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The Day
Kasparov Quit and other chess interviews
von Dirk Jan ten Geuzendam
Mein zugegeben erster
Eindruck von diesem Buch war eher etwas ungläubig. Wer liest 340
Seiten Interviews? Kurze Zeit später wurde ich mir allerdings schon
eines gewissen Widerspruchs in dieser Frage bewußt.
Auch wenn ich damit
bestimmt einigen Sportprofis unrecht zufüge, bin ich dennoch der
Meinung, dass das intellektuelle Niveau bei einem Interview mit
einem Schachprofi in vielen Fällen deutlich höher liegt.
Können Sie sich noch
daran erinnern? Vor etlichen Jahren gewann ein junger Tennisspieler
namens Boris B. das Grand Slam Turnier im englischen Wimbledon.
Inzwischen in die Jahre gekommen, hat dieser Herr sein Tennisracket
auch schon seit geraumer Zeit an den berühmten Nagel gehängt. Vorige
Tage brachte dann eine große deutsche Boulevardzeitung einen
größeren Artikel über das aktuelle Leben dieses Ex-Tennisspielers.
Dieser war immerhin so groß auf der Titelseite, dass ihn jeder Zug-
und ÖPNV-Reisende kaum übersehen konnte. In meinen Augen gibt es nun
zwei Punkte, die einen Schachspieler bezüglich seiner Außenwirkung
von anderen Sportlern unterscheiden. Zum einen ist die Karriere
eines Tennisprofis endlich. Ein Schachspieler kann bis ins hohe
Alter erfolgreich Turniere bestreiten. Das beste Beispiel hierzu ist
wohl Viktor Kortchnoi. Der zweite Punkt ist für mich die Frage, was
ein Sportler zu erzählen hat. Ein wesentlicher Punkt, weshalb viele
Trendsportler gerne ihr Privatleben in der Presse ausbreiten, mag
eventuell daran liegen, dass sie ansonsten, was ihren Beruf als
Sportler angeht, nicht viel zu erzählen haben.
Unter diesem Aspekt
freute ich mich dann doch auf das Lesen von 340 Seiten
Gesprächsnotizen mit Schach-Größen. Andererseits sind Schachspieler
aber auch die Spezies unter den Sportlern, die am ehesten mit einer
„ausgefallenen Lebensauffassung“ (vorsichtig formuliert) in
Verbindung gebracht werden. Wenn nun einer der renommiertesten
Journalisten der Schachszene eine Sammlung seiner Interviews mit
zahlreichen Großmeistern veröffentlicht, verheißt das eine spannende
Lektüre.
Alle Gespräche wurden
in Ausgaben des New In Chess Magazins der letzten Jahre
veröffentlicht. Dadurch ist es dem Autor gelungen, einen breiten
Zeitraum der Schachgeschichte zu porträtieren. Der Niederländer
schafft es gekonnt, eine Mischung zwischen einem Gespräch und einem
Porträt zu erzielen. Einige Dialoge drehen sich um konkrete
Ereignisse. So werden beispielsweise sowohl Garry Kaspaov als auch
Vishy Anand nach ihrem WM-Kampf in New York zu diesem Kräftemessen
befragt. Der Leser erfährt dadurch zum einen eine Reihe
Hintergrundinformationen, aber auch viel über die Psychologie von
Weltmeisterschaftskämpfen. Dabei fiel mir auf, dass Spieler wie z.B.
Kasparov und Anand mehr über direkt schachliche Themen erzählten,
während die Mehrzahl der anderen Spieler auch philosophische
Fragestellungen erörterten.
Die Reihe der
interviewten Großmeister ist lang. Als einziger nicht aktiver
Spieler kommt der FIDE-Präsident Kirsan Ilyumzhinov zu Wort. Das
Buch greift eine Vielzahl von Facetten des Lebens als Schachspieler
auf. Einer der prominentesten Wissenschaftler unter den
Großmeistern, der deutsche Dr. Robert Hübner, geht auf das wohl nie
endende Verlangen nach der absoluten Wahrheit im Schach ein. Unter
der Überschrift „It is not easy to live with a chess player“ erfährt
man von Vasily (Chuky) Ivanchuk vieles über die nervliche Belastung
eines Spielers und dass damit auch Top-Großmeister zu kämpfen haben.
Der, inzwischen leider verstorbene, polnisch/argentinische Meister
Miguel Najdorf erzählt bemerkenswerte Details über sein Leben.
