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3. ACO-Weltmeisterschaft auf Rhodos  einfach phänomenal – Ein Erlebnisbericht von UWE RITTER   vom SV Osnabrück 1919  
 


Die Lateinschüler unter den Lesern erinnern sich vermutlich sehr gut an das Standardwerk welches  mit den Worten „Gallia est omnis divisa in partes tres….“  beginnt. Hier berichtete einst kein geringerer als Julius Cäsar über den Gallischen Krieg, den die Römer im Kampf für Ihre Lebensanschauung im Altertum, unter seiner Regie führten.


 
Heutzutage ist die Sprache nicht mehr „in“ wie meine Kinder sagen würden, jedoch  bedienen wir uns immer wieder diverser aus dem lateinischen stammenden Fremdworte, die einen Ausdruck von Bildung verleihen, wenn wir diese gekonnt in unserem Sprachstil einbauen.
Wir Schachspieler haben uns den lateinischen Spruch „gens una sumus“  zu eigen gemach", was nichts anderes bedeutet, als „Wir sind eine Familie“. Wenn wir die Sache pragmatisch angehen, kann man sich auch fragen, wer lebt diesen Spruch eigentlich? Die Frage ist nicht unberechtigt, denn diverse Verbände, benutzen diesen Spruch  z. B. im Rahmen ihrer Werbung, aber was tun Sie dafür, um den Leitgedanken zu leben?
 


 
Wenn wir uns in unserer Republik umschauen, dann fallen uns durchaus Landstriche ein, die stets mit originellen Ideen für den Schachsport werben. Nehmen wir zum Beispiel einmal den Wettbewerb aus  Hamburg „Linkes gegen rechtes Alsterufer“. Eine imposante Veranstaltung wie ich finde, die aber nur einen lokalen Charakter hat, auch wenn die Veranstaltung bundesweit bekannt und damit der Werbewert für den Schachsport immens ist.


 
Nun diese Tage war ich in Urlaub auf Rhodos und habe einmal mehr einen Badeurlaub mit Schach verbunden, da ich nicht zu denen gehöre, die sich gerne in der Sonne den ganzen Tag grillen lassen. Die veranstaltende Amateur Chess Organization [ACO]  mit Sitz in der Slowakei, aber mit deutschen Organisatoren, kann in den nur zwei Jahren ihres  Schaffens auf eine imposante Entwicklung zurückblicken. Waren 2012  beim  ersten  Event  in Dubai 67 Teilnehmer vertreten, so waren es in Kreta 2013 schon 168 und auf Rhodos nun 235 Aktive. Zum Teil weitgereist, kamen diese Schachfreunde u. a. aus Südafrika, Südamerika, Australien und Sibirien.


 
Diese reisten nicht allein zur 3.ACO-Weltmeisterschaft [7.-16. Juni], sondern zum Teil mit Ehefrau oder Lebensgefährtin und sofern möglich mit Kindern und  Enkelkindern. Insgesamt waren 70 Kinder und Jugendliche am Start, sowie 21 weibliche Teilnehmerinnen. Wenn Sie mich fragen, wie sich das erklärt, so muss ich ehrlich antworten, „ich weiß es nicht“,  allerdings vermute ich, dass die Kombination aus Urlaub und Schach am Meer für viele sehr attraktiv ist. Dazu ein exzellentes Preis-Leistungsverhältnis mit Zimmern der Kategorie von 4, 4 plus und 5 Sternen. 


 
Zwei interessante Anmerkungen. Ein Wiedersehen der besonderen Art feierten die Gebrüder Brumas und Alexander Newstead, der eine kam aus Seattle, der andere aus London. Die Schachfreunde Oleg Binder und Vsevolod Bessarab schrieben nach der Teilnahme in letzten Jahr spontan ein Buch, in dem auch über die ACO berichtet wurde. Dieses Buch wurde herumgereicht. 


 
Bleiben wir beim Schach. Erstmalig hatten alle Teilnehmer die Gelegenheit mit einem Großmeister ihre Partien zu analysieren. Zigurds Lanka, ein bekannter lettischer Trainer und Schachspieler, war stets einer zum anfassen und hatte ebenso wie die Teilnehmer sichtlich seinen Spaß bei dieser Veranstaltung. In nur einer Woche analysierte er über 500 Partien und hielt zwei Vorträge, die die Zuhörer in den Bann zogen. Die Themen „Wie greife ich richtig an“ und „Dynamisches Spiel“ wurden zahlreich besucht und veranlassten selbst Spieler aus der A-Gruppe (ELO 2200 bis 2400) zum Zuhören. Wie ich finde eine gelungene Idee des Veranstalters, der sich stets bemüht die Breite anzusprechen.  


 
Zum Turniersaal kann man sich die lobende Worte sparen, ein Blick auf die Homepage [ https://amateurchess.com/aco-world-amateur-chess-championship-rhodes-2014/  ]   und die Fotos genügt und man ist im Bilde. Auf 1000 Quadratmeter boten sich für die Teilnehmer vorzügliche weltmeisterliche Bedingungen, die man ansonsten bei Amateuren nirgendwo antrifft. Kaum ein Teilnehmer ließ  sich die Chance entgehen, den Turniersaal schon am Vorabend zu inspizieren und zu fotografieren.


