Gashimov Memorial vor dem Ruhetag


Carlsen kann sich bei Anand bedanken

 

– viAnand-Carlsenelleicht, dass Vishy ihn im direkten Duell verschont hat, in jedem Fall dafür, dass Anand Carlsens direkten Konkurrenten besiegte. Wer gemeint ist, da muss sich der Leser noch ein kleilivenes bisschen gedulden. Carlsen kann sich auch bei zwei anderen Spielern bedanken, dazu komme ich im Laufe dieses Berichtes. Zunächst gebe ich, wie immer, den Stand vor dem Ruhetag: Carlsen 4/5, So 3.5, Anand 3, Kramnik und Mamedyarov 2.5, Giri, Vachier-Lagrave, Caruana und Mamedov 2, Adams 1.5. Später kommt, zum Teil schon ein bisschen angedeutet, wie dieser entstand.

 

Beim Titelbild (Fotoquelle Turnierseite) mache ich es wie Chessbase – die zeigen heute auf der deutschen Seite Carlsen, und für das englischsprachige Publikum Anand. Da ich nur auf Deutsch schreibe und Fotos meistens eher sparsam verwende und da immer zwei Spieler an einer Partie beteiligt sind, bringe ich beide zusammen. Wenn man das Bild vergrössert, erkennt der eine oder die andere vielleicht auch, welche Eröffnung aufs Brett kam, der Rest muss dafür

 

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Runde 1: Gleich zu Anfang trafen Anand und Carlsen aufeinander. Carlsen hatte Schwarz und entschied sich im Spanier für die “Remis geht in Ordnung” – Variante. Offiziell heisst diese Marshall-Gambit. Früher wollte Schwarz damit auf Königsangriff spielen, inzwischen gilt es – jedenfalls auf höchstem Niveau – als Remiswaffe: Weiss behält oft seinen Mehrbauern, kann diesen aber dann nicht verwerten. So war es am Ende auch in dieser Partie, die aber nicht ganz nach bekannten Mustern verlief. Carlsen brachte die Neuerung 14.-Lg6, Anand tauchte gut eine halbe Stunde ab (das Foto entstand zu Anfang, da beide diesen Zug notieren) und wollte dann den Mehrbauern zurückgeben für womöglich leichten positionellen Vorteil. Carlsen verzichtete mit 19.-Dd7? auf den sofortigen Bauernrückgewinn – dabei hatte er ein taktisches Detail übersehen und aufgeschoben wurde aufgehoben. Die typische Kompensation (z.B. Läuferpaar) hatte er nicht, allerdings war die Stellung bereits ziemlich vereinfacht. Vielleicht verpasste Anand den möglichen Gewinn – das mögen andere beurteilen die es zum Teil bereits taten und einige Momente erwähnten.

 

So (“so”) standen zunächst andere im Rampenlicht. Wesley So besiegte Anish Giri – der erste Sieg im siebten Anlauf, davor hatte er 50% (=3-3). Giri spielte die Eröffnung wohl zu kreativ: 1.c4 g6 2.e4 e5!? ist sicher noch OK, aber dann gehört der schwarzfeldrige Läufer nach g7 – da landete er irgendwann auch, auf der Route Lf8-b4-e7-d6-f8-g7. 12 Züge waren gespielt, als nächstes kam 13.-Lf6 und der Läufer wurde abgetauscht. Im Gegenzug verzichtete Weiss auf die Rochade, da er 5.-Lb4 Schach mit 6.Kf1 beantwortete – das war allerdings kein Problem, da der Königsturm auf der später offenen h-Linie eine Aufgabe fand.

 

Kramnik-Adams war dagegen Theorie, und zwar Katalanisch. Kramnik hatte einen Plan und konnte diesen umsetzen – 1-0. Hinterher war er in der Pressekonferenz, zumindest für seine Verhältnisse (oft wird ihm zuviel Optimismus unterstellt), ungewöhnlich bescheiden – ein Leitmotiv war “das ist wohl objektiv remis”. Aber Adams leistete sich ein paar Ungenauigkeiten, am Ende (mindestens) eine zu viel.

