Der alte Mann und sein erster richtiger Titel …


Klaus Bischoff (Foto/Zeichnung) wird erstmals mit 52 Jahren Deutscher Einzelmeister im Schach mit klassischer Bedenkzeit in Saarbrücken und überrascht sich damit wohl selbst am meisten

 

Natürlich stimmt die Schlagzeile so nicht ganz. Immerhin ist der Mann, der in Saabrücken bei den 84. Deutschen Meisterschaften an diesem September-Sonnabend [14.9.] Schach-Geschichte schreibt, bereits 13 Mal (!) nationaler Blitzeinzelmeister und hat dazu vier Mal den Titel im Schnellschach gewonnen. Aber im Schach mit klassischer Bedenkzeit musste er, der 1975 inoffizieller deutscher Schülermeister wurde und bei der Jugendweltmeisterschaft 1980 in Dortmund hinter Garri Kasparow und Nigel Short den dritten Platz erkämpfte, eine Ewigkeit warten. Nun, im reifen Alter von 52 Jahren, hat Bischoff (9. Juni 1961) es, der bei den Sportfreunden Katernberg in der Bundesliga aktiv ist und in der Beletage des deutschen Schachs mit weit über 400 Partien längst die Liste mit den meisten Einsätzen anführt, endlich geschafft: Deutscher Einzelmeister.

Was das Lebensalter angeht, so hat er zumindest auch diesen Rekord Robert Hübner (6. November 1948) entrissen. Der war vor seinem zweiten Titelgewinn 1999 in Altenkirchen gerade 51 Jahre alt geworden.

 

Dass Klaus Bischoff, der als exzellenter Kommentator nicht nur beim Dortmunder Sparkassen Chess-Meeting gilt, überhaupt an der diesjährigen Meisterschaft teilgenommen hat, ist einem Freiplatz zu danken. Den hat sich der verdienstvolle Ulmer, der als verlässlicher Mannschaftsspieler gilt – siehe die Silbermedaille bei der Schacholympiade 2000 in Istanbul sowie zweimal Bronze mit dem deutschen Team bei den Europameisterschaften 1989 in Haifa und 2001 im spanischen Leon, wo noch dazu die Goldmedaille für das beste Einzelergebnis an Brett 4 dazu kam – ist ebenso bekannt.

 

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Aber nun hat er endlich die Krönung seiner langen Schachkarriere erlebt, wobei fraglos seine in vielen Schlachten gesammelte Erfahrung von nicht zu unterschätzender Bedeutung gewesen ist. Hinzu kommt im alles entscheidenden Augenblick das nötige Glück, denn Titelverteidiger Daniel Fridman hatte in der direkten Auseinandersetzung in Runde 4 einen Blackout, der vielleicht die Meisterschaft entschieden haben dürfte.

 

Mit 6,5/9 und einem Plus 4 Ergebnis war der Sieg im Schlussklassement nicht nur eindeutig, sondern auch verdient. Saarbrücken ist für Bischoff halt ein gutes Pflaster, denn hier wurde er im Februar 2009 schon einmal Dritter hinter Arik Braun und Michael Prusikin.

 

Was die Qualität des Teilnehmerfeldes und vor allem dem Modus der nationalen Titelkämpfe angeht, so hatte ich ja in einem Diskussionsbeitrag [https://www.chess-international.de/?p=18688#more-18688 ] versucht, Vorschläge zu machen.

 

Und ich stehe damit im Übrigen nicht allein. Mein in Wien lebender Kollege Stefan Löffler schrieb mir am gestrigen Freitag per Email:

 

Hallo Raymund,

 

habe gerade Deinen Beitrag zur (mich nicht interessierenden) DEM gelesen. Ein jährliches Rundenturnier der Besten beißt sich damit, dass die Allerbesten ja nun auch in Dortmund und Baden-Baden öfter mal aufeinandertreffen.

 

Wenn man die Landesverbandsmeister dabei haben will, macht es meines Ermessens Sinn, zu einem K.o.-Modus mit je zwei Spielen und nötigenfalls Stechen und 32 TN überzugehen. Das ist erheblich spannender und medial präsentierbar. Wer aus dem Titelrennen ausscheidet, darf (muss aber nicht) in einem (wachsenden) Schweizer System weiterspielen und kann dabei auch eine Titelnorm erzielen. Freitag bis übernächsten Sonntag gehen sich zweimal fünf Runden aus, ob das Schweizer System-Turnier bereits am Samstag endet und ob auch Platz drei ausgespielt wird, sind dann schon Details.
Der Vorschlag ist schon mindestens zehn Jahre alt und würde vermutlich erprobt, wenn sich ein Ausrichter und Geldgeber hinter den Modus stellen.“

 

Und interessant finde ich auch die Gedanken unseres Autoren Thomas Richter, der sich mir gegenüber wie folgt äußerte:

