Es bleibt bei Platz 11


Indien gewinnt die Jugend-Schacholympiade vor Russland und dem Iran – deutsches Team verfehlt TOP 10-Platzierung – Ein Abschlussbericht von RAYMUND STOLZE

 

Jan-Christian-Schroeder

Jan-Christian-Schroeder

Obwohl vor der zehnten und letzten Runde am Sonntag [21. Dezember] der Jugend-Schacholympiade U16 im ungarischen Györ mit den Teams aus dem Iran, Indien [jeweils 16:2-Mannschaftspunkte] und Russland [15:3] die drei Medaillenkandidaten feststanden, war doch Spannung pur angesagt. Jeder aus dem Trio hatte nämlich seine Chance auf den Olympiasieg. So durften die beiden Vertreter Asiens auf keinen Fall verlieren, denn bei einem Sieg der Russen wären diese der „lachende Dritte“ gewesen. Würden der Iran gegen Ungarn I und Indien gegen die Türkei Unentschieden spielen, dann hätte Russland selbst bei einem 4:0 gegen die Ukraine keine Chance auf Gold. Als zweite Wertung würde darüber nämlich die Brettpunkte entscheiden, und da sah es vor dem Finale wie folgt aus: Iran 28,5, der Setzranglistenerste Indien 23,5 und Russland 24,0. Indien wäre im Fall eines Sieges bei gleichzeitigen Unentschieden der Iraner auf Platz 1 gelandet.

 

Für unser deutsches Team waren spätestens nach dem 1,5:2,5-Niederlage gegen Russland tags zuvor alle Medaillenträume geplatzt. Aber ein TOP 10-Platz war in jedem Fall möglich, vorausgesetzt, die Favoriten würden jeweils ihre Matche gewinnen ein eigener Sieg gegen Israel zustande kommen. Soweit die Rechenspiele…

 

 

Was unsere Mannschaft anging, die ja die zweite Halbzeit an Brett 1 mit dem „eingeflogenen“ Jan Christian Schröder für Alexander Donchenko spielte, lief es zunächst „planmäßig“. Aber die 2:1-Führung – Jan Christian gewann seine Partie, und Thore Perseke und Ruben Vogel holten jeweils ein Remis – war trügerisch, denn leider wirkte sich bei Fiona Sieber doch ein Kräfteverschleiß aus, der insbesondere in der zweiten Partiehälfte zu einigen normalerweise vermeidbaren Fehlern führte. So verlor sie dann recht unglücklich auch gegen ihren Gegner Omar Kali, womit statt eines knappen Sieges nur ein 2:2 das Endergebnis war. Und dieser eine Mannschaftspunkt war dann halt leider zu wenig, um zumindest eine Platz unter den besten Zehn zu erreichen. Wie zur Halbzeit bleibt es bei Platz 11 mit 12:8-Mannschhaftspunkten [+5 =2 –3].

 

Wie hatte Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler doch auf der DSB-Seite in einem seiner Berichte aus Györ zurecht betont – und hier wiederhole ich mich: „Die neuesten Entwicklungen in Richtung DOSB und BMI legen nahe, dass eine Medaille bei genau dieser Veranstaltung effektiven Wert für den Deutschen Schachbund erlangen könnte. Nun erspielt sich die Medaille nicht von allein, aber durch Nichtantritt ist sie keinesfalls zu bekommen!“

 

Sicherlich wäre mit der Doppelspitze Alexander Donchenko, dem allerdings die schnelle Umstellung vom Katar Open [26. November bis 4. Dezember], wo er ausschließlich gegen Erwachsene spielte, auf Gegner in der Altersklasse U16 schwer fiel [2,5/5], und Jan Christian Schröder eine bessere Platzierung möglich gewesen, zumal das Trio Thore Persike, Roven Vogel und Fiona Sieber deshalb jeweils alle zehn Partien spielen musste.

 

„Leider war keine andere Lösung bedingt durch die deutsche Schulpflicht und die neue Sonderregelung des weiblichen Ersatzbrettes möglich“, so noch einmal Bernd Vökler.

 

Vor allem Jan-Christian beeindruckte jedoch bei seinen fünf Einsätzen mit 4,5/5 und einer Rating-Performance von 2671. Respekt habe ich auch vor der Leistung von Fiona Sieber [4,5/10], die zwar in den letzten beiden Partien unglücklich agierte, aber immerhin ein Elo-Plus von 45 Punkten aus Györ mit nach Hause nimmt. Und sicherlich dürfte diese Veranstaltung der 14-Jährigen vom ESV Rot-Weiß Göttingen, die 2010 bereits Fünfte bei den Jugend-Europameisterschaften in der Altersklasse U10 war, einen kräftigen Motivationsschub geben, denn sportliche Leistungen zählen für die Förderung in der Sportart Schach künftig mehr als bisher.

