Einer gegen Sieben



Magnus Carlsen gilt beim WM-Kandidatenturnier in London als klarer Favorit, ob er aber im
November um die Schachkrone gegen Viswanathan Anand spielen wird, ist nicht garantiert

 

Sicher ist, dass nichts sicher ist.

Selbst das nicht.

Joachim Ringelnatz

 

Die Ausgangsituation vor dem am kommenden Donnerstag (14. März) in London beginnenden WM-Kandidatenturnier ist für den klaren Favoriten eindeutig: Einer gegen Sieben, so lautet das scheinbar ungleiche Duell für Magnus Carlsen. Der 22-jährige norwegische Schachprinz bekommt es nämlich mit den „glorreichen Sieben“ im exklusiven Hotel IET Savoy Place zu tun, die in Republiken der ehemaligen Sowjetunion geboren sind beziehungsweise ihre schachliche „Grundausbildung“ erhalten haben. Es sind dies die Russen Wladimir Kramnik, Alexander Grischuk und Peter Swidler, der 1998 nach Israel ausgewanderte Weißrusse Boris Gelfand, der Ukrainer Wassili Iwantschuk, der Armenier Levon Aronjan und der Aseri Teimur Radjabow, der seine Teilnahme zuvorderst einer Wildcard von Ausrichter AGON verdankt.

Turnierseite

Eine solche „Übermacht“ bei Kandidatenturnieren hatte zwischen 1950 und 1962 zur Folge, dass nicht zur Debatte stand, ob ein sowjetischer Großmeister das Recht erwirbt, um die Schachkrone zu kämpfen, sondern die spannende Frage lautet: Wer ist denn der Glückliche, dem eine Sternstunde im Schach winkt? David Bronstein (1950), Wassili Smyslow (1953, 1956), Michail Tal (1959) und letztmalig Tigran Petrosjan (1962) trugen sich in diese Chronik ein und dir drei Letztgenannten wurden dann auch Schachweltmeister.

 

Was den Modus angeht, so machte vor allem Robert James Fischer aus seinem Herzen keine Mördergrube, wie beispielsweise in seinem Artikel unter der Schlagzeile „Schachern im Schach“ im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL (Nr. 41/1962, Seiten 94-97) zu lesen ist.

 

„Das internationale Kandidatenturnier, das diesen Sommer in Curacao ausgetragen wurde, hat mir klargemacht: Die Russen haben das Weltschach derart unter Kontrolle, dass es keinen ehrlichen Wettbewerb um die Weltmeisterschaft mehr geben kann.“

 

Und seine konsequente Schlussfolgerung lautetet deshalb: „Ich werde nie mehr an einem dieser Turniere teilnehmen.

 

Man hat mir gesagt, das sei ein schwerwiegender Entschluss, denn er bedeute die Aufgabe aller Hoffnung, jemals den Weltmeistertitel zu gewinnen. Die Wahrheit aber ist, dass weder ich noch irgendein anderer Spieler aus einem westlichen den Titel gewinnen kann, solange das gegenwärtige Spielsystem beibehalten wird.“

 

Bekanntlich änderte der Weltschachbund FIDE im WM-Zyklus 1964-1966 den Modus. Es wurden Kandidaten-Wettkämpfe im K.o.-System eingeführt, wobei sich von den acht Teilnehmern nur drei sowjetische Starter qualifizieren durften. Als Vierter kam dann noch der Unterlegene des WM-Matches dazu (beispielsweise 1965 und 1968 Boris Spasski, 1971: Tigran Petrosjan, 1974: Boris Spasski, 1977 und 1980, 1983/84 jeweils Viktor Kortschnoi). Bobby Fischer nutzte schließlich seine Chance im WM-Zyklus 1970-1972 und wurde der elfte Weltmeister der Schachgeschichte.

 

Dass die FIDE durch die von Garri Kasparow als Initiator neu gegründeten Professional Chess Association (PCA) plötzlich nicht mehr allein einen WM-Titel vergab, sondern es gleichzeitig eine separate PCA-Schachweltmeisterschaft bis zum Vereinigungskampf 2006 gab, sei hier auch angemerkt. Und was den Modus anging, so brauchte es bis 2011, wo die traditionellen Kandidatenwettkämpfe wieder eingeführt wurden, die im russischen Kasan mit Boris Gelfand, der im Finale Alexander Grischuk mit 3,5:2,5 bezwang, einen mehr als überraschenden Sieger fanden.

 

Von den acht Großmeistern des Kandidatenturnier im Mai 2011 sind übrigens in London mit Exweltmeister Wladimir Kramnik, Teimur Radjabow, Alexander Grischuk, Levon Aronjan und Boris Gelfand noch fünf in London erneut dabei.

