Olympia-Bilanz (offenes Turnier)


Erfolgreiche und weniger erfolgreiche Teams

 

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Das sollte diesmal ein Bericht fast ohne Fotos werden, aber einige von der Abschlussfeier will ich dem Publikum doch nicht vorenthalten – wie immer von der Turnierseite, diesmal habe ich nur Fotos von Maria Emelianova ausgewählt. Bewusst zeige ich zu Beginn das komplette Podium des Herrenturniers – links Ukraine (Silber), Mitte USA (Gold) und rechts Russland (Bronze). Aus meiner Sicht waren alle drei insgesamt klar besser als der Rest. Wenn das Turnier noch einmal von vorne beginnen würde (bei gleicher Form der Spieler), würden sie vermutlich die Medaillen wieder unter sich verteilen – aber eventuell die Plätze auf dem Podium und damit die Farbe der Medaillen tauschen. So sehe ich das – die USA war nicht so dominant wie manchmal behauptet wird, “Details” entschieden über Gold, Silber und Bronze. Das deutsche Ergebnis werde ich auch noch beleuchten, ein paar Zeilen zum Damenturnier dann in einem separaten Artikel.

 

Die USA haben bekanntlich nach Tiebreak vor der Ukraine gewonnen, warum? Unter anderem, weil Deutschland in der letzten Runde nicht gegen Estland verlor, aber es lag auch an ihren eigenen Ergebnissen: Wichtig war der vom zwischenzeitlichen Verlauf der Partien her zu hoch ausgefallene 3,5-0,5 Sieg gegen Indien, und auch in anderen Matches hatten sie diverse Verluststellungen, die sie dann doch nicht verloren. Selbst der “Pflichtsieg” in der letzten Runde gegen Kanada war im Nachhinein glücklich – es stellte sich heraus, dass Lesiege gegen So nicht nur nicht verlieren musste, sondern eventuell gar gewinnen konnte. OK, auch die Ukraine hatte manchmal etwas Glück – ebenfalls gegen Kanada und vielleicht auch gegen Deutschland, das hat sich insgesamt vielleicht ausgeglichen. Aber knapp war es, und damit war – so sehe ich das – Gold für die USA jedenfalls nicht eindeutig, ungefährdet, total verdient usw. . Dennoch fotografiere ich sie nochmal als Team:

 

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Wesley So macht den fröhlichsten Eindruck – nachvollziehbar aber bei der “Einzelkritik” beginne ich oben: Caruana (am Ende 7/10) machte insgesamt, was Spitzenbretter der Topteams meistens machten – nach den ersten Runden zum Aufwärmen vor allem Remis spielen. Mit Schwarz stand er gegen Ivanisevic, Harikrishna und Karjakin zwischendurch zumindest schlechter – gegen Ivanisevic einen Moment lang glatt verloren (und USA-Serbien 2,5-1,5 statt 3-1 würde Tiebreaks beeinflussen). Wichtig sein Sieg gegen Eljanov, und insgesamt spielte er gut/erfolgreich genug um später nochmal fotografiert zu werden. Nakamura (7,5/11) twitterte hinterher “Gold!! We all had our ups and downs, but it’s a team event and everyone won games in critical moments. ” [Gold!! Wir hatten alle gute und schlechte Tage, aber es ist ein Mannschaftswettbewerb und jeder gewann in kritischen Momenten Partien]. Das war – siehe unten – nicht sein einziger Tweet am 13. September, Schlusstag der Olympiade. Nakamura hat insgesamt seine Elozahl (fast) bestätigt, dabei war seine Hauptrolle tendenziell: da er Brett 2 spielte, konnte So an Brett 3 abräumen. So erzielte 8,5/10, TPR 2896, da kann man wahrlich nicht meckern. Auffällig, dass er in Runde 4-10 mit Weiss remisierte und mit Schwarz gewann. Der Schein täuscht etwas: mit Schwarz spielte er nicht etwa kompromisslos (Sizilianisch, Königsindisch, …) sondern eher ruhig-abwartend und nutzte dann seine Chancen. In der letzten Runde gewann er dann wieder mal mit Weiss, sowohl recht spektakulär als auch etwas glücklich. Da die Olympiade an vier Brettern gespielt wird, waren Shankland (5,5/8) und Robson (3/5) auch dabei und erzielten für ihre Elozahlen etwa “normale” Ergebnisse.

