Am Ende entschied die Erfahrung für Baden-Baden


Vom Spitzenspiel der Frauen-Bundesliga zwischen Vizemeister OSG und Neuling SK Schwäbisch Hall bericht DR. THOMAS MARSCHNER

 

Der OSG Baden-Baden hat das Spitzenspiel in der Frauen-Bundesliga gegen Neuling SK Schwäbisch Hall nach spannendem Verlauf mit 4:2 für sich entschieden und steht dicht vor dem Gewinn der neunten deutschen Meistfrauenschacherschaft – einziger Stolperstein in den verbleibenden Runden könnte noch die Mannschaft aus Halle sein. Der große Respekt vor dem Aufsteiger aus Württemberg war daraus abzulesen, dass Baden-Baden in absoluter Topbesetzung antrat, darunter waren mit Anna Musitschuk und Victorija Cmilyte zwei Spielerinnen, die den Großmeistertitel der Männer innehaben und mit Maria Musitschuk eine weitere Spielerin mit einer Elozahl über 2500. Dazu kamen die Österreicherin Eva Moser, bisher Bundesliga Topscorerin mit 100%, Ekaterina Kovalevskaya und die erfahrene deutsche Nationalspielerin Ketino Kachiani-Gersinska.

 

Für Schwäbisch Hall trat an Brett 1 die frischgebackene georgische Meisterin Nino Batsiashvili an. Dahinter spielten mit Deimante Daulyte, Frankreichs Nummer 2 Sophie Milliet und Irina Bulmaga drei weitere Spielerinnen mit dem Männer IM-Titel sowie mit Iva Videnova und Karina Ambartsumova zwei Frauen-Großmeisterinnen. Insgesamt war Baden-Baden damit an allen Brettern ca. 100 Elopunkte überlegen. Gleichzeitig saßen für Schwäbisch Hall vier Spielerinnen am Brett, die schon im entscheidenden letzten Spiel den Bundesliga-Aufstieg in der vorigen Saison gegen Karlsruhe sichern halfen.

Bild1

 

Die Haller Mannschaft mit Kapitän Mario Meinel

 

Im zweiten Match des Tages trafen die Mannschaften aus Friedberg und Deizisau bei Stuttgart aufeinander.

 

Die Spiele fanden im Friedberger Ausweichspiellokal in der Mehrzweckhalle im Stadtteil Bruchbrücken statt, die viel Platz bot. Die Spielerinnen wurden mit Rosen am Brett sowie freiem Essen und Trinken für Spielerinnen und auch Zuschauer empfangen.

 

Bild2

 

Viel Platz im Turniersaal

 

In der Eröffnungsphase zeigte sich die gute Vorbereitung der Hallerinnen, die durch die Bank nach etwa zehn Zügen deutlich weniger Zeit als ihre Gegnerinnen verbraucht hatten. Dies kam auch dadurch zustande, dass die Schwäbisch Haller Aufstellung deutlich schwerer auszurechnen war als die Baden Badener, da bei Schwäbisch Hall alle gemeldeten Spielerinnen diese Saison schon zum Einsatz gekommen waren.

 

Die Partie an Brett 1 endete als erste. Nino Batsiashvili wählte gegen Anna Musitschuk mit Schwarz eine seltene gut vorbereitete Variante im Spanier, in der sie einen Bauern für eine etwas gedrückte Stellung gewann. Nachdem dann die Damen unter Rückgewinn des Bauern getauscht wurden, endete die Partie nach zwei Stunden Remis, was Schwäbisch Hall natürlich in die Karten spielte, da damit die Topspielerin des Gegners quasi „entschärft“ werden konnte. Interessant der Zeitverbrauch: am Ende waren es bei Nino nach ca. 25 Zügen nur etwa 30 Minuten, während ihre Gegnerin nur noch zehn Minuten bis zur Zeitkontrolle auf der Uhr hatte.

 

Bild3

 

Spitzenbrett Nino Batsiashvili vor ihrer Partie gegen Anna Musitschuk

 

Die nächste Partie, die endete, war die Partie an Brett 6 zwischen Karina Ambartsumova und Ketino Kachiani-Gersinska. Karina ließ sich mit Weiß auf den Marshall-Angriff ein, in dem Schwarz einen Bauern für starken Angriff opfert. Kachiani-Gersinska opferte im Folgenden noch einen Springer auf g2, und die Partie endete schließlich mit Remis durch Zugwiederholung, ganz korrekt war das Ganze aber wohl nicht. Karina fand nicht immer die besten Züge und hätte in Vorteil kommen können. In der Praxis sind solche Stellungen allerdings am Brett schwer zu spielen (die Engines wissen es dann halt doch immer besser), und auch Schwarz hatte in der Partie durchaus Gewinnchancen, hätte Weiß nicht die besten Verteidigungszüge gefunden, daher war das Remis für beide Seiten schon in Ordnung.

 

Bild4

 

Litauisches Duell: Daulyte – Cmilyte

 

Die restlichen Partien gingen über die volle Distanz. Im litauischen Duell Daulyte – Cmilyte bekam die Baden Badenerin starken Druck auf den rückständigen weißen c-Bauern, und es war abzusehen, dass der Hallerin eine schwierige Verteidigung bevorstand. Sophie Milliet hatte eine ausgeglichene Stellung gegen Maria Musitschuk mit beiderseitigen Chancen. Beim Übergang ins Endspiel übersah sie einen Einschlag auf f7, bzw. schätzte ihn falsch ein, der ihr ein schwierig zu verteidigendes Turm-Läuferendspiel bescherte. Iva Videnova hatte ebenfalls eine ausgeglichene Stellung mit Schwarz gegen Kovalevskaya erhalten. Hier war nicht zu sehen, wie eine der beiden Seiten Vorteil erhalten könnte. In dieser Partie rechnete eigentlich fast jeder zum Zeitpunkt der Zeitkontrolle nach vier Stunden mit einem Remis.

