Olympiade vor dem Ruhetag


Niederlande, Ukraine und Indien bei den Herren | Russland und Ukraine bei den Damen

Turniersaal (Lana Afandiyeva)

Turniersaal (Lana Afandiyeva)

 

Das ist natürlich nur ein Zwischenstand – zu diesem Zeitpunkt hat noch niemand die Olympiade gewonnen, wobei einige die sich im Vorfeld Hoffnungen machten sie (was Medaillenchancen betrifft) vielleicht schon “verloren” haben. Etwas voreingenommen wie ich bin – als Deutscher mit Wohnsitz NL und zuvor einige Zeit Frankreich – habe ich gemischte aber insgesamt positive Gefühle beim aktuellen Stand: Platz 1 (wenn es dabei bleiben sollte wäre es keine Überraschung sondern eine Sensation), 12 (passt gut zur Setzliste) und 41 (c’est la vie).

 

Der etwas komplettere Zwischenstand bei den Herren (immer noch selektiv, alle 169 inzwischen angereisten Teams geht nicht!): Niederlande, Ukraine und Indien 10, Tschechische Republik, USA und Georgien 9, Weissrussland, Russland, Aserbaidschan1, China, Aserbaidschan2, Deutschland usw. (noch 13 Teams) 8. 

 

Bei den Herren führen damit drei relative Aussenseiter, bei den Damen dagegen zwei der Favoriten: Russland und Ukraine 10, Rumänien, China, Aserbaidschan1 9, Ungarn, Georgien, Polen, Indien usw. (noch 7 Teams) 8, Deutschland auf Platz 18 mit 7 Mannschaftspunkten.

 

Da bisher keine Mannschaft alleine dominiert und auch ziemlich viele Spieler(innen) sehr gute individuelle Resultate haben, kommen “alle” (oder jedenfalls viele) auf das Titelfoto. Alle Fotos von der Turnierseite – fotografiert haben (vor allem) Eteri Kublashvili, ausserdem Maria Emelianova, Lana Afandiyeva, David Llada, Paul Truong und Rasim Huseynov. So viele Kameras – ein Zeichen dafür, dass Aserbaidschan sich bei der Olympiade sehr viel Mühe macht. Im weiteren Bericht die ersten fünf Runden aus internationaler und deutscher/deutschsprachiger Sicht – erst die Herren, dann etwas knapper zu den Damen – und dann noch fotografisch-atmosphärische Impressionen.

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Runde 1 hatte sehr ungleiche Paarungen, daher oft 4-0. Einige machten da nicht mit, u.a. Deutschland dachte “3,5-0,5 gegen Thailand, das reicht”. Georg Meier spielte mit der französischen Rubinstein-Variante (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4) betont solide – remis mit Schwarz ist ein gutes Ergebnis!? Ist es oft, für ihn nicht unbedingt gegen FM Uaychai Kongsee (Elo 2285). Und wenn er dachte “den besiege ich auch so”, dann hatte er sich getäuscht. Zum Teil, eher an den hinteren Tischen, lag 4-0 auch daran, dass einige Teams noch nicht vor Ort waren und kampflos verloren. Nur ein favorisiertes Team gewann gar nicht – Bulgarien-Sudan 2-2! Bulgarien spielt zwar nicht in Bestbesetzung – Georgiev ist vom Verband gesperrt, Cheparinov akzeptierte die Bedingungen nicht (offenbar nicht nur gratis spielen, sondern auch Reisekosten selbst bezahlen) – aber war dennoch an allen vier Brettern klar favorisiert. FM Tagelsir(2216) – GM Nikolov (2585) 1-0 und Abdelazeez(2183) – IM Petrov(2458) 1-0 lag nicht einmal daran, dass die Bulgaren patzten oder im Gewinnsinne zu viel riskierten – nein, sie wurden glatt überspielt.