Während des Ausbruchs des zweiten Weltkrieges befand er sich in
Argentinien. Plötzlich blieb ihm die Heimreise versperrt und er
mußte sich in Südamerika eine neue Existenz aufbauen. Bis zu seinem
Tod leitete der Geschäftsmann eine eigene Versicherungsagentur und
war als Gast bis zuletzt bei großen Schach-Events bekannt.
Was mir bei allen
Fragen sehr positiv auffiel, war die Tatsache, dass das
Gesprächsniveau nie auf ein „yellow press“ Level sank. Auch wenn
Schachspieler, oft sicherlich zu recht, als eher sonderbare und
eigenwillige Charaktere gelten, so driften die Zwiegespräche nie in
flache Gewässer ab.
Der niederländische
Schachjournalist Dirk Jan ten Geuzendam schafft es auf eine
bemerkenswerte Art ein hohes Niveau zu wahren. Er hat ein Gespür für
den Punkt, an dem ein Gesprächspartner nicht mehr von seiner
Privatsphäre preisgeben möchte und akzeptiert dieses auch. Auf der
anderen Seite hinterfragt er bei jedem Gespräch gezielt und manchmal
auch hartnäckig jede Unstimmigkeit. In begleitenden Texten wird
zudem oft auch nicht ganz unkritisch auf die Spieler eingegangen.
Das Buch ist eine
Bereicherung für jeden Schachliebhaber, der sich neben der gewohnten
Eröffnungs- und Endspiellektüre mit dem königlichen Spiel
beschäftigen und die Schachwelt als Ganzen kennenlernen und
verstehen möchte. Die Interviewsammlung umfaßt 333 Seiten. Sie ist
im New In Chess Verlag erschienen und für einen Preis von 23,95 €
erhältlich. Zur genußvollen Lektüre am abendlichen Kaminfeuer ist
jedoch eine gewisse Sicherheit in der englischen Sprache
unumgänglich.
Im Einzelnen sind
Interviews mit folgenden Spielern und Funktionären in diesem Buch
zusammengefaßt:
-
Miguel
Najdorf, interviewt 1994 in Buenos Aires
-
Henrique Mecking,
1994 im niederländischen Tilburg nach Meckings kurzzeitigem (?)
come back nach seiner schweren Krankheit
-
Peter Leko, 1995 in
Wijk ann Zee, den WM-Titel im Blickfeld
-
Garry Kasparov, im
Oktober 1995 in NewYork, nach seiner erfolgreichen
Titelverteidigung gegen Vishy Anand
-
Vishy Anand,
ebenfalls nach dem Zweikampf im Oktober 1995 in New York
-
Vasily
Ivanchuk, 1996 in Amsterdam „It is not easy to live with a chess
player.“
-
Kirsan Ilyumzhinov, 1996 in Yerevan „It depends on God. If I
feel the moment is there I will go into a monastry.“
Gedanken, und Visionen einen nach
westlichen Maßstäben zumindest nicht ganz einfachen
FIDE-Präsidenten.
-
David Norwood, 1996 in Yerevan „Chess players seem to think the
world owes them a living. And it
doesn’t.“ Ein Gespräch mit einem der weltbesten Amateure.
-
Dr. Robert Hübner, 1996 in Den Haag „I have seen that I don’t
understand too much about chees.“
Die langjährige deutsche Nummer Eins und WM-Kandidat bei einer
Gradwanderung, Schach als Sport oder als perfekte Wissenschaft
zu verstehen.
-
Alex Yermolinsky, 1997 in Wijk aan Zee „I was as cool as John
Travolta in Get Shorty.“ Der
Yerminator im Gespräch über sein Leben und seine Emigration von
Russland in die USA
-
Yuri Averbakh, 1997 in Leiden „I’m not to blame, it‘s not my
achievement, it just happened.“ Ein Interview kurz nach dem 75.
Geburtstags des Altmeisters. Aus
meiner Sicht sind Interviews mit den alten Größen der
Schachszene einfach etwas besonderes.
-
Vladimir Kramnik, 1997 in Novgorod „ The idea that Kasparov is
so exceptional is a myth that has been created by th
journalists.“ Ähnlich wie die
Interviews mit Kasparov und Anand geht Kramnik mehr auf das
Schach als auf persönliche Dinge ein.