 

Für den Wettbewerb in Kasan war übrigens auch Magnus Carlsen qualifiziert, der aber die Schachwelt im November 2011 durch seine Ankündigung enttäuschte, dass er nicht an den WM-Kandidatenmatchen teilnehmen würde. Entscheidend war damals für ihn, dass das gegenwärtige System nicht ausreichend „modern und fair“ sein.

 

Darüber, ob der Sinneswandel der FIDE tatsächlich durch dieses Argument des norwegischen „Wunderjungen“ beeinflusst worden ist, kann nur spekuliert werden. Es sind auch nicht mehr die Zeiten des „Kalten Krieges“, wo vor allem das 1972er WM-Match zwischen dem Russen Boris Spasski und dem Amerikaner Robert James Fischer zu einer „politischen Partie“ von beiden Seiten hoch stilisiert wurde.

 

Magnus Carlsen ist beim WM-Kandidatenturnier in London, das mit einem mehr als üppigen Preisfonds von 510.000 € ausgestattet ist, in jedem Fall klarer Favorit. Ob der Weltranglistenerste voraussichtlich im November um die Schachkrone gegen den seit 2007 amtierenden Weltmeister Viswanathan Anand spielen wird, ist aber nicht garantiert. Das gilt auch für den Slogan des Veranstalters auf seiner Webseite „THE BEST MIND WINS” [https://www.worldchess.com/]. Der Sieger von London, der spätestens am 2. April nach den möglichen Tiebreaks feststehen wird – die erste Runde ist für den kommenden Freitag angesetzt – wird ganz sicher auch das sprichwörtliche Glück des Tüchtigen brauchen…

 

Und das sind die kurzen Visitenkarten der acht Kandidaten, wobei ihre Chancen der niederländische Jungstar Anish Giri in seinem Beitrag „Der Mann, der Tore schießt“1 in der Vorschau auf das WM-Kandidatenturnier für die Zeitschrift SCHACH (Heft 3/2013, Seiten 16-19) einschätzte. Die markanteste Passage finden Sie im Kursivsatz jeweils am Schluss!

 

MAGNUS CARLSEN (30.11.1990)

Die absolute Nummer 1 der Weltrangliste ist ein universeller Spieler, der bislang nicht unbedingt Wert auf ausgeklügelte Eröffnungsvorbereitung gelegt hat. Seine Endspieltechnik ist dagegen die absolute Stärke von Magnus, der im Januar 2013 mit einer Ratingzahl von 2872 nicht nur Garri Kasparows Bestmarke von 2751 geradezu pulverisiert hat, sondern in neue Leistungsdimensionen vorgestoßen ist.

„Das Kandidatenturnier ist etwas Besonderes: Elozahlen sind vergänglich (gut, seine Rekorde vielleicht nicht…), was in die Annalen eingeht, sind die Weltmeister! Wenn Magnus mit dieser Herausforderung mental zurecht kommt, taxiere ich seine Siegchancen auf achtzig Prozent.“

 

WLADIMIR KRAMNIK (25.06.1975)

 

Der Weltranglistenzweite [Elo: 2810] dürfte die besten Erinnerungen an London haben, denn in der britischen Hauptstadt stürzte er im Jahr 2000 beim Match seines Lebens Garri Kasparow vom WM-Thron. Der 37-jährige Exweltmeister, dessen Erfahrungen vielleicht sein größter Trumpf sind, hat heute mir seiner Familie seinen Lebensmittelpunkt in Paris, spielt aber regelmäßig bei Schacholympiaden für sein Heimatland.

„Mit einem guten Start hat er alle Chancen. […]Er rechnet gut, aber hin und wieder wirft er Gewinnstellungen weg. Er ist bekannt dafür, auch an seiner Physis zu arbeiten, die Kraftreserven werden in London eine große Rolle spielen.“

 

LEVON ARONJAN (06.10.1982)

Der Weltranglistendritte [Elo: 2809] hat ein durchwachsenes Jahr hinter sich. So dürfte er mit Platz 6 bei den 4. London Chess Classic im Dezember 2012 nicht zufrieden gewesen sein. Beim 75. Tata Steel Chess Tournament im Januar in Wijk aan Zee, wo er hinter Magnus Carlsen Rang 2 belegte, zeigte seine Formkurve deutlich nach oben, obwohl er ausgerechnet gegen Weltmeister Vishy Anand eine bittere Niederlage quittieren musste.

