Topalov – Kramnik
2006 World Chess Championship - On the Edge in Elista
Von Veselin Topalov & Zhivko Ginchev
In „guten, alten Zeiten“ war das bewegende Thema einer
Schachweltmeisterschaft, ob die Farbe des gereichten Joghurts zum Vorsagen
von Zügen geeignet war.
Damals gab es
keine Computerprogramme, welche so spielstark waren, dass sich ein
Weltmeisterschaftskandidat auf sie verlassen hätte und auch die
Übermittlungsmethode mittels Joghurts erinnert eher an James Bond und nicht
an ein Denkduell der absoluten Spitzenklasse. Heute haben Computer durch das
„cheaten“ Einzug in das Turnierschach gehalten. Ein elektronischer Betrug
ist somit zumindest nicht kategorisch auszuschalten.
Das vorliegende Buch, welches die Geschehnisse in Elista aus Sicht des
bulgarischen Teams darstellt, liest sich daher eher wie das Tagebuch des
Sherlock Holmes denn als ein Schach-Turnierbuch. Ob es ein gut gemachtes
Tagebuch ist, wollen wir im Folgenden etwas beleuchten.
Zu Beginn des Buches scheint dem Leser die Besetzungsliste eines
Theaterstücks vorzuliegen. Es werden – genau wie bei einem Bühnenstück –
erst einmal alle Akteure kurz vorgestellt.
Auch wenn es hier ja nicht ursprünglich um weißen oder roten Joghurt
geht…auch die Köche der Teams kommen an dieser Stelle nicht zu kurz.
Erwähnenswert ist, dass an dieser Stelle, wie auch auf den folgenden Seiten,
Veselin Topalov in der Regel als „the Player“ und Vladimir Kramnik als „the
Claimant“ – bezeichnet werden.
Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der erhobenen Anschuldigungen gegenüber
Kramnik und seinem Team verlassen die Autoren hiermit bereits an dieser
frühen Stelle den Pfad einer seriösen und sachlichen Darstellung der
Ereignisse. Dies untermauert in meinen Augen nicht gerade die
Glaubwürdigkeit ihrer Sichtweise.
Inhaltlich lässt sich das Buch in zwei Bereiche gliedern. Zunächst hat
Veselin Topalov eine umfangreiche Einleitung beigesteuert. In dieser geht er
sowohl auf die jüngere Historie der Schachweltmeisterschaften als auch auf
das Zustandekommen des Matches in Elista ein. Er lässt zudem dieses Match
kurz aus seiner Sicht Revue passieren.
Diese Einleitung umfasst die ersten 32 Seiten des Buches. Bis hierhin hat
der Leser noch keine Partie zu sehen bekommen. Ich finde diese
zusammenfassende Einleitung trotzdem lesenswerter als die nachfolgenden
Kapitel.
Hieran schließt sich dann das eigentliche Buch in Form eines
Turniertagebuchs an. Der Autor Zhivko Ginchev ist ein bulgarischer
Journalist und seit einigen Jahren Topalovs Pressesprecher. Aus seiner Feder
stammt der Text des Buches, während Topalov die Partieanalysen beigesteuert
hat. Inhaltlich ergibt nun zunächst jede Partie des Wettkampfes ein Kapitel
des Buches.
Zhivko Ginchev greift zu Beginn der Kapitel immer die aktuellen Geschehnisse
wie z.B. ausgetauschte Briefe mit dem Organisationskomitee oder andere aus
seiner Sicht interessanten Dinge aus dem Tagesablauf des bulgarischen Teams
auf. Da sich die „Toiletten-Affäre“ schon in den ersten beiden Partien
anbahnt, zieht sich dieses Thema folglich wie ein roter Faden durch das
Buch.
An den jeweiligen Text schließt sich dann die Analyse der Partie durch
Veselin Topalov an. Den Abschluss der jeweiligen Kapitel bildet unter dem
Titel „After the Game“ immer eine Niederschrift der Pressekonferenz, welche
nach jeder Partie gegeben wurde.
Alle offiziellen Schreiben sowohl der bulgarischen Seite als auch seitens
des russischen Teams und der Organisatoren in Elista sind entweder
abgedruckt oder teilweise eingescannt in den Text eingebunden worden. Der
Leser hat so zumindest eine gewisse Möglichkeit, sich ein unabhängiges Bild
zu schaffen.
Die zahlreichen Bilder entsprechen qualitativ leider wirklich einem eingangs
erwähnten Spionagebuch. Sie sind durchweg schlecht photographiert und sehr
unscharf. Auffallend ist, dass hier das Bild auf Seite 121 noch abhebt. Es
zeigt Kabelstränge in der Decke von Kramniks Toilette, die man jedoch nur
mit der auf dem Bild befindlichen 4-stufigen Leiter erreichen kann.
Ausgerechnet dieses Bild ist qualitativ noch schlechter als die anderen.
Fazit:
Es ist schwierig, zu einem solchen Buch eine Meinung kundzutun. Wenn
überhaupt, so wird nur die Zukunft eine eindeutige Aufklärung der Vorwürfe
mit sich bringen. Daher kann und möchte ich an dieser Stelle auf Basis
dieses Buches keine Partei für eine Seite ergreifen.
Inhaltlich ist dieses Thema das zentrale des Buches. Leider kommen hierdurch
andere Dinge etwas zu kurz. Wer Interna über den Tagesablauf eines
Weltmeisterschaftskampfes erfahren möchte oder wen es interessiert, wie ein
WM-Kandidat sich mit seinem Team konkret auf die nächste Partie vorbereitet,
kommt etwas kurz.
Auch der Umfang der Partieanalysen Topalovs nimmt im Laufe der Kapitel ab.
Wer ein – zwar nicht neutrales – aber sicherlich spannendes Lesebuch zum
Thema Schach sucht, der findet mit dem vorliegenden Werk sicherlich einige
Kurzweil.
Das im Verlag Russell Enterprises Inc. erschienene englischsprachige Buch
umfasst 220 Seiten und ist für 27,95 € erhältlich.
Thomas Berens