (auch bei anderen Gelegenheiten) eben Elo 2750 oder vielleicht 2780 aber eher nicht 2800+, sprich nicht “eigene Liga”. Vachier-Lagrave: nach schwachem bis katastrophalem Start (0.5/3) am Ende noch +1, Elozahl (fast) und Platz in der Weltrangliste verteidigt. Nicht so erfolgreich wie zuvor in Biel und auch anderswo, aber das Glas ist wohl eher halb voll für ihn. Svidler: zwei Siege gegen Georgiadis (schaffte sonst nur Mamedyarov), unnötige Niederlage gegen MVL, Rest Remis. Ob er auch in Zukunft mal wieder Najdorf spielt muss er selbst entscheiden.

Dann ein Bruch, natürlich auch zwischen Mamedyarov und den anderen mit Elo 2750+. Navara – viele Remisen, unnötige Niederlagen zu Beginn gegen Carlsen und am Ende gegen MVL, und ein Sieg gegen Georgiadis. Gegen diesen Mamedyarov “durfte” er verlieren. Georgiadis – Fremdkörper im Turnier, das wusste er selbst und das wussten die Biel-Veranstalter. Phasenweise konnte er mithalten und etwas mehr war möglich – vermeidbares Remis gegen Navara und zum Schluss eine dumme Niederlage gegen Carlsen. Lehrreich ist es vielleicht, und nun beginnt für ihn wieder der Alltag: bei der Olympiade und bei anderen Turnieren oder Mannschaftskämpfen bekommt er wohl kaum Gegner dieses Kalibers. Wie Biel 2019 besetzt ist wird sich herausstellen: im Laufe der Jahre hatten sie offenbar mal mehr und mal weniger Geld zur Verfügung.

P.S.: Das Bieler Open wird – auch auf der Turnierseite – eher stiefmütterlich behandelt. Aber ich nenne den Endstand: Vaibhav 7/9, Wagner, Eljanov, Kuljasevic, Salem, Bilguun, Donchenko, Lalith, Abdusattorov 6.5/9, usw. . Wer ist Sumiya Bilguun? IM aus der Mongolei, Baujahr 1997, Elo vorher 2490. Gegen titellose Spieler erzielte er anfangs 2/2, danach gegen Großmeister mit Elo ca. 2550 bis (Eljanov) knapp über 2700 zwei Siege und fünf Remisen, damit auch eine GM-Norm. Dennis Wagner (Wermutstropfen Niederlage gegen Vaibhav) und Alexander Donchenko mit guten Turnieren, das gilt auch für Jungstar Nodirbek Abdusattorov und die anderen genannten Namen (nur Eljanov leicht im Elosoll). Es gilt eher nicht für z.B. Iturrizaga und Gordievsky – an 2 und 4 gesetzt wurde es Platz 20 und 24. War da noch was? Carlsen war 98. der Setzliste und wurde 99 (gemeint ist natürlich Henrik Carlsen).

 

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