 

Runde 2: Nicht mehr fast überall 4-0, aber doch meist mindestens 3,5-0,5. England dagegen nur 2,5-1,5 gegen Indonesien – schuld waren Damenendspiele: Luke McShane verlor seines gegen IM Sadikin(2327), Michael Adams konnte seines gegen IM Ali(2411) nicht gewinnen – wobei er es bis zum 166. Zug versuchte und zwischenzeitlich studienartig (mit Unterverwandlung) gewinnen konnte. Auch Deutschland machte wieder nicht mit, das lag an der Auslosung – sie bekamen mit Bosnien-Herzegovina bereits einen fast gleichwertigen und potentiell unangenehmen Gegner. Die Auslosung lag am Ergebnis tags zuvor – bei einem 4-0 gegen Thailand hätten sie wohl Uruguay, Nummer 70 der Setzliste bekommen statt der Nummer 41 Bosnien. Es endete 2,5-1,5 für Deutschland, Matchwinner war Matthias Bluebaum mit Schwarz. Bluebaum tauschte in einem Franzosen auch früh auf e4 (1.e4 e6 2.d4 d5 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 dxe4) aber konnte die Stellung dann doch asymmetrisieren und komplizieren.

 

In Runde 3 gab es an den vorderen Tischen bereits fast durchgehend GM-Duelle, und daher knappe Ergebnisse oder gar Überraschungen. Nicht an Tisch 1, Russland-Moldawien 3-1, aber schon am zweiten Tisch Kuba-Polen 2,5-1,5 – wobei die Polen (eventuell Geheimfavorit) nominell nur leicht besser waren.

 

Niederlande-Vietnam (Paul Truong)

 

Wer dieses Match gewann, weiss der mitdenkende Leser bereits – allerdings war es knapp: 2,5-1,5 für, rechts am Tisch, die Niederländer. Entscheidend war, dass Giri Le Quang Liem im Endspiel doch noch überspielen oder überlisten konnte – sein dritter Sieg in Serie (wobei er zuvor Gegner mit Elo unter 2500 hatte).

 

England-Kanada, vorne Adams-Bareev (Paul Truong)

 

Ist 2016 das Jahr “lange nicht gesehen”? Schirov und Timman begegneten sich früher öfters am Brett, zuletzt 2007, davor 2004 in Wijk aan Zee, nun 2016 wieder beim Xtracon Open in Dänemark. Adams und Bareev spielten früher auch beide oft in Superturnieren – zuletzt trafen sie sich 2004 in Wijk aan Zee. Bareev hat sich aus der Weltelite verabschiedet, war dann (bedingt erfolgreich) Trainer für Russland, emigrierte nach Kanada, wechselte 2015 den Verband, und nun spielt er wieder – für seine neue Heimat an Brett 1. Früher (1991-2004) waren Adams und Bareev gleichwertig (Bilanz +4=11-4 für beide), diesmal war es eine recht einseitige Partie und Adams gewann. Er ist wohl aktuell der bessere Spieler, und Bareev zeigte wie man Französisch nicht behandeln sollte. Insgesamt 2,5-1,5 für England, “nicht schlecht” aber auch nicht überragend.

 

An den nächsten beiden Tischen gewannen zwei der Turnierfavoriten, jeweils ohne unbedingt zu glänzen: USA-Argentinien 3-1 – Caruana konnte Fernando Peralta erst kurz vor Schluss überlisten, Nakamura stand gegen Sandro Mareco nach ziemlich misslungener Eröffnung auf Verlust und entwischte mit Remis. China-Brasilien 3-1 – Wang Yue bekam gegen Fier erst ab etwa dem 90. Zug Oberwasser, Yu Yangyi profitierte gegen Barbosa von einem groben gegnerischen Patzer, Li Chao stand gegen IM Di Berardino zwischenzeitlich auf Verlust und remisierte. Die Ukraine gewann knapp gegen einen relativ starken Gegner:

 

Deutschland-Ukraine (Paul Truong)

Hier grübelt Daniel Fridman – Datenbanken kennen diese Stellung im Caro-Kann, er kannte sie offenbar nicht (oder hatte seine Vorbereitung vergessen?): nach fast einer halben Stunde dann das zuvor bereits gespielte 9.-Lg6. Später opferte Weiss für klaren Entwicklungsvorsprung einen Bauern, bekam diesen zurück und Fridman frass wieder einen weissen Bauern – spätestens das war zuviel, 1-0 nach 23 Zügen. Am Spitzenbrett hatten Nisipeanu und Eljanov remisiert, zum Schluss wiederholten sie sicherheitshalber viermal die Züge und machten es nach genau 30 Zügen offiziell. Bei der Olympiade darf man vor dem 30. Zug nicht einfach so remisieren. Es blieben zwei Turmendspiele – Buhmann konnte sein schlechtes gegen Korobov remis halten, Bluebaum sein sehr gutes, zwischenzeitlich wohl gewonnenes, gegen Kryvoruchko nicht gewinnen, also 1,5-2,5 aus deutscher Sicht.

