Olympia-Bilanz (Damen)


Zu Platz 1-4, 10 und 31

 

Auch diese Nachlese bin ich den Lesern (und, falls mindestens eine aus Deutschland oder anderswo hier mitliest, den Spielerinnen?) noch schuldig. Ich beginne wieder mit dem Siegerfoto (alle Fotos Maria Emelianova, Turnierseite): links Polen (Silber), Mitte China (Gold), rechts Ukraine (Bronze) – die Spielerinnen würde ich hier nicht unbedingt erkennen, die Nationalfahnen schon. Bei der Nachlese zum offenen Turnier schrieb ich, dass die drei Medaillenteams untereinander fast gleichwertig waren (“Details” entschieden) und klar besser als der gesamte Rest. Bei den Damen ist es etwas anders: China dominierte am Ende total, Russland hatte im Turnierverlauf etwas “Pech” (allerdings auch Glück) und könnte bei einer hypothetischen Neuauflage der Olympiade wieder in den Kampf um die Medaillen eingreifen. So wurde es Blech – Platz 4 punktgleich mit Indien, USA, Vietnam, Aserbaidschan1 und Israel, alle hatten jedoch die deutlich schlechtere Wertung.

 

Nach Bemerkungen zu einigen Teams kommt noch eine kleine Foto- bzw. Screenshot-Serie zu dem, was die Olympiade auch war bzw. ist, oft etwas unterbelichtet: Treffen der gesamten Schachfamilie.

 

China hat Gold gewonnen, warum? Weil sie nach leichten Durchhängern in den ersten sechs Runden (Remis gegen Vietnam und Rumänien) dann die letzten fünf Matches gewannen – gegen direkte Konkurrentinnen, viermal war es knapp (2,5-1,5) aber auch das sind dann zwei Mannschaftspunkte für sie und null für das gegnerische Team. Etwas paradox, dass die ersten drei Bretter (Hou Yifan, Ju Wenjun und die indisponierte Zhao Xue) alle Elo einbüssten, nur Brett 4 Tan Zhongyi klar im Plus und Reservebrett Guo Xi eloneutral. Bei Hou Yifan (5,5/8, TPR 2547) reichte es immerhin für den zweiten Brettpreis am Spitzenbrett:

 

hou-yifan-muzychuk-cramling-emelianova

 

Deutlich besser war (Mitte) Anna Muzychuk (7,5/10, TPR 2629) – aber das Foto zeige ich nun und nicht bei der Ukraine, da dann noch ein anderes Foto passt. Hauptgrund, um es überhaupt zu zeigen, ist die Parallele zu Brett 3 (Almasi, So und Torre) im offenen Turnier – auch hier belegte eine deutlich ältere Spielerin Platz 3: Pia Cramling mit 8,5/11 (TPR 2537) gegen etwas schwächere Gegnerinnen, da Schweden (am Ende Platz 23) nicht ganz oben mitspielte. Alexandra Kosteniuk auf Platz 4.

 

Die anderen Brettpreise nenne ich nur kurz, einige Namen werden später nochmals auftauchen: Brett 2 Valentina Gunina vor Ju Wenjun und Daulyte Deimante (Litauen) – die ersten fünf Runden spielte sie Brett 1, da Viktorija Cmilyte erst nach dem Ruhetag erschien. Platz 4 für Mariya Muzychuk. Brett 3 Gulnar Mammadova (Aserbaidschan1) vor Karina Sczepkowska-Horowska (Polen) und Thi Mai Hung Nguyen (Vietnam). Brett 4 Tan Zhongyi vor Nino Batsiashvili (Georgien) und Klaudia Kulon (Polen). Brett 5 Guo Xi vor Andreea-Cristina Navrotescu (Frankreich) und Anita Gara (Ungarn). Eine andere Spielerin erzielte 100%, spielte aber zu wenige Partien – schon bin ich bei

 

