Einladung zu einer kleine Zeitreise …


Spendenaktion beim 13. Lichtenberger Sommer sichert Kurt-Richter-Grabstätte bis 4. Januar 2020 – René Stern gewinnt das traditionelle Open
 

 

Seit einigen  Jahren zieht es mich im August geradezu magisch nach Karlshorst. Und das nicht auf die Trabrennbahn – da hätte ich in den 1960er-Jahren jene Berliner Schachlegende garantiert treffen können, für den ich mich seit Frühjahr 2013 engagiere. Per Zufall hatte ich damals erfahren, dass das Grab von Kurt Richter zwar aufgelöst ist, aber noch nicht neu belegt. Spontan entschied ich mich zu einer „Rettungsaktion“, ohne zu ahnen, worauf ich mich da einlasse.

 

Zunächst galt es mit nicht unerheblichen privaten Mitteln die Erinnerungsstätte (Foto: Dr. Gabriele Stolze) auf dem Friedhof in der Robert-Siewert-Straße 57/67 in einen würdigen Zustand zu bringen, wobei Bernd Thüring,  der Geschäftsführer des Evangelischen Friedhofverbandes Berlin Süd-Ost, mir ein konstruktiver Partner war.  Allerdings fallen natürlich jährlich Kosten für Nutzungsrecht und Pflege der Grabstelle  W09a /./029 an. Die wollte ich allerdings künftig keinesfalls allein tragen.
 

 

Problemlos Mitstreiter für das Projekt  zu finden, erwies sich allerdings als großer Irrtum meinerseits. Zwar klopfte man mir bisweilen symbolisch  auf die Schulter für meine Aktion, aber damit verbunden war nicht unbedingt die nötige finanzielle Zuwendung.
 

 

Da eines meiner Handlungsprinzipien lautet, um uns selbst müssen wir uns selbst kümmern, begann ich bei einigen Schachveranstaltungen direkt um Spenden zu werben. Und es ist gegenwärtig der einzige erfolgreiche Weg, denn es gelang mir, die Grabstätte von Kurt Richter] einschließlich Pflege bis einschließlich 4. Januar 2019  zu sichern. Dann wäre  ich bereits im 75. Lebensjahr – wenn es denn Gott will…

 

Die Frage stellt sich also zurecht: Was kommt danach??? Und damit sind wir wieder in Karlshorst – nicht auf dem Friedhof, sondern beim Lichtenberger Sommer, dem zweiten magischen Anziehungspunkt meiner Zeitreise. Von 1969 bis 1973 habe ich an der ehemaligen Hochschule für Ökonomie [HfÖ] studiert, und spätestens wenn ich im Audimax bin, überkommt mich auch ein Gefühl von gewisser Wehmut. So schnell ist die Zeit an mir vorbei gegangen, mal eben gut vier Jahrzehnte sind mit dem großen Umbruch deutsche Widervereinigung ins Land gegangen. Der vor ein paar Jahren rekonstruierte große Hörsaal – jetzt hat hier die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin ihr Domizil – erweist sich nun für diese Veranstaltung als eine prächtige Spielstätte. Auch bei der 13. Auflage wussten das fast 230 Teilnehmer aus zwölf Ländern zu schätzen. Besonders freut dabei, dass mein ehemaliger Verein aus Anfängerzeiten  Friesen-Lichtenberg, für den ich 1963 Ostberliner Jugendmeister wurde, als Ausrichter fungiert.

 

So gesehen lag es auf der Hand, dass ich in diesem Jahr wieder vor Ort war und vor Beginn der vierten Runde mit einer kurzen Ansprache um eine Spende gebeten habe. Dass am Ende durch die Aufstockung aus der Friesen-Vereinskasse zumindest jene 82,00 € Jahresbetrag zusammen gekommen sind, ist dann doch erfreulich. Wieder sind zwölf Monate Zeit gewonnen, und vielleicht bewirkt auch diese Aktion, dass die Bedeutung unserer Schachlegenden – und eine solche war der Internationale Meister und begnadete Schachschriftsteller Kurt Richter zweifellos, der vom 1. April 1934 an bis zu seinem Tode am 29. Dezember 1969  in der Karlshorster Dönhoffstraße 29 wohnte – zur Trabrennbahn waren es für ihn höchstens fünf Minuten Nahzudenken ist beispielsweise über eine kleine Gedenktafel an diesem Haus. Aber das wäre bereits ein neues Projekt…

 

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Kurt Richter, dem Michael Dombrowsky in seinem empfehlenswerten Portrait-Band Berliner Schachlegenden [Edition Marco  – Link: www.edition-marco.de  ] – die Buchpremiere fand an Kurt Richters 113. Geburtstag am  24. November 2013 im Haus der Begegnung auf dem Friedhof in Karlshorst statt – ein Kapitel gewidmet hat, im HTW- Audimax garantiert täglich vorbei geschaut hätte.  

 

Und da war ja nicht nur der Turni

ersieg von René Stern vom SK König Tegel zu bewundern, der – am besten Sie lesen dazu den informativen Abschlussbericht meines Berliner Kollegen Dagobert Kohlmeyer mit einigen ausgewählten Parteibeispielen [Link https://www.friesen-lichtenberg.de/Lichtenberger_Sommer/LS_14/lichtenberger_sommer_2014.htm ].

