Schachbundesliga: Gibt es ein Sterben nach dem Tod?


Ein Exklusiv-Beitrag für den SCHACH-TICKER von TILL SCHELZ-BRANDENBURG vom 9. April 2015 – Mit Vorbemerkungen von RAYMUND STOLZE

 

Logo_SBL_eVEs gibt Artikel, die in ihren Aussagen nicht an Aktualität verlieren – und das gerade, wenn sie von der Zeit geprüft sind. Dazu gehört ganz bestimmt jener Exklusiv-Beitrag für den SCHACH-TICKER vom 9. April vergangenen Jahres von Till Schelz-Brandenburg zur Situation in der Bundesliga. Der Anlass war damals der Bundesliga- Rückzug des SC Eppingen. Zur Erinnerung: Der Verein hatte im Jahr zuvor noch eine tolle zentrale Endrunde der höchsten deutschen Spielklasse aus Anlass des 60-jähriges Vereinsjubiläums organisiert. Es war nach der Premiere 2012 in Mülheim die zweite Auflage, und ehrlich gesagt ein tolles Fest des Schachs in der Hardwaldhalle in Eppingen. Vielleicht gab es nur einen Wermutstropfen, denn mit dem SV Wattenscheid hatte sich ein Bundesliga-Urgestein gerade für immer verabschiedet – zumindest von der „besten Liga der Welt“. Im folgenden Jahr gingen die Eppinger selbst diesen Schritt, allerdings „nur“ in die Zweitklassigkeit – und sind uns also zumindest erhalten geblieben. Nun verkündete am 13. April der SK Turm Emsdetten sein Aus, und es wird wohl wie ich in meinem Anmerkungen zu diesem Fall angedeutet habe, nicht der letzte Rückzug bleiben.

 

Immerhin hat die Schachbundesliga am heutigen Sonnabend [16. April] eine Stellungnahme dazu abgegeben, ohne allerdings darüber nachzudenken, welche konkrete Verantwortung der gemeinnützige Verein für sein Projekt trägt. Ich zitiere deshalb wörtlich:

 

Im Rahmen seiner Einflussmöglichkeiten tritt der Schachbundesliga e.V. für vernünftige und nachhaltige Lösungen ein, um Vereine zu stärken und die Beteiligten zu unterstützen.“ 

 

Um ehrlich zu sein, kann ich mit dieser allgemeinen verbalen Erklärung nichts anfangen und sie erweckt bei mir mehr als ernsthafte Zweifel. Und das vor allem in zweierlei Hinsicht.

 

  1. Der Schachbundesliga e.V. hat es meiner Meinung nach in seinem zehnjährigen Bestehen bislang nicht geschafft, eine „Solidargemeinschaft“ zu sein, d.h. vor allem finanzschwachen Vereinen zu helfen, den Etat von immerhin 30.000 € stemmen. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie im Vorjahr der Erfurter SK wirklich alle Hebel in Bewegung setzte, um das sportlich erkämpfte Aufstiegsrecht wahrzunehmen. Es grenzt für mich schon an ein kleines Wunder, dass die Thüringer mit ihrem Vereinsvorsitzenden Joachim Brüggemann das am Ende dann doch allein geschafft haben.  
  2. Zudem ist es ebenfalls nicht gelungen, das Produkt „Schachbundesliga“ erfolgreich als Marke zu platzieren, wovon alle 16 Vereine hätten partizipieren können und sollen. Ich spitze es einmal zu: Jeder ist sich selbst der Nächste – und das gilt vor allem für die stärksten Schachklubs – allen voran für den zehnmaligen Deutschen Meister OSG Baden-Baden.

 

So gesehen lohnt es sich tatsächlich, den nachfolgenden konstruktiven Beitrag des Bremers Till Schelz-Brandenburg aus dem Jahr 2015 erneut zu veröffentlichen – in der Hoffnung, dass sich vielleicht doch endlich etwas zum Positiven hin ändern wird. Lesen sollten ihn aber keineswegs nur die Verantwortlichen des Schachbundesliga e. V. …

 

 


 

Till Schelz-Brandenburg (Foto: SV Werder Bremen)

Till Schelz-Brandenburg

Ist die Schachbundesliga tot? Wie in der Medizin ist die Antwort eine Frage der Definition. Es wird immer noch gespielt, also ist sie lebendig, sagen die einen, ja, sie hat sich dank der zentralen Auftakt- bzw. Endrunden sogar verbessert, so z.B. der Vorsitzende des Schachbundesliga e.V., Markus Schäfer. Sie ist zum Leben zu schwach, zum Sterben zu stark, so in etwa das Fazit von Raj Tischbierek schon 2011. Und gemessen an dem, was die Initiatoren der selbständigen Liga sich einmal ausmalten, zu denen neben Christian Zickelbein aus Hamburg und anderen auch ich als Vertreter von Werder Bremen zählte, lässt sich auch ein klinischer Tod konstatieren: Die Zuschauerresonanz ist kontinuierlich rückläufig, ebenso das Medieninteresse, von gelegentlichen Ausreißern bei tatkräftigen Aufsteigern abgesehen, der sportliche Wert wegen permanenter Rückzüge und Aufstiegsverweigerungen im rapiden Sinkflug. Und mindestens genauso schlimm: Die Mitgliederversammlungen des e.V. als höchstem Gremium der Liga sind seit längerem zu Orten routinierten geistigen Stillstands verkommen – ein recht getreues Abbild des Ligabetriebs.

