Das “Dortmunder Sparkassen Chess-Meeting”

I. Die Weltkarriere eines Schachturniers

Foto oben: Eugen Schackmann, einer der Begründer der Internationalen Dortmunder Schachtage, im Gespräch mit Ex-Weltmeister Boris Spaakij

Kasparow hin, Kramnik her: Das spektakulärste Match der bisherigen Schachgeschichte ist und bleibt die sensationelle WM-Begegnung des Jahres 1972. Titelverteidiger Boris Spasski (UdSSR) und Bobby Fischer (USA) trafen aufeinander. Hochstilisiert zum „Kampf der politischen Systeme“ zwischen Ost und West. Der Weltschachverband FIDE schrieb den WM-Kampf aus, auch Dortmund bewarb sich. Am 7. Januar 1972 hieß es in einer städtischen Aktennotiz:


„Verhandlungen mit dem Deutschen Schachbund zur Durchführung der Schachweltmeisterschaften (Spasski/Fischer) in Dortmund“.
Wenige Tage zuvor hatten sich im Westfalenpark der Präsident des Deutschen Schachbundes mit Hermann Heinemann, dem Chef der Westfalenhallen, Klaus Neumann von der Schachabteilung des Ruderclubs Hansa und Eugen Schackmann vom Informations- und Presseamt der Stadt zu vorbereitenden Gesprächen getroffen. Zwei „gute Stuben“ Dortmunds standen für die WM-Austragung zur Debatte: Der Goldsaal der Westfalenhalle und das „Große Haus der städtischen Bühnen“, wie das Opernhaus damals noch hieß.
Klaus Neumann sah das Unterfangen als Schachfachmann und -liebhaber, Eugen Schackmann wollte mit dem intelligenten Spiel dem Dortmunder Image etwas Gutes tun. Der Deutsche Schachbund war schnell mit im Boot. Allerdings musste für das Unterfangen auch die Rückendeckung der Stadtspitze in Person des damaligen Oberstadtdirektors Hans-Diether Imhoff eingeholt werden. Nach stundenlangen Verhandlungen mit dem Präsidenten des Deutschen Schachbundes Ludwig Schneider und dessen “Vize” Alfred Kinzel war ausgerechnet nachts um 1.00 Uhr der Augenblick gekommen, die Entscheidung des Verwaltungschefs einzuholen. Eugen Schackmann griff ohne zu zögern zum Telefon und rief Imhoff an. Dieser war nicht gerade erfreut über die nächtliche Störung, sagte aber zu, am kommenden Morgen unverzüglich eine Entscheidung zu treffen. Diese lautete “Ich bin dafür! Frisch ans Werk”, sodass Dortmund sich offiziell um die WM bewerben konnte.
Das Ergebnis ist bekannt: Island mit Reykjavik bekam den Zuschlag. Bobby Fischer wurde Weltmeister, das WM-Match zur sportlichen Legende.
Der Deutsche Schachbund war vom Engagement Dortmunds jedoch sichtlich beeindruckt und gab spontan die frisch aus der Taufe gehobenen „Internationalen Deutschen Einzelmeisterschaften 1973“ hierher. Sie fanden im Westfalenpark statt und hatten mit Ex-Weltmeister Boris Spasski ihr besonderes Aushängeschild. Anschließend gingen dann die „1. Dortmunder Schachtage“ mit großem persönlichem und finanziellem Engagement von Friedhelm Bachmann an gleicher Stätte über die sprichwörtliche Bühne. Bachmann fand in Klaus Neumann, Eugen Schackmann und Siegfried Zill drei kongeniale Mitstreiter. Erster Sieger von Dortmund wurde der Finne Heikki Westerinen, der seinen Erfolg 1975 noch einmal wiederholen konnte.
Die ersten Sponsoren waren das Informations- und Presseamt der Stadt Dortmund, Klinikdirektor Professor Dr. Wilhelm Thorban, Professor Dr. Hans-Gerd Perli, Geschäftsführer des Mathematischen Beratungs- und Programmierungsdienstes (MBP), und in einem zunächst kleineren Rahmen die Sparkasse Dortmund. Es wurde ein Förderkreis für die Schachtage gebildet, dem sich auch die Firma Opländer Gruppe Europa anschloss.
Dann kamen 1979 die Dortmunder Aktien Brauerei und Computer Wolf hinzu. Die Sparkasse baute 1984 ihr Engagement aus und ist seit 1994 als Titelsponsor der Garant dafür, dass das Sparkassen Chess-Meeting, wie es heute heißt, finanziell auf gesunden Beinen steht.
Schon in den Folgejahren entwickelte sich die Veranstaltung prächtig und gab sich einen internationalen Anstrich. Weltweit renommierte Akteure kamen reihenweise nach Dortmund und bestimmten die Szene. Zu ihnen gehörte die damalige Weltmeisterin Nona Gaprindashwili (UdSSR), die 1978 erstmalig im westlichen Ausland spielte und im Westfalenpark, der bis 1990 das Turnier beherbergte, einen sehr respektablen 2. Platz belegte. Die Georgierin war die erste Frau überhaupt, die von der FIDE den Titel „Großmeister“ verliehen bekam. Das allein unterstreicht ihren Rang in der Geschichte des Schachsports.

