Bronze für einen Jungen aus Germany!


Matthias Blübaum erfüllte sich bei den Junioren-Weltmeisterschaften in Chanty Mansijsk seinen Medaillentraum – Ein Abschlussbericht von RAYMUND STOLZE

 

Matthias Bluebaum (by Maria Emelianova)

Matthias Bluebaum (by Maria Emelianova)

In meinem Vorschau-Beitrag auf die diesjährige Junioren-WM [1. bis 16. September] wählte ich die fragende Schlagzeile „Gibt es endlich wieder eine Medaille?“, und betonte zugleich, wie wichtig zumindest eine Finaleplatzierung, also ein achter Rang, für die Höhe der finanziellen Unterstützung der Sportart Schach durch das Bundesministerium des Inneren sein würde [ http://www.chess-international.de/Archive/43248#more-43248 ].

 

Ich kann mir gut vorstellen, welcher enorme Druck auf unseren beiden deutschen Teilnehmern Filiz Osmanodja [7. März 1996] und Matthias Blübaum [18. April 1997] in Chanty Mansijsk lastete. Sicher, die Dresdnerin konnte darauf verweisen, im Vorjahr bei der Jugend-WM der Mädchen in der Altersklasse U18 immerhin den Vizeweltmeistertitel erkämpft zu haben, aber bei den Juniorinnen dabei zu sein, ist schon eine andere Liga. Und nicht zu vergessen ist, dass Filiz voll von ihrem Medizinstudium gefordert ist, wo sie im Herbst bereits mit dem fünften Semester beginnt.

 

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Matthias hingegen hatte die Zeit nach dem Abitur genutzt, dass er mit 17 Jahren vorfristig ablegte, um vom 1. Juli 2014 bis 30. Juni 2015 ein Schachjahr einzulegen. Beide leistungssportlichen Ziele konnte er dabei erfüllen: der Großmeistertitel wurde ihm April verliehen und die Elo-Schallmauer von 2600 durchbrach der ehemalige „Schachprinz“ ebenfalls. Mag sein, dass er ein wenig enttäuscht gewesen ist, dass ihn Bundestrainer Dorian Rogozenco bei der Nominierung des deutschen Männer-Team für die EM im November in Reykjavik dennoch nicht berücksichtigt hat. Aber vielleicht hat es dem Bremer Bundesligaspieler auch zusätzliche motiviert, es allen zu zeigen nach der Devise „Jetzt erst recht!“ …

 

Ich hatte den DSB-Präsidenten vor der ersten Runde auch um ein Statement für den Schach-Ticker hinsichtlich seiner Erwartungen gebeten.

 

„Nachdem wir so viele Jahre in die Förderung dieser beiden Talente investiert haben, bin ich schon gespannt, wo sie sich im Altersvergleich weltweit platzieren werden. Für mich liefert das auch Anhaltspunkte für die Leistungsfähigkeit unseres Ausbildungssystems. Wir machen öfter die Beobachtung, dass unsere Jugendspieler auf den Weltmeisterschaften etwas hinter der Elo-Erwartung zurückbleiben. Die möglichen Gründe dafür haben wir intern kritisch diskutiert. In Zukunft wird der Leistungssport dem sportpolitischen Trend folgend noch mehr an Bedeutung gewinnen, weshalb wir in unseren Bemühungen um Verbesserungen nicht ruhen dürfen.”   Herbert Bastian

 

Nun also nach 13 Runden haben wir endlich wieder diese Medaille dank Matthias. Der 18-Jährige absolvierte aus meiner Sicht eine überzeugende WM, und wenn ihm manchmal trockenes Spiel vorgeworfen wird, dann bitte unbedingt seine Partien anschauen! Ich habe heute seine Partie auf der ausgezeichneten Webseite des russischen Veranstalters live verfolgt [http://wjcc2015.fide.com/]. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, dass er seine Chance auf Platz 3 gegen den Türken Cemil Can Ali Marandi nicht nutzen wird. Doch sehen Sie selbst!

 

Blübaum, M. – Ali Marandi, C.

Junioren-WM U20, Runde 13, Chanty Mansijsk, 15. September 2015
Damengambit-Halbslawisch [D46]
1.Sf3 Sf6 2.c4 c6 3.d4 d5 4.e3 e6 5.Ld3 Sbd7 6.0–0 Ld6 7.Sc3 dxc4 8.Lxc4 b5 9.Lb3 Lb7 10.e4 e5 11.dxe5 Sxe5 12.Lf4 De7 13.Sxe5 Lxe5 14.Lxe5 Dxe5 15.f4 Dc5+ 16.Kh1 Td8 17.Df3 0–0 18.e5 Sd5 19.Se4 De7 20.Dg3 Kh8 21.Sd6

 

Pos2

 