-
Mark Taimanov, 1997 in Kopenhagen „My entire life has been one
long holiday“. Ein Gespräch mit
einem der großen alten Meister der Eröffnungstheorie und
begnadeten Klavierspieler.
-
Petra Kortchnoi, 2000 in Wijk ann Zee „ Now we are happy that
Viktor did not become World Champion“.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich der Ehefrau
Viktor Kortchnois diesen Satz unbedingt glaube. Aber sie hat
lange Jahre an der Seite des vielleicht eifrigsten
Turnierspielers gelebt und entsprechend viel zu erzählen.
-
Vladimir Kramnik, 2000 in Den Haag „I would even play for free“.
Garry Kasparov 2000 in Sarajevo „I find a good move and I am
happy.“ Kasparov erzählt hier viel
über Schachpolitik.
-
Loek van Wely, 2000
in Tilburg „ The legend must live!“
-
Garry Kasparov „So, I’m not God, I am a human“ und Vladmir
Kramnik „He is not God as Ivanchuk said and I proved it.“
Ein gemeinsames Interview mit den zu
derzeit größten Spielern.
-
Vishy Anand, 2001
in Wijk ann Zee „ A unification match is fine, but it will not
solve anything“ Die Nummer Eins Asiens über seine Meinung zu
einem Vereinigungsmatch.
-
David Bronstein,
2001 in Moskau „I’m not Zürich ’53 and 12-12.“ Eine Unterhaltung
mit einem weiteren Altmeister des Schachs. Mit dem Titel dürfte
er, auch wenn er es nicht mag, richtig liegen. David Bronstein
wird wohl am meisten mit dem von ihm verfassten berühmten Buch
über das Turnier 1953 in Zürich und der mit einem 12-12 gegen
Mkail Botvinnik 1951 nur denkbar knapp verpassten
Weltmeisterschaft in Erinnerung bleiben.
-
Viktor Kortchnoi, 2002 in Bled „This was not only a plot against
Fischer!“ Bei allem Respekt
bezüglich der Leistung des Wahl-Schweizers. Ich habe auch bei
diesem Interview den Eindruck, dass er sich zu Zeiten des kalten
Krieges wohler gefühlt hat.
-
Zuram Azmaiparashvili, 2003 in Istanbul „I know exactly how
strong I am.“ Der Vize-Präsident
der FIDE ist leider keine umunstrittene Persönlichkeit in der
Schachwelt. Aber gerade seine manchmal etwas extreme Sicht der
Dinge macht ihn durchaus lesenwert.
-
Alex
Shabalov, 2003 in Curacao „I don’t care about soccer anymore.“
-
Judit Polgar, 2003 in Budapest „ It was clear for me at a very
early age that I was the lucky one.“
Auch wenn Judith bei der gerade vergangenen
Weltmeisterschaft leider nicht sehr erfolgreich agierte. Sie ist
eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Schachs.
-
Garry Kasparov,
2004 in Moskau „I believe that my cause was righ.t“ Im
Nachhinein kann man dieses Gespräch durchaus als eine Art
Rückblick des Meisters sehen.
-
Rustam Kasimdzhanov, 2004 in Vlissingen „ You are at the highest
point for only a moment.“
Kasimdzhanov hatte sicherlich etwas überraschend die
KO-Weltmeisterschaft der FIDE gewonnen. Das Interview mit ihm
spiegelt wieder, dass er sich selbst etwas überraschend in
dieser Rolle fand und sie ausfüllen musste. Das Open in dem
südniederländischen Ferienort war sein erstes Turnier nach dem
Titelgewinn. Er war dort leider nicht sehr erfolgreich. Mir ist
es allerdings als ein besonderes Turnier in Erinnerung
geblieben. Ich hatte dort die Möglichkeit, gemeinsam mit dem
Weltmeister in einem Turnier zu spielen…wenn auch nur im
Schweizer-System.
-
Valdmir Kramnik, 2004 in Brissago „A painter never asks people
what they want to see. He paints.“
Ein Interview nach seiner knappen Titelverteidigung gegen Peter
Leko.
-
Hikaru Nakamura, 2004 in San Diego „There’s no point in taking
draws.“ Der junge amerikanische
Meister auf seinem Weg zu den Top-Ten.
-
“The
Day Kasaprov quit”, 2005 in Lineares. Ein Gespräch mit
Garry Kasparov nach seinem Rücktritt als Schachprofi.
Thomas Berens für
chess-international.de
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