 

In meinem kürzlich geführten Kurzinterview „Drei Fragen an…“ mit Herbert Bastian [https://www.chess-international.de/Archive/31164#more-31164] hatte der DSB-Präsident auch darauf verwiesen: „ Bereits vor einem Jahr schrieb ich in meinen Gedanken zum Jahreswechsel:’… Künftig werden die Fördermittel durch das BMI zum Teil leistungsabhängig (also medaillenabhängig) sein, und zwar 50% der „Grundausstattung“ und 30% der „Personalmittel“. Das bedeutet, dass wir erhebliche Anstrengungen zur Steigerung der Leistungsfähigkeit unserer Spitzenspieler unternehmen müssen, wollen wir nicht von vornherein auf diese Fördermittel verzichten.

 

Im kommenden Jahr muss unser komplettes Ausbildungssystem auf den Prüfstand gestellt und nach Verbesserungsmöglichkeiten gesucht werden […]

 

Derzeit ist ein ’Runder Tisch Leistungssport’ geplant, den wir wegen der prekären Finanzsituation bisher nicht terminiert haben. Ich bin fest entschlossen, diese Thematik in 2015 noch vor dem nächsten DSB-Kongress anzupacken, wo ich mich erneut zur Wahl stellen werde. Wer zu spät kommt, den bestraft bekanntlich das Leben. Wenn wir die Zeichen der Zeit nicht erkennen, stehen wir schon bald wieder vor einer ähnlichen Situation wie im Mai, wenn sich nämlich herausstellen sollte, dass wir an veralteten Konzepten kleben und unsere Hausaufgaben als Sportorganisation im Bereich Leistungssport nicht erfüllen.“

 

Aus meiner Sicht müsste 2015, wo es keine Team-EM und Schacholympiade gibt, der Schwerpunkt eindeutig im Nachwuchsbereich liegen. Es fragt sich dabei, wie lange noch der bisherige Modus bei den Deutschen Jugendeinzelmeisterschaften, die laut Beschluss des Präsidiums der Deutschen Schachjugend [DSJ] im kommenden Jahr wieder in Willingen stattfinden werden, zeitgemäß ist. In der U14 bei den Jungen wie 2014 in Magdeburg mit 48 Teilnehmern zu spielen, hat meiner Meinung nach mit Leistungssport nur noch wenig zu tun. Ebenso sollte über die riesigen Teilnehmerfelder mit fast 100 Mädchen und Jungen in der U10 und U12 ernsthaft nachgedacht werden. Dass die DSJ diese Veranstaltung mustergültig organisiert, ist eben nur eine Seite der Medaille. Wenn wir uns dem internationalen Wettbewerb stellen wollen, dann verlangt das, sich mit klugen Konzepten unter den fraglos nicht idealen finanziellen Bedingungen zu stellen. Denn klar sollte auch sein, dass es uns im DSB in kürzester Zeit gelingen muss, sich dieser Herausforderung zu stellen, weil ansonsten die Förderung für den Leistungssportbereich im Schach völlig ausbleiben könnte!

 

Zurück zu meinen Rechenspielen zum Ausgang dieser Nachwuchs-Schacholympiade mit der Auflösung. Das Team aus dem Iran wurde durch eine 1,5:2,5-Niederlage gegen Ungarn I noch auf der Zielgeraden abgefangen und auf Rang 3 „durchgereicht“. Die Gastgeber, auf 5 gesetzt, konnten sich damit immerhin um einen Platz verbessern, obwohl man insgeheim ganz sicherlich doch mit einer Medaille gerechnet hatte. So aber war der Weg für Indien frei, und der Startranglistenerste nutzte seine Chance mit einem 3:1-Erfolg gegen die Türkei. Silber ging an die Russen, die mit der zweifachen Juniorenweltmeisterin Alexandra Gorjatschkina immerhin ein Mädchen an Brett 2 einsetzen, die mit 6/10 dieses Vertrauen rechtfertigte.

 

Alle Einzelergebnisse, Teamaufstellungen, Tabellen sowie bisher 967 Partien finden Sie unter dem Link https://chess-results.com/tnr153962.aspx?lan=1. Außerdem empfehle ich Ihnen selbstverständlich die Webseite des Veranstalters https://wyco2014.chess.hu/?lang=en .

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