Wijk aan Zee am Samstag


Anekdoten, Geschichten und ein bisschen Schach

 

Nick Schilder

Nick Schilder (by Alina I`Ami)

Mehrfach habe ich bereits festgestellt, dass man die Partien selbst fast besser zu Hause im Internet verfolgen kann. [Soweit habe ich diesen Beitrag vor Ort in Wijk aan Zee geschrieben, dann kam immer wieder was dazwischen … jetzt mache ich auf demselben Laptop an anderem Ort – wieder zu Hause – weiter]. Aber “vor Ort in Wijk aan Zee” (oder potentiell auch anderswo) livehat andere Vorteile – welche wird hoffentlich im weiteren Verlauf deutlich. Ich habe beschlossen, die Partien eher am Rande zu erwähnen, das kommt dann vielleicht im ‘normalen’ Zwischenbericht vor dem ersten Ruhetag. Stattdessen vor allem diverse Anekdoten. Ein Gast im Pressebereich meinte “auch das interessiert die Leser”. Den Namen verrate ich nicht, nur ein paar Hinweise: er hat ein paar (hundert) Elopunkte mehr auf seinem Konto als meinereiner, ist in anderer Funktion vor Ort, ziemlich gross gewachsen und Däne.

 

Was kann der Leser erwarten? Kurz zusammengefasst unter anderem: Welche Sprachen werden im Presseraum gesprochen? Wie berichten Massenmedien – damit meine ich nicht nur das norwegische Fernsehen – über das Turnier? Und ein kleines bisschen werde ich auch nicht über Politik schreiben. Das Ganze teils chronologisch, teils nach Themen geordnet.

 

Die Anreise am Samstag war weitgehend wie üblich, trotz Sturm fuhren öffentliche Verkehrsmittel. Nur beim Umsteigen in Beverwijk regnete es kräftig und blies der Wind auch noch aus der verkehrten Richtung – 200m vom Bahnhof zur Bushaltestelle sind dann 200m zu viel. Im Nachhinein hätte es gereicht, etwa zehn Minuten zu warten, aber dann hätte ich den Bus verpasst. Später erfuhr ich, dass einige per Auto angereiste Amateur-Teilnehmer auf der Autobahn

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vorübergehend Seitenstreifen und Tempo 0km/h wählten. Angekommen in Wijk aan Zee war es im Presseraum ziemlich voll, und es wurde vor allem Norwegisch gesprochen. Nicht dass ich diese Sprache beherrsche oder auch nur (aufgrund einiger aufgeschnappter Worte) sicher von Schwedisch oder Dänisch abgrenzen kann, aber es war sicher Norwegisch. Ich setzte mich an den einzigen noch freien Tisch, den ich mir dann mit Alina l’Ami teilte – das geht da wir beide ziemlich schlank sind.

 

Standard-Routine vor Ort ist: Laptop einschalten, Mail und ein paar Schachseiten ansehen und dann auf den Weg in den Turniersaal zum Rundenbeginn. Unterwegs wurde ich von Turnierdirektor Jeroen van den Berg mit den hierzulande üblichen Worten “Alles goed?” (Alles in Ordnung?) begrüsst. “Ja, bis auf die 200m in Beverwijk!”. Dann streckte mir jemand seine Hand entgegen – das Gesicht kannte ich irgendwoher, aber konnte es nicht richtig einordnen. Ich stellte mich vor, worauf er antwortete “Ich bin Nick” – da fiel der Groschen: Nick Schilder, Singer/Songwriter bzw. Schlagersänger. Man kann ihn vielleicht mit Helene Fischer vergleichen, nur dass diese eher die Nähe von Fussballern sucht und findet. Ob Frau Fischer – ausser zu PR-Zwecken – auch mal selbst gegen den Ball tritt ist mir nicht bekannt, Nick Schilder ist dagegen ein relativ starker und ehrgeiziger Amateur-Schachspieler. Hier und heute wurde er offizieller Botschafter des niederländischen Schachverbandes für diverse neue Aktivitäten.