 

Team Ukraine: Turnier insgesamt – knappe dabei verdiente Niederlage gegen die USA und zehn Siege, oft ebenfalls knapp. Gegen Deutschland und Kanada war für sie weniger drin, das Duell gegen Russland (2,5-1,5 für die Ukraine) war nervös-kurios. Am Ende taten sie gegen die Tschechen (3-1) und Slowenier (3,5-0,5) mehr für ihr Brettpunkt- und damit Tiebreakkonto als Konkurrent USA, aber es reichte dann nicht für Gold. Individuell: Eljanov erst mässig (Niederlagen gegen Caruana und Bareev), am Ende mit 5/9 im Rahmen der Elo-Erwartung. Ponomariov (4,5/8) und Kryvoruchko (6/9) ebenfalls gut aber nicht überragend. Aber sie hatten noch zwei Bretter – elomässig vergleichbar bzw. etwas schlechter als Brett 4 und 5 für die USA, vom Ergebnis her besser und oft entscheidend in knappen Matches. Korobov (7/9, TPR 2771) verpasste den dritten Brettpreis knapp, da ein anderer Spieler gegen schwächere Gegner TPR-mässig leicht besser war (siehe unten), Volokitin (8,5/9! TPR 2992!) war absolut grandios. Nur gegen Wei Yi remisierte er, aber der remisierte eben fast alle seine Partien. Auf chess.com kam per Kommentar die Frage, was die Ukraine mit Ivanchuk erreicht hätte. Schwer zu sagen, man weiss nie “welcher Ivanchuk” auftaucht – er hatte im Laufe der Jahre mal sehr gute, mal nicht so gute Ergebnisse bei Olympiaden und anderen Mannschaftsturnieren. Und “Ukraine mit Ivanchuk” wäre “Ukraine ohne Volokitin” – also tat Chucky seinem Land einen Gefallen, dass er zugunsten eines Dameturniers auf die Olympiade verzichtete!!?

 

Team Russland: Knackpunkt war vor allem die Niederlage gegen die Ukraine, da waren andere (aus russischer Sicht bessere) Ergebnisse möglich. Wie die USA und im Gegensatz zur Ukraine hatten sie noch zwei Mannschaftsremisen (gegen USA und Indien), das gegen die USA war vielleicht etwas glücklich (Robson musste sein Remisendspiel gegen Grischuk nicht unbedingt vergeigen). Individuell spielten sie mit überraschender Brettreihenfolge und dabei abwechselnd solide bis leicht enttäuschend und grandios. Karjakin (6/9) machte etwa dasselbe wie Caruana – dabei Niederlage gegen Harikrishna und deshalb nur insgesamt 2-2 gegen Indien, aber auch ein Sieg in diesem Match hätte nichts am Gesamtergebnis (nur Bronze für Russland) geändert. Kramnik (6,5/8) grandios, sowohl was das reine Ergebnis betrifft als auch den ‘Gehalt’ diverser Siege. Tomashevsky (4/7) – etwa im Elosoll und nicht toll. Nepomniachtchi (8/10 nach anfangs 7/7) wieder grandios, wobei er sich für seine Niederlage gegen So das falsche Match aussuchte. Grischuk (7,5/10) zwar nur leicht im Elominus, aber an Brett 4 (offiziell war er Brett 5, aber gespielt hat er natürlich am vierten Brett) hatte Russland wohl mehr erwartet – Tomashevsky und Grischuk haben die Niederlage gegen die Ukraine gemeinsam verursacht. Interessant auch, dass bei Russland die hinteren Bretter seltener pausierten als Brett 1-3. Hätten sie mit anderer Brettreihenfolge und/oder teilweise anderen Spielern (z.B. Svidler statt ?) mehr erreicht? Wer weiss das schon, und da ist man auch hinterher nicht schlauer.

