Neuling im ersten Anlauf gleich Vizemeister


Aufsteiger Schwäbisch Hall bezwingt Titelverteidiger Bad Königshofen und holt Silber – Ein Text-Bildbericht von DR. THOMAS MARSCHNER

 

Zur letzten Doppelrunde der Frauen-Bundesliga in Friedberfrauenschachg traten die gastgebenden Burgfräuleins und Reisepartner Schwäbisch Hall gegen die Rodewischer Schachmiezen und Vorjahresmeister SC Bad Königshofen an. Während es für Friedberg und Rodewisch nur noch um die Plätze ging, kämpften Aufsteiger Schwäbisch Hall und Bad Königshofen noch um die Vizemeisterschaft.

 

Am Samstag trafen beide zunächst im Fernduell gegen Friedberg bzw. Rodewisch an, und es gab jeweils ein überraschendes 3:3-Unentschieden. Dadurch war zum Einen klar, dass Schwäbisch Hall am Sonntag gegen Bad Königshofen gewinnen musste, um noch Vizemeister zu werden, da der Titelverteidiger um die Winzigkeit eines halben Brettpunkts vorne lag. Zum Anderen stand durch die Punktverluste des Verfolger-Duos Baden-Baden nach dem 4:2-Sieg gegen den USV Volksbank Halle Halle vorzeitig zum neunten Mal als deutscher Meister fest, woran vor der letzten Doppelrunde aber kaum noch jemand gezweifelt hatte.

 

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Die Haller Mannschaft vor der Begegnung gegen Rodewisch

 

Die beiden Unentschieden waren deshalb noch überraschender, da Rodewisch und Friedberg jeweils nur zu fünft antraten, da es bei beiden Mannschaften zu Problemen bei der Anreise gekommen war: Die Friedbergerin Smaranda Padurariu kam nur wenige Minuten nach der Karenzzeit in Friedberg an, nachdem ihr Zug aus den Niederlanden ausgefallen war und sie mit dem Auto abgeholt wurde, der Fahrer aber bei Mönchengladbach im Stau hängen geblieben war. Ihre Gegnerin Maria Schöne hätte gerne gespielt, da sie noch die Chance auf eine WGM Norm hatte und dafür 9 Partien brauchte. Allerdings konnte der Schiedsrichter schlecht gegen die Regeln verstoßen, man hatte die Uhren sogar erst einige Minuten nach 14:00 angestellt. Zum Verlauf dieser Begegnung komme ich später.

 

Bei Rodewisch fehlte die Ungarin Anna Rudolph, die ihren Flug aus Madrid verpasst hatte. Dadurch kam Irina Bulmaga für Schwäbisch Hall zu einem kampflosen Punkt.

 

Insgesamt war die letzte Doppelrunde der Frauen-Bundesliga von einigen Anreiseproblemen geprägt, auch in Halle hatte es eine Spielerin aufgrund von Problemen mit der deutschen Bahn nicht rechtzeitig zum Spielort geschafft.

 

Am Brett zeigten die übrigen Rodewischer Schachmiezen, deren Vereinsmotto ist „Mit Freunden zärtlich Schnurren“ von Anfang an eher ein energisches Fauchen. Schon nach zwei Stunden sorgte Martina Korenova durch ihren Sieg gegen Deimante Daulyte nach nur 18 Zügen für den Ausgleich. Sie wählte den altehrwürdigen Möller-Angriff in der Italienischen Partie, der schon 1620 von Gioacchino Greco, dem Erfinder eben dieser Eröffnung, gespielt wurde. Deimante war in der Theorie der sehr forciert verlaufenden Variante nicht auf der Höhe und verlor schnell. Danach endete die Partie von Jana Zpevakova [Tschechien] gegen das Wolga- Gambit ihrer Landsfrau Alena Kubikova remis, Jana hatte zwar am Ende einen Bauern weniger, doch das Endspiel war wegen der schlechteren schwarzen Bauernstruktur tot remis.

