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SOS - Volume 6
Die SOS-Reihe (Secrets of Opening Surprises) ist
inzwischen auch schon bei ihrer sechsten Ausgabe
angekommen.
Unter
der Federführung des Niederländers Jeroen Bosch ist eine
kleine Buchreihe entstanden, dessen Neuerscheinungen
inzwischen immer eine hohe Beachtung finden. Dank der
steigenden Komplexität der Theorie gängiger
Eröffnungssysteme sind immer mehr Schachfreunde auf der
stetigen Suche nach Nischen und nach frühen
Überraschungszügen abseits der breiten Theorie-Pfade.
Die Varianten genügen wie immer gewissen
Mindeststandards, sie sind also auf jeden Fall spielbar.
Viele von ihnen können dem Leser einige
Vorbereitungszeit ersparen - aber auch SOS-Varianten
wollen erarbeitet und verstanden werden.
Andererseits kann eine Besprechung in einem SOS-Band
auch schnell dazu führen, daß dieses System bald in eben
diese Hauptpfade des Variantendschungels eingebunden
wird. Bis dahin wird der neugierige,
experimentierfreudige Anwender allerdings schon einige
Punkte mit seiner neuen Geheimwaffe erzielt haben.
Inhaltlich stellt man schnell fest, daß die
redaktionelle Grenze zwischen „klassischen“ Varianten
und SOS-typischen Stellungen oft vage ist. Als
„Richtschnur“ zählt in dieser Hinsicht für Jereon Bosch,
daß eine in der SOS-Reihe vorgestellte Variante
zumindest schon einmal von einem Großmeister angewandt
wurde.
Sehen wir uns die einzelnen in diesem Band vorgestellten
Kapitel an:
1) Jeroen Bosch – The SOS Files
Der Chefredakteur dieser Reihe greift zunächst aktuelle
Partien der Varianten auf, die in den vorherigen
SOS-Bänden vorgestellt wurden. Diese Rubrik wird auch
das SOS-Logbuch genannt.
Den Beginn macht eine bereits im ersten SOS-Band
behandelte Variante des Trompowsky-Angriffs nach 1.d4
Sf6 2.Lg5 e6 3.e4 c5 anhand einer eigenen
Bundesligapartie des Autors. Der New In Chess Verlag
lobt regelmäßig einen Preis (aktuell 250 Euro) für die
beste auf einer SOS-Variante basierenden Partie des
aktuellen Buches aus. Die aktuelle Preisträger-Partie
„Dean Ippolito – Alexander Ivanov, Philadelphia 2006“
ist das Highlight des Kapitels.
2) Ian Rogers – Triple Trouble for the Grünfeld
Der australische Großmeister beschäftigt sich mit einem
der Lieblingsthemen der SOS-Reihe. Die Grünfeld-Indische
Verteidigung lädt immer wieder zu neuen Ideen ein. Die
aktuelle Abhandlung greift eine Variante auf, welche
Weißspieler gerne gegen Gründfeld-Indisch anwenden,
deren theoretische Pfade nicht gänzlich ausgetreten sind
– das System mit 4.Lg5.
Ian Rogers betrachtet (nach dem Standardzug 4... Se4)
eher ungewöhnliche Fortsetzungen wie 5.h4, 5.cxd5 und
5.Dc1. Wobei 5.Dc1 sicherlich der
überraschenste Zug ist. Schwarz kann hier nach 5....
Sxg5 6.Dg5 dxc4 (der Bd5 war angegriffen) 7.De5 schon
mit unerwarteten Problemen zu kämpfen haben.
3) Jeroen Bosch – Sizilian: the Aussie Attack
Zu den Anfangszügen 1.e4 c5 2.Sf3 e6 3.d4 cxd4 4.Lg5
sagt der Autor sehr passend: „Clearly, this SOS earns
full points for shock effect...“ Dieser australische
Angriff ergibt vollkommen sizilianisch-untypische
Strukturen und ist sicherlich nicht nur eine
interessante Idee, sondern auch relatives Neuland.
4) Erwin l’Armi – No Panov - Play an Early Queen Move
Der aus der deutschen Bundesliga bekannte
niederländische Großmeister gräbt tief in der Kiste der
Zugumstellungen. Ausgangsbasis der Betrachtungen ist die
Stellung nach den Zügen 1.c4 c6 2.e4 e5 3.Sf3 Da5. In
der durch Zugumstellung entstandenen Panov-Variante der
Caro-Kann-Verteidigung kann Schwarz mit dem
ungewöhnlichen Damenzug die typischen Isolanistellungen
umgehen.
