Quo vadis, FIDE Grand Prix (der Männer)?


Spielt Hou Yifan doch mit?

Nisipeanu

 
Einerseits ist dieser Artikel voreilig, da noch keine Details bekannt sind. Andererseits reizt es mich, über etwas zu schreiben, was anderswo offenbar kaum registriert wurde. Von einem Kollegen eventuell schon, aber er bzw. sein Arbeitgeber hat es nur nebenbei auf Twitter zweiterwähnt. Worum geht es? Lange war unklar, ob es auch im nächsten WM-Zyklus eine Grand Prix Serie gibt. Vor vier Tagen hat FIDE auf Twitter den Schleier etwas gelüftet: “New FIDE Grand-Prix format, four 9-round swiss events: Oct 2016, Feb, May, July 2017. More details soon!”. Agon/worldchess schreibt da gerne “watch this space!” – das hat FIDE nicht übernommen. Also etwas später als geplant – das erste Turnier sollte eigentlich im Mai stattfinden – und nach Schweizer System, demnach sicher mit mehr Teilnehmern. Da wäre wohl Platz u.a. auch für Hou Yifan, die beim GP der Damen keine Lust mehr hat.

 

Aber das Titelbild gebe ich einer anderen “Dame”, die trotz Pferdeschwanz bei Damenturnieren nicht spielberechtigt ist. Auch Liviu-Dieter Nisipeanu wäre eventuell dabei – um eine “wichtige” Rolle zu spielen müsste er besser abschneiden als bei Tata Steel Chess im B-Turnier, daher stammt das Foto von Alina l’Ami. Wichtige Rolle hiesse mindestens einmal im Preisgeld-Bereich, mehr (Qualifikation für das nächste Kandidatenturnier) ist wohl unrealistisch.

 

Wie gesagt, FIDE hat das auf Twitter erwähnt. Da schaue ich so gut wie nie vorbei – andere Kurznachrichten, z.B. zu Seminaren in Teheran, Mekka, Monrovia, Caracas oder Abu Dhabi, interessieren mich nicht so – aber chess24 hatte das (wie sagt man auf Deutsch?) retweeted. Kollege Colin McGourty hatte allerdings offenbar bisher keine Zeit oder keine Lust, das in einem Artikel zu vertiefen. Dann habe ich nachgeforscht: Der siebzehnte von achtundzwanzig Beschlüssen beim FIDE Presidential Board Meeting am 28./29. März war “To approve the proposal of Agon Ltd regarding Grand-Prix cycle”. Was sonst noch so beschlossen wurde, dazu kurz und knapp am Ende des Artikels. Immerhin etwas Neues, zuvor war mein Informationsstand “zum Grand Prix nichts Neues”. In Wijk aan Zee hatte ich Eljanov – als Weltcup-Halbfinalist wäre er auch im bisherigen System mit Rundenturnieren qualifiziert – befragt, und er meinte nur “Ich weiss nicht mehr als Sie wissen”.

 

Wer wäre alles dabei? “Details” kommen später bzw. bald (soon), derzeit kann ich nur spekulieren. Gehen wir mal von 100 Teilnehmern aus und der aktuellsten Eloliste: Deutschland würde dann vertreten von Liviu-Dieter Nisipeanu (#87) und Georg Meier (#92). Auch die Nummer 89 Arkadij Naiditsch dürfte mitspielen, ebenso – das hatte ich bereits – die Nummer 83 Hou Yifan. Einige Nachbarländer: Polen hätte neben Radek Wojtaszek auch JK Duda, Kacper Piorun und Dariusz Swiercz, die Tschechische Republik neben David Navara auch Viktor Laznicka. Die Niederlande neben Anish Giri wohl auch Loek van Wely – aktuell auf Platz 102, aber einige der besten hundert verzichten wohl – ziemlich sicher die im nächsten WM-Zyklus bereits gesetzten Magnus Carlsen und Sergey Karjakin, todsicher die Nummer 94 der Weltrangliste Ivan Bukavshin (FIDE-elotechnisch ist man aber erst ein Jahr nach dem Todestag offiziell tot). Auch das schachlich kleine Kanada hätte nach Kevin Spraggett mal wieder einen WM-Kandidaten: Bareev hat erst den Verband gewechselt, und dann nach jahrelanger Inaktivität mal wieder zwei Turniere gespielt. Andere in Frage kommende ehemalige Weltklassespieler wären z.B. Shirov, Kamsky, Short und Dreev.

 

Ein Detail ist laut FIDE-Terminkalender bereits bekannt, nämlich wann die Turniere stattfinden, das erste vom 12.-23. Oktober 2016. Wo – da lassen wir uns überraschen. Zur Erinnerung: Die 16 bisherigen Rundenturniere hatten 24 potentielle Ausrichter. In der ersten Serie 2008-2010 mussten einige später passen – die damalige finanzielle Krise spielte eine Rolle, und einige Sponsoren waren offenbar auch beleidigt dass Carlsen beleidigt war. In der zweiten Serie 2012/2013 hatte AGON, erstmals zuständig, sich bei einem Austragungsort vertippt: da stand Berlin, gemeint war Beijing (Peking). Wie man Madrid und Lissabon schreiben und Zug und Thessaloniki meinen kann – AGON ist immer mal für eine Überraschung gut. In der dritten Serie 2014/2015 wurde aus Teheran Tiflis, und aus Moskau Khanty-Mansiysk (da spricht man immerhin auch Russisch).

 

Pro und kontra Schweizer System aus meiner Sicht: Ist es gut oder schlecht, dass sooo viele im WM-Zyklus mitmischen können, von denen wohl ca. 80% keine Chance haben, sich für das Kandidatenturnier zu qualifizieren? Da sage ich mal “kein Kommentar”. Wie wird bei Punktgleichheit gewertet? Zum Beispiel 7/9 kann man auf unterschiedliche Art und Weise erzielen – u.a. 0/2 und dann 7/7 gegen relativ schwache Gegner, oder anfangs 5/5 und dann viermal Remis bei deutlich stärkeren Gegnern. Wie man es macht, Tiebreaks berücksichtigen oder nicht, beides ist potentiell ungerecht. Natürlich ist das Schweizer System die Methode bei sehr vielen Teilnehmern – Alternative nur das ebenfalls mitunter ungerechte (oder so empfundene) KO-System.

 

Was wurde sonst so beim Presidential Board Meeting beschlossen? Alle möglichen Berichte wurden angenommen, einige Turniere bekamen einen Ausrichter. Interessant womöglich noch Punkt 16 “To approve the review of the World Championship match regulations in respect of the potential conflict of sponsors of the organisers and players” – was auch immer sich genau dahinter verbirgt. Und Herbert Bastian darf oder muss in gleich zwei Kommissionen mitmischen: Er wird Vorsitzender des FIDE History Committee, hinter ihm sitzt da W. Icklicki. Zusammen mit Ochoa und Freeman untersucht er “den Fall Garrett vs. italienischer Schachverband” – keine Ahnung, was sich dahinter verbirgt (ich habe zwar email-Adressen von Bastian und Garrett, aber hier keine Ambitionen als investigativer Journalist).

 

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