Vor 37 Jahren … Europacup mit der SG Solingen 1868


[captionpix imgsrc=”https://www.chess-international.de/wp-content/uploads/IMG_0035.jpg” captiontext=”Lev Psakhis – Boris Spasski, Burewestnik Moskau – SG Solingen, EU-Cup 1984″]

Ein Ausflug in die Vergangenheit mit Großmeister HANS-JOACHIM HECHT

 

(Als Heft mit Partie)

Mit einiger Wehmut las ich das Interview mit Herbert Scheidt, der den Rückzug der ruhmreichen SG SOLINGEN 1868 aus der 1. Bundesliga für dir kommende Saison ankündigte. Dazu passt auch die Entsendung eines schwachen Solinger Teams zum gerade laufenden 29. europäischen Vereinspokal auf Rhodos . Angesichts der international hochkarätig besetzten Spitzenmannschaften kommen die Recken aus dem Bergischen Land gewiss nicht über die Rolle spielender Zuschauer hinaus. Das gilt übrigens auch für Eppingen und Mülheim Nord sowie annähernd vierzig der gut fünfzig teilnehmenden Teams [Ergebnisse https://euro2013.chessdom.com/results/results-and-pairings-r2-open/ ]

 

Ich hatte das Glück, zwischen 1970 und 1983 der SG Solingen 1868 anzugehören, in der die Erfolge an der Tagesordnung waren. Machen Sie mit mir einen Ausflug in die Vergangenheit [alle Statistiken siehe auch https://www.olimpbase.org. unter CLUB & CITY EVENTS, Link . European Club Cup].

 

1976 wurde ein Wettbewerb ins Leben gerufen, der bereits im ersten Jahr zu einer außerordentlichen Zugnummer wurde. Es handelte sich um den Wettbewerb für Vereinsmannschaften, der im K.O.-Modus (ab 2000 sieben Runden Schweizer System) ausgetragen wurde, und der anfangs im Rhythmus von drei später von zwei Jahren und ab 1992 jährlich stattfand. Gespielt wurde stets mit 6-er Teams. Der EU-Cup war nicht nur deswegen populär, weil man gegen starke Teams anzutreten hatte, sondern auch weil er zumindest bei den ersten acht Ausgaben mit Wochenendreisen in attraktive europäische Metropolen verbunden war.

 

Gleich die erste Auflage wurde zu einem Riesenerfolg für die SG Solingen, dessen Vorsitzender Egon Evertz sich für diese Veranstaltung stark gemacht hatte. War der Auftakterfolg gegen Schweppes Madrid noch erwartet, so kamen die nach dramatischem Verlauf erfochtenen Siege über die starken Osteuropäer von Partizan Belgrad und Spartacus Budapest und der damit verbundene Einzug ins Finale eher einer Sensation gleich. Für den großartigen Sport sorgte die Kernmannschaft Robert Hübner, Hajo Hecht, Alberic O’Kelly, Heikki Westerinen, Dr. Heinz Lehmann, ergänzt um Lubomir Kavalek und Bojan Kurajica. Letzteren hatte man ausdrücklich für den EU-Cup verpflichtet.

 

Ich zitiere aus der Solinger Tagespresse:

 

Sensation im Europapokal: Solinger SG wirft Belgrad aus dem Rennen.

Wer hätte das gedacht: Die Solinger SG sorgte im Viertelfinale des erstmals ausgetragenen Europapokals für eine absolute Sensation und warf den jugoslawischen Titelträger Partizan Belgrad aus dem Wettbewerb. Einer unglücklichen 2,5-3,5-Niederlage am ersten Spieltag ließen die Solinger gestern Nachmittag im Widderter Tenniszentrum eine Superleistung folgen und bezwangen die mit einer schier übermächtigen Besetzung angetretenen Osteuropäer mit 4,5-1,5. Das reichte, und macht den deutschen Abonnenementsmeister über Nacht zum Mitfavoriten um den Pokal.“

 

Zum Untertitel „Heikkis Glanztat“ heißt es dann weiter:

„Heikki Westerinen war am ersten Tag in eine folgenschwere Zeitnot geraten und musste sich Raicevic geschlagen geben. Doch ausgerechnet der Finne sollte tags darauf den Grundstein zum Erfolg legen, als er in der letzten Sekunde seiner Zeit – von einer Vielzahl schaulustiger Kiebitze begeistert gefeiert – seinen letzten Pflichtzug machte, damit seine gewinnträchtige Stellung in die Hängepartie rettete – und gewann.“