 

Die letzten drei Partien gingen über die volle Distanz. Exeuropameisterin Ekaterina Atalik spielte eine Modellpartie gegen einen rückständigen schwarzen c-Bauern. Sie übte Druck aus, schaffte dann am schwarzen Königsflügel nach langem Lavieren eine zweite Schwäche und nutzte diese aus, am Ende konnte ihre Gegnerin Julia Kochetkova Matt oder Materialverlust nicht mehr verhindern. Danach gab Karina Ambartsumova ihre Partie remis, nachdem für sie aufgrund der genauen Verteidigung ihrer Gegnerin Claudia Steinbacher kein Durchkommen mehr war.

 

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Gemeinsame Analyse der Partie Steinbacher-Ambartsumova

 

Damit war die letzte Partie die von Alina Kaschlinskaja am Spitzenbrett gegen ihrer russischen Landsfrau Anastasia Bodnaruk. Alina spielte mit Schwarz in einem Spanier offensiv, opferte einen Bauern und eine Qualität. Am Ende bekam sie beides zurück und hatte immer noch das bessere Endspiel mit Turm und ungleichfarbigen Läufern. Doch als Ekaterina gewonnen hatte, überzog sie ihre Stellung, übersah einen schönen taktischen Trick, der sie den Läufer und die Partiekostete. Damit war der 3:3 Endstand perfekt.

 

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Momentaufnahme von der letzten Partie Bodnaruk-Kaschlinskaja, die Schachmiezen von den Schachmiezen gewonnen wurde, womit sie zum 3:3 ausglichen

 

Die ebenfalls favorisierten Bad Königshofenerinnen kamen in der Parallelbegegnung gegen Friedberg auch nicht über ein 3:3 hinaus. Herausragend dabei die Friedberger Spitzenbretter: Melanie Ohme hielt mit Schwarz ein Remis gegen die starke Ungarin mit chinesischen Wurzeln Thanh Trang Hoang, und Elena Levushkina besiegte die deutsche Nummer 1 Elisabeth Pähtz.

 

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Eröffnungszug in der Partie Levushkina-Pähtz, die die Friedbergerin überraschend gewann

 

Für den verdienten Ausgleich sorgte am Ende Alisa Frey an Brett 6 gegen Jana Schneider.

 

Erfreulich war die relativ hohe Zuschauerzahl insbesondere im Vergleich zum letzten Spiel in Friedberg im Januar. Dies lag sicher daran, dass Hessinnen dieses Mal im eigenen Spiellokal Gastgeber waren, seinerzeit musste man in einen etwas abgelegenen Vorort ausweichen.

 

In der letzten Runde kam es dann zum Showdown zwischen Schwäbisch Hall und Bad Königshofen um Platz 2 in der Abschlusstabelle.

 

Bad Königshofen trat mit derselben Mannschaft wie am Vortag an. Bei Schwäbisch Hall spielte sicher für den Gegner überraschend anstelle von Jana Zpevakova am 6. Brett Petra Papp, die in der Vorsaison auch schon mehrfach erfolgreich bei den Haller Herren in der 2. Bundesliga eingesetzt wurde. An den ersten drei Brettern war eher Bad Königshofen favorisiert, an den hinteren drei Brettern die Hallerinnen.

 

Als erstes endete die Partie von Karina Ambartsumova gegen Julia Gromova kurz vor der Zeitkontrolle remis. Karina hatte die ganze Partie über Vorteil und konnte auch einen Bauern gewinnen, dies reichte aber nicht zum Sieg, und insbesondere aufgrund ihrer schlechter Zeit endete die Partie remis. Karina, die in allen Spielen zum Einsatz kam, war damit erfolgreichste Spielerin Schwäbisch Halls und auch insgesamt eine der besten Spielerinnen der diesjährigen Bundesliga-Saison, mit 8/11 Punkten blieb sie ungeschlagen.

