2:0 für Elisabeth!


Anna oder Hou Yifan – eine wird gewinnen! – Noch ein paar Gedanken zum Duell um die Schachkrone im chinesischen Taizhou

 

Schlagzeilen führen mitunter ein Eigenleben, und so gesehen sollte „2:0 für Elisabeth!“ Sie in jedem Fall auf den nun folgenden Beitrag aufmerksam machen. Es ist nämlich soweit: Ab Dienstag [10. September] wird es für zwei Frauen ernst, die im chinesischen Taizhou in einem Match über zehn Partien – das ist die „reguläre Spielzeit“ – um die Schachkrone kämpfen. Anna Uschenina oder Hou Yifan lautet die alles entscheidende Frage – einer wird in jedem Fall gewinnen!

Wir haben Sie bereits mit unserer Vorschau am „WM-Showdown der Frauen“, die am 2. September veröffentlicht wurde [https://www.chess-international.de/?p=18521#more-18521], entsprechend eingestimmt und hoffentlich auch für dieses Highlight interessiert. Eines ist nämlich ganz sicher: Frauen spielen in jedem Fall das interessantere, kompromisslosere, kämpferischere und vor allem emotionalere Schach! Und nicht zu unterschätzen sind auch die optischen Eindrücke, die durch den FIDE-Dresscode unterstützt werden. Es ist zum Glück kein Beachvolleyball, aber alle Male zumeist sehr attraktiv!

 

Was die Schachweltmeisterschaften der Damen angeht, so sind sie von Anfang an auch nicht in privater Hand gewesen, wie es bei den Männern von 1886 bis zum WM-Turnier 1948 üblich war. Ein

Turnierseite
Die Partien beginnen um 9 Uhr

„Goldener Wall“ beispielsweise, wie ihn der dritte Weltmeister José Raoul Capablanca 1921 beim Londoner Turnier schriftlich fixierte gab es nicht.

 

Die Frauen betraten spielten erst 41 Jahre nach dem ersten WM-Match der Männer zwischen Wilhelm Steinitz und Johannes Zuckertort um die Schachkrone, aber der Beschluss des dritten FIDE-Kongresses in Budapest 1926 war für sie wegweisend. Bis zum Beginn des II. Weltkrieges wurde nämlich die Schachweltmeisterin parallel zu den jeweiligen Schacholympiaden stets in einem Rundenturnier ermittelt. Eine Ausnahme war lediglich 1928 Den Haag, wo die Frauen nicht zum Zuge kamen, sowie der offizielle Wettkampf 1937 im österreichischen Semmering zwischen der seit der Premiere 1927 in London amtierenden Weltmeisterin Vera Menchik und ihrer deutschen Herausforderin Sonja Graf.

 

Da die herausragende Schachmeisterin jener Zeit – von insgesamt 99 WM-Partien innerhalb von zwölf Jahren verlor sie lediglich drei – 1944 bei einem deutschen Bombenangriff auf London ums Leben kam, musste nach dem furchtbaren Weltenbrand der internationale Spielbetrieb neu geordnet werden. Es begann mit einem WM-Turnier in Moskau, bei der mit der Sowjetunion wie bei den Männern eine neue Schachnation die Bühne betrat und mit Ljudmila Rudenko auch die erste Weltmeisterin in der Ära nach Vera Menchik stellt.

 

Im Laufe der folgenden Jahrzehnte dominierten die Vertreterinnen der Sowjets eindeutig, denn mit Jelisaweta Bykowa, Olga Rubzowa, Nona Gaprindaschwili und Maja Tschiburdanidse stellten sie bis 1991 vier weitere Schachköniginnen.

 

Dann aber schlug die Stunde der Chinesinnen. Die WM-Debütantin Xie Jun war die erste Schachspielerin aus dem Reich der Mitte auf dem Damen-WM-Thron, die 1996 von Zsuzsa Polgar abgelöst wurde, der ältesten des ungarischen Geschwistertrios aus Budapest. Als diese aus „privaten Gründen“ drei Jahre später auf die Titelverteidigung verzichtete, holte sich Xie Jun den vakanten WM-Titel zurück, den sie auch beim ersten Finale eines WM-Turniers im Jahr darauf in Neu- Delhi gegen ihre Landsfrau Qin Kanying erneut errang.

 

Der Modus wurde auch 2001 in Moskau beibehalten, wo mit Zhu Chen wiederum eine Chinesin triumphierte. Im Finale bezwang sie die Russin Alexandra Kostenjuk mit 5:3.