 

Bevor ich einige andere Teams bespreche (auch Platz 36 und 37 der Abschlusstabelle, aber nicht alle zwischendrin) zu den Brettpreisen nebst Fotos:

 

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Brett 1 Jobava (Mitte) vor Dominguez (links) und Caruana (rechts). Nicht nur Dieter Auer ist aufgefallen, dass der Georgier (der sich zur Feier des Tages sogar rasierte) spektakulär und dabei extrem erfolgreich spielte – 8/10 und, da gegen recht starke Gegner, TPR 2926. Georgien wurde zwar am Ende nur 24., aber spielte ab der fünften Runde durchgehend an den vordersten zehn Tischen. Auf Jobavas Konto unter anderem Siege gegen Topalov, Ponomariov und den anderen Schachchaoten Rapport, sowie Remis gegen Navara und Caruana. Dominguez: Kuba wurde am Ende 25. direkt hinter Georgien, aber da schien im Turnierverlauf kaum viel mehr möglich – dementsprechend erzielte er seine 7,5/10 gegen etwas schwächere Gegner: Siege gegen u.a. Bareev und Kasimdzhanov, immerhin dreimal Gegner mit Elo 2700+ und dreimal Remis (Wojtaszek, Harikrishna, Giri). Caruana hatte ich bereits. Auf den nächsten Plätzen in der Brettwertung Harikrishna, Wojtaszek, Carlsen, Adams, Karjakin, Vachier-Lagrave usw. . Enttäuscht hat von den ziemlich bekannten Spielern eigentlich nur Rapport, der mit 3/8 23 Elopunkte und 11 Weltranglistenplätze verlor.

 

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Brett 2 Kramnik vor (nicht fotografiert) dem Kanadier Kovalyov und (wieder fotografiert) dem Peruaner Jorge Cori. Kramnik und Cori trennen (geschätzt) 20cm, etwa 200 Elopunkte und TPR-mässig diesmal etwa deren hundert. Kramnik (6,5/8, TPR 2903) hatte ich bereits, damit hat er sich auch auf Elo 2817 verbessert – in zwei Wochen ist es seine beste offizielle Elo jemals, und er ist nun auch wieder weltweit Nummer 2 vor Caruana (2813) und Vachier-Lagrave (2811). Cori: Peru wurde am Ende 10. wobei sie kaum an den vordersten Tischen spielten aber einen starken Endspurt hatten, zum Schluss 2-2 gegen die Chamäleons (mal sehr stark, mal nicht so stark) aus England. Er selbst gewann u.a. gegen Hammer (Norwegen-Peru trotzdem oder deshalb 3-1) und Howell. Keine Brettmedaillen für Ding Liren, Nakamura und viele andere.

 

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Brett 3 So (Mitte) vor Almasi (links) und Torre (rechts) – drei bekannte Namen, wobei einer vor dem Turnier nur Elo 2447 hatte (nun wieder 47 Punkte mehr). Gemeint ist natürlich Eugenio Torre von den Philippinen, der mit 10/11 abräumte – rein nach Punkten der erfolgreichste Spieler im gesamten Turnier, TPR allerdings “nur” 2836 da gegen relativ schwache Gegner. Ich hatte schon angedeutet, dass So für den Erfolg seines ehemaligen Landsmanns mit verantwortlich ist, warum? Ohne So spielten sie meist im Bereich Tisch 20-30, nur in der sechsten bis achten Runde etwas höher. Torre hatte vier Gegner mit Elo über 2500, gegen die er auch sehr beachtliche 3,5/4 erzielte, der Rest war sein eigenes aktuelles Niveau oder etwas darunter. Das soll seine eigene Leistung keinesfalls abwerten, nur ein bisschen relativieren. In zuvor 22 Olympiaden hatte Torre nie ein annähernd vergleichbares Ergebnis. 1972-2004 spielte er am ersten Brett, zu meiner These passt vor allem 2012 letztmalig mit Wesley So am Spitzenbrett: 3,5/7 gegen Eloschnitt 2611 (u.a. Siege gegen Berkes und Short) war für seine aktuellen Verhältnisse auch sehr gut, wurde aber wohl nicht so gewürdigt – diesmal war Torres Gegnerschnitt 2453. Noch etwas spielte wohl eine Rolle: Torre spielt unternehmungslustig kreativ abseits gängiger Eröffnungstheorie – das funktioniert manchmal wunderbar (siehe auch Jobava), manchmal geht es schief (siehe Rapport).

