Mit Rekordankündigungen sollte man vorsichtig sein. Die Superlative sind schnell zur Hand. So war im Vorfeld erst von "größter Schachveranstaltung der Welt" die Rede, später stapelte man etwas tiefer "größter Mannschaftskampf der Welt", nachdem ich in einem alten Guinness-Buch der Rekorde (von 1993) herausfand, das in Hamburg der Wettkampf Linkes gegen rechtes Alsterufer über 3000 Spieler anzog. Nur ein Superlativ darf als gesichert gelten - der der größten Schachveranstaltung Berlins die jemals stattgefunden hat. Die bis dahin größte Berliner Schachveranstaltung war wahrscheinlich die mit 512 Spielern.

Mit Zahlenangaben sollte man allerdings vorsichtig sein. Ob es 1939 wirklich 512 Spieler waren, kann heute nicht mehr verifiziert werden. Damit die Historiker in fünfzig oder hundert Jahren nicht wieder auf geschätzte oder im Voraus "festgelegte" Angaben angewiesen sind, sei ein für allemal gesagt: Die in der Bildunterschrift angegebenen Zahlen von 2006 wurden von mir anhand der Spielberichte nachgezählt. Der Wettkampf Post Wedding 4 gegen den Gehörlosen SV wurde vorgespielt, acht Bretter fehlen also. Bleiben 736 Bretter übrig - was 184 Mannschaften entspricht und im Optimalfall 1472 Spielern. Doch 119 Spieler fehlten an den Brettern, womit wir dann auf exakt 1353 Spieler kommen. Und diesmal ist das wirklich eine exakte Zahl, anders als im von Dagobert Kohlmeyer der dort exakt 1504 Spieler schreibt ...

Eine zentrale Endrunde gehört in der schon seit Jahren zum festen Bestandteil des Spielbetriebes. Die vom Betriebsschachverband wieder am 16.Mai 2006 bei Schering organisierte Veranstaltung ist im Vergleich zur BSV-Endrunde allerdings eher bescheiden. "Nur" rund 400 Spieler gilt es unterzubringen und die Kantine der Weddinger Firma ist dazu nur bedingt geeignet - wenn man einmal von der exzellenten und kostengünstigen Imbißversorgung absieht. Doch ein Highlight ist diese Endrunde jedes Jahr, schon weil man viele alte Wegbegleiter wiedersieht.

Im deutlich größeren Berliner Schachverband - sowohl mitglieder- als auch gebietsmäßig - war die Chance, den ein oder anderen Schachfreund nach vielen Jahren wiederzusehen, um ein Vielfaches größer. Zumal es die erste zentrale Endrunde nach sehr langer Pause war. Man konnte garnicht soviele Hände schütteln und Worte wechseln, wie man bekannte Gesichter wiedertraf.

Wenn solch eine große Veranstaltung über die Bühne geht, kommen auch immer wieder die üblichen Fragen nach dem ältesten und jüngsten Teilnehmer und der längsten und schönsten Partie. Die erste Frage läßt sich relativ leicht beantworten, da Walter Wuthcke im Berliner Schach ein bekannter Mann ist und in seiner Blütezeit der Top-Spieler der TSG Fredersdorf war. Heute ist Wuthcke immer noch sehr aktiv beim SC Rochade.

Etwas länger dauerte die Suche nach dem jüngsten Spieler. Nach rund zwanzigminütigem Vergleich der Mitgliederliste mit den Spielberichten stand Dominik Fuchs, SC Zitadelle Spandau, als jüngster Spieler fest. Er hatte erst zwei Monate vorher seinen 9.Geburtstag gefeiert.

Völlig ausgeschlossen ist derzeit eine Antwort auf die längste und die schönste Partie. sammelt alle (?) Partien, die er zugeschickt bekommt und wird dann eine Datenbank zur Verfügung stellen. Mit einer Antwort auf diese Frage wird wohl frühestens in zwei bis drei Monaten zu rechnen sein.

Die Geburtstagskinder des 30.April sollen natürlich auch nicht zu kurz kommen. Bei der Eröffnung nannte BSV-Präsident stellvertretend die Namen Heinz Pacholleck, Heinz Großmann und Hans-Peter Ketterling:

Es hatten zwar noch weitere BSV-Mitglieder an diesem denkwürdigen Tag Geburtstag, doch keiner von denen war Teilnehmer der Endrunde. Welch ein Zufall !

Am späten Nachmittag des Vortages der Endrunde, waren vom Hotel bereits die Tische und Stühle aufgebaut worden. Auch einige Funktionäre des Verbandes nutzten die Möglichkeit der Vorbereitung, verteilten Informationsmaterial und Süßigkeiten auf den Plätzen und richteten Schiedsrichtertische und Analyseraum her. TSG Fredersdorf baute sogar schon sein Spielmaterial auf.