 

France-Spain (Kublashvili)

Frankreich-Spanien (Eteri Kublashvili)

 

Ein Nachbar-Duell fast auf Elo-Augenhöhe, nur an Brett 1 (Vachier-Lagrave – Vallejo) war Frankreich nominell klar besser, aber Vallejos Berliner Mauer hielt. Ausgekämpfte Remisen auch an den drei anderen Brettern, also 2-2 – Frankreich wollte vermutlich mehr aber eine Katastrophe war es nun auch wieder nicht, die kamen noch.

 

Runde 4: Die Ukraine gewann schon wieder 2,5-1,5, gegen einen noch stärkeren Gegner – Russland. Rein schachlich war es ein nervöses (Prestige-)Duell – beim Durchklicken der Partien würde ich nicht unbedingt vermuten, dass beiderseits Elo ca. 2650 bis knapp über 2800 beteiligt war. Ich verzichte auf Bemerkungen zu den Partien und nenne nur die Ergebnisse: Eljanov-Kramnik 1/2, Tomashevsky-Ponomariov 0-1, Korobov-Nepomniachtchi 0-1, Grischuk-Volokitin 0-1. Kramnik war keinesfalls nahe an einem  vierten Schwarzsieg, sondern stand durchgehend etwas schlechter (aber wohl nie schlecht genug). Karjakin pausierte bei Russland. Da es (es sei denn ich habe es übersehen) kein Foto vom gesamten Match gibt, stellvertretend einer der Matchwinner für die Ukraine:

 

Ponomariov (Llada)

Ruslan Ponomariov (David Llada)

 

Indien besiegte Kuba knapp 2,5-1,5, Matchwinner Santosh Vidit. Tisch 3 USA-Tschechische Republik 2-2: Wenn Google Emil Sutovsky einigermassen richtig übersetzt (zur Olympiade schrieb er auf Facebook fast nur auf Russisch) sagte er zum US-Team etwa das: “Bisher wirken sie nicht als ein Team, eher als eine Ansammlung von Stars – auch in Baku geht jeder seine eigenen Wege. Aber der erfahrene Kapitän John Donaldson bringt sie vielleicht zusammen.” Hier und heute zeigten sie Teamgeist – “wenn Du remis spielst, spiele ich auch remis”, alle vier machten mit. Aserbaidschan und China lösten ihre Aufgaben gegen Rumänien und Italien, jeweils 3-1. England-Niederlande 0,5-3,5! Nur Giri spielte remis – mit Schwarz gegen Adams durchaus OK, aber hinterher meinte er auf Twitter “Disappointed to have spoilt what could have become a beautiful match score. 3,5-0,5 today vs mighty England!” [Enttäuscht, dass ich ein wunderschönes Ergebnis verdorben habe]. Aber seine Kollegen l’Ami, van Wely und Bok gewannen (gegen Howell, McShane und Jones) – gut für die Niederlande, schlecht für England. Mark Crowthers Tweet nach Runde 1 (England schien 4-0 zu verlieren, aber das war ein Übertragungsfehler): “You don’t want to be ruling out a medal after one round. It’s usually after about 4.” [Man will eine Medaille nicht nach der ersten Runde ausschliessen – normalerweise nach etwa vier Runden] Der Mann hat Ahnung vom Schach, aber würde als Engländer wohl lieber widerlegt werden.

 

Weissrussland-Lettland 2,5-1,5 (Sergey Zhigalko-Schirov 1-0), auch die Weissrussen hatten damit alle vier Mannschaftskämpfe gewonnen. Im Balkanduell Serbien-Slowenien 2-2, entspricht etwa der Papierform – im Gegensatz zu Frankreich-Griechenland 2-2. Da hatte Frankreich in der einzigen Partie auf Elo-Augenhöhe (Maze-Mastrovasilis) sehr gute Gewinnchancen, aber diese spektakulär-kuriose Partie endete remis, wie die drei anderen.

 

Deutschland habe ich nicht etwa vergessen, sie spielten nach der Niederlage tags zuvor an Tisch 23 gegen Israel – zwar nicht in Bestbesetzung, aber auch so nominell fast gleichwertig. Aber es wurde ein glattes 3-1, schuld waren Leichtfigurenendspiele an Brett 3 und 4: Bluebaum-Roiz 1-0 im Läuferendspiel, Baron-Buhmann 0-1 im Springerendspiel.