 

Auch eine andere Remispartie war durchaus interessant: Mamedyarov-Caruana war Grünfeld, aber keine etablierte Theorie – daher brauchten beide schon für die ersten sieben Züge über eine halbe Stunde. Caruana kam ins Schwitzen und opferte später einen Läufer für einige Bauern, das konnte er dann remis halten. Mamedov – Vachier-Lagrave war remis nach dem Motto: Weiss (der nach Elo klar unterlegene Spieler) will nur remis, Schwarz findet dagegen kein Mittel.

 

Runde 2: Die Remispartien waren durchgehend etwa ausgeglichen und nicht allzu gehaltvoll, nur bei Kramnik-So scheiden sich die Geister etwas: Einige schrieben, dass Kramniks betont ruhige Methode zu ruhig war und dass So keinerlei Probleme hatte. Andere sagten, dass da durchaus eine Prise Gift dahinter steckte und dass So sich sehr genau verteidigen musste. Wie dem auch sei, diese Prüfung (seine erste Partie gegen Kramnik) bestand er. Dann war da noch Carlsen-Mamedyarov 1-0 – Mamedyarov war, wie letztes Jahr, ein guter Gastgeber, aber warum eigentlich nur für Carlsen? Beim Gashimov Memorial 2014 (damals wurde doppelrundig gespielt) stellte er mit Schwarz einen Läufer ins Abseits, und brachte mit Weiss nach fünf Zügen ein dubioses Bauernopfer – Carlsen gewann zweimal. Diesmal spielte er die solide-passive Schlechter-Variante, die eigentlich nicht zu seinem Stil passt. Dann kam 10.-Se4? – im höheren Sinne auch ein Bauernopfer: der schwarze doppelte e-Bauer war wertlos, der weisse Kollege auf der d-Linie hatte freie Bahn, wurde auf d6 installiert und spaltete das schwarze Lager. Carlsen-Mamedyarov 1-0, Shamkir 2015 erinnerte an Carlsen-Mamedyarov 1-0, Shamkir 2014: die weisse Gewinnführung war schön anzusehen und ein Spiel auf ein Tor, Schwarz war dabei recht kooperativ. Einige beurteilten 10.-Se4 mit “?!” – das kann ich nicht nachvollziehen: ?! (zweifelhaft) bedeutet, dass eine Idee dahinter steckt die nicht funktioniert, dass der Zug neben Nachteilen auch Vorteile hat, dass die Stellung zumindest zweischneidig wird, alles nicht der Fall. In der Pressekonferenz verurteilten beide 10.-Se4 und erwähnten die verbleibenden 19 Züge gar nicht. Mamedyarov sagte sinngemäss “natürlich kann man gegen Carlsen verlieren, aber nicht so”.

 

Runde 3 hatte wieder zwei Sieger und zwei Verlierer. So-Adams 1-0: In ausgeglichen-komplizierter Stellung schaute Adams mit 26.-Da5? zum Damenflügel – und sofort war die Stellung vielleicht noch kompliziert, aber nicht mehr ausgeglichen: Weiss drückte entscheidend am Königsflügel. Zeit für ein Foto (Quelle Turnierseite) des gut gelaunten Neu-Amerikaners:

Wesley So2

 

Caruana-Carlsen 0-1 war lange sehr ausgeglichen: Caruana erreichte nichts gegen Carlsens Stonewall; aufs Brett kam ein Endspiel, das selbst Carlsen als unvermeidlich remis beurteilte. Caruana schaffte es, dieses Endspiel zu verlieren. Letztes Jahr war neben Mamedyarov auch Nakamura Punktelieferant für Carlsen – nun wurde er von Caruana ersetzt, was war los mit Caruana? Man kann es natürlich auch so sehen wie Kollege Johannes Fischer für Chessbase: “Bauernverlust konnte Caruana zwar vermeiden, ein schlechteres Endspiel nicht. In diesem Endspiel zeigte Carlsen seine ganze Klasse und stellte Caruana immer wieder vor Probleme. Die konnte der Italiener mit knapper werdender Zeit nicht lösen und Carlsen kam zu seinem zweiten Sieg in Folge.” Laut FM Fischer war das Endspiel von Anfang an schlechter für Weiss, laut WM Carlsen war es total ausgeglichen, wer hat recht?