 

Wie gesagt, nicht streng chronologisch – ich überspringe den Rundenbeginn [Nick Schilder schlug den traditionellen Gong zu Anfang] und komme direkt zu einer kleinen Pressekonferenz, die ich nur halb mitbekommen habe. Immerhin das: Nick Schilder spielt viel im Internet, oft bis tief in die Nacht – was seiner Freundin nicht unbedingt gefällt. Letztes Jahr war er bereits Ehrengast bei Tata Steel, auf die Frage “Wirst Du nun mit Schach in Verbindung gebracht?” “Ja, vielleicht schadet es eher. Wenn ich für Volendam am Brett spielte, wurde ich oft unterschätzt. Wer ein Lied wie ‘Rosanne’ komponiert, kann doch kein Schach spielen … .” Die Aktion in Wijk aan Zee war – soweit mir bekannt – eine Überraschung, aber beim Tata-Ausflug nach Rotterdam ist er offenbar wieder vor Ort. Vielleicht werden einige (weibliche) Fans vorübergehend Schachjournalist(inn)en um ihm persönlich zu begegnen? Auf meine Frage, in welcher Liga sein Verein spielt, hatte er zunächst keine genaue Antwort, ich (und offenbar auch er selbst, denn in einem späteren Interview wusste er Bescheid) schauten nach: Erste Klasse des Noord-Holländischen Schachbundes, da spiele ich auch – jedenfalls diese Saison, beide Vereine sind gerade aufgestiegen. Am Brett werde ich ihm aber nicht begegnen, da wir in der Nordgruppe 1A spielen und Volendam in der Südgruppe 1B. Noch ein chronologischer Sprung vorwärts: Tags darauf sprach ich die 21-jährige Anne Haast vor Beginn der Runde – vor kurzem spielte sie in Groningen gegen Elisabeth Paehtz, nun hat sie in der B-Gruppe zum Teil noch stärkere Gegner. “Gestern schauten alle möglichen Leute an meinem Brett vorbei: Nick Schilder, Carlsen, … .”

 

Giri und Pressechef Tom Bottema (Foto Heleen Vink)

Giri und Pressechef Tom Bottema (Foto Heleen Vink)

Zu Beginn der Runde drängelten sich die Fotografen vor allem um ein Brett, vergleichbares habe ich in Wijk aan Zee in all den Jahren nur einmal erlebt – Chessbase-Fotograf Joachim Schulze wusste sofort, was ich meinte: Kramnik-Topalov. Anish Giri ist ja Lokalmatador und hat sich in letzter Zeit stark verbessert, dennoch war das etwas übertrieben – vielleicht lag es auch an seinem Gegner Magnus Carlsen. Tags zuvor nannte Carlsen Giri in einem Interview einen Feigling: wenn er aus der Eröffnung nichts herausholt, macht er Remis. Giri nahm es hinterher eher locker, gab ihm vom Partieverlauf her recht (es wurde ein, abgesehen von der unkonventionellen Eröffnung, recht unspektakuläres Remis) aber hatte auch eigene Sprüche, z.B. auf die Frage “wann wirst Du kontern?” “ER muss kontern, ich habe gegen ihn einen Plusscore!”. In der Pressekonferenz hat er das etwas relativiert: jetzt wo sie wohl öfters gegeneinander spielen, ist seine erste Niederlage gegen Carlsen vielleicht eine Frage der Zeit. Als die beiden nach der Partie im Pressebereich erschienen, gab es sofort Interviews: Carlsen mit dem norwegischen Fernsehen – diverse Kollegen haben vermutlich wenig bis nichts verstanden, aber (wieder) fleissig fotografiert, Giri zunächst mit Evgeny Surov auf Russisch, dann mit Radio Noord Holland auf Niederländisch. Dann verschwand er zum Livekommentar von Yasser Seirawan, aber erfahrene Wijk-Berichterstatter (ein Jahr Erfahrung reicht) wissen, dass er öfters im Pressebereich auftaucht. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass es auch noch eine Pressekonferenz geben würde – dieses Jahr in Wijk aan Zee offenbar wieder täglich.

 

Zwischendurch ging ich nochmals in den Turniersaal und wurde dort von einer Dame angesprochen, die ich vom Sehen her kannte. Früher wohnte sie auf Texel und hat, wenn ich mich richtig erinnere, auch einmal in unserem Schachverein fotografiert. Inzwischen wohnt Heleen Vink aus privaten Gründen auf dem Festland und war für die Regionalzeitung Noord-Hollands Dagblad vor Ort. “Von Schach habe ich keine Ahnung, ich fotografiere nur. Du wirst die Partien wohl tiefgehend analysieren?” Naja, im Rahmen meiner Möglichkeiten … . Ich erwähnte die Pressekonferenz, sie hatte Interesse, wir haben an der Rezeption spontan eine Badge geregelt. Da hat sie dann fleissig … fotografiert. Diese Pressekonferenz gibt es hier auf Youtube bzw. auch eingebaut bei Chessbase. Die letzte Frage war meine: “Du wohnst in den Niederlanden, Dein Trainer Tukmakov ist Ukrainer. Wie arbeitet Ihr zusammen?” [jeweils auf Englisch ‘you’, aber auf Niederländisch duze ich Giri – hierzulande ziemlich üblich]. “Wir treffen uns im Olympischen Sportzentrum Papendal, da kann ich auch an meiner sportlichen Fitness arbeiten.” Papendal (bei Arnheim) war mir ein Begriff, als Sportzentrum für Leichtathleten. Um die Liste der Sprachen zu komplettieren: Mit Joachim Schulze spreche ich natürlich Deutsch. Noch hatte ich keine Gelegenheit, mit Vachier-Lagrave Französisch zu üben.