21…f5? [Der weiße „eingepflanzte“ Springer muss wohl oder übel eliminiert werden, also 21…Txd6 22.exd6 Dxd6. Nach dem Partiezug hingegen entscheidet Matthias schnell die Auseinandersetzung ohne größeren Widerstand für sich.] 22.Lxd5! cxd5 23.Df2 d4 24.Dxd4 g5 25.Tad1 gxf4 26.Txf4 [26.e6+! gewinnt noch schneller.] 26…Dg7 27.e6 Lxg2+ 28.Kg1 Txd6 29.Dxg7+ Kxg7 30.Txd6 Le4 31.Td7+ Kg6 32.e7 Te8 33.Txa7, und Schwarz gab keineswegs zu früh auf! [1-0]

Das war keineswegs die einzige Partie, die „unser Junge“ mit leichter Hand spielte und taktisch entschied. Einer einzigen Verlustpartie gegen den Russen Michail Antipov in Runde 4, der Weltmeister wurde, stehen jeweils sechs Siege und Remisen [u.a. gegen Vizeweltmeister Jan-Krzysztof Duda aus Polen – ebenfalls 10/13] gegenüber. Das kann sich wahrlich sehen lassen und wird zurecht mit einem Platz auf dem Siegerpodest belohnt. Ein dreifaches Bravo auf Matthias!!!

 

Große Freunde kommt auch beim DSB-Präsident Herbert Bastian auf, der dem Schach-Ticker auf Nachfrage per E-Mai mittelte: Die Bronzemedaille für Matthias ist ein schöner Abschluss des Schachjahres und überhaupt des Projektes ‚Schachprinzen”. Sie bestätigt die grundsätzliche Richtigkeit der Vorgehensweise unserer Kommission Leistungssport unter der Leitung von Klaus Deventer, weil dieser Erfolg kein Zufall, sondern hart und planmäßig erarbeitet ist. Matthias gratuliere ich herzlich zu diesem schönen Erfolg!“

 

Die Entscheidung bei den Junioren fiel übrigens auf der Zielgeraden. Da der bis dahin führende Favorit Jan-Krzysztof Duda [18. Juli 1998] mit Schwarz gegen den Niederländer Benjamin Bok nur Remis spielte, konnte sich im Schlussspurt der gleichaltrige Michail Antipov [18. Juli 1998] durch einen Sieg gegen den Italiener Francesco Rambaldi noch an dem Polen, der 2008 Weltmeister in der Altersklasse U10 wurde, dank der Wertung von 7:6-Siegen auf den Platz an der Sonne vorbei schieben. Das nötige Glück muss man eben haben – und natürlich auch Können!

 

Bei den Mädchen würde ich den Auftritt von Filiz kurz mit „Alles oder nichts!“ charakterisieren. Der Auftakt mit drei Niederlagen muss für sie grausam gewesen sein. Aber dann folgten sechs [!] Sieg in Folge, ehe es wieder eine Niederlage gegen die Weißrussin Nastassia Ziaziulkina für sie gab, doch postwendend gab es den vollen Punkt gegen Sabina Ibrahimowa aus Aserbaidschan und danach das einzige Unentschieden gegen die Russin Alexandra Makarenko. So schien in der finalen Runde gegen deren Landsfrau Alina Bivol mit Weiß durchaus eine Platzierung unter den besten acht Girls möglich. Aber Filiz ließ sich dann wohl auf ein zu wildes unkontrolliertes Handgemenge mit der Russin ein, die noch auf den Silberrang sprang, und so platzten schließlich ihre berechtigen Träume – immerhin war sie Setzranglistenneunte …

 

Wir dürfen gespannt sein, wie sie selbst, die in der Frauen-Bundesliga-Saison 2015/16 an Brett 3 der SF Friedberg gemeldet ist, ihr Abschneiden mit Rang 16 beurteilen wird. Dem Schach-Ticker hat sie jedenfalls einen Beitrag zugesagt.

 

Ach ja, in jedem Fall sollte auch ein Glückwunsch an den Bundesnachwuchstrainer nach Apolda gehen. Von Bernd Vökler stammt nämlich die Idee der „Schachprinzen“-Gruppe, zu der auch Filiz gehörte.

 

Fragt sich, wie es im deutschen Nachwuchsbereich mit diesem Medaillenschub weiter geht? Filiz kann immerhin im kommenden Jahr bei den Juniorinnen erneut antreten, und für Matthias verbleiben sogar zwei Chancen in 2016 und 2017. In Lauerstellung wartet allerdings hinter ihm das Trio Dennis Wagner, Rasmus Svane {beide Jahrgang 1997] und Alexander Donchenko [Jahrgang 1998]. Und da ist dann ja noch das „deutsche Jahrhunderttalent“ Vincent Keymer mit seinem gerade einmal zehn Jahren. Das sind doch ganz erfreuliche Aussichten, oder?!

