Der Mann, der aus dem Nichts auftauchte …


Außenseiter Jewgeni Najer hat beste Chancen auf den 16. EM-Titel in Jerusalem, während David Navara dazu viel Glück braucht – Eine Momentaufnahme von RAYMUND STOLZE

 

Evgeny Najer

Evgeny Najer

Der heutige Freitag ist von Sonnenuntergang am wie immer im Judentum ein Ruhetag, an dem keine Arbeit verrichtet werden darf. Demzufolge wurde die livevorletzte Runde der 16. Europameisterschaft in Jerusalem bereits für 11 Uhr angesetzt. Die traditionelle jüdische Sabbatfeier beginnt am Freitagabend zu Hause mit dem Sabbatsegen [Kiddusch] und einem Festmahl. Und da der Sabbat bis zum Eintritt der Dunkelheit am folgenden Samstag dauert, ist morgen [7. März] der zweite Ruhetag [Wer sich genau über die Rituale informieren will, der kann das in aller Kürze unter https://de.wikipedia.org/wiki/Sabbat ] tun.

 

Wenn ich jüdischen Glaubens wäre, so müsste ich mich mit meinen Beitrag über den Stand der Dinge bei diesen kontinentalen Titelkämpfen gehörig beeilen, denn wie gesagt, ab Sonnenuntergang ist Ruhe die erste Bürgerpflicht …

 

video_grossNun, vor der finalen Runde lohnt es sich schon, eine Bilanz zu ziehen. Aus deutscher Sicht ist da sowieso nicht viel zu sagen, denn neben einem ehrgeizigen Amateur-Quartett [Arkadius Georg Kalka, Sebastian Fischer – er vergräbt sich seit einigen Tagen in der Bibliothek von Yad Vashem in den Büchern und bessert dort sein Hebräisch – sowie Ralf Schnabel, der für den DSB fleißig lesenswerte touristische Berichte schreibt, und Lev Lukovski] ist mit Liviu Dieter Nisipeanu [1. August 1976 in Brasov] nur ein Nationalspieler am Start. Das sportliche Ziel unseres „Schachdeutschen“, der als gebürtiger Rumäne immerhin 2005 in Warschau schon einmal Europameister gewesen ist, dürfte bei seiner Reise nach Jerusalem natürlich einer der ersten 23 Plätze gewesen sein, die eine Eintrittskarte am zum Weltcup-Turnier in Baku [11. September bis 4. Oktober] sind. Und mit Startranglistenplatz 27 war das weiß Gott keine unerfüllbarer Traum.

Turnierseite Zeitplan (Minus 1 Stunde)

Alles lief, wenn auch alles andere als leicht [zu Beginn nur zwei zähe Unentschieden gegen Valerij Iovcov/Moldawien/Elo 2368 und Marco Vodenotti/Italien/2374], bis zum Mittwoch [4. März] doch eben planmäßig. Mit 6/9 war die Ausgangsposition für den dritten der DSB-Rangliste hinter Arkadij Naiditsch und Georg Meier durchaus optimistisch zu bewerten. Und tags darauf dann kam mit dem Russen Jewgeni Jurjewitsch Najer [Elo 2634] eine durchaus lösbare Aufgabe. Das Ergebnis ist bekannt: Der Mann, der aus dem Nichts kam, gewann nach nur 32 Zügen, was beim Exeuropameister wohl sichtlich Spuren hinterließ. Jedenfalls remisierte er heute nach nur acht Zügen gegen den deutlich schwächer einzuschätzenden Georgier Mikheil Mchedlishvili [Elo 2584]. So gesehen braucht es für den 38-Jährigen, der in der Bundesliga für OSG Baden-Baden aktiv ist, in der letzten Partie gegen den Israeli Pinchas Kantarij [Elo 2420] schon eine Energieleistung, um in Baku im Herbst vielleicht doch dabei sein zu können.

