Seniorenmeisterschaft Mecklenburg-Vorpommern


Altmeister Dr. Fritz Baumbach siegt in Binz knapp vor den Jungsenioren Ackermann, Hassenrück und Schumacher. Brigitte Burchardt gewinnt den Titel bei den Frauen – Ein Schlussbericht von BRUNO MÜLLER-CLOSTERMANN

 

Eins der attraktivsten [Senioren-]Turniere ist die Offene Senioren-Einzelmeisterschaft von Mecklenburg-Vorpommern, welche dieses Jahr vom 24.11. bis 2.12. bereits zum 15. Mal und zum 8. Mal im Hotel Binz-Therme auf Rügen stattfand. 176 Seniorinnen und Senioren spielten 9 Runden an 9 Tagen um Senioren-, Nestoren- und Damentitel.

 

Der 80-jährige Dr. Fritz Baumbach – wie wir alle wissen Großmeister und Weltmeister im Fernschach [1981] und auch DDR-Meister im „Nahschach“ [1970]  – konnte sich gegen die z.T. wesentlich jüngere Konkurrenz durchsetzen und seinen Turniersieg in Binz aus dem Jahr 2011 in diesem Jahr wiederholen. Aber jetzt der Reihe nach!

 

Fritz Baumbach setzt MattZwei der Favoriten – Helmut Hassenrück und Gottfried Schumacher – begannen mit einem sog. “Schweizer Gambit”, d.h. sie erlaubten sich bereits in der ersten Runde ein Remis, verschwanden dadurch kurzfristig im Mittelfeld, arbeiteten sich wieder in die Spitzengruppe und schließlich noch auf die Plätze 3 und 4 nach vorne. Die Begegnung Schumacher – Baumbach in Runde 8 war eine der entscheidenden Partien, deren etwas kuriose Schlussstellung – die beiden Könige haben bei noch gut gefülltem Brett die Fronten gewechselt – in neben stehendem Foto festgehalten ist. Wilhelm Steinitz – der Verfechter des „Kampfkönigs“ – hätte sicher seine Freude an dem doppelten Wanderkönig gehabt! Ich empfehle eine genauere Betrachtung der Stellung.

 

Nach Kg3-f4 zeigt sich, dass der schwarze König den besseren [Wander]Tag erwischt hat und der weiße König vor einem undeckbaren Matt steht. Wie kommentiert Zauberlehrling Bronstein seine Partien bei solch einem Sachverhalt? „The white king resigns!“

 

Also ein „Big Point“ für den späteren Turniersieger Baumbach! Auch am Tag zuvor hatte sich Baumbach  durchsetzen können, diesmal ganz knapp gegen den Elo-Favoriten Ackermann, der in der Endphase in ausgeglichener Stellung dem Remis auswich und im Zeitnotduell (ohne Inkrement!) unbedingt eine Entscheidung herbeiführen wollte, was Baumbach mit Übersicht und guten Nerven für einen vollen Punkt nutzen konnte. Zu seinen Gunsten versteht sich!

 

In der Schlussrunde lagen Baumbach und Ackermann mit 7 aus 8 gleichauf, gaben ihre Partien früh Remis und hofften auf gute Leistungen ihrer jeweiligen „Buchholz-Pferdchen“. Ackermanns zwischenzeitlicher Vorsprung von mehreren Buchholzpunkten schmolz am Ende der Schlussrunde immer mehr zusammen bis hin zum Gleichstand, und das bei nur einer einzigen noch laufenden Partie im gesamten Turnier, nämlich die Ihres Berichterstatters, der der Gruppe der Baumbach-Buchholz-Pferdchen angehörte! Nach glücklich gewonnener Partie gehörte Fritz Baumbach, jetzt Turniersieger dank einem Buchholzpunkt Vorsprung, zu meinen ersten Gratulanten, wobei ich allerdings völlig ahnungslos hinsichtlich des Grundes für seine besondere Freude war. Und ich dachte tatsächlich einen Augenblick lang, meine Endspielführung wäre so gratulationswürdig gewesen! 🙂

 

Die vier Erstplatzierten: Baumbach, Ackermann, Hassenrück und SchumacherDie vier Erstplatzierten: Fritz Baumbach, Hans Werner Ackermann, Helmut Hassenrück und Gottfried Schumacher

 

Also hier die Schlussplatzierung im Überblick: Altmeister Dr. Fritz Baumbach (SC Friesen Lichtenberg) wird mit 7,5 Punkten aus 9 Runden und einem Buchholzpunkt Vorsprung Turniersieger vor dem punktgleichen Hans Werner Ackermann (SSC Rostock). Dritter wurde Helmut Hassenrück (SC Gladbeck) vor Gottfried Schumacher (HTC Bad Neuenahr), beide mit 7 Punkten.