 

Rank SNo. Name Rtg FED Pts Res. BH. BH. BL
1 8 GM Antipov Mikhail Al. 2538 RUS 10 ½ 96 103 7
2 1 GM Duda Jan-Krzysztof 2645 POL 10 ½ 96 102 6
3 5 GM Bluebaum Matthias 2580 GER 9 0 94 99½ 6
4 28 IM Loiseau Quentin 2419 FRA 0 90 93½ 6
5 9 GM Bajarani Ulvi 2535 AZE 8 0 98½ 104½ 7
6 6 IM Van Foreest Jorden 2541 NED 8 0 95 101 6
7 4 GM Bok Benjamin 2586 NED 8 0 94 100½ 6
8 7 IM Rambaldi Francesco 2540 ITA 8 0 93½ 99 7
9 39 IM Akash G 2382 IND 8 0 92 97 6
10 20 IM Yuffa Daniil 2476 RUS 8 0 91½ 96½ 7
11 15 GM Abasov Nijat 2511 AZE 8 0 89½ 95½ 6
12 14 IM Tari Aryan 2518 NOR 8 0 88 93 6
13 29 IM Tran Tuan Minh 2417 VIE 8 0 88 91½ 7
14 11 IM Pichot Alan 2528 ARG 8 0 87 93 6
15 3 GM Grigoryan Karen H. 2609 ARM 0 95½ 101½ 6
16 27 IM Ali Marandi Cemil Can 2422 TUR 0 91½ 94 6
17 16 FM Gordievsky Dmitry 2511 RUS 0 90½ 95½ 7
18 10 IM Chigaev Maksim 2531 RUS 0 88½ 94 7
19 25 IM Laurusas Tomas 2429 LTU 0 86½ 91½ 6
20 35 IM Johansson Linus 2400 SWE 0 83 88 6
21 32 IM Iskandarov Misratdin 2405 AZE 0 82 87 6
22 21 IM Sunilduth Lyna Narayanan 2473 IND 7 0 88½ 93½ 6
23 17 GM Karthikeyan Murali 2509 IND 7 0 86 91 6
24 42 FM Makhnyov Denis 2358 KAZ 7 0 85 90 7
25 40 Beradze Irakli 2380 GEO 7 0 82 87 7
26 2 GM Cori Jorge 2637 PER 7 0 82 87 7
27 41 FM Menezes Christoph 2364 AUT 7 0 80 85½ 6
28 12 IM Sanal Vahap 2522 TUR 7 0 77½ 82½ 7
29 22 IM Gagare Shardul 2469 IND 0 90½ 96 7
30 13 IM Bai Jinshi 2519 CHN 0 85½ 91 6
31 19 IM Georgiadis Nico 2484 SUI 0 85 90 6
32 23 FM Barbot Pierre 2455 FRA 0 84 89½ 7
33 38 Ratkovic Miloje 2388 SRB 0 80½ 85½ 7
34 18 WGM Goryachkina Aleksandra 2497 RUS 0 80 85½ 6
35 31 IM Korchmar Vasiliy 2409 RUS 0 80 83 6
36 43 FM Bilguun Sumiya 2343 MGL 0 76½ 81½ 7
37 34 IM Leiva Giuseppe 2400 PER 6 0 83 88 6
38 36 FM Bida Mihai-Eugen 2394 ROU 6 0 81½ 86½ 7
39 24 FM Arat Ufuk Sezen 2441 TUR 6 0 80½ 85½ 6
40 30 IM Saiyn Zhanat 2413 KAZ 6 0 80½ 82 7
41 48 Vokhidov Shamsiddin 2292 UZB 6 0 80 85 6
42 37 Harsha Bharathakoti 2393 IND 6 0 77½ 82½ 7
43 50 Megalios Konstantinos 2242 GRE 6 0 76½ 80 7
44 44 Bogdanov Egor 2333 UKR 6 0 74 77 7
45 55 Fontaine Quentin 2122 BEL 6 0 71½ 74½ 7
46 49 FM Serikbay Chingiz 2272 KAZ 6 0 69½ 72 6
47 46 FM Kirk Ezra 2315 ENG 6 0 66 67½ 7
48 26 IM Studer Noel 2422 SUI 0 78 81½ 7
49 54 Isaev Chyngyz 2163 KGZ 0 71½ 73 7
50 51 Taalaibekov Tagir 2222 KGZ 0 68 70½ 7
51 53 Dutreuil Raphael 2166 FRA 0 64 65½ 6
52 33 CM Carneiro Vitor Roberto Castro 2405 BRA 5 0 76 81 7
53 45 FM Popov Mikhail 2327 RUS 5 0 70 71½ 6
54 52 Ererdem Gani Eren 2213 TUR 5 0 67½ 69 7
55 47 FM Hasenohr Benedict 2309 SUI 5 0 66 67½ 6
56 57 Van Laeken Jonathan 1866 BEL 5 0 64½ 66 6
57 56 Lootens Matthias 1935 BEL 5 0 63 64½ 7
58 59 Chumak Dmitrii 1808 RUS ½ 62 63½ 6
59 60 O`mahoney Keegan 1788 IRL ½ 60 61½ 7
60 62 Sabirov Timur 1665 RUS 3 0 60 61½ 7
61 58 El Fazari Mohamed Amin 1832 MAR 0 60½ 62 7
62 61 Dias Matheus Nunes 1699 BRA 0 58 60½ 6
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