Gibt es ein Double für die Georgierinnen?


Nach Gold bei Mannschaftsweltmeisterschaft greift das Team um Nana Dsagnidse bei der Europameisterschaft in Reykjavik nach dem zweiten Titel – Eine EM-Vorschau von RAYMUND STOLZE

 

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Ab 16 Uhr

EM_LogoMit meinem Kollegen THOMAS RICHTER habe ich für die Mannschafts-Europapameisterschaft in Reykjavik eine Teilung vereinbart. Unser Schach-Ticker-Chefreporter übernimmt das Open, ich bleibe meinen Frauen treu. Und so wird es auch zwei Vorschauen geben. Heute also die auf die elften kontinentalen Titelkämpfe der Damen.

 

Während die Männer bereits 1957 im österreichischen Baden ihre Premiere hatten – damals gab es noch Zehner-Teams – mussten die Frauen bis 1992 warten, um im ungarischen Debrecen ihren ersten Mannschafts-Europameister zu küren. Es war die Ukraine. Ihr folgten Georgien [1997 in Pula], sensationell die Slowakei [1999 in Batumi], danach ebenso überraschend Frankreich [2001 in León], dann Armenien [2003 in Plowdiw], Polen [2005 in Göteborg], dreimal Russland [2007 in Iraklio, 2009 in Novi Sad, 2011 in Porto Carras] und schließlich erneut die Ukraine [2013 in Warschau], die damit in der isländischen Hauptstadt vom 12. bis 22. November als Titelverteidiger auf Setzranglistenplatz 3 hinter Georgien und Russland an den Start gehen wird.

 

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Anna und Maria Musitschuk

Die Ukraine, die Weltmeisterin Maria Musitschuk aufbietet, gehören durchaus damit zum engen Favoritenkreis. Von dem EM-Fünfer aus Warschau fehlt nur Katerina Lagno, die aus persönlichen Gründen im Sommer 2014 in den Russischen Verband gewechselt ist und auf Anhieb Olympiagold in Tromsö bei der Schacholympiade gewinnen konnte. Dafür sind nun die Musitschuk Schwestern dabei, und Anna in Bestform ist mehr als ein Ersatz für die „Abtrünnige“ …

 

Was Russland angeht, die bei der Mannschafts-WM im April 2015 im chinesischen Chengdu nur Platz zwei hinter Georgien belegten, so hat Teamchef Sergej Rublewski mit Olga Girja und Natalja Pogonina auf zwei Stammspielerinnen aus dem Olympiasieger-Team verzichtet und diese durch die zweimalige Junioren-Weltmeisterin Alexandra Gorjatschkina und Anastasia Bodnaruk ersetzt. Es bleibt abzuwarten, wie vor allem Anastasia einschlägt, die bekanntlich in der Frauen-Bundesliga am Spitzenbrett für die Rodewischer Schachmiezen spielt.

 

Der eigentliche Favorit auf den Titel ist ganz sicherlich Georgien. Nach Platz 4 bei der Schacholympiade 2014 bescherte die Rückkehr von Elisbar Ubilawa, der einst zum Sekundantenstab von Viswanathan Anand gehörte, dem „Mutterland“ des Frauenschach bei der Team-WM 2015 den ersten Titel seit 2008. Damals hatten sich die Kaukasierinnen im Frauenturnier in einer knappen Entscheidung aufgrund der besseren Zweitwertung gegenüber der Ukraine durchgesetzt. Was die Aufstellung angeht, so ist von dem Weltmeister-Team mit Bela Chotenaschwili, Lela Jawachischwili, Meri Arabidse und Nino Batsiaschwili ein Quartett dabei. Für Salome Melia, die an Brett 5 zum Einsatz kam, kehrt mit Georgiens Nummer 1 Nana Dsagnidse, die damals ein Baby erwartete, das etatmäßige Spitzenbrett zurück. Es sieht also richtig gut für das neunrundige Turnier im Schweizer System aus, an dem insgesamt 30 Nationen teilnehmen. Überraschend fehlt lediglich Bulgarien, und auch Israel hat leider nicht gemeldet.

