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New In Chess
Magazin 3/2006
Falls man den Begriff der Grandslam-Turniere (die vier wichtigsten
Turniere) aus dem Tennis ins Schach übertragen möchte, so sind die
Veranstaltungen im niederländischen Wijk
aan Zee und im spanischen Lineares sicherlich unter diesen
Top-Turnieren. Dirk Jan ten Geuzendam bereitet beide Turnierhälften
des diesjährigen Lineares-Turniers in einem interessanten Bericht
auf. Dem schließen sich natürlich viele von den Spielern selbst
kommentierte Partien an.
Wenn Boris Becker den Rasen von Wimbledon als sein Wohnzimmer
bezeichnete, so kann man Lineares als den „Wohnsitz“ von Garry
Kasparow bezeichnen. Hier war alles auf den Ex-Weltmeister
abgestimmt. Er setzte durch, dass das doppelrundige Turnier mit
sieben Teilnehmern gespielt wird, um zwei zusätzliche freie Tage zu
haben. Er hatte seinen Stammplatz beim Essen – den Tisch direkt an
der Küche, mit dem Rücken zu den anderen Spielern sitzend. Sein
immer genutztes Hotel-Apartment trägt inzwischen seinen Namen. Aber
jede Ära geht irgendwann zu Ende. Vor 12 Monaten verkündete er in
Lineares seinen Rücktritt vom Profischach. So konnte Dirk Jan ten
Geuzdendam dieses Mal vom Leben in Lineares nach Garry Kasparow
berichten. Auch wenn der Gedanke nahe liegt, aber die Kasparow-Suite
blieb unbewohnt. Sie wurde nicht an den neuen Weltmeister Veselin
Topalov vergeben. Ebenso blieb der Tisch im Restaurant in der Regel
unbesetzt. Was ich noch verstehen kann, direkt neben der Türe zur
Küche wäre auch nicht gerade mein bevorzugter Platz. Am
bemerkenswertesten finde ich jedoch die Feststellung der Teilnehmer,
dass ohne den großen Garry die Atmosphäre lockerer und freier
geworden sei.
Aber das diesjährige Turnier hatte noch ein Novum zu bieten. Auf der
Suche nach einem Partner bei der Ausrichtung dieses Turniers – der
Preisfond des ersten Platzes allein betrug 100.000 € - wurde der
spanische Veranstalter in Mexiko fündig. So wurde die erste Hälfte
des Turniers in der südamerikanischen Großstadt Morelia gespielt.
Dies dürfte somit das erste Schachturnier gewesen sein, welches auf
zwei Kontinenten stattfand. Für den New In Chess Reporter war dies
sicherlich eine willkommene Gelegenheit, den letzten Wintermonat
nicht in den doch noch recht kalten Niederlanden verbringen zu
müssen.
Die Schachwelt erlebte auch zwei vollkommen unterschiedliche
Turniere. Die erste Hälfte im fernen Südamerika dominierte Peter
Leko. Der Weltmeister Veselin Topolav fand sich erst einmal auf dem
vorletzten Platz wieder. Nach dem Flug ins auch noch recht kalte
Spanien standen den Spielern drei Tage Zeit zur Verfügung, um den
Jetlag zu verarbeiten. Der Ungar hatte hiermit anscheinend die
meisten Schwierigkeiten. Topalov konnte andererseits die in ihn
gesetzten Erwartungen durch eine fulminante Rückrunde noch erfüllen.
So siegte am Schluß Levon Aronian mit 8,5 Punkten vor den
punktgleichen Teimour Radjabov und Veselin Topalov.
Ein weiterer Turnierhöhepunkt, für den GM John Nunn für das aktuelle
Magazin berichtet, ist das Melody Amber Turnier von Monaco. An der
Côte d’Azur mag man es nicht nur beim jährlichen Formel 1 Rennen
etwas schneller. Auch das ebenfalls jährlich stattfindende
Schachturnier wird als eine Kombination aus einem Schnell- und einem
Blindschachturnier ausgetragen. Das Schnellschachturnier wurde wie
immer eine sichere Beute des Inders Vishy Anand. Er siegte hier mit
8 Punkten sicher vor Veselin Topalov mit 6,5 Punkten. Beim
Blindschachturnier (Englisch: Blindfold) siegte überlegen und mehr
als deutlich Alexander Morozevich mit 9,5 Punkten vor dem zweiten
Vishy Anand mit 6,5 Punkten. In der Kombinationswertung führte dies
zu einem Co-Sieg von Morozevich und Anand mit jeweils 14,5 Punkten.
John Nunn berichtet nicht nur ausführlich aus einem der
luxuriösesten Ecken Europas. Der englische Großmeister kommentiert
auch viele Partien für New In Chess. Auch wenn Schnell- und
Blindschachpartien vielleicht nicht den theoretischen Anspruch einer
„langen“ Partie haben, so ist es doch interessant nachzuspielen,
wozu die TOP-Spieler selbst unter diesen Bedingungen in der Lage
sind.