5) John Donaldson und Jeremy Silman – 3.h4 in the
Hyper-Accelerated Dragon
Stellungen mit frühem g6 zogen schon oft ein ebenso
frühes h4 nach sich. Gerade aus Holländisch-Varianten
ist dieses frühe h4 bekannt. So ist es nicht
verwunderlich, daß auch die hyper-beschleunigte
Drachenvariante mit solchen Versuchen des Drachentötens
leben muß. Die beiden bekannten amerikanischen
Schachautoren bringen Ordnung in diesen recht neuen
Variantenkomplex. Gerade taktisch orientierte Spieler
mit einem „direkten Drang zum gegnerischen König“ werden
hier bestimmt fündig.
6) Arthur Kogan – The Tarzan Attack
Neue Varianten erkennt man leider auch immer wieder
daran, daß es, zumindest in meinen Augen, reichlich
gekünstelte Namen für diese gibt. Eine Meraner Variante
hätte heutzutage keine Chance mehr auf diesen Namen, nur
weil sie da das erste Mal auf großer Bühne gespielt
wurde. Heute werden aus Neuerungen leider eher ein
Elefanten-Gambit oder ein Tarzan-Angriff. Dies soll und
kann aber natürlich kein Maßstab für die Spielbarkeit
des Systems sein.
Der Tarzan-Angriff ist eine Untervariante des
Barry-Angriffs. Nach 1.d4 Sf6 2.Sf3 g6 kann Weiß mit
3.Sc3 allen normalen indischen Strukturen aus dem Weg
gehen. Nach der Fortsetzung 3... d5 4.Lf4 befinden wir
uns im eben erwähnten Barry-Angriff. Die Folge 4... Lg7
5.Dd2 ermöglicht es Weiß unter Umständen zu einem frühen
Königsangriff zu kommen.
7) Jeroen Bosch – Making Short Work of the Najdorf
Bei diesem Titel wird bestimmt jeder e4-Spieler
hellhörig. Einen kurzen Prozess mit der sizilianischen
Najdorf-Variante ohne sich im Variantendickicht zu
verlaufen klingt verlockend. Das vom Herausgeber selbst
besprochene 6.a3 wurde, wie zu lesen ist, unter anderem
schon von Nigel Short angewandt. Schlecht kann die Idee,
a6 zu spiegeln also nicht sein. Zumindest der eingangs
erwähnte Punkt für eine gelungene Überraschung ist Ihnen
sicher.
8) Adrian Mikhalchishin – The Döry Defence
Die Döry-Verteidigung 1.d4 Sf6 2.Sf3 Se4 ist nicht
unbedingt theoretisches Neuland. So sind die
Beispielpartien unter anderem von Paul Keres und
Alexander Aljechin. In vielen Eröffnungen ist es aus
weißer Sicht nicht immer angenehm, wenn Schwarz zu Se4
greift. Stellungen, in denen sich Schwarz schon im
zweiten Zug auf diesen Springervorposten festlegt, sind
aber sicherlich eher ungewöhnlich und ermöglichen, wie
Adrian Mikhalchishin zeigt, auch ganz andere
Behandlungsweisen.
9) Glean Flear – Bishops First Please!
Welche Eröffnung sich unter diesem Titel verbirgt, ist
nicht ganz so schwer zu erraten; es geht um das
klassische Läuferspiel 1.e4 e5 2.Lc4.
Auch wenn dies wirklich keine neue Eröffnung ist, birgt
sie doch viele Möglichkeiten, um unter dem SOS-Motto mit
relativ wenig theoretischem Ballast den häufig
gespielten Systemen aus dem Weg zu gehen. Gerade für
Spieler, welche offene Stellungen mit aktivem
Figurenspiel bevorzugen, ist das Läuferspiel eine echte
Alternative um mit weniger Theorie als nach 2.Sf3
auszukommen.
10) Jeroen Bosch – The Chigorin Attack
Jeroen Bosch greift das gleiche Thema mit vertauschten
Farben auf. Nach den Zügen 1.d4 d5 2.Sf3 ist es nun an
Schwarz, mit 2... Lg4 weiß frühzeitig in Verlegenheit zu
bringen. Da 3.e3 zu einer aus weißer Sicht eher
anspruchslosen Stellung führt, muß Weiß mit 3.c4 eine
unschöne Bauernstruktur am Königsflügel hinnehmen oder
mit 3.Se5 versuchen, um die Initiative zu kämpfen. In
beiden Fällen kann Weiß früh sein „inneres
Eröffnungsbuch“ zuschlagen.
11) Arthur Kogan –The Queen‘ Grünfeld Line (Part I)
sowie
12) Arthur Kogan –The Queen‘ Grünfeld Line (Part II)
Nach 1.d4 Sf6 2.c4 b6 entstehen Stellungen, welche dem
Damenindischen Nahe stehen. Schwarz hat aber zunächst
auf den Zug e6 verzichtet. Die Zugfolge ist nicht neu.