 

Die beiden Erstplatzierten wurden sogar doppelt geehrt: Baumbach gewann gleichzeitig den Nestorenpreis – es waren immerhin 72 Nestoren am Start – und Ackermann, früher bei Hansa Dortmund und seit zwei Jahren bei SSC Rostock im Kader, erhielt einen Pokal als bester Spieler aus – besser gesagt “aktiv für” – Mecklenburg-Vorpommern.

 

Bester Nestor hinter dem Double-Gewinner Fritz Baumbach wurde Jürgen Wiemer (VT Ludwigslust), der in der Schlussrunde eine nach 10 Zügen völlig verkorkste Stellung durch ein Figurenopfer notdürftig am Leben hielt – und ganz nach dem Motto “Durch Aufgeben hat noch niemand gewonnen!” – sich irgendwie bekrabbelte und am Ende sogar noch gewinnen konnte, dadurch 6,5 Punkte erreichte und sich noch vor dem punktgleichen Werner Szenetra (SV Berenbostel) platzierte.

 

Brigitte Burchhardt vs Gottfried Schumacher

Brigitte Burchhardt vs Gottfried Schumacher

Der Titel bei den Frauen wurde eine sichere Beute der favorisierten Brigitte Burchardt (SC Rotation Pankow), die wie Fritz Baumbach in „alten Zeiten“ die DDR-Meisterschaft gewinnen konnte, und zwar gleich dreimal: 1975, 1978 und 1979 gewann sie die DDR-Meisterschaften der Frauen. Erst in der Schlussrunde – quasi beim Kampf um Platz 3 oder 4 – wurde sie durch eine Niederlage gegen Gottfried Schumacher (“Ich bin kein Kavalier, ich bin Sportler!”) von der Spitze in der Gesamtwertung verdrängt. Den zweiten Platz in der Frauenwertung belegte die Titelträgerin des Vorjahres Barbara Jacob (SK Ochtrup) vor Irmgard Narr (SC Mühlhof-Reichelsdorf).

 

Das Turnier war Dank dem Organisationsteam um Turnierleiter Gerhard Krüger wieder in den besten Händen. Die Turnierhomepage ist prima, Ergebnisse und Paarungen waren zügig online, auch die Historie des Turniers ist durch Tabellen und Berichte gut dokumentiert. Das Ambiente in Binz ist großartig und auch bei den Begleitpersonen konnte eigentlich keine Langeweile aufkommen.

 

Ostseelandschaft mit Schachspielern (Helmut Hassenrueck vs Hanjo Neese)

Ostseelandschaft mit Schachspielern

Als Eindruck von der traumhaften Umgebung zeigen wir einen Blick auf den sonnenbeschienen Ostseestrand, von dem sich die beiden ernsthaften Schachspieler im Vordergrund aber nicht beeindrucken lassen. Schlechtwetter-Liebhaber waren in diesem Jahr ganz ungenügend bedient: kein Sturm, keine Kälte, von Schnee ganz zu schweigen, nur wenig Regen. Es gab kaum Anlass zum Konsum von Glühwein oder Sanddorn-Grog!

 

Auch im Jahr 2016 wird dieses Turnier am gleichem Ort zur gleichen Zeit (Ende November/Anfang Dezember) durchgeführt. Wegen großer Nachfrage empfiehlt sich eine frühzeitige Bewerbung für einen der 176 Startplätze. Anmeldungen sind ab Februar 2016 möglich (aber nicht früher!) und es lohnt es sich, die Turnierhomepage bezüglich Ausschreibung und dem konkreten Termin zu besuchen.

 

 

 

Zum Schluss empfehlen wir noch einen Besuch unserer Galerie, fotografiert und zusammengestellt von Klaus Briesemeister (SV Lingen) und Bruno Müller-Clostermann (SF Katernberg).

 

Gemischte Impressionen aus Binz 2015

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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