Polen: Sie spielten “Schweizer Gambit”: Niederlage in Runde 3 gegen Aserbaidschan1, dadurch zunächst relativ leichte Gegner und maximale Brettpunktausbeute (4-0 gegen Australien und Kuba). Aber auch gegen stärkere Teams spielten sie dann gut, u.a. 2-2 gegen Russland und ein knappes 1,5-2,5 gegen China, ausserdem noch diverse klare Siege. Brettpunkte sind tiebreak-relevant! Individuell: Monika Socko verteidigte das Spitzenbrett – bei den Damen heisst das, im Gegensatz zu den Herren, nicht “vor allem Remis spielen” aber dreimal passierte es doch, ausserdem vier Siege und drei Niederlagen. Brett 2 Jolanta Zawadzka verlor auch dreimal, aber gewann sechsmal und remisierte gar nicht. Beide Spitzenbretter im Rahmen der Eloerwartung, aber dann: Karina Sczepkowska-Horowska leistete oder gönnte sich drei Remisen und gewann die sechs anderen Partien. Klaudia Kulon hat auch drei Partien nicht gewonnen, eine gar verloren, demgegenüber acht Siege. Und Reservebrett Mariola Wozniak spielte sechsmal – remis spielen kann sie (jedenfalls in diesem Turnier) offenbar nicht, verlieren auch nicht. 6/6 war dennoch kein Brettpreis, da man oder frau dafür mindestens acht Partien spielen musste. Elobilanz: +14 für Sczepkowska-Horowska, +45 für Kulon (mit K-Faktor 20), +79 für Wozniak (mit K-Faktor 40).

 

Ukraine hatte gegenüber Polen am Ende den schlechteren Tiebreak, nach etwas anderem Turnier: zunächst fünf Siege, dann 2-2 gegen Russland (da war für sie mehr drin), knappe Niederlage gegen China (kann passieren), 2-2 gegen Ungarn war ein verlorener Mannschaftspunkt, 2-2 gegen Indien nicht unbedingt. Individuell waren sie relativ ausgeglichen, am besten dabei Spitzenbrett Anna Muzychuk die “50%” erzielte: fünfmal gewann sie, fünfmal nicht aber dann war es immer remis. Unter anderem 2,5/3 gegen Weltmeisterinnen: Sieg gegen Kosteniuk, Remis gegen Hou Yifan, Sieg gegen Stefanova. Gegen Mariya Muzychuk spielte sie nicht, die sass ja neben ihr. Wenn das Team eine Sündenböckin hatte, dann ebendiese Mariya Muzychuk: die Niederlage gegen die ca. 150 Elopunkte schwächere Ungarin Lazarne Vajda (mit Weiss nach misslungener Semi-Neuerung im Königsinder) kostete einen Mannschaftspunkt, der am Ende zu Silber fehlte. Insgesamt 6,5/9 für sie. 5/9 für Natalia Zhukova war zu wenig, um ihre Elozahl zu verteidigen – sie verlor zweimal, allerdings gegen etwa gleichwertige Gegnerinnen (Tan Zhongyi und Tania Sachdev). Anna Ushenina – noch eine Weltmeisterin die nicht gegen Anna Muzychuk spielte – mit 6,5/9 an Brett 4. Inna Gaponenko mit beachtlichen 5/6, wobei sie gegen die stärksten Teams nie eingesetzt wurde. Bronze für die ukrainischen Damen und Silber für die Herren bedeutete zusammen:

 

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Sieg im Gaprindashvili-Cup, Kombiwertung beider Turniere – vor USA, China, Russland usw.

 

Russland wurde bei den Damen Vierter – das gab es zuletzt 2008 in Dresden (hinter Georgien, Ukraine und USA), danach dreimal Gold für die Russinnen. Ihr Turnier begann wunderbar: fünf Siege und dann glücklich 2-2 gegen Ukraine. Noch ein 2-2 gegen Polen, Knackpunkt war dann die “unnötige” Niederlage gegen die USA – Kosteniuk spielte gegen Krush lange auf Gewinn, zuerst berechtigt dann nicht mehr und verlor noch. In der letzten Runde dann Alles oder Nichts gegen China: ein Sieg hiesse mindestens Silber, vielleicht gar Gold, ein Unentschieden (angesichts der Tiebreak-Situation) oder eine Niederlage Blech – China gewann 2,5-1,5, damit Blech für Russland. Da war eventuell mehr drin. Angesichts des oben erwähnten könnte man Kosteniuk als Sündenböckin bezeichnen, zumal sie auch gegen Anna Muzychuk (recht glatt) verlor. Aber Aleksandra Goryachkina erwischte mit nur 4,5/9 ein insgesamt schlechtes Turnier und war (mit)schuldig an den verlorenen Mannschaftspunkten gegen Polen und China. Gunina dagegen mit 8/10 überragend – dass sie oft zuvor schlecht bis verloren stand, gehört bei ihr dazu. Pogonina mit 6/8, aber das war genau die Eloerwartung. Girya mit 4,5/7 nach anfangs 4,5/5.

