Dortmund-Vorbericht

Drei Favoriten, so sehe ich es … – Ein Beitrag von Thomas Richter

Vor jedem Turnier kann man Fragen stellen, die dann während dem Turnier beantwortet werden, diesmal aufgrund “passender” Auslosung tendenziell vielleicht schon in den ersten beiden Runden. Wer sind meine drei Favoriten? Als Fragen formuliert: Wird Kramnik sich wieder auf “50%” verbessern? Macht Caruana den nächsten Schritt, um ihn irgendwann als Dortmundominator abzulösen? Was macht Vachier-Lagrave? Da MVL in Dortmund debütiert, gebe ich den beiden anderen das Titelfoto – alle Fotos aus dem Archiv der Turnierseite, dieses aus dem Jahr 2015.

Sponsordame Jenny Schnitter und der Herr mit Krawatte, der auch nicht selbst mitspielte, drücken kleidungsmässig dem Weisspieler Kramnik die Daumen, aber Caruana gewann mit Schwarz – diese Partie in Runde fünf und in der siebten und letzten Runde auch das turnierentscheidende Duell gegen, wer hätte das vorher gedacht, Nisipeanu.

Vielleicht gibt es aber auch, nicht zum ersten Mal in Dortmund, eine Überraschung. Und jedenfalls aus deutscher Sicht wird ohnehin auch interessant, wie Teilnehmer mit Elo unter 2798 abschneiden, daher nenne ich nun alle acht: Kramnik, Caruana, Vachier-Lagrave, Dominguez, Ponomariov, Najer, Nisipeanu, Buhmann. Wie kam dieses Feld zustande?

Kramnik hat ein Dortmund-Abonnement, wohl noch für einige Jahre bzw. solange er selbst Lust hat. Caruana wurde als Titelverteidiger wieder eingeladen, und – wie eingangs bereits angedeutet – wird Kramnik vielleicht im Laufe der nächsten Jahre beerben (derlei Betrachtungen kommen noch). Vachier-Lagrave (absolute Weltklasse) und Dominguez (erweiterte Weltklasse) debütieren. Ponomariov ist dagegen zum fünften Mal dabei: sein Debüt 2010 hatte Stefan Löffler mit “warum auch immer” kommentiert, Sieger 2010 dann Ruslan Ponomariov. Diesen Erfolg konnte er nicht wiederholen, ohnehin konnten nur wenige Spieler mehr als einmal in Dortmund gewinnen: Westerinen ganz zu Anfang 1973 und 1975, Kramnik zu oft um alle Jahre zu nennen, Leko (spielt aktuell in China) 1999, 2002 und 2008, zuletzt Caruana 2012, 2014 und 2015. Derlei Fakten (und ab da mit ein bisschen klicken noch viel mehr) findet man auf einen Blick hier. Najer gewann das Aeroflot-Open. Aeroflot-Qualifikanten waren im Lauf der Jahre in Dortmund mal mehr, mal weniger erfolgreich – den Vogel abgeschossen hatte 2003 Bologan, der (vor u.a. Kramnik und Anand) einfach so das Turnier gewann.

Dann noch zwei Deutsche: Nisipeanu ist “unsere” Nummer eins – wäre er derzeit auch dann, wenn Naiditsch nicht tschüss gesagt hätte. Georg Meier fehlt – vielleicht da Dortmund die beiden Letzten des Vorjahrs generell nicht (sofort) wieder mitspielen lässt [mit Hou Yifan hatte China Mitleid, auch sie spielt momentan dort]. Buhmann hat sich heimlich, still, leise und nach und nach auf Platz drei der deutschen Eloliste verbessert, nur noch knapp hinter Meier. Das lag zum einen an ihm selbst, zum anderen daran dass Fridman parallel schwächelte und Bluebaum zwar nach Elo “König der Prinzen” ist aber doch noch etwas Nachholbedarf hat. Zwischen Buhmann und Bluebaum noch Gustafsson, aber der ist inzwischen anderweitig viel beschäftigt (u.a. aber nicht nur mit Blitzen im Internet) und hat kaum noch Zeit für Turnierpartien.