 

Fragt sich nur, wie die Georgierinnen die Abwesenheit des legendären Teamchefs Elisabar Ubilawa verkraften werden, der in Island durch Großmeister Davit Jojua ersetzt wird?!

 

Und wie stehen die Chancen für unsere deutschen Mädchen, die bei der letzten EM in Warschau Platz 7 belegten und danach bei der Schacholympiade vor der letzten Runde sogar Medaillenchancen hatten? Nach fünf Siegen in Folge war das Frauenteam aus Deutschland auf einen vorderen Platz geschnellt, aber da warteten nun die starken Georgierinnen, die sich den Luxus leisteten, und Nana Dsagnidse pausieren ließen, weil die nicht den Preis an Brett 1 [bis dahin 8/9!] gefährden wollte. Nun, um es kurz zu machen: Es gab eine deutlich 0:4-Abfuhr vom Ergebnis, die allerdings dem Gegner keinen Medaillenrang brachte und unsere Mädels auf Rang 9 zurück fallen ließ.

 

Fikiz Osmanodja und Josefine Heinemann (Foto: Otto Borik, Schach 64)

Filiz Osmanodja und Josefine Heinemann (Foto: Otto Borik, Schach 64)

Von dem damaligen Aufgebot – es war die Olympiapremiere von Bundestrainer Dorian Rogozenco als Coach für Deutschland – sind diesmal noch Elisabeth Pähtz, Zoya Schleining und Melanie Ohme dabei. Tatjana Melamed und Sarah Hoolt werden im Land der Geysire durch Filiz Osmanodja und die 17-jährige Josefine Heinemann ersetzt. Wie es scheint, sind die auf Platz 7 gesetzten deutschen Damen, bei denen IM David Lobzhanidze als Kapitän fungiert, eine gute Mischung zwischen Erfahrung und „Jugend forscht“. Was die Anzahl der Länderspiele angeht – leider gibt es auf der DSB-Seite nur einen Stand vom 24. Juli 2013 – so führt Elisabeth mit 185 Einsätzen deutlich in dieser Statistik. Ihre Mitstreiterinnen weisen folgende Bilanz auf: Zoya 14, Melanie 97 – für sie steht ein Jubiläum an! –, Filiz 32, Josefine 2.

 

Wir dürfen gespannt sein, was dieses Quintett am Ende zustande bringen wird. Viel dürfte bei den Frauen von der Stimmung und dem Umgang im Team abhängen. Wenn es freundlich ist, dann wird sich das fraglos im sportlichen Ergebnis niederschlagen.

 

DSB-Präsident Herbert Bastian ist in jedem Fall optimistisch, was das Abschneiden von Elisabeth & Co. angeht, wie er uns auf Nachfrage mitgeteilt hat:

 

  • Unsere Frauen haben auf der Schacholympiade in Tromsö bewiesen, dass sie in die Medaillenränge kommen können. Josefine Heinemann hat gerade nur knapp eine Medaille auf der Jugend-WM U18 verpasst. Ich sehe unsere Frauen im Aufwind und drücke ihnen fest die Daumen. Mit neuen Erfolgen wird auch das Selbstvertrauen weiter wachsen. Die Partien werde ich live am Rechner verfolgen und fest die Daumen drücken!“

 

Die Teamaufstellungen sowie alle wichtigen statistischen Details liefert wie immer zuverlässig der Internationale Schachturnier-Ergebnis-Server von Heinz Herzog – die Frauen finden Sie unter https://www.chess-results.com/tnr191480.aspx?lan=0&art=0&fedb=GER&flag=30&wi=821 

 

Und natürlich haben auch die Veranstalter eine Webseite vorbereitet [https://etcc2015.com/]

 

Freuen Sie sich also auf Schachfeste im November und halten Sie unserem Frauen-Team die Daumen, dass der „Fünfer“ eine erfolgreiche Europameisterschaft 2015 spielen wird!

 

PS.: Lesen Sie auch einen Artikel von Melanie Ohme:

Auf geht’s nach Reykjavik

 

 

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