 

Eher kurz zum Heimteam Aserbaidschan1: Lange ganz vorne dabei, Siege auch gegen nominell bessere Teams, dann aber zweimal 0,5-3,5 gegen China und Ukraine. Immerhin ein Brettpreis und (mit K-Faktor 20) 60 Elopunkte Zugewinn für Brett 3 Gulnar Mammadova (7/9). Und Platz 8 für die 16. der Setzliste war immer noch ein Erfolgserlebnis.

 

Gar nicht lief es für Georgien, die drei Mannschaftskämpfe verloren – nicht nur gegen Russland, sondern davor auch gegen die Philippinen und die Niederlande. Und auch gegen Aserbaidschan1 waren sie gegenüber China und Ukraine nicht gleichwertig, sondern spielten unentschieden. Am Ende Platz 10, individuell schuld waren fast alle: Dzagnidze, Javakishvili, Khotenashvili und Melia verloren (nicht zusammen, sondern jede für sich) 12-16 Elopunkte. Nur Nino Batsiashvili machte da nicht mit: 9/10 sieht toll aus und ist es auch, allerdings gegen (bis auf Olga Girya) nominell recht klar unterlegene Gegnerinnen, deshalb bekam sie auch nur 6 Elopunkte dazu.

 

Dann zu Platz 31, warum das denn? Da landete Deutschland am Ende. Lange sah es gut aus, jedenfalls besser als das Endergebnis, aber wie bei den deutschen Herren ging das Finale daneben. Wenn man akzeptiert, dass die Teams aus Aserbaidschan zu Hause stark und motiviert spielten, war erster Knackpunkt ebenfalls Usbekistan – in Runde 7 nur 2-2 trotz recht klarem Elovorteil an drei von vier Brettern. Niederlagen für Elisabeth Paehtz und Melanie Lubbe, Einzelkritik ist bereits angedeutet. In Runde 10 dann mit Bulgarien der erste etwa gleichwertige Gegner, 1,5-2,5 aus deutscher Sicht. Zum Schluss mit Frankreich ein relativ “leichter” Gegner – nicht leicht genug, 1-3 aus deutscher Sicht.

 

Einzelkritik von oben nach unten: Nach zwei Siegen zum Auftakt spielte Elisabeth Paehtz “wie ein Mann” und remisierte die eine nach der anderen Partie – bereits erwähnt: in Runde 7 spielte sie nicht remis, gewann allerdings auch nicht. Bei (bis auf Stefanova) durchweg nominell unterlegenen Gegnerinnen war das zu wenig, um ihre Elozahl zu verteidigen: aus Elo 2474 (war mal knapp über 2500) wurde 2459. Marta Michna begann stark mit 5,5/7, verlor allerdings die beiden letzten Partien – und die Schlussrunden sind bei der Olympiade wichtig. Damit dann im Elosoll. Das gilt auch für Elena Levushkina (6/9, Niederlage nur gegen eine gewisse Gulnar Mammadova). Melanie Lubbe: 3/7, viel zu wenig gegen durchweg nominell unterlegene Gegnerinnen – auch sie begann mit 3/4 und dann lange Rochade. Judith Fuchs: 5,5/9, durchwachsenes Turnier, leicht im Elosoll. “Mathilde Bluebaum” hat bei den deutschen Damen nicht mitgespielt.

 

“Konsequenzen” ist bei den deutschen Damen noch schwieriger als bei den Herren. Zu Elisabeth Paehtz gibt es an Brett 1 keine Alternative, zu Melanie Ohme gibt es eine gute Nachricht: es wird sicher wieder besser, denn schlechter geht kaum. Allenfalls müsste man, falls einer dabei war, den Konditionstrainer feuern, da Michna und Lubbe am Ende zusammenbrachen. Ansonsten gibt es eventuell einen Masterplan: Weitere deutsche Schachspieler müssten polnische Schachspielerinnen heiraten und zum Verbandswechsel motivieren. Ich weiss weder, ob die Polinnen zu haben sind (was nicht ist, kann eventuell werden), noch was bei der Bermuda-Party alles so passierte.

 

Zum Schluss noch ein paar Video-Screenshots: Am Ende sangen viele gemeinsam bzw. abwechselnd “Imagine” von John Lennon – mit Ton gibt es das auf der Turnierseite. Ein Screenshot passt nicht richtig zu den anderen: der Herr singt alleine, ist als einziger im Anzug, singen kann er besser als einige andere, Schach spielen auch (auch wenn er es in Baku nicht tat). Aber Emil Sutovsky war dennoch dankbar für die Einladung als Teil der weltweiten Schachfamilie:

 

team-x

 

sutovsky

 

team-jamaica

 

baku

 

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