 

Runde 5: Noch sechs Teams mit zuvor vier Siegen, nach der Runde noch deren drei.

 

Ukraine-China (Kubiashvili)

Ukraine-China (Eteri Kubiashvili)

 

Die Ukraine gewann schon wieder 2,5-1,5, wieder gegen einen starken Gegner. Matchwinner war Yuriy Kryvoruchko, der mit Weiss in einem Najdorf-Sizilianer gegen Yu Yangyi früh positionell klar besser stand und das sicher verwertete. Auch Wei Yi und Volokitin spielten Najdorf und grüssten quasi den verstorbenen Vugar Gashimov – die Bauernraub-Variante mit (6.Lg5 e6 7.f4 Db6) 8.Dd3 (statt 8.Dd2) spielte dieser oft. “Theoretisch bekannt” heisst nicht unbedingt, dass Grossmeister das am Brett im Blitztempo reproduzieren können: jeweils 18 Minuten für 15.Dh3 0-0, dann 27 Minuten für 18.Df5 (auch noch bekannt, wenn auch nicht mehr von Gashimov gespielt) und 44(!) Minuten für 18.-Te8. Wie mitunter in derlei scharfen Varianten: kurz danach verflachte es auf ungewöhnliche Weise zu einem Remisendspiel. Eljanov-Wang Yue und Ding Liren-Ponomariov: ebenfalls remis, ausgekämpft aber nicht spektakulär.

 

Netherlands-Belarus (Kublashvili)

Niederlande-Weissrussland (Eteri Kublashvili)

 

Losglück für die Niederländer? Nun, es war turbulent und konnte schief gehen. Beide Teams waren sich offenbar einig, dass die Entscheidung an Brett 4 fallen soll – die drei anderen Bretter wurden relativ geräuschlos remis (Kovalev – l’Ami bereits nach 18 Zügen, wenn man wiederholt geht das). Stupak-Bok 0-1, da fehlen mir die Worte, “grosses Kino” ist eine Untertreibung. Hinterher bekam Benjamin Bok Komplimente für “die beste Partie im Turnier” und meinte dazu “keine gute Partie” – aber spannend war es, Michael Riemens (wer auch immer das ist) nannte es auf Twitter “inspired nonsense by @benjamin_bok”. Giri ist bekanntlich auch auf Twitter und sagte hinterher “with a bit of luck on your side you can move mountains” [mit ein bisschen Glück kann man Berge versetzen]. Stupak hatte die Verwicklungen angezettelt, Bok opferte drauflos – erst war es korrekt, dann “eigentlich” nicht mehr, dann gewann er in beiderseitiger Zeitnot.

 

Azerbaijan-India (Kubliashvili)

Aserbaidschan-Indien, später 1-3 (Eteri Kublashvili)

 

Mamedyarov-Harikrishna 0-1 war auch turbulent, auch hier war ein anderes Ergebnis möglich. Naiditsch-Vidit 0-1 – zuvor hatten beide 100%, danach nur noch der Inder. Naiditsch begann unkonventionell mit 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.g3!? und verlor ab dem 26. Zug die Kontrolle. Für Indien war sogar noch mehr drin: auch Sethuraman stand gegen Safarli sehr gut, konnte aber den Sack nicht zumachen.

 

Serbia-USA (Kublashvili)

Serbien-USA (Eteri Kublashvili)

 

USA-Serbien 3-1, wobei Caruana gegen Ivanisevic im Endspiel verloren stand und es wurde dann remis.

 

Filatov Kramnik round 5 (Kublashvili)

Filatov und Kramnik vor Runde 5 (Kublashvili)

 