Am nächsten Morgen sollte ab 7 Uhr die Möglichkeit des Aufbaus für alle Vereine bestehen. Um 6.48 Uhr lag der Spielsaal aber noch im Tiefschlaf. Ich war als Erster vor Ort, mußte mich zur Estrel Convention Hall durchfragen und kam durch einen Nebeneingang in den Saal. Kurz vor 7 war meine Anwesenheit dann nicht mehr erwünscht, ein Security-Mitarbeiter bat mich hinaus.

Kurz vor 9.30 Uhr eröffnete BSV-Präsident Dr.Matthias Kribben von den Logen-Plätzen die Veranstaltung. Da die Benutzung der hauseigenen Beschallungstechnik dem Verband eine vierstellige Eurosumme gekostet hätte, griff man auf das verbandseigene Megaphon zurück.

Besonders prickelnd an einer zentralen Endrunde ist es, jederzeit über den Tabellenstand informiert zu sein. Zahlreiche Spieler streiften, nachdem sie ihren Zug gemacht hatten, durch die Tischreihen, um sich die Stellungen der Tabellennachbarn anzuschauen. Eines dieser aufregenden Fernduelle gab es in der Stadtliga B. Dort waren nach acht Runden der Vorletzte Treptow und die zweite Mannschaft von Berolina (einen Platz davor) "punkt- und torgleich". Berolina hatte zudem den Vorteil, das direkte Duell gewonnen zu haben und außerdem wartete mit Lasker 3 der vermeintlich leichtere Gegner. Die Spieler der beiden Teams tigerten von einem Tisch zum anderen und von dort zur Ergebnistafel. Am Ende traf die "Voraussage" ein - Treptow unterlag höher und stieg ab.

Ein glückliches Händchen bei der Auslosung vor Saisonbeginn hatte Turnierleiter Benjamin Dauth. In der Landesliga kam es so zu einem Finale zwischen Zehlendorf 2 (16:0) und Rotation Pankow 2 (15:1). Beide Mannschaften stellten ihre wohl stärksten Leute auf und Zehlendorf galt als leicht favorisiert. Dieser Rolle wurden sie auch mit einem klaren 5½:2½-Sieg gerecht und dürfen sich jetzt Berliner Mannschaftsmeister nennen.

Im Foyer hatte das Estrel einen Imbiß aufgebaut und schenkte an der Bar Getränke aus. Schachhändler Manfred Mädler bot an seinem Stand Literatur und Software an. Diese Angebote wurden von den zahlreichen Kiebitzen und Spielern sehr gut angenommen.

Ob solch eine Riesenveranstaltung eine Eintagsfliege bleibt oder auch nächstes Jahr stattfinden kann, hängt vor allen Dingen von der Finanzierung ab. Neben einem großen Sponsor wäre eine Kostenbeteiligung der Vereine in einer Höhe von bis zu 150 € nötig. Die Miete so eines großen Saales kostet schließlich viel Geld.

Alle Partien der Endrunde werden von gesammelt - und nicht wie ursprünglich im Newswriter-Beitrag angegeben, von mir. Die Partieformulare befinden sich aber komplett (?) in meinem Besitz und ich werde Ergänzungen und Korrekturen an den Daten vornehmen.

Um auch den Wirt des Schachcafés "en passant", Sven Horn, wegen der entgangenen BMM-Heimspiele etwas zu entschädigen, fand um 18 Uhr noch ein Schnellturnier in seinen Räumen an der Schönhauser Allee statt - unter der Leitung des etwas später eintreffenden Vizepräsidenten Carsten Schmidt. Leider fand es nicht ganz den von Horn erwarteten Zuspruch. Er hätte es am liebsten gesehen, wenn alle Teilnehmer der Endrunde den Weg in sein Café gefunden hätten ;-)

Rangliste: Stand nach der 9. Runde
Rang Teilnehmer TWZ Verein/Ort S R V Punkte Buchh
1. Modler,Andreas 1997 - ohne Verein - 6 2 1 7.0 47.0
2. von Herman,Ulf 2204 SK König Tegel 1 6 2 1 7.0 47.0
3. Figura,Atila Gajo 2315 SC Kreuzberg 6 1 2 6.5 48.5
4. Keskowski,Thilo 2132 BSV 63 Chemie We 5 2 2 6.0 37.0
5. Vu,Philippe   - ohne Verein - 5 1 3 5.5 38.5
6. Hoppe,Frank 2020 SV Berolina Mitt 5 0 4 5.0 42.0
7. Neerforth,Philipp 2080 SC Empor Potsdam 4 2 3 5.0 40.5
8. Hadj Sassi,Nabil 1972   4 2 2 5.0 30.5
9. Herrmann,Eberhard     5 0 3 5.0 28.5
10. Hahlbohm,Matthias 2073 TSG Oberschönewe 4 0 5 4.0 37.5
11. Groß,Martin,Dr. 1703 Queer-Springer S 2 2 5 3.0 42.5
12. Kopischke,Maik 1617 SC Zugzwang 95 2 0 7 2.0 36.5
13. Prott,Bernhard 1604 SV Berolina Mitt 1 0 8 1.0 35.5
14. Schenker,Rene 1140 SV Empor Berlin 0 0 9 0.0 36.5