 

So hatte ich bereits, Almasi hatte für Ungarn mal starke Gegner (Siege gegen Radjabov und Li Chao), mal nicht so starke Gegner. 7,5/9 bedeutete TPR 2845 und auch mal wieder Mitgliedschaft im Club 2700+ – da war er im Lauf der Jahre mal vertreten und mal nicht. Auf 2700chess.com wird Markus Ragger (noch) nicht erwähnt, bzw. nur wenn man auf “Top100” klickt – das ändert sich voraussichtlich in zwei Wochen, dann werden seine 2695,5 auf genau 2700 aufgerundet. Auch zu Brett 3 noch ein paar Namen: Vidit aus Indien, Mamedov (Aserbaidschan1), Nabaty (Israel), Bluebaum (Deutschland), Kryvoruchko (Ukraine).

 

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Brett 4: Indjic aus Serbien ist nur körperlich der grösste und der patriotischste dieser drei, noch besser waren (links) Nepomniachtchi und – Sieger im Fotofinish um Platz eins – Fressinet. Nepo (8/10) hatte stärkere Gegner, aber Fressinet (7/8) die leicht bessere TPR – 2809 zu 2804. Frankreich spielte ein wechselhaftes Turnier, am Ende doch noch der zur Setzliste passende Platz in der Abschlusstabelle. Fressinets stärkster Gegner war ein gewisser Matthias Bluebaum (Gegnerschnitt insgesamt 2425, für Nepomniachtchi 2564) – die französische Aufstellung war ein bisschen taktisch, Fressinet hinter den nominell unterlegenen Maze und Edouard. Indjic war gegen ebenfalls nicht allzu starke Gegner (Schnitt insgesamt 2490) mit 8,5/10 sehr erfolgreich. Aus den top20 für Brett 4 noch die nächsten vier Namen: Korobov (Ukraine), IM Smirnov (Australien), Hansen (Kanada), Jones (England). Und einer, der zwar nur Platz 15 belegte aber dennoch sicher zufrieden ist: FM Capone aus Belgien, der aus Baku auch 26 Elopunkte und eine GM-Norm mitgenommen hat.

 

Zu Brett 5 gibt es offenbar kein Foto. Abgeräumt haben da Volokitin mit 8,5/9, der jordanische IM Khader der 8/8 gegen Elo durchweg unter 2300 erzielte. Der, das wusste zu diesem Zeitpunkt natürlich keiner, Showdown Khader-Volokitin in Runde 1 entfiel da Sami Khader nicht spielte (auch später verzichtete er auf Partien gegen – immerhin – IMs). Dahinter Aleksandrov aus Weissrussland, positiv erwähnenswert noch Platz 8 für FM Moroni aus Italien (ebenfalls GM-Norm), nicht so positiv Platz 5 für Grischuk und Platz 9 für Wei Yi.

 

Zurück zu den Mannschaften: Indien auf Platz 4 bekommt noch ein paar Worte – 2014 gewannen sie nach “Schweizer Gambit” am Ende noch Bronze, diesmal spielten sie durchgehend an den vordersten zehn Tischen (dreimal ganz vorne) und belegten Platz vier, eher noch höher zu bewerten Ein Achtungserfolg für den neunten der Setzliste der ja traditionell ohne Anand spielt, da ist die Frage “was könnten sie mit Anand erreichen?” durchaus legitim. Individuell überragend Giri-Sekundant Vidit, der mit 5/5 begann und am Ende immerhin 8/11, TPR 2786 erzielte. Ich sollte die Inder doch noch fotografieren, bei der Abschlussfeier bekam ich (bzw. natürlich Maria Emelianova, ich war ja nicht vor Ort in Baku) die Chance dazu:

 