 
Pünktlich um 10.00 Uhr ging es am ersten Tag los, rundum zufrieden Gesichter, na ja nicht ganz. Die deutschstämmige Argentinierin Andrea Dürnhöfer haderte mit ihrem Schicksal in der ersten Runde ein Freilos zu haben, schließlich ,so sagte Sie mir, sei Sie über 12.000 Kilometer geflogen, um  zu spielen und nicht um zuzuschauen. Als Elo-Schlusslicht in der C-Gruppe wurde Sie am Ende 27.  bei 47 Teilnehmern und hat, dies muss man hervorheben, mit 4/9 ein tolles Turnier gespielt.


 
In der A-Gruppe war erstmalig ein Großmeister am Start, da seine ELO nur 2398 Punkte aufwies.  Damit topgesetzt, wurde Andrej Gutov aus Russland am Ende aber nur Dritter. Stattdessen gab es nach neun Runden ein  Zielfoto-Entscheid zugunsten des Schweizer FM Urs Rueetschi, der vor lauter Freude über seinen Sieg  den verblüfften Organisatoren eine Blume überreichte und den Teilnehmer samt Begleitung ein  Ständchen (One Moment In Time) sang. Wie stark Amateure sein können musste auch IM Alejo de Dovitiis aus Argentinien erfahren, der einerseits GM Gutov überzeugend mit Schwarz bezwang,  andererseits aber auch im geschlagenen Feld auf Platz 5 landete [Ergebnisse unter https://chess-results.com/tnr138021.aspx?lan=1&art=4&wi=821 ]


 
In der B-Gruppe waren die Teilnehmer ganz Gentleman und überließen der aus Ecuador stammenden Teilnehmerin Carla Herredia Serrano den ersten Platz. Mit Viel Applaus wurde bei der Siegerehrung  auch der zweiplatzierte Michael Masungwini aus der Republik Südafrika bedacht, war er doch der einzige schwarzafrikanische Teilnehmer.


 
Viel Lob bekam der kleine Jakob Leon Pajeken vom Hamburger SK, C-Gruppe, für seine Turnierleistung [Platz 7] und insbesondere für seine Partie in der letzten Runde gegen den Berichterstatter. In einer geschlossenen Italienischen Partie zeigte Jakob Leon mit Schwarz eine „technische Glanzleistung“  (GM Lanka), die, so muss ich zugeben, auch mich beeindruckte, war doch angeblich mein einziger Fehler in der Partie, Damentausch zugelassen zu haben. Damit nicht genug, fügte GM Lanka noch hinzu, „wenn Du so weitermachst und jedes Jahr 100 Punkte zulegst, dann löst Du in zehn  Jahren Magnus Carlsen ab“. Ob übertrieben oder nicht, auch ich bin nach der Partie davon überzeugt, dass der Junge das Zeug zum Großmeister hat. 


 
Die Abschlussfeier im bewährten Stil. Bedauerlicher Weise hatten aber einige Teilnehmer nicht die richtige Kleidung für solch einen Anlass. Wurde der Dress-Code im letztem Jahr hervorragend umgesetzt, so ließ er in diesem Jahr bei einigen doch zu wünschen übrig. Der Freude über eine insgesamt gelungene Woche tat dies aber keinen Abbruch.


 
Übrigens, im nächsten Jahr geht es nach Kos. Wie Sie schon richtig vermuten, werde auch ich dabei sein. Sofern ich Ihnen einen Vorschlag machen darf, probieren Sie es doch einfach mal aus!


 
Das Schlusswort überlasse ich aber dem deutschen Teilnehmer Dirk Sprünken, der in diesem Jahr  erstmalig am Start war:  „Über diese Veranstaltung gibt es wahrlich nichts zu meckern.“


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P.S.: Soweit der sehr informative und persönliche Erlebnisbericht, den uns unser Mann aus Osnabrück exklusiv per E-Mail übermittelt hat und wofür wir ihm recht herzlich danken. Ergänzen möchte ich, dass das Format der ACO-WM stark an die Deutsche Schachamateurmeisterschaft [DSAM]  angelehnt ist. Allerdings gibt es im Vergleich zur DSAM sieben Leistungsklassen, wobei man für die G-Gruppe mit einer Wertzahl von 0-1200 zugelassen wird, während die A-Gruppe, in der diesmal nur zehn Spieler vertreten waren und deshalb ein Rundenturnier ausgetragen wurde, auf Elo 2201-2400 begrenzt ist. Außerdem ist die Philosophie der ACO-Macher darauf ausgerichtet, Sport und Erholung bestens miteinander zu verbinden, also nicht zuletzt auf eine Familienreise in eine attraktive Region zu „Bestpreisen“ zu setzen. Das Konzept scheint langsam aufzugehen  Deshalb haben sich die Veranstalter  sicherlich bei der vierten Auflage 2015 auch für die drittgrößte griechische Insel Kos entschieden…

 
[Redaktion Raymund Stolze]

Fotos Turnier:  https://www.facebook.com/media/set/?set=a.841442019217787.1073741836.200413989987263&type=1

Bilder Siegerehrung: https://www.facebook.com/media/set/?set=a.847915425237113.1073741838.200413989987263&type=1

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