Es ergeben sich hierdurch aber Stellungen abseits
bekannter Damenindisch-Theorie.
13) Adrian Mikhalchishin – A Spanish SOS
Zugegeben, bei diesem Titel mußte ich etwas schmunzeln.
Eine Widerlegung der spanischen Eröffnung – die
Spanisch-Spieler funken SOS?
Nun ja, keine Angst, der klassische Spanier ist nach wie
vor nicht als fragwürdige Eröffnung einzuordnen. Der
russische Großmeister beschäftigt sich und den Leser
nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Le7
6.Te1 b5 7.Lb3 d6 8.c3 0-0 9.h3 mit dem SOS-Zug 9…Tb8.
14) Jeroen Bosch – The French Advance with 5... a6
Auch die Vorstoßvariante der Französischen Verteidigung
birgt noch frühe Überraschungsmomente. Getreu der
Devise, daß bei einer eigenen Bauernkette auf den weißen
Feldern (f7, e6, d5) der weißfeldrige Läufer des
Schwarzen schlechteste Figur ist, trachtet Schwarz in
diesem System nach einem sofortigen Abtausch dieser
Figur. Ob der in manchen Stellungen am Damenflügel
entstehende Doppelbauer auf b7 und b5 nicht nur eine
Transformation der Schwäche darstellt, muß die Praxis
zeigen. Meine Datenbank zeigte nur einige wenige
Beispiele. Interessant und positionell konsequent ist
diese Idee allemal.
15) Dorian Rogozenko – A Slav Surprise
Ähnlich wie die Spanisch-Variante in Kapitel 13 geht
Dorian Rogozenko mit seiner „Wiederentdeckung“ auf eine
doch etwas fortgeschrittene Theoriestellung der
Slawischen Verteidigung ein. Der Vorschlag nach 1.d4 d5
2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 dxc4 5.a4 Lf5 6.Se5 Sbd7 7.Sxc4
Dc7 sich nun mit 8.Dd2 den eigenen Läufer auf c1 zu
blockieren, wirkt etwas skurril…oder, wie der Autor
sagt: „strange-looking“. Die Stellung ist aber
inzwischen „Großmeister erprobt“ und damit sicherlich
diskussionswürdig.
16) Sergey Tiviakov – Scandinavian with 3... Dd6
„A slip of the hand?“ fragt der russische Großmeister
etwas provokativ als Untertitel. Auch wenn spätestens
nach dem Skandinavisch-Buch von Matthias Wahls diese
Eröffnung wieder salonfähig ist, so erscheint es mir aus
weißer Sicht immer etwas, als ginge es primär um
Überraschungen und plötzliche Attacken. Unter diesem
Gesichtspunkt wird die Fortsetzung 3... Dd6 des doch
sehr spielstarken Autors sicherlich beide Kriterien
erfüllen; eine durchdachte positionelle schwarze Antwort
mit einem deutlichen Überraschungsmoment zu verbinden.
Fazit:
Die inzwischen sechste Ausgabe der halbjährlich
erscheinenden SOS-Reihe zeigt wieder einmal 15
interessante, neue Ideen.
Das Buch ist wie immer in einer englischen und einer
deutschsprachigen Ausgabe erschienen. Die mir
vorliegende englische Soft-Cover-Ausgabe umfaßt 144
Seiten und kostet 19,95 €.
Die Gestaltung ist sehr übersichtlich - die Hauptpartie
ist in Fett-Druck gehalten, die Nebenvarianten
abgesetzt. Bei den Diagrammen muss der Leser allerdings
ohne Koordinaten auskommen.
Alle Autoren haben versucht, einen sinnvollen Mittelweg
bei der Länge ihrer Kommentare zu finden. Mir persönlich
würde in der Einleitung der jeweiligen Kapitel
eine etwas umfangreichere Begründung gefallen, auf
welchen positionellen oder taktischen Ideen die
SOS-Neuerung fußt. Zu den einzelnen Varianten enthält
das Buch hingegen mehr erklärenden Text als andere
typische Eröffnungsbücher.
Um mit der englischen Ausgabe zu arbeiten, sollte man
sich in englischsprachigen Texten relativ fließend
bewegen können.
Zu dem normalen Inhaltsverzeichnis gibt es noch eine
weitere Übersicht, welche alle Eröffnungen anhand eines
Diagramms vorstellt. Eine gute Idee, da man sich so
besser zurechtfindet.
Ich bin gespannt, wann ich das erste Mal mit Varianten
aus diesem Buch konfrontiert werde. Eine habe ich selbst
schon getestet…
Thomas Berens
für chess-international
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