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Nun zu zwei Pärchen – Nachbarn in der Abschlusstabelle, alle vier schlechter als laut Setzliste. Aserbaidschan1 hatte Heimvorteil – war es ein Vorteil oder stattdessen Druck, mit dem sie nicht umgehen konnten? An vier gesetzt wurden sie Zwölfter. Kollektiv lag es an drei Niederlagen, davon zwei in der Endphase des Turnier, und einem Remis gegen die Mannschafts-Remiskönige aus Griechenland – insgesamt vier Siege und siebenmal 2-2. Die Niederlage gegen Russland aus der Rubrik “kann passieren”, die gegen Indien aus der Rubrik “der Gegner hatte ein tolles Turnier”, die gegen England aus der Rubrik “am falschen Tag gegen sie gespielt” (wobei sie selbst mitgeholfen haben). Individuell lag es daran, dass gleich zwei Spieler klar unter ihren nominellen Möglichkeiten blieben: Radjabov remisierte nicht nur viel (damit mussten sie rechnen) sondern verlor auch zwei Partien – gegen Almasi hatte es keine Folgen (Aserbaidschan besiegte Ungarn trotzdem), gegen Kramnik war es match-mitentscheidend. Gut, das waren zwei Gegner die insgesamt sehr erfolgreich spielten. Naiditsch remisierte gar nicht – soweit so gut (jedenfalls für Remishasser). Aber er hatte neben fünf Siegen auch vier Niederlagen – insgesamt TPR 2571, keine GM-Norm aber den Titel behält er natürlich. Sein Verbandswechsel hatte bisher, auch generell, nicht die beiderseits erwarteten Konsequenzen. Brett 4 hinter Mamedov war vielleicht bereits eine Degradierung, oder er sollte hinten abräumen was so nicht geschah. Zu den anderen Spielern: Mamedyarov spielte entsprechend der Elo-Erwartung – sie hofften wohl, dass er Topform zeigen würde, dem war nicht so. An Mamedov(6/8, TPR 2783) lag es nicht. An Safarli generell auch nicht, wobei er nach zuvor 4,5/5 in der vorletzten Runde mit Weiss gegen Short recht drastisch verlor und damit die Mannschaftsniederlage mit verursachte.

 

China war Titelverteidiger und wurde Dreizehnter. Dasselbe Ergebnis wie Aserbaidschan – sieben Siege, drei Niederlagen und ein Remis. Auch hier galt: Niederlage gegen die Ukraine kann passieren, am falschen Tag gegen England gespielt und auch noch gegen Ungarn verloren. Sowie 2-2 gegen Weissrussland, die selbiges auch gegen Deutschland und Frankreich schafften und insgesamt für ihre Verhältnisse erfolgreich waren (als 23. der Setzliste belegten sie Platz 14). Individuell bietet es sich an, 2014 und 2016 miteinander zu vergleichen. Vor zwei Jahren konnten sie als Siebter der Setzliste befreit aufspielen, nun waren sie an drei gesetzt und Titelverteidiger. Die Aufstellung war fast identisch, bis auf Brett 4: Li Chao, der Differenzen mit dem chinesischen Verband offenbar bereinigt hat, ersetzte Ni Hua. Von vorne bis hinten: Wang Yue war jeweils “Torwart” am Spitzenbrett – mitunter konnte man lesen, dass er diese Aufgabe 2014 besser bewältigte. Stimmt eher nicht: Damals 4/9, aber die einzige Niederlage gegen Leko konnten seine Teamkollegen kompensieren (China-Ungarn damals 2,5-1,5). Diesmal zwar zwei Niederlagen (überraschend gegen den Argentinier Sandro Mareco, auch etwas überraschend gegen Mickey Adams) aber auch vier Siege. Ding Liren erzielte 2014 und 2016 7,5/10, wenn auch vor zwei Jahren gegen etwas stärkere Gegner. Yu Yangyi war 2014 überragend (9,5/11, TPR 2912), diesmal blieb er mit 7/10, TPR 2662 im Elosoll. Schwachpunkt war Li Chao: insgesamt 3,5/7 (2014 6,5/9 für Ni Hua), drei Niederlagen die jeweils Mannschaftspunkte kosteten, und in Runde 3 war er mit Remis gegen den brasilianischen IM Di Berardino sehr gut bedient. Wei Yi spielte 2014 sporadisch und erfolgreich (4/5), diesmal regelmässig und nicht so erfolgreich (5,5/8, viele Remisen, zwei der drei Siege gegen Elo unter 2200). Zusammen verlor Team China fast 30 Elopunkte.