Nun – mit Dank vor allem an teleschach.de – ein bisschen Dortmund-Historie. Was meinte ich mit “50%” für Kramnik? Bisher war er 21-mal dabei und gewann zehnmal, nun wäre 11/22 wieder 50%. Seinen letzten Sieg 2011 kommentierte die Turnierseite mit “Rekord für die Ewigkeit” – 2011 dominierte er total: 7/10 (damals spielten sechs Teilnehmer doppelrundig) war “eigentlich” oder “gefühlt” 7/9 – schon vor seiner abschliessenden Niederlage gegen den Vorletzten Nakamura stand er als Turniersieger fest. Hiermit fotografisch dokumentiert:

wladimir kramnik portrait

Bei anderen Gelegenheiten dominierte er nicht immer – manchmal waren andere punktgleich und Kramnik hatte die beste Wertung. Wie lange eine ‘Ewigkeit’ noch dauert, liegt vielleicht – unter der Annahme, dass er weiterhin Dortmund-Einladungen bekommt und akzeptiert – an Caruana. Auch in seiner siegreichen Dortmund-Periode 1995-2011 hatte Kramnik zwischendurch schlechtere Turniere, z.B. 2005 (Sieger Naiditsch) nur 4,5/9. Seit 2011 dachte er vielleicht “zehnmal, das reicht” – nun nicht unbedingt: Auch 2013 spielte er mit 6,5/9 sehr gut (u.a. Sieg gegen Caruana), Pech für ihn dass Adams (Turnier seines Lebens?) noch besser spielte. 2012 war mit 5,5/9 zumindest “ordentlich”, allerdings eine Null gegen Caruana. 2014 war mit 2,5/9 gar nichts (immerhin Remis gegen Caruana, und ein halber Punkt Vorsprung auf den Letzten Baramidze). 2015 reichte es mit 3,5/7 (dabei nur ein Remis gegen Nisipeanu, Partie gegen Caruana bereits erwähnt) für 50%.

Caruanas Dortmund-Siegquote ist noch besser als die von Kramnik – bisher 3/4. Kramnik begann allerdings mit 4/4, dann 6/7, ab 2002 vier Jahre Pause und danach wieder etwa jedes zweite Turnier. Bei Caruana war auch alles vertreten: 2012 nach Wertung vor Karjakin, 2013 nicht sondern mässige 4/9, 2014 und 2015 jeweils anderthalb Punkte Vorsprung auf alle anderen. Mehr kann ich dieses Jahr noch nicht schreiben; die von den Veranstaltern erwähnte ‘Ewigkeit’ dauert noch mindestens bis 2022.

fabiano caruana

Das ist “Caruana 2012” – äusserlich hat er sich seither kaum verändert, abgesehen von neuen Sponsoraufschriften auf seinem Jackett, und seit 2015 (damals mitten im Turnier) steht auf seinem Namensschild nicht mehr “Italien”, sondern “USA”.

Die Dortmunder Überraschungssieger (seit 1995, Beginn der Kramnik-Ära) hatte ich bereits alle genannt, nun nochmals: 2003 Bologan, 2005 Naiditsch, 2010 Ponomariov, 2013 Adams. Wann ist es wieder soweit? Dazwischen lagen acht, zwei, fünf, drei und nun mindestens drei Jahre. Ob sich dahinter irgendeine Logik verbirgt – das habe ich zwar “untersucht” aber finde jedenfalls keine eindeutige Antwort.

Geschichte hin, Geschichte her – ab Samstag 9. Juli ist mal wieder Gegenwart. Gespielt wird dann jeweils um 15:00 bis Sonntag 17. Juli. Bei sieben Runden also zwei Ruhetage – recht grosszügig, vielleicht damit zwei komplette Wochenenden dabei sind. Dortmund-spezifisch ist, dass die Paarungen bereits lange vor dem Turnier ausgelost werden, da fallen mir ein paar Dinge auf: Vachier-Lagrave weiss vielleicht als Erster, was für ein Turnier es wird. Zu Beginn hat er Schwarz gegen Caruana, tags darauf Weiss gegen Kramnik. Das dritte Favoritenduell Kramnik-Caruana dann, wie letztes Jahr, in Runde fünf. Caruana-Nisipeanu dagegen bereits in Runde zwei, damit (egal was beide insgesamt produzieren) noch nicht turnierentscheidend. Caruana beginnt also mit zweimal Weiss und hat auch insgesamt einmal öfter Weiss. Kramnik hat dagegen am Anfang Doppelschwarz (Runde eins gegen Dominguez) und damit einmal öfter Schwarz – wie auch MVL, der mit Schwarz beginnt und täglich die Farbe wechselt. Vorteil Caruana? Vielleicht, allerdings bedeutet es dass er bei Punktgleichheit mit einem oder beiden anderen Favoriten nicht Turniersieger wird – erster Tiebreaker ist Anzahl der Schwarzpartien. Wenn da (z.B. zwischen Kramnik und MVL) Gleichstand herrscht, kommt als nächstes Anzahl der Siege, dann Sonneborn-Berger.