Sternstunde für einen Außenseiter


Jewgeni Jurjewitsch Najer mit Emil Sutovsky. Foto: Emil Sutovsky

Jewgeni Jurjewitsch Najer mit Emil Sutovsky. Foto: Emil Sutovsky

Der Russe Jewgeni Jurjewitsch Najer gewinnt mit 37 Jahren in Jerusalem völlig überraschend den Europameistertitel – Ein Abschlussbeitrag von RAYMUND STOLZE

 

Es ist schon seit der Premiere der Europameisterschaften im Jahr 2000 in Saint-Vincent so: Wenn die Großmeister der Schachnation Nummer 1 kommen, dann mit Macht. So haben die Russen seit 2009 in Budva mit Jewgeni Tomascheweski, Jan Nepomnjaschtschi, Wladimir Potkin, Dimitri Jakowenko und zuletzt in Jerewan 2014 mit Alexander Motyljow fünf von sechs Europameistern gestellt. Lediglich der Ukrainer Alexander Moissenko konnte 2013 im polnischen Legnica dieses Serie durchbrechen. Und selbstverständlich stellten sie mit Pawel Tregubow den ersten Titelträger.

 

Nvideo_grossun also gab es in Jerusalem bei der 16. Auflage erneut einen Triumph für Russland. Allerdings hätte wohl kaum jemand auch nur einen Euro auf Jewgeni Jurjewitsch Najer [22. Juni 1977] gesetzt. Der inzwischen 37-Jährige schien doch den Zenit seiner sportlichen Karriere hinter sich zu haben. Seine beste FIDE-Weltranglistenposition war der 27. Platz im Juli 2006. Gut Zwei Jahre später hatte er im Oktober 2008 mit Elo 2682 Punkten seinen persönlichen Elo-Gipfel auch erreicht. Mit aktuell 2632 rangierte der einstige Bundesliga-Spieler des SV Wattenscheid [von 2007 bis 2014] gerade einmal in der EM-Setzliste unter den 250 Teilnehmern aus 33 Nationen auf Platz 37. Sicher, Jewgeni hatte sich zwischen 2005 und 2013 viermal für den Weltcup qualifiziert, ohne aber dabei besonders aufzufallen.

Turnierseite Partien

Aber vielleicht war ja gerade eine solche Außeneiterrolle für ihn, der immerhin einmal russischer Jugendmeister U20 gewesen war, die große Chance, es allen Kritikern es noch einmal beweisen zu können, wozu er fähig sein kann?!

 

Ein Vorteil war in der elften und damit finalen Runde fraglos der Umstand, dass Jewgeni aus eigener Kraft sich den Titel holen konnte. Mit einem halben Punkt Vorsprung vor dem Tschechen David Navara, der auf den starken Bulgaren Ivan Tscheparinow traf, hatte er es gegen seinen Landsmann Denis Chismatullin aus eigener Kraft drin, die Entscheidung herbeizuführen. Das gibt Selbstbewusstsein und verleiht Flügel. Während der Tscheche sich zwar gegen den ehemaligen Sekundanten von FIDE-Exweltmeister Wesselin Topalow redlich mühte, aber eben vergeblich, mehr als ein Remis zu erreichen, legte der neuen Europameister mit Schwarz seine Partie nach verhaltendem Beginn – eine dreimalige Zugwiederholung war möglich – im weiteren Verlauf keineswegs friedlich an. In der Schlussstellung nach 28.Da2 stand er dann deutlich besser, wie Sie sehen können.

 

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Da bei Navara nichts mehr ging, konnte er es sich also hier leisten, seinem Gegner, der nur noch knapp fünf Minuten für zwölf Züge hatte, großzügig einen halben Punkt zu schenken, denn der wäre nach 28… Dxa2+ 29.Txa2 exd4 gehörig ins Schwitzen gekommen. Es reichte halt, weil kein Risiko mehr nötig war! 8,5/11 ist doch auch ein sehr gutes Ergebnis, was ihm, der seit dem Tod seines langjährigen Trainers Alexander Bodisko ohne einen Coach auskommt, kaum jemand zugetraut hat.

 

EM-Gold und dazu die Weltcup-Qualifikation sind eine erstklassige Bewerbung für ein Bundesliga-Team, um vielleicht 2015/16 wieder in der Beletage des deutschen Schachs zu spielen. Fragt sich nur, wie hoch die finanziellen Forderungen des Russen sein werden. Das er ein wichtiger Mannschaftsspieler im „Oberhaus“ sein kann, hat er hinreichend in Wattenscheid nachgewiesen.

 

Auch die Vizeeuropameister aus Prag ist längst eine feste Größe in der Ersten Liga, obwohl David Navarra in der laufenden Saison lediglich vier Partien [+2 =2 –0] für den SV Mülheim Nord 1931 absolviert hat. Aber es könnten ja noch einmal genauso so viele dazu kommen!

 

Hinter dem Setzranglistenersten sicherte sich mit ebenfalls 8/11 der Polen Mateusz Bartel – der ist im Bundeslia-Team von Aufsteiger USV TU Dresden eine feste Größe – Bronze, denn er hatte gegenüber Chesmatullin mit 2600:2547 die deutlich bessere Wertung beim Gegner-Durchschnitt.

 

Von den ehemaligen Europameistern, die in Israel an den Start gingen, war in der Schlusstabelle Alexander Moissenko auf Platz 12 ihr bester Mann. Einer der glücklichsten von den „glorreichen Sieben“ war aber sicherlich Liviu Dieter Nisipeanu. Mit einer Punktlandung auf Platz 23 [7,5/11, Elo-Gegner-Durchschnitt 2540] sicherte sich unser „Schachdeutscher“ das letzte Ticket für den Weltcup im Frühherbst in Baku. Wen interessiert es hinterher, wie Liviu Dieter das geschafft hat? Was zählt ist “Ende gut, alles gut” – und so gratuliert das Schach-Ticker-Team von Herzen!

 

Und dann fand noch eine junge Dame meine Aufmerksamkeit: Alexandra Gorjatschkina [28. September 1998], die zweifache Junioren-Weltmeisterin [2013 und 2014] ist. In Jerusalem kam sie auf gute 6,5/11, was Rang 68 bedeutet. Diese EM-Tage mit elf Partien waren sicherlich für die junge Russin eine willkommene Generalprobe für die K.o.-Weltmeisterschaft der Frauen in Sotschi, bei der die 16-jährige Schülerin dabei sein wird. Mal sehen, zu welcher Leistungssteigerung „Alex“ da fähig sein wird …

 

Alle Rundenergebnisse, den Endstand, eine Übersicht zu allen Teilnehmern nach Nationen geordnet sowie mehr als 1200 Partien zum Downloaden bietet Ihnen https://www.chess-results.com/tnr157274.aspx?lan=-1. Na dann ziehen Sie einmal in aller Ruhe Ihr ganz persönliches EM-Fazit!

 

 

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Veröffentlicht unter EM |