 

…. Nun zu Platz 36 und 37 für die Nummern 11 und 13 der Setzliste. Die Niederlande bespreche ich aus zwei Gründen: Vergleich mit Deutschland und da ich allen fünf Spielern bereits mehrfach persönlich begegnet bin. Nach Runde fünf lagen sie ganz vorne, dann – so Giri auf Twitter – entgleiste der NL-Zug: nach dem Ruhetag nur 3-9 Mannschaftspunkte. Drei der vier Niederlagen waren knapp, auf der Habenseite nur noch 2,5-1,5 gegen Kuba und (zu wenig) 2-2 gegen Serbien. Individuell blieb nur Loek van Wely im Elosoll, allerdings gewann auch nur Benjamin Bok Elopunkte dazu (fünf, anfangs waren es mehr). Von oben nach unten: Giri begann mit drei Siegen (dabei war nur Le Quang Liem ein etwa gleichwertiger Gegner) und remisierte dann den Rest. Erwin l’Ami bekam Brett 2, obwohl van Wely und van Kampen nominell besser sind. Das Wohl und Wehe der Mannschaft lag auch an ihm: Siege gegen Howell beim glatten 3,5-0,5 gegen England und gegen Bruzon beim knappen Sieg gegen Kuba, dagegen Niederlagen gegen Adhiban (unnötig), Laznicka und den Serben Markus die per saldo Mannschaftspunkte kosteten. Van Welys 50% (4/8) waren, wie bereits erwähnt, weniger als erwartet. Van Kampens 5,5/8 genau im Elosoll, dank zweier Siege zu Beginn gegen Elo 2229 und 2219. Benjamin Bok begann stark mit 4/4 und hat dann, das Wortspielchen muss sein, einiges verbockt: noch 1,5/4 wobei der Sieg in der letzten Runde gegen Serbien immerhin einen Mannschaftspunkt sicherte – er war souverän, eine Teamniederlage und damit der Absturz auf Platz 58 drohte nicht.

 

So kurios es klingen mag: dieser Olympia-Auftritt der Niederlande war vielleicht insgesamt überzeugender als Platz 6 bei der Olympiade in Istanbul 2012. Damals spielten sie “Schweizer Gambit” (nach 3 Runden nur 2-4 Mannschaftspunkte, u.a. aber nicht nur da Giri wegen Visaproblemen erst zur fünften Runde erschien), hatten kaum starke Gegner (gut, Bulgarien, Israel und Armenien – in der wichtigen letzten Runde dann Losglück mit Argentinien) und landeten weit vorne. Ähnliche Turniere spielten diesmal Norwegen, die Türkei und Peru, deren top10 Plazierungen ich etwas relativiere. Diesmal spielten die Niederlande lange vorne mit und können eventuell etwas “Pech” für sich reklamieren. Es bleibt dabei: entscheidend sind die letzten Runden des Turniers.

 

Die niederländische Mannschaft hatte sich quasi von selber aufgestellt, da Sokolov und Smeets als inaktiv gelten. Nur einer hat den Sprung in das Team denkbar knapp verpasst, da er nach Meldeschluss für die Olympiade enorme Fortschritte machte – Jorden van Foreest, in der Zukunft wohl dabei. Wen er ersetzt oder verdrängt? Vielleicht am ehesten Robin van Kampen, der sich für ein Studium und damit gegen eine Profikarriere entschieden hat – wobei er laut Giri die Sommerferien zur Vorbereitung auf Olympia nutzte. Aber das soll Teamkapitän Tukmakov entscheiden, vorausgesetzt er macht weiter. Generell haben die Niederlande mit (natürlich) Giri, van Kampen und Bok den Generationswechsel bereits weitgehend vollzogen. Bei van Wely kann ich mir vorstellen, dass er noch so lange weitermacht wie Torre, bei l’Ami nicht unbedingt. Anlass zu “Konsequenzen” gibt es bei den Niederlanden trotz auf dem Papier schlechtem Ergebnis nicht unbedingt – ihr olympisches Glas ist eher halb voll als halb leer.

