Zur Halbzeit auf Platz 11


Die Russen dominieren die Jugend-Schacholympiade U16, aber das deutsche Team hat in Györ noch alle Chancen auf eine Medaille – Ein Zwischenbericht von RAYMUND STOLZE

 

Fiona Sieber

In meinem Vorschaubericht „Team Germany in Bestbesetzung“ [ https://www.chess-international.de/Archive/30987#more-30987 ] hatte ich bereits auf den neuen Teilnehmerrekord bei der FIDE U16 WORLD YOUTH CHESS CHESS OLYMPIAD mit 54 Mannschaften aus fast 40 Ländern von allen Kontinenten hingewiesen. Dass die Gastgeber in Györ allein acht Teams stellen signalisiert die Breite in Ungarn. Das Land ist eben eine Schachnation, und so wundert es nicht, dass man für den ursprünglichen Ausrichter Kasachstan mal eben eingesprungen ist. Als Schirmherr wurde dazu mit Judith Polgar die lebende Ikone des Welt-Frauenschachs gewonnen, der Präsident des nationalen Schachverbandes ist Minister in der Regierung Orban, und auch die beiden wichtigsten Sponsoren sind mehr als potent: das Atomkraftwerk Paks und AUDI-Ungarn mit Sitz in Györ.

 

Wie Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler in seinem Beitrag [ https://www.schachbund.de/news/u16-olympiade-19232.html ] auf der DSB-Webseite schreibt, sind die Rahmenbedingungen bestens. „Als Turniersaal fungiert die Sporthalle der Universität. Die Organisatoren haben sich viel Mühe gegeben und in der Kürze der Zeit vieles auf die Beine gestellt. Metalldetektoren (Flughafenschleuse!), viel Hilfspersonal, alles Live-Bretter, fußläufige Hotels mit sehr gutem Essen und freiem WLAN – Schachspielerherz, was willst Du mehr.“

 

Interessant ist seine Einschätzung des eigenen Teams, auf dem kein geringer Druck zu lasten scheint: „Nominell sind wir an zwei gesetzt, d.h. wenn alle vier gemeldeten Jungen spielen würden, sähe es gar nicht schlecht aus. Leider muss ich jedoch einen Wermutstropfen in den Freudenkelch mischen. Alexander Donchenko und Jan Christian Schröder teilen sich Brett 1 mit jeweils 5 Partien. Das bedeutet gleichzeitig, dass Fiona Sieber 10 Partien an Brett 4 bekommt und unser „Realdurchschnitt“ um ca. 120 Punkte fällt. Leider war keine andere Lösung bedingt durch die deutsche Schulpflicht und die neue Sonderregelung des weiblichen Ersatzbrettes möglich. ‚Gewinnen will Deutschland’ natürlich trotzdem, aber so wird es sehr viel schwerer. Deutschland nimmt dieses Jahr zum ersten Mal an der U16-Olympiade teil. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Ursachen. Zum einen die bisherigen teils exotischen Austragungsorte, wie China 2013 und zum anderen die große Sportpolitik. Die neuesten Entwicklungen in Richtung DOSB und BMI legen nahe, dass eine Medaille bei genau dieser Veranstaltung effektiven Wert für den Deutschen Schachbund erlangen könnte. Nun erspielt sich die Medaille nicht von allein, aber durch Nichtantritt ist sie keinesfalls zu bekommen!“

 

Nun, das bisherige Abschneiden des von Bernd Vökler betreuten deutschen Teams lässt durchaus Hoffnungen auf eine Medaille zu. Mit 4:0 wurde zum Auftakt Bulgarien abgefertigt, es folgte ein 2,5:1,5-Sieg gegen Polen. Danach wurde leider 1,5:2,5 gegen Rumänien verloren, wobei unser Spitzenbrett Alexander Donchenko bereits seine zweite Niederlage gegen einen von der Elo-Zahl her deutlich schwächeren Kontrahenten beziehen musste. Doch gegen China war nach dem 2,5:1,5-Erfolg die Welt wieder in Ordnung. In Runde 5 am Dienstag gab es schließlich ein 2:2 gegen Georgien, dass unser Team vor allem Fiona Sieber verdankt, denn der ist der wichtige „Ausgleichstreffer“ gegen Nika Ghvamberia zu verdanken, um beim Fußball eine Anleihe zu nehmen.

 

Weil sie tatsächlich so schön ist, hat sie mir der Bundesnachwuchstrainer per E-Mail heute in aller Frühe [Eingang 6:51 Uhr] übermittelt. Doch sehen Sie selbst!

 

 

Slogan

Slogan

In Györ ist ja eine Besonderheit dieser Nachwuchs-Schacholympiade. dass ein Mädchen zum Team gehört, was dann aber nicht unbedingt spielen muss. Bei den Russen, die mit bisher fünf Siegen den Wettbewerb klar dominieren und bereits zwei Mannschaftspunkte Vorsprung haben, wird die zweifache Juniorenweltmeisterin U20 Alexandra Gorjatschkina sogar an Brett 1 eingesetzt – und die 16-jährige nimmt diese Herausforderung an!

 

Zur Halbzeit liegt das deutsche Team mit 7:3 Mannschaftszählern auf Platz 11, allerdings nur einen Punkt hinter dem Zweiten Iran. Die Chance auf eine Medaille ist durchaus real. Viel wird sicherlich davon abhängen, wie nach dem gestrigen „Freeday“ heute das Match gegen Ungarn II ausgeht. Alexander Donchenko ist dann allerdings nicht dabei und wird von Jan Christian Schröder am Spitzenbrett ersetzt werden – zwischen den beiden gibt es wegen „schulischer Verpflichtungen“ so zusagen einen „fliegenden Wechsel“. Hoch motiviert wird das Quartett, dass nun die nächsten fünf Runden ohne Auswechslung durchspielen muss, in jedem Fall sein, in dem Thore Perseke mit 4,5/5 [Ratingperformance 2622!] ein tolles Turnier spielt und Fiona Sieber, die alle zehn Partien absolvieren muss ,mit 3/5 mehr als eine zuverlässige Stütze ist.

 

Gern weise ich an dieser Stelle auch auf einen aktuellen Text-Bild-Beitrag meines Kollegen André Schulz von ChessBase hin [ https://de.chessbase.com/post/russland-in-gyoer-ueberlegen ].

 

Interessant finde ich auch die von Bernd Vökler in seinem schon erwähnten Artikel zusammengestellten Spielerdetails:

 

  • Alexander Donchenko aus Deutschland ist der Setzlistenerste
  • Alexandra Gorjatschkina aus Russland führt die Weltrangliste U16w an und dürfte als nächste auch bei den „Großen“ nach einer Olympiamedaille für Russland greifen
  • Der Weltranglistenerste U10 Nordirbek Abdusttorov aus Usbekistan wird bei der U16 eingesetzt. Die U16 Olympiade als Spielwiese für die ganz jungen Talente!
  • Dagegen wirkt Stamitis Kourkoulo-Arditis aus Griechenland wie Forrest Gump nach 5 Jahren Laufen etwas erwachsener.

 

Alle Einzelergebnisse, Teamaufstellungen, Tabellen sowie bisher 536 Partien finden Sie unter dem Link https://chess-results.com/tnr153962.aspx?lan=1. Und ebenso empfehle ich Ihnen selbstverständlich die Webseite des Veranstalters https://wyco2014.chess.hu/?lang=en .

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