Achtung, die Russen kommen …


Bei den 25. Jugend-Europameisterschaften in Porac /Kroatien hat von den 18 deutschen Startern nur Dmitrij Kollars Medaillenchancen – Eine Vorschau von RAYMUND STOLZE

 

Ich gebe zu, die Erfolgsliste bei den Jugend-Europameisterschaften, die ab 21. September ihre 25. Auflage in Porac/Kroatien erleben wird, ist mehr als elivernüchternd. Seit der Premiere 1991 im rumänischen Badeort Mamaia am Schwarzen Meer rangieren wir in der ewigen Medaillenwertung mit zwei EM-Titeln, sechsmal Platz 2 und einmal Rang 3 unter ferner liefen. Bei den Mädchen holte sich Lara Stock 2004 in der U12 die Krone, dazu kommen fünfmal Edelmetall durch Elisabeth Pähtz [1995 Silber U10], Jewgenia Naiditsch [1997 Bronze U10], Filiz Osmanodja [2008 Silber U12, 2009 Silber U14], Tina Mietzner [2000 Silber U16]. Bei den Jungen gab es einen EM-Titel durch Fabian Döttling [1996 in der U16] sowie Medaillen durch Arik Braun [2000 Silber U12] und Christian Gabriel [1991 Silber U16].

 

Dmitrij Kollars vom SK Hamburg

Dmitrij Kollars

Und wie es ausschaut, wird bei dieser Jubiläumsmeisterschaft – die Altersklasse U18 kam 1994 dazu, die U8 ergänzte das Programm 2010 – von den 18 deutschen Teilnehmern [sieben Mädchen und elf Jungen] kaum mit größeren Erfolgen zu rechn

Zeitplan/ Regularien

en sein. Unter den TOP 10 in den jeweils sechs Alterskategorien weiblich/männlich [U8, U10, U12, U14, U16, U18] habe ich bei Meldeschluss lediglich nur Dmitrij Kollars entdeckt. Der 16-Jährige vom Hamburger SK wird auf Setzranglistenplatz 3 geführt, was hoffen lässt. Wobei Prognosen gerade beim Nachwuchs schwierig sind, weil es sicherlich für Jugendliche leichter ist gegen Erwachsene zu spielen als gegen ihre Altersgefährten. Die haben nämlich ein völlig anderes Schachverständnis. Und das mag sicher ein Grund dafür sein, dass beispielsweise der gegenwärtig stärkste deutsche U18-Spieler Alexander Donchenko [22. März 1998] nicht mehr an internationalen Jugend-Titelkämpfen teilnimmt. Mit seiner aktuellen Elo-Zahl von 2568 [Stand 1. September 2015] würde Alex, der im späten Frühjahr sein Abitur erfolgreich abgelegt hat, mit klarem Abstand die Königsklasse bei den Jungen vor dem Russen Daniil Yuffa [2476] anführen. Damit wäre er eindeutig der heiße Favorit auf EM-Gold.

 

TurnierseiteErgebnisseLIVE

Überhaupt die Russen. Unter den 41 Nationen mit insgesamt 845 Teilnehmern [490 Jungen, 385 Mädchen] stellen sie mit sage und schreibe 110 Aktiven die mit Abstand größte Delegation. Selbst die Gastgeber können da mit 58 Boys und Girls nicht mithalten. Platz 3 belegen die Polen mit 53 Startern.

 

Alle wichtigen Informationen zu den einzelnen Länder-Aufgeboten, den Altersklassen – bei den Mädchen ist die U14 mit 66 am stärksten besetzt, während es bei den Jungen die U12 mit 110 Teilnehmern ist – finden sie auf https://chess-results.com/tnr180028.aspx?lan=13 . Und natürlich werden dann im Verlauf des EM-Turniers mit neun Runden im Schweizer System – nur am 26. September gibt es Ruhetag – nicht nur Ergebnisse online gestellt werden, sondern jede Menge Partie zum Nachspielen.