 

Solinger Schachasse kämpften in Budapest Meister Spartacus nieder

In zwei dramatischen Begegnungen konnte die SG Solingen den ungarischen Meister aus dem Rennen um den Europapokal werfen. Die Sechsermannschaften trennten sich zwar mit einem 6:6, nachdem die Ungarn am Samstag und die Solinger am Sonntag jeweils mit 3,5-2,5 gewannen. Aber der deutsche Meister kommt wegen der besseren Ergebnisse an den oberen Brettern ins Finale. Das Meisterteam war Freitag mit der Privatmaschine des Vorsitzenden Egon Evertz, der auch als Team-Chef fungierte, nach Budapest geflogen. Sie wohnten im Hotel Inter und traten Samstagnachmittag im palastähnlichen Gebäude des Großvereins Spartacus zum ersten Wettkampf an. Die Ungarn spielten mit äußerster Konzentration und konnten dank ihrer starken Spieler Peter Szilagyi und Egon Varnusz an Brett 5 und 6 den ersten Kampf gewinnen. Die übrigen vier Großmeister der Solinger gaben jedoch keinen vollen Punkt ab, und Bojan Kurajica konnte am ersten Brett (er spielte aus taktischen Gründen vor Robert Hübner) sogar den ungarischen Spitzenspieler Istvan Csom besiegen. Der zweite Tag musste die Entscheidung bringen. Kurajica verlor überraschend, aber Hübner (gegen Pal Benkö, der im Oktober 1957 (!) in die USA emigriert war) und ich holten volle Punkte. Als Dr. Heinz Lehmann ein Remis gegen Varnusz erreichte, fehlte noch ein voller Punkt. Bei der Fortsetzung der Hängepartien verlor der finnische Großmeister erneut gegen Szilagyi, und alles kam auf Alberic O’Kelly an. Der Grandseigneur und langjährige zuverlässige Punktesammler der Solinger SG zeigte unglaubliche Kämpferqualitäten und rang Ervin Haag nach neuneinhalb Stunden nieder. Der Ungar gab völlig erschöpft auf, und der 62-jährige O’Kelly stand im Mittelpunkt spontaner Glückwünsche.

 

Hier ist meine Gewinnpartie gegen Budapest aus Runde 2.

 

Honfi, Karoly –Hecht, Hans-Joachim

Halbfinale 1. European Chess Club Cup 1975/76

Spartacus Budapest – Solingen 1868,

Budapest, 14.-15. Februar 1976

Französische Verteidigung/Vorstoßvariante [C02]

1.e4 e6 2.d4 d5 3.e5 c5 4.c3 ¤e7 5.¤f3 ¤f5 6.dxc5 ¥xc5 7.¥d3 ¤c6 8.0–0 h6 9.¤bd2 a6 10.¤b3 ¥a7 11.¦e1 0–0 12.¥c2 d4

 

ziziu

 

Mit seinem letzten Zug möchte Schwarz die üblichen Strukturen der französischen Verteidigung aufbrechen und seinem "französischen" Läufer eine Zukunft geben. Wenn Weiß den schwarzen Mittelbauern erobern will, muss er sich entweder von seinem Läuferpaar trennen, also auf f5 tauschen, oder er muss seine Königsstellung schwächen. Der Ungar wählt den riskanten Weg.

13.g4

13.¥xf5 exf5 14.¤bxd4 (14.¤fxd4 £h4) 14…¤xd4 15.¤xd4 (15.cxd4 ¥e6) 15…¦e8

ist dem die Königsstellung schwächenden Aufzug des g-Bauern vorzuziehen.

13…¤h4 14.¤fxd4 ¤xd4 15.cxd4 ¥d7

Das ist konsequenter als das lasche 15…¥xd4 16.¤xd4 £xd4 17.¥e4.

16.¥f4?! ¥c6 17.¦e3 f5

Schwarz hat die Initiative und mehr erreicht als er sich vorgestellt hatte.

18.exf6 £xf6 19.¥g3 ¤f3+ 20.¦xf3 £xf3

Schließt die Komplikationen aus, die mit 20…¥xf3 21.£d3 entstehen.

21.£xf3 ¥xf3 22.h3 ¦ac8 23.¥d3 ¥d5 24.¦e1 ¦f3

Greift alle Steine auf der dritten Reihe an und bleibt weiterhin opferfreudig, um den verbleibenden Figuren zu größtmöglicher Aktivität zu verhelfen.