 

Die interessanteste und spannendste Partie, die den Kampf dann auch mehr oder weniger entschied, spielte Irina Bulmaga gegen Eva Moser. Schon in der Eröffnung brachte sie gegen die Philidor-Verteidigung mit Tg1 einen bisher selten gespielten Zug, der Eva Moser früh viel Zeit kostete. In der Folge spielten beide voll auf Angriff, und Irina opferte auf c6 einen Springer, der ihr drei Bauern und Angriff gegen den unrochierten König gab. Sie hätte anstelle des Opfers auch einfach einen Bauern gewinnen können, das Opfer war aber einfach zu verführerisch. Bei genauem Spiel hätte der Angriff wohl auch durchgeschlagen, Irina fand aber nicht immer den besten Zug. Das entstehende Endspiel mit beiderseitigen Freibauern verteidigte Eva Moser dann hervorragend: der Läufer konnte die weißen Bauern blockieren, und ein schwarzer Freibauer machte dann am Ende das Rennen, nachdem Irina am Ende noch einige Remischancen ausgelassen hatte.

 

Schon vorher konnte Daulyte dem Druck von Cmilyte nicht mehr standhalten, die das entstehende Damenendspiel mit Mehrbauer sicher gewann. Damit war die Vorentscheidung gefallen.

 

Sophie Milliet verlor dann auch ihr Endspiel gegen Maria Musitschuk, doch auch hier war das Turmendspiel eigentlich Remis, Sophie fand aber nicht die richtige Verteidigung.

 

Iva Videnova konnte dann relativ überraschend doch noch verkürzen, hier zahlte sich ihr Kampfgeist aus, in der ausgeglichenen Stellung eben kein Remis anzubieten: Es gelang ihr die Stellung zu öffnen und im Damenendspiel durch einen taktischen Trick den gegnerischen Freibauern zu gewinnen, ohne dass ihr eigener weit vorgerückter Freibauer verloren ging, obwohl beide Seiten nach über vier Stunden Spielzeit nicht immer die besten Züge fanden. Danach wickelte sie in ein gewonnenes Bauerendspiel ab, das sich ihre Gegnerin nicht mehr zeigen ließ. Für Iva war der Sieg umso wichtiger, da er sie bis auf zwei Elopunkte an die 2400er Marke heranbringt, die sie für den IM Titel der Männer noch erreichen muss. Die dafür erforderliche dritte Norm hat sie bereits im vergangenen Herbst erreicht, die fehlenden Elo Punkte konnte sie durch ihren zweiten Sieg am Sonntag verbuchen, sodass sie den IM Titel nun sicher hat.

 

Damit hieß es am Ende 4:2 für Vizemeister Baden-Baden, sicherlich wäre mit etwas Glück für Schwäbisch Hall mehr möglich gewesen, aber am Ende setzte sich die größere Erfahrung der Baden-Badener Spielerinnen knapp durch. Jetzt gilt es in den nächsten Runden Platz 2 oder 3 zu erreichen, dabei läuft es in der letzten Runde auf ein Finale um Platz 2 gegen Bad Königshofen heraus, vorausgesetzt die nächsten Runden werden siegreich gestaltet. Insgesamt spielt der Aufsteiger eine hervorragende erste Bundesliga-Saison, und es besteht die Hoffnung, in der kommenden Spielzeit vielleicht das Quäntchen Glück zu haben, dass es eventuell für ganz oben reicht.

 

Im Parallelspiel gewann Gastgeber Friedberg knapp mit 3,5:2,5 gegen Deizisau und machte damit den Klassenerhalt praktisch perfekt. Die überraschende Niederlage der grippegeschwächten Alisa Frey an Brett 6 gegen Marina Noppes, nachdem sie einfach zu viel Material für ihren Angriff ins Geschäft gesteckt hatte, machten Elena Levushkina, Adriana Nikolova und die Niederländerin Ioana Smaranda Padurariu wett, die Niederlage von Melanie Ohme am Spitzenbrett gegen Zoya Schleining im Duell zweier deutscher Nationalspielerinnen nach langem Kampf fiel damit nicht mehr ins Gewicht.

 

Bild5

 

Iva Videnova gewann beide Partien gegen Baden Baden und Deizisau

 

Am Sonntag bezwang Schwäbisch Hall hoch mit 6:0 Deizisau. Nachdem Sophie Milliet gegen Jungtalent Hanna Marie Klek und Iva Videnova gegen Ingrid Lauterbach, Deimante Daulyte gegen Vesna Misanovic und Karina Ambartsumova gegen Marina Noppes ihre Partien relativ ungefährdet gewannen, siegte auch Nino Batsiashvili gegen Zoya Schleining nach zwischendurch schwieriger Stellung. Irina Bulmaga hatte das Glück, was ihr am Vortag gefehlt hatte: ihre Gegnerin Vera Nebolsina konnte ihre vorteilhafte Stellung nicht verwerten, vergab dann noch eine allerdings schwer zu findende Remisvariante und verlor am Ende.

 

Bild6

 

Irina Bulmaga mit unglücklicher Niederlage und glücklichem Sieg

 

Im zweiten Spiel verzichtete Favorit Baden Baden auf die Musitschuk-Schwestern, die sich schon am Sonntag Morgen auf den Weg nach Gibraltar zum Open machten, dafür rückten Elina Sedina und Iamze Tammert in die Mannschaft, und gewann trotzdem hoch mit 5,5:0,5 gegen Friedberg, musste aber härter kämpfen als das deutliche Ergebnis vermuten lässt.

Print Friendly, PDF & Email