Unzicker-Gala zum 80.
Geburtstag mit Kortschnoi und Spasski
Chess Classic Mainz vom 9. bis 14. August / Wer fordert Anand heraus?
Von Hartmut Metz
Die Daten der Chess Classic Mainz stehen fest: Bereits am 9. August
beginnt heuer der weltweit spektakulärste Schnellschach-Event und
dauert erstmals sechs Tage. Die Verlängerung ist eine Hommage an
Wolfgang Unzicker. Der Großmeister aus München wird am 26. Juni 80
Jahre alt und soll mit einem Gala-Turnier am 9. und 10. August geehrt
werden. Im Mittelpunkt stehen in der Rheingoldhalle außerdem vom 11.
bis 14. August das Gerling Match um die Chess960-Weltmeisterschaft und
vor allem das GrenkeLeasing Match, in dem Viswanathan Anand seinen
Titel als weltbester Schnellschachspieler verteidigen will. Die größte
Unbekannte in der Planung von Organisator Hans-Walter Schmitt ist
dabei die Position des Herausforderers. Die komplette Weltelite bewarb
sich einmal mehr für den Zweikampf. Ein Kandidat ist jetzt aber
definitiv aus dem Rennen: Garri Kasparow. „Schade, wir hätten ihn
spätestens gerne 2006 verpflichtet“, bedauert Schmitt den Rückzug des
bisherigen Weltranglistenersten.
Galt Anand schon in den vergangenen zwei Jahren als erfolgreichster
Großmeister, rückt der Inder nun auch in der
Turnierschach-Weltrangliste endgültig an die Spitze. Dass der „Tiger
von Madras“ im Schnellschach eine Klasse für sich ist, war
unumstritten. Das beweisen auch seine sieben Siege in Mainz. Bei den
Chess Classic bezwang der 35-Jährige alle Größen, die Rang und Namen
haben. Als nächster Gegner empfahl sich im Vorjahr Alexander Grischuk.
Der Russe gewann zum zweiten Mal in Folge das weltweit stärkste offene
Schnellschach-Turnier, das Ordix Open. Eine gute Figur gab auch dessen
Landsmann Alexander Morosewitsch ab, zumal der originellste Topspieler
zwischenzeitlich wieder auf Rang vier der Weltrangliste geklettert
war. Keine Chance auf eine Revanche erhält wohl Weltmeister Wladimir
Kramnik, der 2001 nur hauchdünn Anand unterlegen war. Auch
Vizeweltmeister Peter Leko scheint aus dem Rennen. Schmitt möchte bis
dato „noch keinen konkreten Namen eines Gegners für Anand nennen“. Der
Bad Sodener schließt jedoch auch nicht aus, dass statt Grischuk oder
Morosewitsch Wesselin Topalow zum Zuge kommt. Der Bulgare war zuletzt
2000 bei den Chess Classic dabei, als zum einzigen Mal in der
Schach-Geschichte die kompletten Top Ten an einem Ort antraten. Der
30-Jährige kann eine exzellente Visitenkarte als Anands Herausforderer
abgeben: Topalow schlug als Letzter Kasparow und teilte im März den
Turniersieg mit dem Russen im spanischen Linares. Wie Morosewitsch
besticht er durch besonders kämpferisches und interessantes Schach.
Außerdem dürfte Topalow in der nächsten Weltrangliste die Nummer zwei
hinter Anand werden. Der Weltranglistenerste gegen den
Weltranglistenzweiten – das hätte etwas, weiß auch Schmitt. Trotzdem
lässt sich der CCM-Macher keine konkreten Informationen zum
GrenkeLeasing Match entlocken. „Wir stehen noch in Verhandlungen.
Diese sollten bis Anfang April abgeschlossen sein. Auf jeden Fall
garantiere ich wieder ein spektakuläres Duell“, verspricht der
53-Jährige.