25.¥e2 ¦xg3+! 26.fxg3 ¦c2 27.¥d3 ¦xb2 28.¦e2 ¦xe2 29.¥xe2 e5 30.¢f2 ¥xd4+ 31.¤xd4 exd4 32.¥f3 ¥xa2 33.¥xb7 a5 34.¥c6 ¥b3 35.¢e2 a4 36.¥xa4 ¥xa4 37.¢d3 ¥c6 38.¢xd4 ¥g2 39.h4 ¥h3 40.g5 hxg5 [0–1]

 

 

Zwei Europacup-Sieger!

Burewestnik Moskau – SG Solingen 9:9

Eine Riesensensation bahnte sich am ersten Tag des Finales im Europacup [8.-10. Mai 1976] an, als die sechs Solinger Großmeister die russischen Schachgiganten aus Moskau mit 3,5:2,5 schlagen konnten. Die Sporthalle der Humboldt-Schule bot einen sehr guten Rahmen für die Großveranstaltung, die von der Solinger SG mustergültig vorbereitet war. 500 Besucher aus ganz Deutschland am ersten und 400 Besucher am zweiten Tag konnten an Demonstrationsbrettern und auf Leinwände projizierte Notationen alle Partien verfolgen. Die Russen, die im ersten Durchgang auf Boris Gulko verzichteten, konnten keine Partie gewinnen, beklagten aber einen Verlust von Lev Alburt gegen Bojan Kurajica. Am zweiten Tag verstärkte Gulko die Reihen von Burewestnik, und es reichte ein Sieg von Semen Palatnik gegen Dr. Lehmann, um zum 6:6 auszugleichen. Den Regeln entsprechend wurde am Montag ein dritter Durchgang angesetzt, der aber von beiden Mannschaften eher halbherzig angegangen wurde, und man einigte sich schließlich auf sechs Remisen. Solingen war damit fraglos sehr zufrieden, und auch die Moskowiter konnten mit dem halben Titel leben. Das beste Resultat aller Solinger Spieler holte Robert Hübner mit starken 6,5 aus 9.

 

In der Saison 1978/79 kam es zur Zweitauflage des EU-Cups, und erneut war die SG Solingen beteiligt. Der Auftaktsieg gegen Gambitti Helsinki bereitete keine Probleme (7,5:4,5).

 

Als die SG Solingen ihr Viertelfinalmatch gegen Slavia Sofia austrug, standen drei der vier Halbfinalisten bereits fest:

 

Burewestnik Moskau besiegte Partizan Belgrad 7:5

Volmac Rotterdam besiegte Roter Stern Belgrad 6:6 [Wertung]

Spartacus Budapest besiegte Banco di Roma 8,5:3,5

In Bulgariens Hauptstadt Sofia fiel also die Entscheidung, wer der vierte Halbfinalist ist. Wir hatten uns die Bulgaren nicht allzu stark vorgestellt, doch praktisch traten wir gegen eine nicht ganz vollzählige Nationalmannschaft an. Die Gastgeber organisierten das Match im noblen „Novotel Europa“ mit Nationalflaggen, Demonstrationsbrettern und hatten für rund 200 Zuschauer einen gesonderten Bereich.

Der erste Tag gehörte den Bulgaren. Lubomir Kavaleks Sieg über Ivan Radulow standen zwei Niederlagen von Jürgen Dueball und Klaus Klundt gegenüber. Mannschaftsführer Egon Evertz war dennoch nicht unzufrieden, denn beim Aufholen von Rückständen hatten wir Erfahrung. Der zweite Tag brachte viel Schnee, es war Februar, und eine sehr gute Vorstellung der Solinger. Nachdem Kavalek erneut gewonnen hatte und auch Klundt punkten konnte, stand es 5:5, und es war klar, dass wir bei einem 6:6 die Wertungsnase mal wieder vorn haben würden. Ausgerechnet die beiden Exberliner Dr. Lehmann und meine Wenigkeit hatten die ehrenvolle Aufgabe, eine etwas bessere Stellung zu gewinnen bzw. eine deutlich schlechtere nicht zu verlieren. Tatsächlich gab es nach dem Wunder von Budapest 1976 ein weiteres – das von Sofia 1979. Dr. Lehmann gewann nach neun Stunden mit dem letzten Trick, und ich machte nach 99 Zügen und elf Stunden auch noch remis. Solingen hatte mit 6,5:5,5 gewonnen, und traf nun im Halbfinale erneut auf Burewestnik Moskau.