Vor der Runde hatten der russische Käpten Filatov und Brett 2 (hinter Karjakin!?) Kramnik gute Laune – Kramnik hinterher vielleicht nicht mehr, da er gegen Ahmed Adly ein Läuferendspiel mit Mehrbauer nicht gewinnen konnte, aber auch so gewann Russland 3-1 gegen Aufbaugegner Ägypten. Überraschende Ergebnisse an den nächsten Tischen: Moldawien-Polen 2-2, Kuba-Kanada 1-3 (wobei die Kanadier hinter Bareev noch drei GMs haben), Lettland-Ungarn 2,5-1,5 (Schirov-Rapport 1-0, der Jungstar brachte im 17. Zug das vielleicht falscheste Figurenopfer aller Zeiten und gab nach 22 Zügen auf), Paraguay-Frankreich 2,5-1,5 (mit Maze-Bachmann 0-1 mussten die Franzosen eventuell rechnen, nicht mit Cubas-Edouard 1-0: Schwarz patzte, und schon war das zuvor gewonnene Turmendspiel verloren). Keine Überraschung, dass Deutschland Bangladesch glatt 3,5-0,5 besiegte. Noch einige Fotos:

 

Netherlands (Kublashvili)

Team Niederlande (Kublashvili)

 

India (Emelianova)

Team Indien (Maria Emelianova)

 

Vidit (Llada)

Santosh Vidit (David Llada)

Vidit nochmal individuell fotografiert – einer von vier Spielern mit aktuell 5/5, ausserdem noch JK Duda (Polen), Gretarsson (Island) und Nepomniachtchi (Russland). Teamfoto der Ukraine offenbar Fehlanzeige, noch zwei Favoriten – momentan in Lauerstellung:

 

Team USA (Rasim Huseynov)

Team (laut Sutovsky “Team”) USA (Rasim Huseynov)

 

China (Kublashvili)

Team China (Kublashvili)

 

Hier breche ich mal ab – es ist bereits nach 1:00 nachts … . In Baku noch zwei Stunden später, wobei sich einige (nicht unbedingt die fotografierten) Spieler wohl noch bei der Bermuda-Party vergnügen … .

 

Und jetzt geht’s weiter. Eingangs hatte ich versprochen, auch die anderen Teams aus dem deutschsprachigen Raum kurz zu besprechen. Österreich und die Schweiz hatten bisher ein Turnier mit Höhen und Tiefen, lag natürlich auch an der Auslosung also den jeweiligen Gegnern. Österreich begann mit einem lockeren 4-0 gegen Palästina, dann ein – auch in dieser Höhe – vielleicht einkalkuliertes 0,5-3,5 gegen Ungarn. Am Spitzenbrett war Rapport-Ragger das zu diesem Zeitpunkt eloschwerste Duell. Eine Partie, die sie 2011 in Szombathely (klingt ungarisch) gegeneinander spielten, gefiel ihnen so gut dass sie sie bis zum 14. Zug wiederholten. Damals gewann dann der Aussenseiter, der damals Richard Rapport hiess. Diesmal passierte, was manchmal passiert – aus Verwicklungen entsteht ein Remisendspiel, auch diese beiden Protagonisten wiederholten sicherheitshalber viermal die Züge und beendeten die Partie dann nach genau 30 Zügen. Zur Belohnung für die Niederlage bekam Österreich in Runde 3 einen bunten, dabei relativ leichten Gegner – 4-0 gegen Jamaica. In Runde 4 ein wohl nicht einkalkuliertes 1-3 gegen Südafrika, dann der nächste Kontinent: Asien hat durchaus starke Teams, aber Hongkong gehört nicht dazu – 4-0 für Österreich. Ob Markus Ragger nach dem Turnier Elo 2700+ hat, muss man abwarten – aktuell hat er zwei Pünktchen verloren und damit 2695.

 

Ähnlich erging es der Schweiz: 4-0 gegen “Chinese Taipei” (so heisst es also offiziell, nicht Taiwan und schon gar nicht Republik China), 1-3 gegen Argentinien, 4-0 gegen Madagaskar, 1-3 gegen Brasilien, etwas mühsam 2,5-1,5 gegen Indonesien – die bisher ohne Spitzenbrett GM Adianto antreten, so war der Elounterschied an Brett 4 gross genug: IM Forster(2459) – FM Pasaribu(1860) 1-0, Spiel Satz und Sieg für die Schwyz. War da noch was? Liechtenstein sorgt (zusammen mit Jersey, Guernsey und San Marino) dafür, dass die vor allem afrikanischen Teams an den hintersten Tischen nicht nur gegeneinander spielen. Mit CM Mannhart haben sie an Brett eins immerhin einen Spieler mit Schachtitel. Ergebnisse bisher: 0-4 gegen Chile, 0,5-3,5 gegen Mozambique, 2-2 gegen das nominell stärkere Brunei, 0,5-3,5 gegen die Bulgarien-Bremser aus dem Sudan, trotz klarer Favoritenrolle 1-3 gegen Lesotho.