 

Danach schrieben mit der Bulgarin Antoaneta Stefanowa {2004] der Chinesin Xu Yuhua [2006] und der schon erwähnten Alexandra Kostenjuk [2008] Frauen-WM-Geschichte. Schließlich folgten die beiden Kontrahentinnen des aktuellen WM-Matches Hou Yifan [2010], die mit 17-Jahren die bisher jüngste Weltmeisterin aller Zeiten ist, und die Ukrainerin Anna Uschenina, der bei den K.o.-Turnier in Chanty Mansijks im November/Dezember 2012 keiner diesen Coup zugetraut hat. Aber das ist eben auch Frauenschach! Überraschungen können immer möglich sein, vor allem im K.o.-Modus.

 

Wer sein Wissen auf diesem Gebiet der Schachgeschichte weiter vertiefen will, dem sei das Buch Die Schach-Weltmeisterschaften der Frauen von Elmar Hennlein empfohlen, das im eigens dafür gegründeten Damen-Verlag Wuppertal 2010 erschienen ist.

 

Wir machen Interessenten hier ein tolles Angebot, denn höchstbietend wird ein Exemplar für einen guten Zweck versteigert, wobei das Mindestangebot 45,00 € beträgt [bitte direkt mit Postanschrift und Telefonnummer per Email an raymund.stolze@t-online.de bis 30. September schicken!]. Der Schach-Ticker hat sich nämlich mit Hilfe seiner Besucher das ehrgeizige Ziel gesetzt, den privaten Kostenanteil der 18-jährige Kaderspielerin My Linh Tran (Foto) aus Hessen für die Reise zu den Jugend-Weltmeisterschaften zu übernehmen, die Ende Dezember in den Vereinigten Arabischen Emiraten stattfinden.. Jeder Euro ist da konkrete Hilfe, und selbstverständlich werden wir über den Stand der eingegangenen Spenden aktuell auf unserer Webseite informieren. Sollten sie also dieses Projekt persönlich mit Ihrer Spende unterstützen wollen

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Nun aber merke ich schon, dass sie ungeduldig werden, was unsere Schlagzeile „2:0 für Elisabeth!“ angeht. Des Rätsels Lösung ist höchst einfach. Deutschlands Nummer 1 hat sowohl gegen Anna Uschenina als auch Hou Yifan gewonnen.

 

Gegen die gleichaltrige Ukrainerin – sowohl Anna als auch Elisabeth sind Jahrgang 1985 spielte sie in der Türkischen Liga im Juli 2012. Auffällig ist dabei, dass unsere deutsche Spitzenspielerin eine deutlich bessere Elo-Zahl aufweist. Fünf Monate später ist die Uschenina auf dem WM-Thron – was für ein Steilflug mit mehr als doppelter Schallgeschwindigkeit…

Die Schnellschach-Partie gegen Hou Yifan wurde im Rahmen der World Mind Games in Peking im Dezember des gleichen Jahres ausgetragen. Elisabeth belegte dabei im Blitzschach Platz 3 und auch Rang 5 im Schnellschach bei einer erstklassigen Besetzung sind aller Ehren wert – im DSB hat das seinerzeit leider wohl kaum jemand registriert. Durch den Sieg gegen die Chinesin lag sie eine Runde vor Schluss sogar auf Platz 1 in dieser Disziplin. „Psychologisch bin ich aber nicht mit der Führung klargekommen. […] Gegen Koneru spielte ich in der letzten Runde prompt meine schlechteste Partie. Aber wenigstens habe ich mich später im Blitz gerächt“. So Elisabeth in einem ausführlichen Interview für SCHACH [Heft 2/2013, Seiten 34-41].

 

Doch nun schauen Sie selbst! [alle Kurzkommentare sind von Elisabeth Pähtz]

 

Paehtz, E. (2493) – Uschenina, A. (2452) [E08]

Türkische Liga, Konya, 11. Juli 2012

Katalanische Eröffnung [E08]