 

Endstation Halbfinale:

SG Solingen – Burewestnik Moskau 5,5 : 6,5

Wieder fanden die Moskauer den Weg nach Solingen und wieder vergeigten sie den ersten Kampf mit 2,5:3,5. Vielleicht gab es dafür einen besonderen Grund. Lev Alburt setzte sich noch vor Beginn der 1. Runde von seiner Mannschaft ab und beantragte politisches Asyl. Und wieder wendete sich in Runde 2 das Blatt zu ihren Gunsten. Eigentlich hätte Moskau wie schon 1976 nur der Ausgleich zum 6:6 gelingen sollen, wären mir nicht in der Zeitnotphase einige Ungenauigkeiten gegen Juri Balaschow unterlaufen, und die Partie war hin.

Nach diesem vermeidbaren Verlust siegte Burewestnik mit 4:2 und stand im Finale gegen Volmac Rotterdam [mit Viktor Kortschnoi!] und gewann erst in der Verlängerung 4:2.

1982 vertrat die SG Porz [am Spitzenbrett mit Robert Hübner, der die SG Solingen verlassen hatte] die deutschen Farben. Endstation war bereits im Viertelfinale natürlich das Team von Burewestnik Moskau [4,5:7,5], das dann im Finale Spartacus Budapest mit 5,5:6,5 unterlag.

 

Abschied von der SG Solingen

Als meine Familie schon nicht mehr in Solingen wohnte und ich bereits bei der Schachabteilung des FC Bayern München gemeldet war, war ich dennoch für die vierte Auflage des Europapokals für die SG Solingen spielberechtigt, weil sich die Qualifikation für diesen Wettbewerb aus der Saison 1982/83 ableitete. So konnte ich also nach dem ersten Abschied von der Stadt Solingen noch einen zweiten von der SG Solingen 1868 nehmen, indem ich den Euro-Cup 1983/84 mitspielte.

Die SG Solingen trat nicht minder stark mit Boris Spasski, Lubomir Kavalek, Hajo Hecht, Jürgen Dueball an den vorderen Brettern an und siegte leicht mit 9:3 gegen Nordre SK und erneut knapp mit 7:5 gegen das starke Team von Slavia Sofia.

Bereits im Viertelfinale trafen wir auf Burewestnik Moskau, und auch in der dritten

Begegnung mit den Russen brauchte sich Solingen nicht zu verstecken. Dennoch, zwei Niederlagen bei nur einem Sieg und neun Remisen bedeuteten das Ausscheiden aus dem Europapokal.. Mein Remis gegen Mark Taimanov am 1.4.1984 war kein Aprilscherz sondern meine letzte Partie für die SG Solingen 68, der ich 13 Jahre lang angehörte.

 

 

Letzter Auftritt im Europacup 2005

Völlig überraschend war ich 2005 im italienischen St. Vincent ein letztes Mal im Europacup in Aktion. Ich hatte mich schon viele Jahre aus den oberen Spielklassen verabschiedet, sollte aber auf Wunsch des Obmanns vom SV Schwarzach drei Partien für die im Pongau beheimatete österreichische Mannschaft mit Andrej Schekatchev, Gerald Hertneck und Robert Zelcic spielen. Meine Vorfreude auf ein Wiedersehen mit einigen Schachfreunden aus längst vergangenen Zeiten wurde jedoch rasch getrübt. Das lag weniger am eher desaströsen Abschneiden der Mannschaft als am fehlenden Zusammenhalt innerhalb der Truppe von Einzelgängern sowie an der Überregulierung seitens der FIDE. Der Spielbereich war in einzelne Zonen aufgeteilt. Die eigene konnte man praktisch nicht verlassen, und war man mit der Partie fertig, wurde man hinausgestaubt. Die kleine Konversation war nicht erwünscht. Das war nicht lustig und so traf ich auch nicht die alten Bekannten wie ich mir das vorgestellt hatte. Ich war froh, als ich nach drei Runden dem Turnier den Rücken kehren konnte…

Mark Taimanov – Hajo Hecht, Burewestnik Moskau – SG Solingen, EU-Cup 1984



Pal Benkö – Robert Hübner, Spartacus Budapest – SG Solingen, EU-Cup 1976
            im Hintergrund: Karolyi Honfi – Hajo Hecht und Ervin Haag – Alberic O'Kelly
 

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