 

Petra Papp brachte die Kocherstädterinnen durch einen schön herausgespielten Schwarzsieg gegen Jana Schneider in Führung. Irina Bulmaga baute die Führung aus, es gelang ihr, der Bad Königshofener Topscorerin Maria Schöne, die bisher alle Partien gewonnen hatte, die einzige Saison-Niederlage beizubringen. In schon verlorener aber noch schwieriger Stellung beging Maria Schöne in großer Zeitnot einen groben Fehler, der sie sofort die Partie kostete.

 

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Petra Papp spielte überraschend am Sonntag anstelle von Jana Zpevakova

 

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Irina Bulmaga fügte Maria Schöne die einzige Saisonniederlage zu

 

Bad Königshofen verkürzte durch Elisabeth Pähtz an Brett 2, die gegen Ekaterina Atalik gewinnen konnte, die lange eine völlig passive Stellung zusammen hielt, weil auch Elisabeth nicht immer die besten Züge fand. Am Ende war die Partie aber doch nicht mehr zu retten.

 

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Deimante Daulyte entschied die Begegnung gegen Anastasija Sawina

 

Für die Entscheidung sorgte mit Deimante Daulyte ausgerechnet die Spielerin, die am Vortag nach ihrer schnellen Niederlage in einer Variante, in der die Gegnerin nur zwei oder drei eigene Züge gemacht hatte, noch völlig enttäuscht war. Da sieht man wieder einmal, wie schnell sich auch im Schach das Blatt wenden kann. Deimante überspielte souverän Anastasija Sawina und sorgte damit für den Mannschaftssieg. Auch für Anastasija Sawina war es wie schon für Maria Schöne die erste Saisonniederlage. Trotz ihrer Niederlagen in der Schlussrunde gewannen aber beide Bad Königshofener Spielerinnen die vom Schach-Ticker ausgelobten Preise als beste Spielerinnen der Bundesligasaison 2014/2015.

 

Am Spitzenbrett wehrte sich Alina Kaschlinskaja noch lange gegen die drohende Niederlage gegen die Thanh Trang Hoang, nachdem sie eine Qualität gegen musste. Die Ungarin gab die Qualität zurück und wickelte in ein besseres Turmendspiel ab, das sie am Ende trotz härtester Gegenwehr gewinnen konnte.

 

Damit ist Schwäbisch Hall Vizemeister hinter dem souveränen deutschen Meister aus Baden Baden, ein Erfolg mit dem nach dem Aufstieg sicher keiner gerechnet hätte.

 

Im Parallelspiel brachten es die Rodewischer Schachmiezen das Kunststück fertig, in Unterzahl mit fünf Spielerinnen nach dem Unentschieden gegen Schwäbisch Hall am Vortag gegen Friedberg sogar zu gewinnen. Den Sieg sicherte am Spitzenbrett Anastasia Bodnaruk, die auch ihr zweites Spiel am Wochenende gewann, diesmal gegen die deutsche Nationalspielerin Melanie Ohme. Allerdings hatte Rodewisch in einigen Partien das Glück des Tüchtigen, zum Beispiel verlor Anna Iwanow noch eine deutlich bessere Stellung gegen Claudia Steinbacher, die damit an diesem Wochenende gegen deutlich stärkere Gegnerschaft 1,5 Punkte holte. Außerdem verlor Alisa Frey ihre Partie gegen die Tschechin Alena Kubikova nach einem aussichtsreichen Bauernopfer, für das sie starken Angriff erhielt, am Ende. Den einzigen Sieg für Friedberg schaffte mit der Niederländerin Smaranda Padurariu ausgerechnet die Spielerin, die am Vortag so große Probleme mit der Anreise gehabt hatte.

 

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Smaranda Padurariu gewann am Sonntag als einzige für Friedberg gegen Rodewisch

 

Damit kam Rodewisch in der Abschlusstabelle der Bundesliga noch auf einen vor dem Wochenende kaum erwarteten 5. Platz, während für die Friedbergerinnen, die im Vorjahr Dritter waren, Rang 8 blieb.

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