 

Was das Titelrennen angeht, so hat sich Außenseiter Naher [22. Juni 1977] durch einen weiteren Sieg gegen den bisherigen Spitzenreiter Anton Korobow aus der Ukraine mit 8/10 allein an die Spitze gesetzt. Die fünfte Teilnahme am Schach-Weltpokal nach 2005, 2007, 2009 und 2013 ist für den Moskauer in jedem Fall bereits sicher, wobei er das beste Ergebnis bei seiner Premiere vor zehn Jahren mit dem Einzug in Runde 3 erreichte. Auch seine beste Position in der FIDE-Weltrangliste liegt mit Platz 27 im Juli 2006 fast ebenso lange zurück.

 

Von den sieben ehemaligen Europameistern – neben Nisipeanu sind das Emil Sutovsky [2001 Ohrid], Zdenko Kozul [2006 Kusadasi], Jan Nepomjaschtschi [2009 Budva], Wladimir Potkin [2011 Aix-les-Bains], Alexander Moiseenko [1013 Legnica] und Alexander Motyljow [2014 Jerewan] sind nur noch „Nepo“ und Alexander im Rennen um die Medaillen. Der Russe hatte ebenfalls in der „ Schicksalsrunde 9“ eine Niederlage quittieren müssen, allerdings gegen den Tschechen David Navara, der die Setzrangliste bei dieser EM mit Elo 2735 anführt. Mit einem Sieg gegen seinen Landsmann Ivan Popow hatte Ian den Ausrutscher ausbügeln können, zumal er Weiß hatte. Doch es klappte nicht, und so bleibt er bei 7/10 stehen, ebenso wie Motyljow.

 

Hoffnungen, sich vielleicht doch die Krone des Europameisters aufzusetzen, bleibt allerdings David Navara [27. März 1985], obwohl er aus eigener Kraft es nicht mehr packen kann. Der unmittelbaren Verfolger von Jewgeni Naher liegt mit 7,5/10 liegt nur einen halben Punkt hinter dem Spitzenreiter, von dem er sich in der vierten Runde remis getrennt hatte. Gewinnt David seine Partie gegen Iwan Tscheparinow – der Bulgare war einmal Sekundant von FIDE-Exweltmeister Wesselin Topalow – und verliert gleichzeitig der Russe gegen seinen Landsmann Denis Chismatullin [28. Dezember 1984], der ebenfalls 7,5/10 auf seinem Konto hat, so wäre Tschechiens Nummer 1 tatsächlich auf der Zielgeraden noch der 16. Champion des alten Kontinents. Es würde auch klappen, wenn die beiden Russen sich remis trennen und Navara den starken Bulgaren bezwingen kann. Bei Punktgleichheit ist nämlich als erste Wertung der Elodurchschnitt der Gegner entscheidend. Hier kommen Naher aktuell auf 2634, Navara liegt bei 2639 und Chismatullin nur bei 2537. Bei dieser Konstellation wäre in jedem Fall David Navara der Mann mit dem nötigen Glück. Aber das alles sind natürlich Zahlenspiele – und Schach ist doch am Ende verdammt real.

 

Spannend bleibt es jedoch bis zur Entscheidung am Sonntag allemal. Und vielleicht kann sich dann Liviu Dieter noch durch einen „Tigersprung“von Platz 34 aus der 24 Mann starken Gruppe mit je 6,5/10 eines der 23 auf Weltcup-Tickets sichern. Machbar ist das für ihn sicherlich, und natürlich wünschen wäre es ihm auf alle Fälle!

 

Alle Runde- und Einzelergebnisse der 250 Teilnehmer aus 33 europäischen Ländern sowie derzeit 870 EM-Partien zum Download finden sie unter dem Link   https://www.chess-results.com/tnr157274.aspx?lan=-1 . Live können Sie die letzte Runde sowohl bei https://www.chessbomb.com/arena/2015-eicc als auch auf der offiziellen Homepage des Veranstalters https://www.eicc2015.com/   verfolgen.

 

Foto: „EvgenyNajer11“ von Stefan64 – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:EvgenyNajer11.jpg#mediaviewer/File:EvgenyNajer11.jpg

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