 

Nun zu Team Deutschland – kurios, dass sie am Ende direkt nach den Niederlanden endeten bei allerdings deutlich schlechterer Wertung. Das ist die gute Nachricht, die nicht so gute wer ebenfalls 13-9 Mannschaftspunkte und fast vergleichbare Wertungen hatte: Moldawien, Serbien, Usbekistan (siehe gleich), Schweiz und Portugal. Es begann gut aus deutscher Sicht: vor dem Ruhetag war die knappe (und vermeidbare) Niederlage gegen die Ukraine “akzeptabel” und der 3-1 Sieg tags darauf gegen Israel (zwar aufgrund von Querelen zwischen Spielern und Verband stark geschwächt, aber doch nominell fast gleichwertig) ein kleines Ausrufezeichen – es blieb allerdings das einzige Erfolgserlebnis gegen einen etwa gleichwertigen oder gar auf dem Papier stärkeren Gegner. Nach dem Ruhetag dann Russland – diese Niederlage (1-3) war auch kein Beinbruch. 2-2 gegen Weissrussland ging auch noch, da die insgesamt ein starkes Turnier spielten. Dann in Runde 8 “Lospech”: mit Frankreich bekamen sie den bei weitem stärksten Gegner aus der Gruppe mit 9-7 Mannschaftspunkten – galt allerdings umgekehrt auch für die Franzosen, die diese Situation besser bewältigten. Mit Finnland wieder ein leichter Gegner, auch nach Runde 9 Platz 37, wohin würde die Reise gehen? Zunächst nach unten – die Niederlage gegen Usbekistan aus der Rubrik “kann zwar passieren, aber darf nicht passieren wenn man doch noch ein recht gutes Turnier haben will”. Zum Schluss noch ein knappes 2,5-1,5 gegen Estland, ein Team mit immerhin einem GM (bzw., Elo 2473, “gm”), zwei IMs und einem FM. Dieses Match wurde auch von den Topteams mit Interesse verfolgt, Nakamura hinterher auf Twitter “Matthias Bluebaum with the win of the tournament! Thanks for the help, Germany! :)”. Deshalb – und es gibt noch andere Gründe – wird Bluebaum nun “fotografiert”:

 

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Da stimmt doch was nicht!? Ja, dieses Foto (GFHund via Wikipedia) stammt nicht aus Baku – da wurde er (es sei denn ich habe das übersehen) nie individuell abgelichtet – sondern von seinem erfolgreichen Auftritt beim Grenke Open in Karlsruhe Ende März 2016. Wenn Matthias Bluebaum weitere Fortschritte macht, bekommt er eventuell auch mehr Wikipedia-Artikel – bisher ausser Deutsch nur Französisch und Russisch.

 

Bevor ich zu “Einzelkritik” der deutschen Spieler komme: Warum hatte Nakamura dieses Match an Tisch 28 mit grossem Interesse verfolgt? Es war relevant für den ukrainischen Tiebreak: bei einer deutschen Niederlage wäre nicht Jordanien, sondern Deutschland schlechtester Gegner der Ukraine und Streichresultat – dann bekäme die Ukraine 48 Tiebreak-Punkte (4*12) für das 4-0 in Runde eins gegen Jordanien, statt 32,5 (2,5*13) für den knappen Sieg gegen Deutschland! Schon wäre die Ukraine Olympiasieger – offenbar hatten sie bereits gefeiert, da das Ergebnis von Deutschland-Estland zunächst falsch registriert wurde (Könige nach Partieende auf den falschen Feldern). Kurios: Auch 2014 konnte Deutschland bei mässigem eigenem Ergebnis (Platz 30) in den Kampf um die Medaillen eingreifen. Damals dachten sie “einen Titel können wir noch bekommen: Remiskönig”. Gesagt getan, in der letzten Runde 2-2 gegen Australien. Damit bekam Ungarn Silber und Indien (in Runde 10 2,5-1,5 gegen Deutschland) Bronze, bei einem deutschen Sieg (und Deutschland war an allen Brettern mehr als 100 Punkte elobesser) wäre es umgekehrt gewesen. Nicht überliefert ist, ob und bei wem sich Ungarn (z.B. Peter Leko) damals bedankte, öffentlich oder privat: bei Naiditsch, der auf die Schlussrunde verzichtete, bei IM Illingworth für dessen Sieg gegen Nisipeanu und/oder bei Nisipeanu für dieselbe Partie?