 

Einige Paarungen der nächsten Runde: Indien-Niederlande (nun muss Team NL Himalaya-Berge versetzen, schau’n mer mal – Giri hat ja nepalesische Wurzeln), USA-Ukraine (damit bekommt die Ukraine bereits in Runde 4-6 die ersten drei Teams der Setzliste!), … Tisch 6 Deutschland-Russland (Standortbestimmung für beide), … Tisch 21 und 22 Uruguay-Ungarn und Frankreich-Puerto Rico, noch weiter unten Schweiz-Monaco (der erste europäische Gegner, aber ein Sieg erscheint trotzdem möglich), Mexiko-Österreich und fast ganz unten Liechtenstein – US-Jungferninseln.

 

Nun eher knapp zum Damenturnier – auch nur ein Foto, aber dafür einige in den abschliessenden Galerien: Russland und Ukraine marschierten bisher, knapp war es jeweils nur in einem Match (USA-Ukraine 1,5-2,5, Ungarn-Russland 1,5-2,5) – damit spielen sie in Runde 6 gegeneinander, bereits Vorentscheidung betrifft Goldmedaille? Nicht unbedingt, da die nach Elo an eins gesetzen Chinesinnen derzeit nur einen Mannschaftspunkt Rückstand haben und wohl auch noch gegen Russland und die Ukraine spielen werden. China spielte in Runde drei 2-2 gegen Vietnam – da machte Hou Yifan vorne ihr Ding gegen Le Thao Nguyen Pham, aber an Brett 3 verlor Zhao Xue (Elo 2522) nach zu riskanter Partieanlage gegen Thi Mai Hung Nguyen (Elo 2316). Da muss ich den ganzen Namen nennen, da man sie sonst mit Brett 4 Thi Than An Nguyen verwechseln könnte. Hou Yifans sensationelle Niederlage gegen die lettische Finanzministerin Dana Reiznice-Ozola tags darauf bekam ja bereits einen eigenen Beitrag, das konnten ihre Kolleginnen kompensieren. Und wiederum tags darauf war Hou Yifan gut drauf und gewann “romantisch” gegen Olga Zimina aus Italien. Da wurde die schwarze Eröffnungsbehandlung (6.-g6, 7.-De7) kritisiert, wobei auch Spieler mit Elo über 2389 das schon einmal versuchten – ersteres Kramnik, beides Ivanchuk. Noch weiter zurück liegen die nächsten Teams der Setzliste: Georgien (Niederlage gegen die Philippinen in Runde zwei) und Indien – die zwar in Runde drei keine Probleme mit den Philippinen hatten (3,5-0,5), aber danach zweimal remisierten – gegen Israel und (die schon wieder) Vietnam.

 

Noch weiter hinten die deutschen Damen – Pech hatten sie, dass Aserbaidschan gleich mit mehreren Teams antreten darf. Gegen die zweite Heimmannschaft wurde es 2-2 – wie Marta Michna immerhin einen Mannschaftspunkt rettete, habe ich anderswo besprochen. Schwerpunkt dieses Beitrags war allerdings Melanie Ohme Lubbe. Durch einen anschliessenden Sieg gegen Argentinien landete Deutschland an Tisch 4 und spielte schon wieder gegen Aserbaidschan. In Runde eins waren sie an Tisch 66, lag allerdings daran dass Gegner IPCA (International Physically Disabled Chess Association) immer da spielt – aus deutscher Sicht wurde es, klingt kurios aber stimmt irgendwie, ein ziemlich glückliches 4-0.

 

Azerbaijan-Germany(Kublashvili)

Aserbaidschan1 – Deutschland (Kublashvili)

 

Deutschland war leicht favorisiert, aber Aserbaidschan gewann 3-1, Mammamia (die Azeris spielten mit Mamedjarova, Mammadzova, Mammadova und – Fremdkörper im Team – Hojjatova). An Brett eins war Elisabeth Paehtz gegen Zeinab Mamedjarova (nicht verwechseln mit Turkan Mamedjarova, die spielt für AZE2) nach Elo knapp 200 Punkte besser, in der Partie hatte sie dann (Computerurteil) zwischenzeitlich fünf Bauern weniger – 32.h3 (Luftloch) und schwarzer Zugzwang bei recht vollem Brett. Das sah Shakriyars Schwester nicht, und es wurde remis. Relativ gute Nachricht aus deutscher Sicht, aber hinten verloren Elena Levushkina und Judith Fuchs ziemlich glatt – damit aus deutscher Sicht 1-3. Die gute Nachricht für das weitere Turnier: Team Aserbaidschan3 ist nach Elo deutlich schlechter, liegt momentan auf Platz 61 und wird wohl nicht gegen Deutschland gepaart.