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Heikki Westerinen, der Sieger der ersten Dortmunder Schachtage 1973, der seinen Triumph 1975 sogar wiederholte

Vlastimil Hort gewinnt die Nr. 10

1982 feierte Dortmund das 1100-jährige Bestehen der Stadt mit unvergesslichen Höhepunkten. Ein großer Festumzug gehörte dazu, der erste Hansemarkt der Neuzeit in der ehemals stolzen freien Reichs- und Hansestadt und der neue Gauklerbrunnen, den die Dortmunder Stadtwerke zum großen Ereignis spendierten. Und dann natürlich auch die Internationalen Dortmunder Schachtage, die ihre zehnte Auflage erlebten und damit ebenfalls ein kleines Jubiläum begingen, hervorragenden Schachsport boten und zwei Jahre nach der Jugend-Schachweltmeisterschaft an gleicher Stätte einen ausgezeichneten Besucherzuspruch verzeichneten. Sie fanden vom 6. – 18. April 1982 in der Ausstellungshalle des Westfalenparks statt. Die Veranstalter – die Schachabteilung des Ruderclubs „Hansa“ von 1898 und das Informations- und Presseamt der Stadt Dortmund – hatten ein zwölfköpfiges Turnier der Kategorie 10 mit einem Durchschnitt von 2487  Weltranglistenpunkten zusammengestellt. Hinzu gesellten sich ein „Reserveturnier“, ein Damenturnier und ein Offenes Turnier praktisch für jedermann, an dem 66 Akteure teilnahmen. Sieger des Großmeisterturniers wurde Vlastimil Hort aus der damaligen Tschechoslowakei, der es auf 8,5 Punkte aus elf Partien brachte. Einen halben Punkt zurück lag Großmeister Oleg Romanischin (UdSSR), der gemeinsam mit Hort als Favorit in die Veranstaltung gegangen war. Turnierarzt war übrigens der bundesweit renommierte ärztliche Direktor der städt. Kliniken Dortmund, Prof. Dr. Wilhelm Thorban, der selbst ein passionierter Schachspieler war und in mehreren Stadtmeisterschaften eine erstklassige Visitenkarte abgegeben hat.

Jubiläumssieger Vlastimil Hort ist noch heute einer der wichtigsten Botschafter und Multiplikatoren des Schachspiels weltweit. Er hat sein schachliches Dasein mit großem Erfolg als Spieler, Kommentator und Journalist zugebracht und ist nach wie vor ein gern gesehener Gast beim Sparkassen Chess-Meeting, das er Jahr für Jahr mit großer Freude besucht.
Als die Veranstalter nach Abschluss der Jubiläumsveranstaltung Bilanz zogen und kritisch die bisherigen zehn Turniere Revue passieren ließen, durften sie mit Fug und Recht feststellen, dass sich die Internationalen Dortmunder Schachtage im jährlichen Veranstaltungskalender der Stadt bestens etabliert hatten und den Vergleich mit anderen großen Sportereignissen nicht zu scheuen brauchten.