 

Da ich Statistiken und Zahlenspiele besonders liebe, habe ich einmal vorab Titel und Medaillen nach der Setzrangliste vergeben. Und auch da dominieren die Russen. Bei den Jungen würden sie einen Titel sowie je zweimal Silber und Bronze erhalten, die Mädchen steuern je vier zweite und dritte Plätze zu dieser allerdings fiktiven Bilanz bei. Die zwölf Titel würden danach übrigens an insgesamt neun Länder gehen …

 

Zurück zu unseren Deutschen, denen nicht nur ich in Poreč oder Parenz – neben Rovinj/Rovigno und dem urbanen Zentrum Pula/Pola ist das die bedeutendste Küstenstadt an der Westküste der Halbinsel Istrien in Kroatien – en erfolgreiches Abschneiden wünsche. Zum Glück liegt die Wahrheit ja doch auf dem Brett …

 

Hier ist die Übersicht zu allen 18 Teilnehmern:
(In Spalte 1 steht der jeweilige Setzranglistenplatz)

StrtPl Name Rtg Kategorie
35 Lagunow Raphael 2164 open U18
3 Kollars Dmitrij 2443 open U16
24 Sawlin Leonid 2258 open U16
26 Fieberg Samuel 2153 open U14
22 Suvorov Alexander 2040 open U12
40 Dobrikov Marco 1914 open U12
41 Koellner Ruben Gideon 1911 open U12
44 Suvorov Luca 1900 open U12
65 Asadzade Idris 1725 open U12
32 Lutz Ruben 1651 open U10
49 Metzdorf Matteo 0 open U08
32 Boehm Jana 1939 girls U18
18 Waechter Nathalie 1984 girls U16
22 Weis Olga 1949 girls U16
14 Muetsch Annmarie 1974 girls U14
20 Sanati Charlotte 1871 girls U14
33 Muedder Melanie 1585 girls U12
68 Schmidt Pauline 0 girls U10

 

Bereits im Vorjahr waren Marco Dobrikov sowie Alexander und Luca Suvorov dabei, doch mit den Plätzen 36, 61 und 57 dürften das Trio doch eher enttäuscht von Batumi nach Hause zurückgekehrt sein. Aber bekanntlich ist nach der Meisterschaft vor der Meisterschaft. Schaut man sich ihre Leistungsentwicklung an – Marco 1707 auf 1914, Alexander von 1873 auf 2040, und Luca von 1699 auf 1900 – so ist diese durchaus positiv zu bewerten.

 

Natürlich sei abschließend die Frage gestattet: Warum fehlt beispielsweise unser hoffnungsvollster Nachwuchsspieler Vincent Keymer [*15. November 2011]? In der Altersklasse U12 wäre er ganz sicher erster Anwärter auf den EM-Titel gewesen.

 

Ich lese immer wieder Vergleiche in der Presse zu Magnus Carlsen in eben diesem Alter. Und genau da knüpfe ich an. Der norwegische Weltmeister hat sich 2003 der sicherlich keineswegs leichten Doppelbelastung gestellt. Bei der Jugend-EM in Budva/ Montenegro belegte er in der U12 Platz 3 mit 6,5/9 und bei der WM in der gleichen Altersklasse gab es für ihn in Chalkidiki/Griechenland Rang 9 [7,5/11].

 

Natürlich wird der Bundesnachwuchstrainer Bernd Vökler auf Nachfrage überzeugend begründen können, warum Vincent in diesem Jahr nur für die Jugend-Weltmeisterschaft eben in Chalkidiki [24. Oktober bis 6. November] gemeldet wurde [ https://www.wycc2015.org/ ].

 

Ein Blick auf die Teilnehmerliste lässt jedoch bereits zum gegenwärtigen Zeitpunkt zwei wichtige Aussagen zu: Erstens ist das deutsche Team im Vergleich zur EM 2015 zahlenmäßig mit 37 Startern bei der nachfolgenden WM deutlich größer, und zweitens könnte und sollte das auch auf das potenzielle Leistungsvermögen zutreffen. Dmitrij Kollars [U16/Platz 5], Roven Vogel [U16/Platz 7], Vincent Keymer [U12/Platz 3] in der Open-Kategorie sowie Josefine Heinemann [U18/Platz 6], die unmittelbar danach im deutschen Frauen-Team bei der Mannschafts-Europameisterschaft in Reykjavik spielen wird, und Elisa Reuter [U10/Platz 7] bei den Mädchen, bringen es immerhin auf fünf TOP 10-Ränge.

 

Nachfolgende Fotos schickt uns Thomas Michalczak. Hier lässt es sich gut wohnen.

 

 

 

Print Friendly, PDF & Email