 

Ich selbst habe an jenem 19. August in Runde 4 ein wenig die Partie meines langjährigen Freundes Ralf Axel Simon gegen Oliver Fartmann [Jahrgang 1995] vom SV Mattnetz Berlin verfolgt. Da ich im Fernschach eine Zeit lang Königsindisch gespielt habe, interessiert mich natürlich der schwarze Aufbau. Ralf-Axel,  der seit einigen Jahren für das Oberliga-Team der TSG Neuruppin aktiv ist, war dabei der Meinung, dass Weiß nach 17…f4 bereits eine Gewinnstellung erreicht hätte, während ich nach einem sicher eher flüchtigen Blick seine Einschätzung nicht unbedingt teilen wollte. Aber sehen Sie selbst:

 

Simon, Ralf-Axel [Elo 2173] – Fartmann, Oliver [Elo 1927]

13. Lichtenberger Sommer, Runde 4, Berlin-Karlshorst 2014

Königsindische Verteidigung [E92]

 

1.Sf3 Sf6 2.c4 g6 3.Sc3 Lg7 4.e4 d6 5.d4 0–0 6.Le2 e5 7.Le3 Sg4 8.Lg5 f6 9.Lh4 Sc6 10.d5 Se7 11.Sd2 Sh6 12.f3 c5 13.a3 g5 14.Lf2 f5 15.b4 b6 16.bxc5 bxc5 17.0–0 [Mit 17.Tb1 habe ich Partiebeispiele in der Datenbank gefunden, der Partiezug von Ralf-Axel scheint  ein Tempo zu verschenken?!] 17…f4

 

gfhf
 

 

18.Tb1 Sg6 [18…Ld7 hätte den folgenden Textzug verhindert ] 19.Da4 g4 Wenn ich meinem Deep Fritz 11 glauben will, dann ist das ein ziemlich fragwürdiger Antwortzug, weil nun Weiß einerseits totale Überlegenheit am Damenflügel hat und andererseits nicht so recht zu sehen ist, wie Schwarz am Königsflügel vorwärts stürmen will. Aber bekanntlich können Computer mit Königsindisch wenig anfangen… 20.Dc6 g3 21.hxg3 fxg3 22.Lxg3 Dg5 23.Tf2 Dxd2 24.Dxa8 Dxc3 25.Dxa7? [ Weiß verliert jetzt den Faden. Ausgeglichen steht es nach 25.Tb8 Dc1+ 26.Kh2] 25…Sg4 26.Tb8? [Bereits der Verlustzug, aber Weiß war schon in hoher Zeitnot – die ist ein allerdings typisch für Ralf-Axel. Ich habe vor einigen Jahren bei der Betriebsschach-Mannschaft seines Schachladens regelmäßig solche Situationen miterlebt, aber vielleicht braucht er diesen Druck auch, denn es gilt ja viel durchzurechnen, was dann eines seiner  durchaus nachvollziehbaren Argument ist.] 26…Sxf2 27.Lxf2 Dc1+ 28.Lf1 Sf4 29.Dc7 Se2+ 30.Kh2 Dh6+, und Weiß gab auf [0-1].

 

FIDE-Meister Ralf-Axel wird nach neun Runden Platz 33 mit 6/9 belegen, nachdem er im Vorjahr mit „Bronze“ hinter dem Rekordsieger Robert Rabiega, der diesmal nicht am Start war, und René Stern seine bestes Ergebnis erreicht hatte. Sein Kontrahent muss  sich bei 4,5/9 mit Rang 102 begnügen. Wie heißt es doch in einem solchen Fall treffend: Die Bäume wachsen nicht in den Himmel…

 

Was meinen persönlichen Eindruck vom diesjährigen Lichtenberger Sommer angeht, so muss ich unbedingt noch das professionelle Veranstalter um Turnierleiter Marko Schmidt und Org.-Chef Peter Weiß loben, an die ich mich wegen meiner Spendenaktion gewandt hatte. Und natürlich jenes Quintett, dem es zu verdanken ist, dass die mehr als 1000 Partien erfasst worden sind, die  auf der Turnierwebseite https://www.friesen-lichtenberg.de/Lichtenberger_Sommer/LS_14/lichtenberger_sommer_2014.htm  stehen sie zum Downloaden bereit stehen. Die fünf fleißigen Tag- und Nachtarbeiter Georg Billing, Stefan Lüdtge, Ralf Rennoch, Volker Schulz und Uwe Sabrowski sollen deshalb auch von mir namentlich hervorgehoben werden.

 

Sollten Sie mein Beitrag angeregt haben, unser Kurt-Richter-Projekt zu unterstützen, dann melden Sie sich doch bitte per E-Mail unter folgender Adresse: raymund.stolze@t-online.de  einfach persönlich bei mir. Ich würde mich jedenfalls über weitere Mitstreiter sehr freuen!

Das Siegerquartett mit jeweils 7,5/9 {von links]: Arik Braun [2.], René Stern [1.], Ruslan Kurayan [3.] und Christoph Schild [4.].


Blick in den Spielsaal

Partien

 

Raymund Stolze

 

Fotos: Peter Weiss

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