 

Und nun Bildergalerien. Relativ klarer Schwerpunkt bei den Turnierseite-Fotos ist Aserbaidschan, die ja immerhin mit insgesamt sechs Mannschaften dabei sind, jede Menge Fotomotive. Auch Carlsen wurde oft fotografiert, wobei man sein bisheriges Turnier mit “ähm äh” beschreiben kann – 3/4 gegen relativ schwache Gegner, um sein Ziel (Brettpreis) zu erreichen muss er noch zulegen. Ebenfalls oft fotografiert: Spieler(innen) aus dem gesamten Turnier, da bediene ich mich – wobei es nur eine recht kleine Auswahl ist. Nicht nur Exotik, auch ein paar Europäer(innen):

 

Die meisten (nicht alle) hier abgebildeten haben Elo unter 2000, sei’s drum. Nur der Kosovare Perparim Makolli war mir ein Begriff, da er beim Europacup für Vereinsteams gegen Markus Ragger “unglücklich verlor“. Julia Lebel-Arias hatte ich bereits in der Vorschau – nach drei Niederlagen machte sie im Team einmal Platz für eine Spielerin aus der folgenden Galerie im Querformat.

 

Kommentar zu einigen Bildern: Alexander Beliavsky spielt seine sechzehnte Olympiade – vier für die Sowjetunion, eine für die Ukraine, seit 1996 für Slowenien. Kein Rekord, den hat wohl Eugenio Torre, der seit 1970 nur eine Olympiade verpasste, damit sind es nun 23 für die Philippinen. Aber Beliavsky spielt nach wie vor (bzw. wieder) an Brett eins und bekommt da durchaus starke Gegner (zuletzt remis gegen Ivanisevic und Navara). Fiorina Berezovsky spielt im zarten Alter von neun Jahren ihre erste Olympiade. Ihre eine und bisher einzige Partie verlor sie – Elo 1096 kann gegen Elo 1687, konkret die Waliserin Shayanna Sivarasingam, durchaus verlieren. Kongo erschien pünktlich zur zweiten Runde, ist aber nach wie vor zu dritt. Trotzdem reichte es in Runde fünf für ein 2-2 gegen Bermuda – Elofavorit in diesem Duell, aber in Gedanken vielleicht bereits bei der abendlichen Party. Der russische Teamkäpten Andrey Filatov ist elolos, aber etwas Ahnung vom Schach hat er wohl – in jungen Jahren hatte er in Minsk mit Gelfand und Smirin trainiert, dann wurde er Geschäftsmann. Vermutlich ist er nun Organisator und Motivator, wobei für die schachliche Vorbereitung andere zuständig sind.

 

P.S.: Hier kann ich die Fotograf(inn)en kaum per Bild namentlich würdigen, also pauschal: oben im Hochformat achtmal Kublashvili sowie Emelianova, Truong und Llada. Unten im Querformat neunmal Kublashvili, dreimal Emelianova, zweimal Afandiyeva, zweimal Truong, einmal Llada. Wer es pro Bild wissen will: darauf klicken, dann erscheint auch der Name der Dame bzw. des Herrn hinter der Kamera.

 

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3 thoughts on “Olympiade vor dem Ruhetag

  1. Hey Thomas, hätte ich auch nie angezweifelt.
    Flüchtigkeitsfehler passieren halt einfach.
    Wenn ich meine Tageszeitung durchlese, stosse ich dauernd auf solche.
    Es ist erstaunlich wie wenig dies bei Dir vorkommt, vor allem bei der Ausführlichkeit Deiner Berichte und deren Informationsgehalt.

  2. Danke, ist korrigiert. Spätabends/nachts hatte ich da wohl was durcheinander gebracht und gedacht, dass Axel Bachmann (wie Christian Bauer) Elsässer ist und für Frankreich spielt – aber er ist, wusste ich eigentlich/natürlich, deutschstämmiger Paraguayaner.

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