Eine Reise durch die Schachwelt der Insel


Meine Erfahrungen mit dem Southport Chessclub von JULIA MARIE MÄTZKOW, Eberswalde

 

JULIA MARIE MÄTZKOW

JULIA MARIE MÄTZKOW

Ich war ein Jahr in England.   Genau vom 28. August des vergangenen Jahres bis 12. Juni. Was? Das gehört hier doch nicht her! Aber das ist kein normaler Reisebericht …

 

Als meine Eltern mich in den Herbstferien im Oktober in Southport bei Liverpool besuchten, wollte sich mein Bruder unbedingt den örtlichen Schachclub ansehen. Trotz kleiner Sprachbarrieren, konnten sie sich irgendwie verständigen, und Max hat sie sofort verzaubert, sodass sie ihn abwerben wollten …

 

Zum nächsten Training des Southport Chessclub bin ich dann alleine hingegangen und habe mir große Sorgen gemacht, dass ich vielleicht unerwünscht sein könnte… Kurz vor dem Vereinstreffen bin ich dann auch noch in den falschen Bus gestiegen und konnte den Club erst nicht finden. Aber nach zweistündiger Suche hatte ich endlich Erfolg. Leicht verschüchtert kam ich in diesem großen Saal an. Doch schon an der Eingangstür wurde ich von den Mitgliedern freundlich empfangen. Sie haben mir den Vereinsvorsitzenden vorgestellt und dieser konnte sich an meinen Bruder erinnern und hoffte nun auf genauso viel Talent. Das war aber leider falsch gedacht. Er meinte dann, dass ich gegen diesen oder jeden Schachfreund spielen sollte, und ich schlug mich gar nicht so schlecht, wie ich anfangs noch angenommen hatte.

 

Das Training, oder eher das miteinander spielen, fand jeden Montag statt. Das nächste Mal war ich ziemlich pünktlich, doch die Kneipenbesitzerin sagte: „Hier ist noch keiner.“ Ja Pünktlichkeit. Das hat man nicht so genau genommen. Erst später habe ich gelernt, dass es heißt wenn etwas ursprünglich um sechs Uhr starten soll, braucht man sich nicht vor halb sieben blicken lassen. Als dann endlich jemand kam, war die Kneipenbesitzerin ganz sauer, weil ich nichts bestellt hatte. Ich kann sie auch verstehen; wer geht schon in eine Kneipe und kauft sich dann nicht mal ein Wasser. Obwohl das kostenfrei ausgeschenkt wird. Gott sei Dank, haben die Schachfreunde mit Witz und Charme die Situation retten können.

 

Beim nächsten Mannschaftsspiel durfte ich schon mitspielen. Doch zuvor sind die Vereinskollegen zu meinen Gasteltern gegangen und haben diese gefragt, ob es in Ordnung für sie wäre, wenn ich beim Mannschaftskampf teilnehmen würde. Am darauffolgenden Tag wollten sowohl mein Gastvater als auch mein Gastbruder eine Runde Schach spielen. Zu dieser ist es jedoch niemals gekommen.

 

Zu meinem ersten Match sind wir irgendwo ins Nirgendwo gefahren, und ich musste gegen einen kleinen Jungen spielen. Der hat fast geweint. Er hat verloren und dann auch noch gegen ein Mädchen. Mein Spiel fanden alle außergewöhnlich, ob es gut ist, steht auf einem anderen Blatt. Viele Engländer sind damit nicht zurechtgekommen wie ich spiele. Wahrscheinlich habe ich dadurch mehr Erfolge einheimsen dürfen als in Deutschland.

 

Das darauffolgende Mannschaftsspiel habe ich leider verpasst, da mein Bus Verspätung hatte. Wie schon mal erwähnt: Pünktlichkeit hält man für Nebensache, auch bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. Erstaunlicher Weise nahm man das im Schachclub mit Gelassenheit und ließ einen anderen Spieler ran, der hat sich dann tausendmal dafür entschuldigt, als ich endlich ankam, dass nicht auf mich gewartet wurde. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden. Warum hat er sich bei mir entschuldigt? Müsste das nicht andersherum sein? Aber ich schiebe es mal auf die sprachlichen Differenzen, dass ich das nicht ganz verstanden habe.

 

Mein Verständnis für die Sprache und die Lebensweise hat sich stetig verbessert. So hoffe ich zumindest. Trotzdem wussten immer alle, dass ich nicht englischer Herkunft bin. Oft wurde ich mit „Our German Girl“ vorgestellt. Sie konnten es nicht fassen, dass ich ein Jahr von Zuhause fort bin, nur um eine Sprache zu lernen. Viele waren sehr viel familiärer als ich es aus Deutschland gewöhnt war. Es wurde sehr oft nachgefragt, weil sich dachten sie hätten mich nicht richtig verstanden…

 

Alles in allem hat es mir sehr gut gefallen und ich habe gelernt, dass es nicht wichtig ist, wie gut man in einer Sache ist, es ist nur wichtig, dass man Freude hat sie auszuführen.

 

Ich bin kein besonders guter Schachspieler, aber das war nicht wichtig. Es war wichtig, gemeinsam Spaß zu haben und die Zeit, die man in sein Hobby investiert zu genießen. Ich habe keine Partie verloren und meine Mannschaft ist aufgestiegen. Liebend gerne hätte ich eine Partie gezeigt, die ich dort gespielt habe. Aber leider sind die Partien in Southport geblieben.

 

Ich könnte noch so viel mehr über den Verein, nein, ich würde es eher als ein Team bezeichnen, erzählen. Ich vermisse euch und bin dankbar, dass ich die Zeit mit euch verbringen durfte. Wenn ich wieder in England sein sollte, werde ich euch bestimmt besuchen – versprochen!

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ZUR PERSON:

 

Julia Marie Mätzkow [26. Mai 1998] begann im Alter von zwölf Jahren mit dem Schach. Nach Abschluss der 10. Klasse am Finower Gymnasium besuchte sie für ein Jahr die 12. Klasse in England an der Christ-the-King-School. Auf regionaler Ebene im Land Brandenburg ist Julia beim SV Motor Eberswalde aktiv und hat mehrmals an den Jugend- Landeseinzelmeisterschaften teilgenommen.

 

Foto: Christian Mätzkow

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