Kinderschach – Gemeinsam einen Zug voraus


Ein außergewöhnliches Projekt eines außergewöhnlichen Vereins – Ein Bericht von CORINNA JORDAN mit einer Einführung von RAYMUND STOLZE

 

Schach in der KiTa Pusteblume (Foto: Peter Wölk)

Schach in der KiTa Pusteblume (Foto: Peter Wölk)

Es tut sich seit einiger Zeit wirklich etwas für die Zukunft des Königlichen Spiels in Deutschland – und das speziell im Osten der Republik. Dr. Dirk Jordan, der rührige und ebenso kreative Schachorganisator aus Dresden, hatte mich aufmerksam gemacht auf den Verein Kinderschach in Deutschland e.V. [https://kinderschach-in-deutschland.de/], der sich vorrangig an Kinder und pädagogisches Personal in Bildungseinrichtungen wendet.

 

Und weil der Mann ein Macher ist – er war vor gut drei Jahren beim Projekt „Kinderschach in Mitteldeutschland“ eingestiegen – hat der studierte Pädagoge gemeinsam mit Harald Niesch zwei unverzichtbare Kinderschach-Übungshefte verfasst und für Erzieher, Lehrer und Großeltern zur Unterstützung einer langfristigen Projektarbeit noch zwei unverzichtbare Methodik-Broschüren dazu.

 

Einen Eindruck können Sie im Übrigen in der Zeitschrift JugendSchach gewinnen, in der mit der ersten Ausgabe 2016 eine zwölfteilige Serie zum Kinderschach begann, in der die von Dr. Dirk Jordan und Harald Niesch entwickelte Methodik und Didaktik für ErzieherInnen und Pädagogen vorgestellt wird. Die erwähnten Übungs-und Methodikhefte können Sie direkt im JugendSchachVerlag bestellen [ verlag@jugendschach.com ].

 

Dass die Projektmacher im Team erfolgreich sind, beweist nicht zuletzt ihr eindrucksvoller Abschlussbericht für 2015.

 

Und es wird auch in diesem Jahr eines der interessantesten Schach-Projekte in Deutschland sein. „Meiner Meinung nach braucht das nicht meine oder irgendeine Begründung, dass zeigt die Dimension und die Dynamik des Projektes selbst. Sachsen-Anhalt ist da der Vorreiter, aber die sehr positiven Entwicklungen in Hessen, Baden, Bayern, … unterstreichen dies alles eindrucksvoll!

 

Ein abschließender Satz aus dem neuen Antrag für 2016 ist Motivation und zeigt die Dimension für Sachsen-Anhalt: „Geht man von einer kontinuierlichen Weitergabe des Erlernten durch die ErzieherInnen an die Kinder über 10 Jahre hinweg aus, werden weit über 30.000 Kinder erreicht.“

 

Doch geben wir nun aus aktuellem Anlass Corinna Jordan das Wort, die für den Schach-Ticker exklusiv den nachfolgenden Beitrag geschrieben hat!

 


 

Corinna Jordan

Corinna Jordan

Um die Entwicklung unserer Kinder zu fördern, gibt es viele interessante Ideen und Möglichkeiten. An Schach denken dabei die Wenigsten. Aber warum eigentlich? Zahlreiche deutsche und internationale Studien haben die positive Wirkung der Beschäftigung mit Schach bewiesen. Die Entwicklung kognitiver Leistungen wie logisches Denken, räumliche Vorstellungskraft, Gedächtnisleistung und Konzentration wird unterstützt. Aber auch im soziales Bereich profitieren die Kinder in der Frühförderung. Der Umgang mit Regeln und Normen wird geschult, Kommunikation, Fantasie und Willenskraft angeregt.

 

Alles Eigenschaften, die später in der Schule, der beruflichen Ausbildung und im Beruf wichtig sind. Zudem kann Schach generationsübergreifend gespielt werden, ist barrierearm und eignet sich so auch gut für integrative Kindereinrichtungen. Mit dem frühzeitigen Erlernen des Schachspiels wird ein Beitrag zum Bildungs- und Erziehungsprozess im Kindesalter geleistet.