 

Seit Jahren gibt es Diskussionen darüber, wie die Schachbundesliga so gestaltet werden kann, dass sie das Interesse am Schachsport verstärken und damit als Rückkoppelungseffekt selber attraktiver für Medien wie Geldgeber werden kann. Besonderen Auftrieb erhält diese Debatte immer dann, wenn ein Verein wie jetzt der SC Eppingen seinen Rückzug aus der Liga bekannt gibt – also so gut wie jedes Jahr.

 

Die Häufigkeit dieser Rückzüge, die ja nichts weiter als Demonstrationen der Unattraktivität der Liga sind, wird dabei keineswegs mit einem Fortschritt in dieser Diskussion wenigstens halbwegs kompensiert – im Gegenteil: Jede Art von Vorschlägen wird von einer dumpfen Mehrheit des Schachbundesliga e.V. abgelehnt, oft ohne jede Debatte. Als vor Jahren der Chefredakteur der Zeitschrift Schach, Raj Tischbierek, eine Auseinandersetzung zur Zukunft der so offensichtlich niedergehenden Liga zu initiieren suchte, hatte der e.V. gerade beschlossen, seine Zusammenkünfte zeitlich zu halbieren! Was gab es denn auch schon groß zu besprechen.

 

Einen nicht unerheblichen Anteil haben die Umstände der Gründung gehabt: Über unserem Hauptziel, der Abkoppelung der Liga vom schwerfälligen Apparat des DSB, vergaßen wir den Zweck dieser Übung: Nämlich mit Hilfe kurzer Entscheidungswege eine attraktive Liga zu gestalten. Wir haben einfach bei der Gründung der Liga nicht genügend darüber nachgedacht, welche extrem kontraproduktive Wirkung das Pärchensystem hat und dass 16 Vereine in der Spitzenliga des deutschen Schachs schlicht zu viele sind. Nur zum Vergleich: Die Tischtennis-Bundesliga spielt mit zehn Vereinen, der Tischtennis-Bund hat mit über 600.000 Mitgliedern rund siebenmal mehr als der Schachbund.

 

Das rächte sich: Spätere Versuche, in der Mitgliederversammlung eine Reduzierung zu erreichen, wurden schnell abgeschmettert, auch der Vorschlag, ohne Rücksicht auf Rückzüge es vorläufig bei vier Absteigern zu belassen. Kein Wunder, sind doch jede Saison 60-70% der Liga im Abstiegskampf, der sich dann natürlich noch verschärft hätte. Noch ärger erwischte es meinen späteren Vorschlag, das Pärchensystem, das es in keiner einzigen Sportart sonst gibt, zugunsten eines Hin- und Rückkampfs von zwei Mannschaften an zwei Tagen an einem Ort aufzulösen – das wurde schon im Vorfeld u.a. mit dem Argument abgeblockt, die dann notwendigen 15 statt der bisherigen acht Termine ließen sich im internationalen Terminkalender nicht unterbringen – als ob es irgend ein Gesetz gäbe, dass etwa in den Monaten Mai und September keine Schach-Bundesliga stattfinden dürfte.

 

Was die Liga als Kardinalfehler mit sich herumschleppt, ist die offensichtliche Unfähigkeit, einen dringend notwendigen Perspektivenwechsel durchzuführen, weg von der Liga als Veranstaltung nur für die Spieler, hin zu einer Liga für das Schach, d.h. für die Fans, die Öffentlichkeit, die Medien. Bei Mannschaftssportarten heißt dies natürlich, die Mannschaft dem heimischen Publikum regelmäßig zu präsentieren. Seit Jahren hat Werder Bremen im Oktober und im März seine Heimspiele – zwei Doppelspieltage pro Saison wohlgemerkt, dazu jeweils an Sonntagen, an denen auch sämtliche Amateurligen in Bremen und Niedersachsen spielen. Entstanden ist dieses publikumsabschreckende, medienfeindliche System vor fast 40 Jahren, als der überwiegende Teil der Spieler selber Amateure waren und Öffentlichkeit als Störfaktor betrachtet wurde. Trotzdem wird daran festgehalten, weil die Mehrheit der Vereine die Aufwendungen scheut, die eine präsentables Heimspiel natürlich erfordert, ja, einige eben auch nichts dagegen haben, nur eines oder evtl. sogar gar keines auszurichten. Und genau daher erklärt sich auch die mehrheitliche Zustimmung für die vergangenen zentralen Auftakt- bzw. Schlussrunden, die vor allem die Zahl der Heimspiele weiter einschränken. Und wie wenig selbst dem Ausrichter eine solche Zentralveranstaltung nützt, hat ja gerade Eppingen demonstriert: 2014 Präsentation der Endrunde, 2015 Rückzug aus der Liga.

