H.O.R.S.T.

In wie weit ist es sinnvoll Eröffnungsvarianten auswendig zu lernen? Dies ist wohl eine Frage, die sich die meisten Schachspieler stellen. Sicherlich wird jedem Anfänger an dieser Stelle zu Recht gesagt, dass ein grundsätzliches Verständnis der Eröffnungsstruktur und der damit verbundenen Pläne wichtiger und erfolgreicher ist als das sture Auswendiglernen der Eröffnungstheorie. Über das grandiose Gedächtnis eines Großmeisters verfügen jedoch nur wenige Spieler. Daher liegt meiner Auffassung nach die Wahrheit wie so oft irgendwo in der Mitte – in Form einer gesunden Mischung aus Verstehen der Variante und gezielter Schulung der reinen Variantenkenntnis.

Leider lassen sich Schachvarianten nur sehr schwer mit der allseits bekannten Karteikasten-Technik erlernen. Da viele Spieler über eine visuelle Gedächtnis verfügen, fehlt hierbei der optische Reiz durch die Figuren auf dem Schachbrett.

Stephan Schmahl, ein bayerischer Softwareentwickler hat nun pünktlich zum letzten Weihnachtsgeschäft sein Programm „Heuristic Opening Repertoire Specialist & Trainer“, in der griffigeren Kurzform kurz H.O.R.S.T. genannt, auf den Markt gebracht.

Leider ist es sehr schwer, einen Interessenten vom Kauf der Vollversion zu überzeugen, da man in der Testversion nicht alle Funktionen nutzen kann. Ein Programm wie SwissChess hat es da schon einfacher, man braucht nur bei einer Version mit allen Funktionen die Teilnehmerzahl signifikant begrenzen. Nach dem Erhalt der Vollversion war jedoch auch mein „Spieltrieb“ vollends geweckt.

Zunächst hat man die Möglichkeit, Profile für verschiedene Spieler anzulegen. Dies ist sicherlich eine praktische Funktion, wenn der Lebenspartner auch Schach spielt oder für das Training einer Jugendgruppe an einem Vereinsrechner. Unter jedem Profil bietet H.O.R.S.T. nun zwei Ordner an. Das Weiß- und Schwarzrepertoire wird somit getrennt verwaltet. Im Anschluss daran hat man nun die Möglichkeit, Ordner für seine jeweiligen Eröffnungen anzulegen. Die einzelnen zu lernenden Varianten bilden Dateien in diesem Unterordner. Die Zugeingabe erfolgt ähnlich wie bei ChessBase-Produkten durch das Ziehen der Figur mit der Maus. Eine Menüleiste bietet die notwendigen Funktionen übersichtlich in Buttonform an. Die Hilfefunktion wird offline leider nur sehr wenig unterstützt. Es ist ratsam, parallel auf die H.O.R.S.T.-Homepage und den dort dargebotenen Tipps und Tricks zurückzugreifen. Der Aufbau seines eigenen Variantenbaums geht aber nach den ersten für mich doch etwas holprigen Zügen schnell voran. Zur Vermeidung von „Blunders“ kann man seine Varianten direkt mit FRITZ überprüfen lassen. Ich muss zugeben, dass mich diese Funktion ermutigt hat, einige meiner Varianten einmal gezielt von FRITZ überprüfen zu lassen. Der alte Spruch, dass man Büchern nicht unendlich vertrauen sollte, hatte sich bewahrheitet. Eine praktische Verknüpfung zu einem leistungsstarken Schachprogramm bildet für H.O.R.S.T. eine sinnvolle Unterstützung.

Die Eingabe der Varianten kann auch durch eine Kopierfunktion direkt aus ChessBase heraus gemacht werden. Ich persönlich habe diese Funktion nicht sonderlich genutzt, da die Eingabe der Züge für mich schon ein wesentlicher Teil des Wiederholprozesses sind.

Das eigentliche Thema von H.O.R.S.T. ist natürlich nicht das Eingeben von Varianten, sondern das Training. Hierzu ruft man über den Variantenbaum zunächst die gewünschte Variante aus. Auf der rechten Bildschirmseite erscheint nun eine Statistik mit einer grafischen Darstellung der bisherigen Leistung beim Erlernen dieser Zugfolge. An dieser Stelle kann man auf einen Blick übersehen, wie fit man in dieser Variante inzwischen ist. Etwas Schade finde ich, dass gleichzeitig die Zugnotation dargestellt wird. Für mich ist es recht schwierig, nicht darauf zu gucken, auch wenn man sich bewusst keine Züge merken möchte. Etwas bleibt hier meist hängen und erleichtert das anschließende Nachspielen. Nach dem Starten erscheint eine weitere Bildschirmmaske, in der man Einstellen kann, ob man beispielsweise nur die Hauptvariante oder auch Nebenvarianten trainieren möchte. Der Lernende kann Voreinstellen, ob er Zugbewertungen, Kommentare oder Stellungsbewertungen sehen möchte.

H.O.R.S.T. übernimmt nun die Farbe des Gegners. Der Trainierende spielt dann „seine“ Variante dagegen. Dies ist ein signifikanter Vorteil gegenüber der Trainingseinstellung von ChessBase. Bei der bekannten Datenbank kann man mit Hilfe des Trainings-Buttons zwar die Notation aus der Anzeige ausblenden, man kann dann aber nur mit den Pfeiltasten den nächsten Zug abrufen. H.O.R.S.T. ist an dieser Stelle viel interaktiver. Im linken Bildschirmteil kann man während des Durchspielens die bisher verbrauchte Zeit und einen prozentualen Erfolg beobachten. Wenn man einen falschen Zug eingibt, fragt H.O.R.S.T. nach, ob man wirklich der Meinung ist, dass man den richtigen Zug eingegeben hat oder ob man durch einen Mouse-Slide etwas falsches gezogen hat. Auch wenn diese Funktion natürlich eine Möglichkeit zum Selbstbetrug gibt finde ich diese Sicherheitsabfrage gut. Ein wenig Selbstdisziplin ist nun mal auch von einem Lernenden zu erwarten. Ich hätte mich noch über die Möglichkeit gefreut, wenn man außer der Farbe keine Voreinstellung eingeben könnte. Bei einer Turnierpartie weiß man auch nicht mehr und man muss mit den Zügen des Gegners klar kommen. Wenn H.O.R.S.T. in der Lage wäre, auf Basis des hinterlegten Repertoires zufällig eine Variante zu wählen, würde ich dies noch als große Verbesserung sehen.

Alles in allem finde ich den Lern-Ansatz und auch die Umsetzung recht gelungen. Die Bedienung war für mich manchmal noch etwas gewöhnungsbedürftig. Aber ich freue mich darauf, H.O.R.S.T. auf seinen nächsten Schritten und Entwicklungen zu beobachten.
Die inzwischen angebotene zweite Version beinhaltet aber auch so schon viele Möglichkeiten, um eine wertvolle Hilfe beim Erlernen von Eröffnungsvarianten zu sein.

Nach dem Download der Testversion kann man gegen eine Gebühr von 39 € die Vollversion herunterladen. Bei einem Preis von 89 € sind lebenslang alle Updates eingeschlossen. Der Anwender erhält das Programm nicht auf einem Datenträger. Die Lizenz ist somit PC- und nicht personengebunden.

Thomas Berens
Produkt-Manager und B-Trainer des DSB


 

 

 


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