 

Dieses Potenzial hat auch der Hort „Käthe Kollwitz“ der Arbeiterwohlfahrt in Wittenberg erkannt. Am vorletzten Aprilsamstag haben zehn pädagogische Fachkräfte in einer Inhouse-Schulung das „Kinderschachpatent für ErzieherInnen und Pädagogen“ erhalten. Den Teilnehmerinnen wurden in einer ganztägigen Weiterbildung Schritt für Schritt die Grundkenntnisse zum Schachbrett, den Figuren, deren Zugweise und allgemeinen Schachregeln beigebracht. Immer mit Blick auf eine kindgerechte Vermittlung erhalten die Pädagogen hilfreiche Lehrsätze, kurzweilige Spielübungen und eine breite Variation an methodischen Hilfsmitteln [Schachkarten, -würfel, …].

 

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Verleihung des Kinderschachpatents im Hort Käthe Kollwitz

Im vergangenen Jahr nahmen bereits zwei Pädagoginnen des Hortes [Franzi Loch und Nadine Ende] am Projekt „Kinderschach in Mitteldeutschland“ teil und haben die Kita-Leiterin, Birgit Brömel, mit der Kinderschachidee angesteckt: „Schach ist in unserer Hortkonzeption ein wichtiger Schwerpunkt. Wir wollen die komplexe Persönlichkeitsentwicklung unserer anvertrauten Kinder fördern. Die Arbeiterwohlfahrt als Träger unserer Einrichtung unterstützt uns finanziell bei der Umsetzung.

 

Franzi Loch und Nadine Ende setzen die Kinderschachidee bereits in der Einrichtung um. „Auch wenn wir im vergangenen Jahr noch Schachneulinge waren, hat uns die Weiterbildung viel Spaß gemacht. Inzwischen üben wir nicht nur einmal die Woche mit unseren Kindern im Hort sondern auch zu Hause.“, sagt Franzi Loch. Nadine Ende ergänzt: „Wir werden gemeinsam mit den Kindern immer besser. Im nächsten Schuljahr setzen wir definitiv das Projekt mit einer neuen Anfängergruppe fort.“

 

Der Verein „Kinderschach in Deutschland e.V.“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, das königliche Spiel in den deutschen Kitas und Grundschulen einzuführen. ErzieherInnen und pädagogische Fachkräfte werden in einer Ganztagsschulung befähigt, Kinder spielerisch an Schach heranzuführen. So wird Wissen vermittelt, welches die Fachkräfte über Jahre hinweg in den Einrichtungen nutzen und an ihre Kollegen, die Eltern und Kinder weitergeben können.

 

Seit Vereinsgründung 2013 erhielten ca. 280 ErzieherInnen und Pädagogen aus über 230 Kindereinrichtungen deutschlandweit das Kinderschachpatent. Über drei Jahre wurden mit dem Projekt ca. 6.000 Kinder erreicht.

 

Der Verein führte 2015 mit finanzieller Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt [in Höhe von 77.500 Euro] das Projekt „Kinderschach in Mitteldeutschland“ durch. Insgesamt wurden 100 Kindereinrichtungen geschult und mit Material ausgestattet. 2016 geht das Projekt in die zweite Runde.

 

ORWO Chef Dr. Gerhard Köhler lehrt Kinder der Kita Buratino in Halle das Schach spielen (Foto: Andreas Stedtler)

ORWO Chef Dr. Gerhard Köhler lehrt Kinder der Kita Buratino in Halle das Schach spielen (Foto: Andreas Stedtler)

Die positive mediale Resonanz, die Mundpropaganda der begeisterten SchulungsteilnehmerInnen und das Engagement der Schachvereine mit ihren regionalen Kontakten haben bewirkt, dass bereits zahlreiche Anmeldungen für eine Neuauflage und Weiterführung des Projektes vorliegen. Insgesamt 130 weitere Einrichtungen werden den Grundkurs besuchen, 55 Anmeldungen für einen Aufbaukurs liegen vor.