 

Die A-Gruppe hat dieses Jahr gar keine russischen Teilnehmer. Hier und dort im Internet (zuletzt auch von GM Tkachiev) wurde ein Zusammenhang mit MH17 suggeriert. Ich befragte zunächst Pressechef Tom Bottema: “Im B-Turnier spielen doch zwei Russen! Ich glaube nicht, dass Tata Steel mit Politik was am Hut hat. Aber das musst Du Jeroen van der Berg fragen …. .” Gesagt, getan, etwa eine Stunde später quasi identisch: “Im B-Turnier spielen doch zwei Russen! Ich bekam dazu bereits Kommentar und auch diverse Komplimente, aber das stimmt schlicht und einfach nicht.” “OK, ich werde das so aufschreiben – ob die Leser das glauben kann ich nicht garantieren.” “Die können denken was sie wollen … .”

 

Irgendwann meinten einige Leute im Presseraum “Heute wird wohl fast alles remis, das passiert manchmal in der ersten Runde.” Caruana hatte da gerade Ding Liren mit Schwarz besiegt, Vachier-Lagrave sollte kurz danach gegen Hou Yifan doch noch gewinnen, und plötzlich hatte auch Ivanchuk-Jobava Sieger und Verlierer – Jobava (im Partieverlauf eher am Drücker) wickelte in ein verlorenes Bauernendspiel ab und gab sofort auf. Ivanchuks sehr hörens- und (Gestik) sehenswerter Kommentar dazu ist in den chess24-Bericht eingebettet; Jobavas Reaktion bekommt der Schachticker vielleicht exklusiv. Der Zufall hilft mitunter: ich wollte eigentlich nur noch einmal in den Presseraum um Jacke und Laptop abzuholen und den heutigen Tag vor Ort zu beenden. Im Gang sah ich Jobava und noch zwei drei andere. Selten hörte ich jemanden so gut gelaunt fluchen: “Ich habe alles mögliche berechnet, aber Kc4 hatte ich gar nicht auf der Rechnung – fuck fuck fuck! [die drei letzten Worte kann ich nicht aus dem Englischen übersetzen]. Naja, das war die erste Runde, die vergeige ich meistens.” Dabei behielt er seine (fast) immer gute Laune, insofern hat Chessbase (auf Deutsch) unrecht mit [Foto vor der Runde] “Noch hat Baadur Jobava gut lachen.”. Aber kein Fotograf, und auch kein Reporter ohne Kamera, kann immer überall sein und alles mitbekommen und dokumentieren.

 

Drinnen wurde Ivanchuk gerade von Evgeny Surov auf Russisch befragt, und eine niederländische Reporterin fragte mich “Kann der auch Englisch?” “Ja, einigermassen …” “Ich will ihn nicht zur Partie befragen, sondern allgemein was für eine Rolle Schach in seinem Leben spielt. Lohnt sich das?” “Hängt von seiner Laune ab, wie hat er denn gespielt?” [Ich hatte kurz vergessen, dass Ivanchuk gegen Jobava spielte …]  “Er hat gewonnen.” “Dann ist es einen Versuch wert.” Ich packte zwischenzeitlich zusammen, und fragte hinterher wie es war. “Sein Englisch ist nicht so toll, aber sonst war es OK”. Leider weiss ich nicht, wie/wo das veröffentlicht wird oder wurde.

 

Das war’s für heute. Eigentlich wollte ich einen Kombi-Bericht zu Samstag und Sonntag “Wijk aan Zee am ersten Wochenende” schreiben, aber dieser ist bereits lang genug, es ist schon spät und morgen muss ich wieder normal arbeiten. Weitere Anekdoten (u.a. auch von/über Jobava) daher in einem separaten Bericht.

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