 

Deutsche Meisterschaft: Ein ‘ewiges’ Thema – es gab ja bereits 2011 eine lange Diskussion auf Schach-Welt nach einem Artikel  von Ilja Schneider: https://www.schach-welt.de/blog/blog/stell-dir-vor-es-ist-deutsche-und-niemand-geht-hin  mit Beiträgen von u.a. Georg Meier, Herbert Bastian (balladin) und auch einer von mir (Thomas Oliver). Deutschland hat eben politisch und auch schachpolitisch ein föderales System, und die ‘schwachen’ Spieler haben sich – wie die ‘Profis der zweiten Reihe’ beim Weltcup – für die DEM qualifiziert. Dein Vorschlag bedeutet, dass Amateure pro Jahr drei Turniere spielen müssten um bei der DEM dabei zu sein (Landes-, regionale und deutsche Meisterschaft) – Urlaubstage sind begrenzt, und vielleicht wollen sie auch noch offene Turniere spielen und/oder haben Pläne für Urlaub ohne Schach? Mein Vorschlag auf Schach-Welt ging in eine ähnliche Richtung, wobei man dann zwei deutschlandweite Turniere auch parallel ausrichten könnte: ein Rundenturnier um den Titel und ein Turnier nach Schweizer System, in dem man sich für das Titelturnier des nächsten Jahres qualifizieren kann. Nachteil für Amateure: Der Anreiz vielleicht auch mal gegen einen GM zu spielen entfiele im B-Turnier wohl weitgehend.

 

Die Frage ist auch: Was müsste man (finanziell) tun, um Naiditsch und Kollegen zur Teilnahme zu motivieren [Naiditsch spielt ja momentan die spanische Mannschaftsmeisterschaft]? Und wie attraktiv wäre eine DEM in Bestbesetzung für Sponsoren, Schach- und Massenmedien?”

 

Doch zurück nach Saarbrücken und der Frage: Was wird neben dem verdienten Erfolg von Klaus Bischoff, der übrigens keine “Partie des Tages” spielte, aber das musste er nicht unbedingt, noch in Erinnerung bleiben?

 

Nach meinem persönlichen Empfinden in jeden Fall das Auftreten des “Schachprinzen”-Quartetts. Alexander Donchenko, Rasmus Svane und Dennis Wagner (je 6,0/9) sowieMatthias Blühbaum (5,5/9) demonstrierten ganz sicherlich die Zukunft des deutschen Schachs. 13 Siegen stehen lediglich zwei Niederlagen gegenüber. Das ist wirklich aller Ehren wert!

 

Erwähnen möchte ich aber auch eine Frau. Wie Klaus Bischoff ist sie Jahrgang 1961 und unter sowjetischer Flagge” erzielte sie unter ihrem Mädchennamen Lelchuk einst ihre größten Erfolge. Nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland und einer damit verbundenen längeren Schachpause hat sie sich seit zwei Jahren wieder ins Gespräch gebracht. 2013 wurde die WGM nationale Frauen-Vizemeisterin, bei den Europameisterschaften in Belgrad wie schon im Jahr zuvor beste DSB-Teilnehmerin. Mit 50 Prozent bestätigte die Dritte der aktuellen deutschen Rangliste ihren erstaunlichen Trend. Ihre bislang höchste Elo-Wertung mit 2411 stammt vom Oktober 2000 /bis April 2001). Nun ist sie bei 2377 angelangt, und es scheint doch wahrscheinlich zu sein, dass Zoya mit 52 Jahren endlich ihr Debüt in der Frauen-Nationalmannschaft im November bei den Europameisterschaften geben wird.

 

Was die Meisterschaftstage von Saarbrücken angeht, so hat sie uns einen Beitrag aus ihrer Sicht versprochen. Es ist ja sicherlich spannend zu erfahren, wie man zwar nicht ganz allein – die zweite Amazone unter 40 Herren war Nadja Jussupow, die Ehefrau des einstigen Weltklassespielers Artur Jussupow – , in der Schach-Männer-Welt bestehen kann…

 

Ein abschießendes Lob gilt unbedingt Axel Fritz, der nicht nur für die tägliche Live-Übertragung aus Saarbrücken verantwortlich zeichnete, sondern darüber hinaus auch für die sehr ansprechend gestalteten Webseite https://dem2013.schach.com/ mit ihren vielen Zusatzangeboten – von täglichen Berichten. Bildergalerie sowie allen notwendigen Statistiken – eine erstklassige Öffentlichkeitsarbeit leistete, von der wir alle profitieren konnten…

 

Raymund Stolze

 

Endstand:

Nr. Titel Spieler Verein TWZ Sp Pkt D-Elo (1Str) Bhlz (1Str) Bhlz
1. GM Bischoff,Klaus Sportfreunde Katernberg 1913 e.V 2500 9 6.5 2466 43.5 47.5
2. GM Buhmann,Rainer SV Hockenheim 2580 9 6.0 2492 46.5 51.0
3. Graf,Felix FC Bayern München e.V. 2481 9 6.0 2476 45.5 49.0
4. IM Donchenko,Alexander SK 1858 Gießen 2467 9 6.0 2468 44.0 48.0
5. GM Krämer,Martin Sfrd. Berlin 1903 e.V. 2542 9 6.0 2461 46.5 51.0
6. IM Svane,Rasmus Hamburger SK von 1830 eV 2445 9 6.0 2453 43.0 46.0
7. IM Wagner,Dennis SV Hockenheim 2472 9 6.0 2442 43.0 46.0
8. IM Stern,Rene SK König Tegel 1949 e.V. 2509 9 6.0 2432 44.0 47.5
9. GM Fridman,Daniel Schachverein Mülheim-Nord 1931 e 2614 9 5.5 2435 42.5 46.0
10. IM Poetsch,Hagen Sfr. Schöneck 2468 9 5.5 2435 40.5 44.0
11. Oberhofer,Andre SC Caissa Schwarzenbach 2329 9 5.5 2422 44.0 48.0
12. IM Blübaum,Matthias SAbt SV Werder Bremen 2514 9 5.5 2412 41.0 45.0
13. IM Plischki,Sebastian SV Bückeburg 2436 9 5.5 2390 39.5 43.0
14. IM Kopylov,Michael SK Norderstedt von 1975 2457 9 5.5 2377 41.0 45.0
15. Lubbe,Nikolas Sfr. Neuberg 2432 9 5.0 2406 40.0 43.0
16. FM Litwak,Aleksej Oberhausener Schachverein 1887 e 2230 9 5.0 2355 36.5 39.0
17. IM Jugelt,Tobias SV Werder Bremen 2429 9 5.0 2322 36.0 38.5
18. IM Braun,Christian DJK Aufwärts St. Josef Aachen 19 2362 9 4.5 2437 42.5 46.5
19. FM Carow,Johannes Sfr.Heidesheim 2375 9 4.5 2418 41.5 43.0
20. IM Schöne,Ralf TSG Neuruppin 2345 9 4.5 2416 39.5 42.5
21. WGM Schleining,Zoya Düsseldorfer Schachklub 14/25 e. 2377 9 4.5 2394 39.5 42.0
22. Zieher,Hartmut Hamburger SK von 1830 eV 2300 9 4.5 2387 40.5 44.0
23. Schwarz,Frank Preetzer TSV 2249 9 4.5 2377 38.0 40.5
24. Colpe,Malte Hamburger SK von 1830 eV 2338 9 4.5 2360 40.0 42.5
25. Schlenker,Jörg SC Donaueschingen 2217 9 4.5 2327 34.5 36.0
26. FM Krassowizkij,Jaroslaw BG Buchen 2381 9 4.5 2315 35.5 38.0
27. FM Pfretzschner,Roland Schachklub König Plauen 2232 9 4.0 2421 38.0 39.5
28. FM Vatter,Hans-Joachim SC Untergrombach 46 2288 9 4.0 2324 35.0 37.5
29. CM Schellmann,Frank Deutscher Blinden- und Sehbehind 2098 9 4.0 2299 30.5 32.0
30. Tabatt,Hendrik SC Caissa Schwarzenbach 2303 9 4.0 2291 32.5 34.0
31. Seyfried,Claus Stuttgarter SF 1879 2185 9 4.0 2286 30.0 32.5
32. Paul,Johannes SG Aufbau Elbe Magdeburg 2227 9 3.5 2332 33.5 36.0
33. IM Bastian,Herbert SV Saarbrücken 1970 e.V. 2339 9 3.5 2304 34.5 37.0
34. FM Braun,Vitali SC Braunschweig Gliesmarode v. 1 2403 9 3.5 2302 35.0 37.5
35. FM Marcziter,Dmitrii,Dr. DJK Aufwärts St. Josef Aachen 19 2265 9 3.5 2296 34.0 36.5
36. FM Müller,Reinhold SC Caissa Schwarzenbach 2249 9 3.0 2327 36.0 38.5
37. Frischmann,Rick SC Caissa Schwarzenbach 2230 9 3.0 2264 34.0 36.5
38. Schreiber,Kevin SC Mecklenburger Springer 1920 9 3.0 2233 27.0 28.5
39. Commercon,Simon TSG Mutterstadt 2187 9 2.5 2261 31.5 33.0
40. WFM Jussupow,Nadia SK Krumbach 2156 9 2.5 2249 27.0 28.5
41. Lochte,Thomas SK Weilheim 2141 9 2.5 2212 28.0 29.5
42. Bär,Sören,Prof. Dr. USG Chemnitz 2139 9 1.5 2214 29.0 31.5

 

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