Sitzen sich zwei Männer schweigend bei einer Schachpartie
gegenüber... Nach einer Weile sagt der eine „Schach“, worauf der
andere erwidert: „Erzähl nicht so viel!“ Auch wenn dieser Witz recht
platt und recht alt ist, seit Levon Aronian in der Weltspitze
angekommen ist, bekommt er eine andere Bedeutung. Dem gebürtigen
Armenier und seit 2001 Wahl-Berliner fällt es schwer, seine Partien
ohne Reden, Slapsticks und dergleichen bestreiten zu müssen. Levon
Aronian unterhält seine großmeisterlichen Kollegen bei jeder sich
ihm bietenden Gelegenheit mit Witzen und anderem ihm einfallenden
Unfug. Auch wenn diese nicht immer gut ankommen, so hat die Nummer
drei der Weltrangliste es in kurzer Zeit geschafft, dem bekannten
Bild des eher wortkargen und in sich gekehrten Schachspielers ein
wortgewandtes Spiegelbild gegenüber zu stellen. Der quirlige
23-Jährige, der durch seine Zeit beim Bundesligisten SV Wattenscheid
1930 im Ruhgebiet gut bekannt ist, wurde nach seinem Triumph in
Lineares von Dirk Jan ten Geuzendam interviewt. Wer das Buch „The
Day Kaspaov Quit“ gelesen hat, weiß, dass die Interviews des
Niederländers sich von der breiten Masse abheben. Er hat einen meist
sehr persönlichen Kontakt zu seinen Gesprächspartnern und beschränkt
sich nicht auf ein paar kurze, spalten füllende Sätze. So ist auch
dieses Interview wieder einmal sehr kurzweilig und lesenswert.
Einen weiteren längeren, mit zahlreichen Partien untermalten Beitrag
steuert GM Larry Christiansen von der US-Meisterschaft in San Diego
bei. Alexander Onischuk konnte sich gegenüber dem Feld von 64
Teilnehmern mit 27 Großmeistern behaupten und sich den Titel
sichern. Das Turnier wurde in zwei Gruppen à 32 Teilnehmer über 9
Runden Schweizer System ausgetragen. Die beiden Gruppenersten Syury
Shulman und Alexander Onischuk spielten dann in einem Kurz-Wettkampf
über zwei Partien den Titel aus.
Jan Timman beschäftigt sich in seiner Kolumne mit der anstehenden
Wahl des FIDE-Präsidenten. Mit der Kandidatur Bessel Koks wird
dieser Wahl gerade hier eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet.
Turniere zum Gedenken an große Schachspieler benennt man eigentlich
erst nach ihrem Tode nach ihnen. Das Karpow-Gedenkturnier im
russischen Poikovsky erscheint mir unter diesem Titel deshalb immer
etwas unpassend. Die Veranstalter schaffen es aber zum wiederholten
Male, etliche bekannte Großmeister ins winterliche Sibirien zu
locken. Ruslan Ponomariov berichtet für New In Chess von dem Turnier
unter doch wohl frostigen Bedingungen. Aufmerksamkeit verdient das
Turnier dieses Jahr vor allem, weil Alexey Shirov nach längerer
Durststrecke wieder ein Sieg in einem stark besetzten Turnier
gelungen ist.
S.O.S., so möchte man immer öfter ausrufen, wenn es dem Gegner mal
wieder gelungen ist, in der Eröffnung frühzeitig auf unbekanntes
Terrain auszuweichen. Für die unter diesem Titel durch die
gleichnamigen Bücher inzwischen sehr bekannte New In Chess Reihe
betrachtet Jereon Bosch dieses mal 2. Sa3 im Sizilianer. Für Freunde
einer eher positionellen Behandlung dieser an sich scharfen
Eröffnung ist es eine echte Alternative.
Hans Ree greift in seiner Kolumne das Thema Schach und Alkohol auf.
Er betrachtet dieses, in manchen Fällen bestimmt nicht ganz
einfaches Thema, allerdings nicht unbedingt mit dem erhobenen
Zeigefinger…er bezieht sich eher auf ältere Anekdoten.
Aus Garry Kasparows Reihe „My great Prdecessors“ ist nun der fünfte
Band erschienen. Jonathan Rowson widmet dieser Neuerscheinung des
Ex-Weltmeisters seine Bücherecke „Rowson’s Reviews“.
Dies gibt mir die Möglichkeit zur letzten und relativ neuen Kolumne
Garry Kasparows überzuleiten. Kasparow geht auf diverse Partien aus
Lineares ein und zeigt, dass er auch nach seinem Rücktritt als Profi
noch absolut im Bilde ist.
Zu guter Letzt erfährt der Leser im Steckbrief ein paar persönliche
Dinge des Weltranglisten-siebten, Alexander Morozevich.
Alles in allem ist auch diese Ausgabe des, wie immer, englisch
sprachigen New In Chess Magazins kurzweilig zu lesen und beinhaltet
eine Reihe sehr gut kommentierter Partien. Gerade durch das
ausführlich besprochene Super-Turnier in Lineares stehen wieder
viele Spitzenpartien zur Verfügung.
Für 8,75€ kann jeder interessierte Schachspieler in die Gedanken der
aktuellen Top-Spieler eintauchen.
Thomas Berens für chess-international

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