1.c4 e6 2.g3 Nf6 3.d4 d5 4.Nf3 Bb4+ 5.Bd2 Be7 6.Bg2 0–0 7.0–0 c6 8.Qc2 b6 9.Bf4 Bb7 10.Rd1 Nh5 11.Bc1 Nf6 12.Nc3 Nbd7 13.b3 Rc8 14.e4 Nxe4 15.Nxe4 dxe4 16.Qxe4 h6 [16…Nf6 17.Qe2 Qc7 18.Bf4 Bd6] 17.Bf4 Ba8 18.Qe2 Qe8 19.Rd3 Nf6 20.Rad1 Rd8 21.Ne5 Rc8 22.h4 Nd7 23.Ng4 Nf6 24.Ne3 [24.Be5!?] 24…Rd8 25.Be5 Qd7 26.Bh3 Rfe8 27.Kh2 Qb7 28.Bg2 Qc8 29.Bh3 Qb7 30.Qf3 Qa6 [30…c5 31.d5 b5 32.Ng4 Nxg4+ 33.Qxg4 Bf8 34.Bf6 Rd6 35.Re3²] 31.R3d2 Nd7 [31…c5 32.d5 b5 33.Ng4 exd5 34.Bxf6 Bxf6 35.Nxf6+ Qxf6 36.Qxf6 gxf6 37.cxd5²] 32.Bc7 Rc8 33.Bf4 Nf6 34.g4 Nh7 35.Bg3 Rcd8 36.Bf1 Qc8 37.Bd3 c5 38.d5 Bf6? [38…Nf8 39.Be4 Bf6 40.Kg2÷] 39.g5 hxg5 40.Bxh7+ Kxh7 41.hxg5 Bxg5 42.Qh5+ Bh6

 

1

 

43.Bf4 [43.Ng4!? exd5 44.Nxh6 gxh6 45.Qxf7+ Kh8 46.Bh4+-] 43…exd5 44.Bxh6 gxh6 [44…d4 45.Ng4+-] 45.Qxf7+ Kh8 46.Qf6+ Kh7 47.Qf7+ Kh8 48.Qf6+ Kh7 49.Nf5 Qc7+ 50.Kh3 [1–0]

 

 

Hou Yifan (2606) – Paehtz,E (2482) [C24]

World Mind Games, Rapid, Peking, 15. Dezember 2012

Läuferspiel [C24]

1.e4 e5 2.Bc4 Nf6 3.d3 Nc6 4.a3 Bc5 5.Nc3 a6 6.h3 d6 7.f4 Be6 8.Bxe6 fxe6 9.fxe5 dxe5 10.Nf3 Qd6 11.Bg5 0–0 12.Qd2 Nd4 13.Nxd4 Qxd4 [13…exd4 14.Ne2 Nd7 15.0–0–0 Rf2ƒ] 14.0–0–0 b5 15.Ne2 Qd6 16.Rhf1 Nd7 17.Bh4 Qb6 18.Kb1 a5 19.Rxf8+ Rxf8 20.d4 exd4 21.Nxd4 Ne5 22.Nb3 Nc4 23.Qd7 Ne5 24.Qd2 Nc4 25.Qg5 Be3? [25…Bd6 26.e5 h6 27.Qh5 Bxe5 28.Be7 Ra8³]

2

26.Qh5?? [26.Qe7 Ne5 27.Rd8 Ng6 28.Rxf8+ Nxf8 29.Bg3±] 26…a4 27.Nc1 b4 28.Qe2 bxa3 29.b3 a2+ 30.Ka1 Bd4+ 31.Kxa2 axb3+ 32.cxb3 Qa5+ 33.Kb1 Qa1+ [0–1]

 

Partien zum nachspielen!

 

Natürlich haben wir Elisabeth auch nach Ihrer Prognose für den Ausgang des WM-Matches gefragt. „Anna Uschenina verliert die Schachkrone, weil in zwölf Partien der Glücksfaktor keine allzu große Rolle mehr spielt und sich mit Hou Yifan die sowohl stärkere als auch erfahrenere Spielerin durchsetzen sollte“, so ihre Antwort.

 

Nun, wir werden sehen, ob die 28-jähige Recht behält. Fakt ist in jedem Fall: Der September ist in diesem Jahr der Monat des Frauenschachs, denn noch während der Weltmeisterschaft beginnt das dritte Turnier des laufenden Grand-Prix-Serie 2013/14 [17. September bis 1. Oktober]. Und hier werden wir auch im kommenden Jahr bei drei noch offenen Veranstaltungen die beiden Rivalen von Taizhou wiedersehen. Wer nämlich die Gesamtwertung in diesem lukrativen Wettbewerb gewinnt, hat sich automatisch als Herausforderin für das nächste WM-Match qualifiziert. Und so gesehen können am Ende sogar beide gewinnen, K.o.- und Wettkampfformat wechseln sich nämlich ab. Es ist also bis auf Widerruf jedes Jahr WM-Zeit bei den Frauen, und so bleibt denn auch ein wenig Hoffnung, dass endlich wieder eine deutsche Starterin dabei sein wird…

 

Raymund Stolze

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