Konkreter gediehen sind die Planungen für das Gerling Match: Peter
Swidler verteidigt seinen WM-Titel im Chess960 gegen Zoltan Almasi.
Der Ungar hatte im Vorjahr das FiNet Open, bei dem ebenfalls die
Startposition unter 960 Möglichkeiten ausgelost wird, für sich
entschieden. Almasi rückt für den Armenier Lewon Aronjan auf, der
gegen Swidler den Kürzeren gezogen hatte. Der Chess960-Weltmeister aus
Russland geht auch gegen Almasi als Favorit in den Wettkampf. Vor den
beiden Zweikämpfen am Abend – ab 18.30 Uhr werden insgesamt viermal
zwei Partien ausgetragen – können sich Schachfans in den offenen
Turnieren messen. Rekordbeteiligungen vermeldeten das FiNet Open im
Chess960 und das traditionelle Ordix Open, zu dem mehr als 500 Spieler
– darunter mindestens 100 Titelträger – erwartet werden. Im FiNet Open
wie im Ordix Open ist Anmeldeschluss um 12.15, und beide Wettbewerbe
gehen über elf Runden. Das Chess960-Turnier wird am Donnerstag und
Freitag (11. und 12. August) ausgetragen, das normale
Schnellschach-Turnier folgt am Wochenende (13. und 14. August).
Wer zum Auftakt der Chess Classic ein Simultan an 40 Brettern gibt,
ist häufig ein Indiz, wer anschließend auf der Bühne sitzt. Doch
Schmitt hält sich bedeckt. „Weltmeisterin Antoaneta Stefanowa wird
eines der beiden Simultans bestreiten. Und unser Schirmherr,
Oberbürgermeister Jens Beutel, wird mitspielen“, gibt der Organisator
lediglich preis. Die hübsche wie humorvolle Bulgarin hatte im Vorjahr
bei ihrer Open-Teilnahme nicht nur Schmitt begeistert. Für Schönheit
soll zudem wieder Carmen Kass sorgen. Dem Topmodel, das gleichzeitig
Präsidentin des Estnischen Schachverbandes ist, gehörten 2004 die
Schlagzeilen bei den Chess Classic. Zum „Inventar“ in Mainz gehört ihr
Lebensgefährte, Großmeister Eric Lobron. Der Wiesbadener wird nicht
nur in den Open mitmischen, sondern erneut zusammen mit
Schnellschach-Europameister Artur Jussupow die Partien am Abend
kommentieren.
Bei der „Unzicker Gala 80“ am 9. und 10. August (jeweils ab 15.30 Uhr)
versammeln sich die Legenden: Außer dem Jubilar, der in den 50er
Jahren vermutlich der stärkste Amateur auf dem Globus war, treten
Viktor Kortschnoi und Boris Spasski an. Der eine mit 74 Jahren noch
immer unermüdlich und ein Quälgeist für die jungen Burschen. Der
andere ein nach seinem WM-Titel 1969 früh müde gewordener russischer
Bär, der aber auftrumpft, wenn man seine Remisofferten ablehnt. Der
vierte Kontrahent für die doppelrundige Gala steht auch noch nicht
fest. „Wolfgang Unzicker lädt entweder seinen Lieblingsspieler unter
der jungen Generation ein - oder wir finden noch einen alten
Haudegen“, bemerkt Schmitt. Wer sein persönlicher Favorit ist, lässt
er mit einem Augenzwinkern durchblicken: „Das ist ein guter Kumpel von
Spasski und hat bereits ein Match gegen ihn bestritten. Ich glaube,
das war 1972“, ulkt der Bad Sodener und ergänzt, „jetzt will dieser
wieder gerne nach Island zurück!“ Keine Frage, der Schelm hat den
Erfinder von Chess960 im Visier, für den er auch im Vorjahr eine
Unterschriftenaktion zu seiner Befreiung aus japanischer Haft
initiiert hatte: Bobby Fischer.
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