 

Alle teilnehmenden Einrichtungen erhalten ein umfangreiches Materialpaket. Dazu gehören extra für das Projekt entwickelte Lehrmethodiken für die Pädagogen, Übungshefte für die Kinder sowie weiteres didaktisches und Spielmaterial.

 

Susan Bartel von der Kita „Pusteblume“ hat 2015 teilgenommen und schwärmt von den zur Verfügung gestellten Materialien. Das Lehrheft für die Erzieher enthalte zum Beispiel für den Einstieg ein tolles Märchen von einem König, der aus Langeweile mit dem Schach spielen beginnt. Auch die Übungshefte für die Kinder seien altersgerecht gestaltet. „Alles ist super durchdacht und erklärt und richtig gut aufgebaut“, so Kita-Leiterin Susann Bartel. Zum Nachmachen gebe es sowohl normale Schachbretter als auch ein XXL-Spielfeld mit dazu passenden großen Figuren.

 

Welchen Stellenwert das Kinderschach-Konzept hat, beweist sich darin, dass der Ehrenpräsident des Deutschen Schachbundes, Prof. Dr. Robert Klaus Freiherr von Weizsäcker, die Schirmherrschaft übernommen hat. Er sagt:

 

  • “Schach im Kindergarten – das ist für viele unvorstellbar. Und doch es ist möglich und auch sehr zu empfehlen. Der Zugang der fünf- und sechsjährigen Kinder zum Schach ist ein spielerischer. Schach bietet den Kindern als Spiel so viel mehr als die üblichen Gesellschaftsspiele. Das Glück ist nicht entscheidend, und die Kinder merken schnell, dass es nur auf sie selbst und nicht auf irgendeinen Würfel ankommt. Sie müssen lernen, mit ihren Entscheidungen zu leben und mit ihren Fehlern umzugehen. Die schier unendlichen Zugmöglichkeiten, die vielen Überraschungen, das Kombinieren, der faire Wettkampf miteinander und nicht zuletzt Gewinnen und Verlieren – all das fasziniert die Kinder am Schach. Es ist für mich gleichermaßen eine Ehre und ein Anliegen, die Ideen des Kinderschachs in ganz Deutschland verbreiten zu helfen, so dass möglichst viele Kinder schon im Kindergarten das Schachspielen erlernen können.”

 

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P.S.: Den Kontakt zu Kinderschach in Deutschland e.V. können Sie am Besten über die Webseite www.kinderschach-in-deutschland.de herstellen oder sie setzen sich mit der Vereinsvorsitzenden Dr. Tanja Pflug per E-Mail unter t.pflug@kinderschach-in-deutschland.de in Verbindung. Ich kann Ihnen versichern: Fragen lohnt sich immer, wenn Sie einen Zug voraus sein wollen!

 

 

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ZUR PERSON

 

CORINNA JORDAN [Jahrgang 1985] kam als studierte Politik- und Kommunikationswissenschaftlerin Anfang 2015 zum Kinderschachverein. Seitdem betreut sie ehrenamtlich als Geschäftsführerin die Vereinsarbeit. Die SchulungsteilnehmerInnen der Kinderschach-Patentlehrgänge kennen sie zudem als Projektkoordinatorin, Fotografin und Organisatorin im Hintergrund. „Im Verein arbeiten viele ehrenamtlich Engagierte, die sich – genau wie ich – mit dem Kinderschach-Fieber angesteckt haben. Ich selbst hatte vor der Mitgliedschaft im Verein wenig mit Schach zu tun. Ich habe gemeinsam mit unseren ProjektteilnehmerInnen die Grundregeln und pädagogischen Möglichkeiten in den Schulungen kennen gelernt. Die Kinderschachidee ist absolut überzeugend und ich freue mich, an deren Umsetzung mitzuwirken.“

 

 

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