 

Zurück nach Baku: Bei Einzelkritik beginne ich mal mit der guten Nachricht: Bluebaum hat seine Aufstellung (und Brett 3) gerechtfertigt und seine Chance genutzt: 7,5/10, TPR 2744, Niederlage nur gegen Fressinet. Und nun die anderen: Nisipeanu spielte ein solides Turnier mit vielen Remisen, zwei Siegen gegen Elo 2431 und 2473 und (kann passieren) Niederlage gegen Vachier-Lagrave – 5,5/10 wie 2014 in Tromso. Damals kostete es an Brett 4 einige Elopunkte, diesmal war er an Brett eins genau im Soll. Georg Meier spielte ebenfalls viel Remis – 5 Punkte aus 9 Partien war ein halber zu wenig, um seine Elo etwa zu bestätigen. Verloren hat er dabei nur gegen Kramnik, kann passieren. In Tromso 2014 waren es noch 6,5/9, TPR 2734. Buhmann ebenfalls “+1” (4/7), auf etwas andere Weise: +3=2-2. Laut Dieter Auer ein “achtbares” Ergebnis, laut Eloberechnungen TPR 2551 und Elo minus sieben (also ein siebenbares Resultat??). Dann war da noch Fridman. Die gute Nachricht: wie Nisipeanu und Meier gewann er zweimal, und zwar in seinem Fall gegen Thailand und Finnland. Die nicht so gute Nachricht: er verlor vier Partien – OK gegen Volokitin (allerdings drastisch, schon die Eröffnung ging wohl daneben) und Nepomniachtchi, allerdings in den letzten beiden Runden auch gegen gm Dzhumaev (Elo 2450) und FM Shishkov (Elo 2368 – “estnischer Held” aus Sicht der Ukraine, aber Nisipeanu und Bluebaum hatten was dagegen). Insgesamt kosteten ihn 3/8 23 Elopunkte. TPR-mässig (2392) das schlechteste internationale Mannschaftsergebnis aller Zeiten für Daniel Fridman – auch in Tromso 2014 spielte er nicht besonders gut, durchaus bei einigen anderen Gelegenheiten (mehrfach ein dritter oder gar erster Brettpreis).

 

Ursachenforschung und/oder “Konsequenzen” ist so eine Sache, wie bei den Niederlanden ein Blick in Vergangenheit (Mannschaftsaufstellung) und Zukunft. Auch das deutsche Team hatte sich – so sehe ich das – mehr oder weniger selbst aufgestellt: Es sind fünf der sechs Elobesten, und Gustafsson ist zwar noch Schachprofi aber nicht mehr als Spieler (abgesehen von Internet-Blitz). Es sei denn, Fridmans Ergebnis war vorhersehbar: Er hat zwar seit knapp einem Jahr eine kleine Elokrise, aber Ende 2013/Anfang 2014 hatte er eine grössere überwunden. Alternativen wären? Dautov ist nahezu inaktiv, Baramidze spielt auch nur noch sporadisch, allenfalls bei Kunin könnte man sowohl “warum?” fragen als auch “warum nicht?”. Junge Spieler neben Bluebaum? Donchenko ist am nächsten dran – da die Mannschaftsaufstellungen am 28. Juli direkt nach dem Mitropa-Cup bekanntgegeben wurden, wurde er da vielleicht getestet und hat dann (4/8 gegen Eloschnitt 2544) nicht überzeugt. Bei den anderen Ex-Prinzen oder auch Jan-Christian Schröder ist die Elolücke zur Nationalmannschaft noch grösser. Natürlich konnte man einen von ihnen (wohl statt Fridman) eventuell aufstellen und damit vielleicht “verheizen” … .

 

Zukunft? Man muss abwarten, ob/wie sich junge Spieler weiter entwickeln … . “Fridman raus” wäre wohl zu einfach, es sei denn mit ihm geht es weiter bergab und/oder mit anderen bergauf. Auch bei ihm lege ich mich allerdings fest: Er wird wohl nicht so lange Nationalmannschaft spielen wollen/dürfen wie anderswo Torre oder auch Beliavsky oder früher Kortschnoi. Ansonsten sollte man das Turnier wohl in Ruhe auswerten und auf Schnellschüsse verzichten.

 

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