 

In jeder Sportart aber gilt: Die Heimspiele schaffen die Bindung von Mannschaft und Fans und sind Gelegenheit für solche, die es werden sollen. Man stelle sich nur einen Augenblick vor, in der Fußball-Bundesliga würde Schalke gegen Dortmund in Stuttgart, Werder gegen den HSV in Frankfurt spielen. In der Schach-Bundesliga aber ist dies die Regel, geradezu konstitutives Mittel des Pärchensystems. Dieses System killt jede Bemühung um Popularisierung der Schach-Bundesliga. Zudem wäre auch der Termin zu ändern. Zur Zeit ist es so, dass die meisten Landesturnierleiter darauf warten, wie die Bundesliga terminiert, um dann nicht etwa diese Termine zu schützen, sondern gerade an ihnen die unteren Ligen spielen zu lassen. Da die Schach-Bundesliga weder über administrative noch indirekte Mittel verfügt, dem entgegenzutreten, bietet es sich an, als Spieltage den Freitag-Abend und den Samstag-Nachmittag zu wählen.

 

Doch ich gestehe es offen: Indem ich dies niederschreibe, hält sich meine Hoffnung auch nur auf eine ernsthafte Debatte in ganz engen Grenzen. Darin werde ich bestärkt von dem Beitrag, den Markus Schäfer anlässlich der Eppinger Demission publizierte. Zwar ist da viel vom Verein die Rede, dessen Basis die Vereinigung sein müsse – nur erstaunlicher Weise kommt der Vereinsvorsitzende Schäfer mit keinem Wort auf seinen eigenen Verein, nämlich den Schachbundesliga e.V., zu sprechen, nicht eine Idee zur Weiterentwicklung ist zu vernehmen, stattdessen Schönfärbereien wie der Hinweis auf 20.000 Nutzer pro BL-Spieltag oder den Festival-Charakter zentraler Runden. Abgesehen davon, dass für Netzmaßstäbe 20.000 User pro Tag meist als unterhalb der Nachweisgrenze gelten: Diese Zahl bedeutet auch, dass lediglich 25% aller im DSB organisierter Schachspieler einmal einen Blick per Internet auf die Schachbundesliga werfen. Und dass ein Liga-Betrieb etwas ganz anderes ist als ein Festival, muss nicht weiter erläutert werden.

 

Schließlich: Der Liga aufzuhelfen, indem man die Zahl der Ausländer begrenzt, ist ein uralter, außerordentlich abgewetzter Hut, unter dem ansonsten auch ganz andere Parolen gebrüllt werden. Es kommt nicht darauf an, welchen Pass ein Spieler hat, sondern inwieweit er eine Identifikation mit dem Verein erzeugt. Der Schachinteressierte weiß, dass die Mannschaft, in der Hracek, Babula und McShane spielen, Werder Bremen heißt, weil diese Großmeister zusammen weit über 50 Jahre für Werder antreten. Eine solche Wirkung wird ein noch so deutscher Spieler, der jedes Jahr den Verein wechselt, nie erzielen. Schaut man zum Fußball, dann sind neben einigen deutschen Spielern der Norweger Rune Bratseth, die Brasilianer Ailton und Diego sowie der Franzose Johann Micoud absolute Kultfiguren für jeden Werder-Fan – und da lassen sich ähnliche Beispiele für zahlreiche andere Clubs finden. Dass diese Idee einer „deutschen Liga“ sich so hartnäckig hält, hat möglicherweise auch damit zu tun, dass – ein weiteres Spezifikum der Schachwelt – nicht nur in Fachzeitschriften, sondern in relevanten Blättern die Schach-Berichterstatter meist selber Spieler der Liga waren oder sind – und da schreibt man sich halt gerne mal die Konkurrenz vom Leib.

 

Meiner Einschätzung nach wird die Liga weiter phantasielos vor sich hinwursteln, weiter an Anziehungskraft verlieren, bis sich in nicht ferner Zukunft sie bislang prägende Vereine von dieser immer lebloseren Veranstaltung zurückziehen werden – Hoffnungen auf ein Osterwunder habe ich nicht mehr.

 

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P.S.: Den von unserem Autoren zitierten Artikel des Vorsitzenden des Schachbundesliga e.V., Markus Schäfer, finden Sie unter dem Link https://www.schachbundesliga.de/magazin/artikel.php?artikel=4592&type=2&

 

 

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