„Ich glaube nicht an ihn! Seit seinem Ausscheiden gegen Grischuk im letzten Zyklus habe ich Zweifel, ob er mit dem Druck zurecht kommt, wenn der Titel auf dem Spiel steht. […] Eines zumindest scheint mir sicher: Wenn er gewinnt, wird es ein spektakuläres Turnier gewesen sein!“

 

TEIMUR RAJABOW [12.03.1987]

 

Erstmals für Schlagzeilen sorgte der aktuelle Weltranglistenvierte [Elo: 2793] bei Superturnier in Linares im Jahre 203. Damals schlug er nämlich Garri Kasparow in seinem „Wohnzimmer“ und war damit der erste Spieler, der den Exweltmeister nach sieben Jahren mit den schwarzen Steinen bezwang. Teimur, ist wie Carlsen ein universeller Spieler, der vor allem mit Schwarz dynamische Stellungen aufs Brett bringt und deshalb einer der „letzten Ritter“ der Königsindischen Verteidigung ist.

„Für ihn war der Zweikampf-Modus der bessere. Gegen Kramnik ist er in Kasan nur unglücklich ausgeschieden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er ein Rundenturnier wie London gewinnt.“

 

ALEXANDER GRISCHUK [31.10.1983]

Der gebürtige Moskauer ist regelmäßig unter den TOPTEN [Elo: 2773] platziert. Er zählt damit fraglos nicht nur zur russischen Schachelite. Allerdings wird man den Eindruck nicht los – und das zeigen auch seine Erfolge (u.a. zweifach Blitz-Weltmeister) – das er Blitz- und Schnellschach mehr liebt als das klassische Schach. Dass sein Potenzial dennoch riesig ist, hat er 2011 mit dem Erreichen des Finales im WM-Kandidatenturnier und Platz 2 im Weltcup bewiesen.

„ Alles zwischen ’+2’ und dem letzten Platz ist möglich. Aber ein Anwärter auf den Sieg ist er nicht.“

 

WASSILI IWANTSCHUK [18.03.1969]

Der Ukrainer [Elo: 2757] war Anfang der 1990er-Jahre gemeinsam mit Garri Kasparow und Anatoli Karpow einer der besten Spieler der Welt. In der folgenden Zeit glänzte er mit zahlreichen Erfolgen in hochkarätigen Turnieren und es schien so, dass er ein ernster Anwärter auf den WM-Titel sei. Doch das Schicksal war wohl gegen ihn, denn er verlor bei der FIDE-Weltmeisterschaft 2001/2002 das Finale gegen seinen Landsmann Ruslan Ponomarjow mit 2,5:4,5, nachdem er zuvor im Halbfinale Titelverteidiger Anand ausgeschaltet hatte. London ist sicherlich für den Europameister von 2004 die letzte Chance, sich seinen Traum von der WM-Krone zu erfüllen.

„Sobald es um die Weltmeisterschaft ging, ist er bislang noch jedes Mal gescheitert. Aber wenn er vergessen kann, was auf dem Spiel steht, hat er reelle Chancen.“

 

PETER SWIDLER [17.06.1976]

Die Zweifel an dem sechsfachen (!) russischen Landesmeister [Elo: 2747] meinen, dass Peter Swidler niemals sein gesamtes Potenzial ausgeschöpft hat. Nach eigenen Worten klagt er selbst über seine Faulheit und wie schwer es ihm falle, sich zur Arbeit am Schach zu zwingen – das hat er im Übrigen mit Levon Aronjan gemein. Dass der 36-Jähige Familienvater – mit seiner Frau Olga hat er zwei W´Zwillingsöhne – sich durchaus quälen kann und genug Ehrgeiz besitzt, beweist sein Sieg im World-Cup-Finale 2011 gegen Alexander Grischuk, mit dem sich der Kricket-Fan die Qualifikation für London sicherte.

„Er kann niemanden ausdrücken. Peter glaubt nicht in genügendem Maße an seine Chancen. Wenn er keinen Vorteil hat, will er remis machen.“

 

BORIS GELFAND [24.06.1968]

Der gebürtige Minsker, zählt seit Ende der 1980er-Jahre zur Weltspitze. Wer hätte allerdings dem Oldie unter den Londoner WM-Kandidaten ehrlich zugetraut, dass der im Mai 2012 beim WM-Match in Moskau Titelverteidiger Vishy Anand an den Rand einer Niederlage bringen würde und nach einem 6:6 erst in der Verlängerung das Rapid-Duell mit 1,5:2,5 verlieren würde? Boris Gelfands [Elo: 2740] Stärke ist, dass er Schach wirklich selbstständig hart arbeitet und nicht auf die perfektesten Computervarianten vertraut. Das ist eben noch die alte sowjetische Schachschule, und wie der hoch motivierte „alte Mann“ zeigt, eine immer noch sehr erfolgreiche!

“Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gelfand gewinnt, aber anders als bei Radjabow, Grischuk und Swidler kann ich es nicht völlig ausschließen. Schon in Kasan war er für ein Wunder gut.“

 

Raymund Stolze


1 Der Text wurde von Stefan Löffler aufgezeichnet, der gegenwärtig in Wien lebt

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