 

Die Remispartien ignoriere ich mal – Anand-Giri nur deswegen, weil ich da gar nicht durchblicke.

 

Runde 4 hatte wiederum nur einen Sieger, und zwar So-Mamedov 1-0. Jedes Remis war ein Erfolgserlebnis für den zweiten Azeri, heute klappte es nicht. Er wählte bzw. erlaubte den Maroczy-Aufbau, aus schwarzer Sicht passiv aber solide und schwer zu knacken. Nicht immer kann Weiss seinen Raumvorteil in Zählbares umsetzen, heute gelang ihm dieses. Carlsen konnte nicht mithalten: Er stand mit Schwarz gegen Adams zumindest optisch besser, versuchte ein Qualitätsopfer und stand weiterhin etwas, aber nur etwas besser. Adams machte keinen groben Fehler, die Partie endete remis. Damit lag nun So alleine in Führung. Kramnik-Anand 1/2 war Geschmackssache: nach spektakulären Verwicklungen erreichte Weiss ein etwas besseres Endspiel, aber eben nur ein etwas besseres Endspiel. Geschmackssache ist es, weil es das alles bereits in einer Fernpartie gab. Giri-Mamedyarov und MVL-Caruana wurde auch remis.

 

Runde 5 hatte dann drei Sieger und Verlierer. Carlsen – Vachier-Lagrave 1-0: MVL war kreativ aufgelegt und spielte 1.Sf3 Sf6 2.g3 b5!??, tschüss Theorie – nach eigener Aussage waren seine vier bisherigen Partien (alles remis) nicht gehaltvoll genug, das holte er heute nach. Carlsen meisterte die Verwicklungen besser, hinterher sagte MVL “bei Carlsen sieht alles im Nachhinein so einfach aus.” Das schreiben auch Journalisten gerne, derlei Bemerkungen gefallen Carlsen-Fans, da mag was wahres dran sein. MVL hätte auch sagen können “heute habe ich kreativen Mist gespielt und verloren”, auch dieser Pudel hätte einen wahren Kern.

Anand-So 1-0: Im Spanier mit 6.d3 hatte Anand eine interessante, mit Figurenopfer verbundene Idee – auch in diesen recht bekannten und tendenziell ruhigen Stellungen gibt es noch Neues zu entdecken! Computer-korrekt war es vielleicht nicht ganz, aber in der Partie erreichte Weiss ein besseres Damenendspiel, das er dann mit einigen (eher aus Bauernendspielen bekannten) Ideen zum Gewinn verdichten konnte. Wesley So sitzt doch nicht im Fahrstuhl nur nach oben, sondern fährt weiterhin Achterbahn – wie auch bei der US-Meisterschaft schon vor der umstrittenen Schiedsrichterentscheidung.
Mamedyarov-Kramnik 1-0! Shak dachte vielleicht an seine Partie gegen Carlsen und “heute habe ich Weiss und schiebe einen Bauern nach d6”. Kramnik verpasste die Chance, diesen vom Brett zu entfernen – er musste das Scheinopfer 31.Sxb6 nicht akzeptieren, sondern mit 31.-Dxd6 ablehnen. Mamedyarov ging in der Pressekonferenz davon aus, dass er auch dann besser stünde – Engines bestehen auf 0.00. In der Partie landete Kramnik in einem schlechten Endspiel – schlecht genug um es zu verlieren. Ein gut gelaunter Mamedyarov (“mein erster Sieg gegen Kramnik”, jedenfalls mit klassischer Bedenkzeit) hatte die Bühne in der Pressekonferenz für sich, da Kramnik nach der Partie sofort verschwand. War sonst noch was? Caruana bestätigte seine schlechte Form, indem er eine aus der Eröffnung heraus überwältigende Stellung gegen Giri nicht gewann.

 

Bevor ich für heute Schluss mache, noch ein kurzer Blick zur Mannschafts-WM: Da hatte Russland heute immerhin ein halbes Erfolgserlebnis – 2-2 gegen China nach zuvor 1,5-2,5 gegen Ukraine und Kuba. Damit haben sie, nach Brettpunkten, die rote Laterne wieder an Ägypten abgegeben. Aber zu diesem Turnier später noch ein eigener Bericht.

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